Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 1

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse. so auch in diesem Fall. Der Flug ist zu Ende, aber die Reise hat erst begonnen. Und davon mag ich nun erzählen. Aber wer nun einen klassischen Reisebericht erwartet, der wird enttäuscht. Ich habe noch immer (m)einen eigenen Stil. Und ja, dem bleibe ich treu.

Wir sind in Japan angekommen. Fukuoka präsentiert sich vom Wetter her fast europäisch. 24 Grad sind nicht wirklich viel. Nur die Luftfeuchtigkeit ist anders. 96 Prozent rauben mir den Atem. Regenrisiko bei null Prozent. Auch eine Regenzeit in Japan ist nicht mehr das, was sie einst war. Aber genug der Zahlen und zurück zur Realität. Ein einsamer Ken zeigt Gefühle und läuft lachend auf uns zu. Selbst meine Mutter erlaubt sich ein Lächeln, als er uns so ganz unjapanisch in die Arme schließt. Immerhin verbeugt er sich dann lediglich vor meinem Vater, vor dem hat er Respekt.

„Alle warten und freuen sich schon“, lässt Ken uns wissen. „Lasst mich bitte mit den Koffern helfen.“
Ken wirkt müde, übernächtigt. So kenne ich ihn nicht.
„Alles gut bei dir?“, frage ich besorgt.
Nur kurz zeigt er ein Lächeln, aber er jammert nicht.
„Dir kann man nichts vormachen“, sagt er leise. „Die Kamera ging kaputt. Ich habe alle Bilder verloren und sie noch einmal gemacht. Das editieren hat die ganze Nacht gedauert.“
„Dann fahre ich den Wagen“, bestimmt mein Vater sofort. „Du ruhst dich aus.“
Ahnt ihr nun warum auch ich so dominiere?

Ken hat dann doch eine Überraschung bereit. Der neue SUV bietet viel Platz für Menschen und Gepäck.
„Der alte Wagen war für Kameras und Assistenten zu klein geworden“, erklärt er uns. „Und der Mazda bietet eine Menge mehr.“
Ken ist Fotograf und ein richtiger Könner. Bilder machen nur die anderen. Ken schießt Kunst.
Wir Frauen sitzen hinten, Ken vorn neben meinem Vater. Der hat sichtlich Spaß am japanischen Verkehr und keine Probleme mit dem fahren. Kaum zu glauben, dass er Jahre nicht in Japan war.
Stolz erklärt Ken die Extras des Wagens. Yuki schläft in meinen Armen ein.
Auch ich bin von der langen Reise müde. Die Zeitumstellung macht mir zu schaffen. Lächelnd legt meine Mutter den Arm um mich.
„Wie in den alten Tagen“, sage ich leise und lehne den Kopf an ihre Schulter.
„Ja, kleines Mädchen“, erwidert meine Mutter sanft.
(Er)Kennt ihr die Ironie?

Ich bin ein wahres Kind meiner Eltern, daran gibt es keinen Zweifel. Yuki hat das schon vor Jahren erkannt.
Die Dominanz meine Vaters, die Sanftheit meiner Mutter, haben eine besondere Mischung geformt.
Aufgeregt wie ein Schulmädchen ist Yuki beim ersten Besuch gewesen und meine Eltern haben gestrahlt. Auf ihre Weise versteht sich. Gefühle zeigen nur die anderen.
„Das ist Yukiko-chan, meine Elfe“, habe ich gesagt. „Sagt Hallo zu ihr und seid nett.“
Ja, ich habe Yuki damals verlegen gemacht. Aber sie war tapfer und das ist sie noch.
Es ist nicht einfach als Japanerin lesbisch zu sein.
Aber schwer war es auch für meine Mutter. Und doch hat sie Yuki als Tochter akzeptiert und mag sie nicht mehr missen.
„Du bist verändert“, ließ sie mich damals in einer ruhigen Minute wissen. „Ich sehe Liebe in deinem Blick.“
Liebe und Yuki, das ist das gleiche Wort. Und das wird sich niemals ändern.

Tante Kazumi wartet schon auf uns, das Wiedersehen ist herzlich. Wir sind angekommen. Und das ist gut.
Sie schickt Ken sofort ins Bett und da gehört er auch hin.
Schmollend fährt er davon, ganz das große Kind.
„Ich komme wieder!“, verspricht er und lacht. Aber auch mit Dreißig hört Mann auf seine Mutter, das ist nun mal so.
Meine Eltern werden nur einen Tag bei meiner Tante bleiben, sie haben geschäftlich zu tun. Besser gesagt mein Vater, den meine Mutter natürlich begleiten wird.
Aber sie kommen natürlich wieder, die Schwestern haben sich drei Jahre nicht gesehen.
Und Familie ist wichtig. Sehr sogar.
Yuki und ich werden bei Tante Kazumi wohnen, die Geschenke gibt es am nächsten Tag. Und wir haben ihr eine Menge mitgebracht. Und für Onkel und Cousinen auch.
Heimat, die ich meine. Japan, ich bin da!