Japan im Herbst

Japan im Herbst

Heute möchte und werde ich unpolitisch sein. Dieses kleine Lied ist vielleicht für all jene interessant, die Japanisch lernen möchten. Die Sprache ist wirklich einfach, versprochen! (Gut, das war nun leicht geflunkert.)

Ich mag alle Jahreszeiten. Besonders aber, was viele kaum glauben wollen, den Winter. Herbst, die fallenden Blätter, die sich wie ein Mantel über die Sorgen der Menschen legen, dieser Herbst kündigt Veränderungen an.

Viel Spaß mit dem Liedchen. Aiko zumindest hat es gefallen.

Schwarz wird stets gemalt der Teufel

Schwarz wird stets gemalt der Teufel

Die Arbeit an meinem neuen Buch „Einmal Hölle und zurück“ sind fast abgeschlossen. Nach genau 66 Tagen ist damit Schluss. Zufrieden blicke ich auf mein Werk und lasse die Kapitel noch einmal Revue passieren. Zugegeben hatte ich einige Berater, die mir diverse Details einflüsterten. Unter anderem den Araber Abdul Alhazred, der das Necronomicon geschrieben hat. Zwar sollte Abdul längst tot sein, aber für mich sah er ziemlich lebendig aus. Allerdings wollte er mir keine Kopie des Buches überlassen. Das sei zu gefährlich, hat er gesagt.

Nun habe ich alles, aber keine Angst vor irgendwelchen finsteren Mächten. Bekanntlich werde ich von Buddha und Eva Gott beschützt. Aber in der Mythologie vieler Völker spielt „Das Böse“ eine zentrale Rolle. Das hat mich schon immer interessiert. Geister und rachsüchtige Dämonen wollen die Menschen angeblich in Angst versetzen. Über allen steht oft ein gewisser Herr Teufel, den ich nur allzu gut kenne. Unsere diversen Abenteuer stehen bekanntlich auf jeder Bestseller-Liste.

Sein neuester Streich, er hat die Führung des Konzerns Astra-Lumenica übernommen, wie das Magazin WILD berichtet hat. „Enemy at the Gates“, murmele ich, als ich die Nachricht lese. „Will er etwa zu den Sternen fliegen?“ Noch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, klingelt mein Hellphone Sturm. „Der nun wieder!“, höre ich mich sagen, als Teufelchens Konterfei auf dem Display erscheint.

Ich ahne bereits was der Kleine will, noch bevor seine Stimmer erklingt. „Du Frau Landar“, flötet er mir ins japanische Ohr, „ob du mir vielleicht bei der Leitung meiner neuen Firma helfen könntest?“ Nun habe ich alles, aber keine Zeit und von teuflischen Führern sowieso das Näschen voll. „Kannst du voll vergessen“, lehne ich daher seine Bitte ab. „Aber frag doch mal bei Donald Trump nach, der hat wieder Kapazitäten frei.“

Aber mein Kumpel erweist sich als geschickter Verhandlungspartner und schickt mir per Zeitreise ein dickes Astra-Lumenica Aktienpaket ins Haus. „Damit bis du Millionärin“, verkündet er und feixt, als ich ihm den Mittelfinger zeige. „Ach jetzt hab dich nicht so und gib deinem hübschen Hintern einen Ruck, ich brauche doch nur ein klitzekleines Konzept von dir und einige unbedeutende Zahlen.“

„Mit malen nach Zahlen kennt sich meine Tochter bestens aus“, erwidere ich. „Ich habe ihr bereits einige beigebracht. Was also willst du wirklich?“ „Na die Menschen erleuchten, was denn sonst?“, antwortet Teufelchen. „Du weißt doch bestimmt was Astra-Lumenica produziert?“ „Ja, Leuchtreklamen und ….“ Mir verschlägt es den Atem, als ich auf der Webseite die erweiterte Produktpalette sehe. „… Impfstoffe? Bist du von allen guten Geistern verlassen?“

Teufelchens schallendes Lachen muss bis in die bayerischen Alpen zu hören gewesen sein. Aber statt Erdbeben gibt es dort seit Jahren nur ein dumpfes Grollen. „Mit Geistern habe ich nix am Hut“, empört sich Teufelchen. „Die zu verfolgen überlasse ich den Zauberlehrlingen Spahn und Wieler. Allerdings haben die beiden mich auf die Idee gebracht ins Impfgeschäft einzusteigen.“ „Um Menschen umzubringen?“, will ich wissen. „Du solltest doch wissen, wie gefährlich so ein experimenteller Cocktail ist!“

„Häh, wie jetzt?“, gibt sich Teufelchen verwirrt. „Ich habe noch keinen einzigen Menschen umgebracht!“ „Ist klar“, sage ich, „du leistest höchstens Sterbehilfe.“ „Papperlapapp!“, empört sich der Höllische. „Ich will den Menschen doch nur Gutes tun! Meine Impfung ist total anders und hat nix mit einem doofen Virus zu tun.“ Er macht eine kurze Pause und lacht verschmitzt. „In einem höllisch kreativen Moment haben meine Unterteufel die RGB-Impfung erfunden. Die Idee kam auf, als wir Fall off Beauty an unseren neuen Computern zockten. Die Geimpften werden hinterher in 16 Millionen möglichen Farben schillern.“

„Wozu soll das gut sein?“, will ich wissen. „Erstens ist Schiller tot und die Welt bereits bunt genug.“ „Du und deine Witze“, mault Teufelchen. „Jetzt stell dir das doch mal vor. Alle werden gleich sein, damit ist endlich das leidige Thema Rassismus vom Tisch. Das wolltet ihr doch immer! Wir bieten aber auch als Premiumpaket eine individuelle Zusatzimpfung an. Für schlappe 666 Euro kann man sich dann seine eigenen Farbe aussuchen. Wie klingt das für dich?“ 

„Du bist doof!“, benutze ich die Worte meiner Elfe, die sie oft bei unseren fingierten Streitgesprächen benutzt. „Denk doch mal nach, die Roten werden dann wieder gegen die Grünen und die wieder gegen die Blauen sein und die wieder gegen die Gelben opponieren. Also alles wie gehabt!“ „Nö“, erwidert mein alter Kumpel und reibt sich die Hände. „Du hast eine Farbe übersehen, die über allen anderen steht.“

„Welche soll das bitte sein?“, will ich wissen. „Die Welt hat doch schon alle Farben durch!“ Der Kleine schaut mich merkwürdig an, bevor ein diabolisches Lächeln sein Gesicht verziert. „Du irrst dich“, erwidert er leise, als der Mantel der Nacht über die Erde sinkt. „Schau doch mal auf deine ehemalige Heimat Deutschland. Welche Farbe hat dort seit Jahren die Hosen an?“ „Großer Buddha!“, rufe ich, werde aber vom Höllenfürst unterbrochen. „Na endlich fällt der Groschen“, sagt er. Denn Schwarz, liebe Freundin, Schwarz wird stets gemalt der Teufel.“ 

 

Ein schwarzer Tag in meinem Leben

Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. In meinem Herzen ist kein Platz für Trauer, oder winterliche Melancholie. Und doch ist am vergangenen Wochenende etwas geschehen, was die Farbe aus meinem Leben genommen hat. Mein Geist ist in die Dunkelheit geglitten. Der Tag war Rabenschwarz.

Es ist Samstag 6:30 Uhr, als der Wecker in meine Ohren summt. Sofort bin ich hellwach und ziehe Elfchen frech die Decke weg. „Biest!“,  ruft sie sofort, das Kopfkissen verfehlt mich um Zentimeter.
Lachend fliehe ich vor ihr und bin als Erste in der Küche.
„Beil dich Schlafmütze!“, rufe ich und beginne mit meinem Werk.
Aber Elfen brauchen immer 5 Minuten länger, als ihr menschliches Pendant.
Der Spaß endet schnell, dieser Tag wird noch ereignisreich.
Yuki ist aufgeregt und ich die Ruhe selbst. Was soll schon groß geschehen?

Es folgt Frühstück und Zähneputzen. Die (Un)Sitte das vor dem Frühstück zu machen werde ich nie verstehen. Gepackt haben wir schon am Abend und geduscht natürlich auch. Auf die Idee ungewaschen ins Bett zu gehen kämen JapanerInnen nie.
Der Audi Q3 hat ausgedient, der Nissan Qashqai ist unser neuer Wagen. Wolf hat ihn kurzerhand für die Firma gekauft, als neues „Biestmobil“, wie er ihn nennt.
Immerhin hat der Audi uns treu gedient und fast störungsfrei durch die Monate begleitet. Aber ein Motorschaden war das Aus. Der Test war trotzdem positiv, die Daten bleiben wichtig.
Aber wir bekommen bald einen neuen Dauertester. Nur was es ist, das will uns Wolf noch nicht verraten. Ich starte den kleinen Diesel, Düsseldorf wir kommen!

Deutlich langsamer als sonst, aber dafür entspannt erreichen wir gegen Mittag mein Elternhaus. Von dort geht die Reise schon bald weiter. Mit meinem Vater im Gepäck.
Wir reden wenig, seine Miene ist grau an diesem Tag. Vielleicht sind es auch nur die Schatten des Winters. Mein Vater ist kein negativer Mann.
Ein flaches Gebäude harrt unserer Ankunft schon. Mit flinken Schritten eilen wir zur Tür. Neonlicht ersetzt das öde Grau.
Unsere Wege trennen sich kurz, Yuki und ich müssen einen anderen Weg gehen. In der Umkleide ziehen wir uns um. Die Haare werden zum Pferdeschwanz gebändigt.
Schweigend gehen wir einen langen Gang entlang.´Es folgt ein schwarzer Tag in meinem Leben, den ich so schnell nicht vergessen kann.
Mein Vater wartet schon. Auch er im Karate-Gi. Was habt ihr denn nun gedacht?

Streng wirkende Männer und eine Frau mustern mich kritisch. Mehr als zehn Jahre ohne jede Praxis ist ihnen suspekt.
Nun mag eine Mayumi vieles sein, aber dumm mit Sicherheit nicht. Und im Karate-Verband bin ich immer Mitglied geblieben.
Trainiert habe ich bekanntlich immer. Auch, wenn mein Fokus auf anderen Dingen lag. Aber Karate bleibt immer ein wichtiger Teil in meinem Leben. Karate liegt mir im Blut.
Schon vor der Karate-WM in Bremen, habe ich intensiv für den 3. Dan geübt. Wobei es nur Wiederholungen waren. Das Programm kann ich im Schlaf.
(M)Ein weiterer Weg zur Meisterschaft, wie mein Vater gern erklärt.

Es ist lange her, dass ich im Karate eine Prüfung machte. Entsprechend hoch ist die Skepsis der Trainer. Aber mein Vater ist auch dabei. Meister unter sich.
Nach dem 2. Dan bin ich eigene Wege gegangen und habe mich umorientiert. Gürtel waren mir plötzlich weniger wichtig. Und ganz ehrlich, im Kumite schlage ich auch einen höheren Dan. Ich habe Yuki auch Karate beigebracht. Sie kann das richtig gut. Ihr Rang ist viele Stufen unter Schwarz. Aber wer will meine Elfe schlagen? In der Liebe zu mir ist sie ohnehin unerreicht, da hält sie alle Gürtel dieser Welt. Entsprechend tapfer steht sie neben mir. Und ich liebe sie dafür.
Die Prüfung beginnt. Lasset die Spiele beginnen. Jetzt wird gekickt.

Viele Menschen haben ein falsches Bild vom Schwarzen Gürtel. Sie glauben, dass man nun ein(e) MeisterIn ist. Natürlich ist das richtig und auch wieder falsch. Großmeister sehen das etwas anders.
In Wahrheit bleibt man bis zum 5. Dan (Meister)SchülerIn. Erst dann folgt die wahre Meisterstufe. Aber schon lange vor dem 1. Dan, habe ich Karate als Weg für mich erkannt.
Dan ist das japanische Wort für Stufe / Rang. Und dort stehe ich Gürtelmäßig auf dem zweiten (Meister)Rang Zwei. Mein Dickkopf hat einst mehr verhindert. Aber das ist nun vorbei.
Elfchen darf auch zeigen was sie kann. Sie beginnt und ich bin wie immer fasziniert.
Yuki tanzt einen Reigen, der aus purer Eleganz geboren worden ist.
Zwar ist es „nur“ Grün, was sie als Farbe erhält. Aber ich weiß, was meine Elfe wirklich kann.
Wie im Aikido, wird sie auch im Karate ihre Frau stehen. Und im Leben steht sie gleichberechtigt neben mir.

Nun geht es los für mich. Hochkonzentriert trete ich nach vorn.
Sie testen mich so hart, wie ich erwartet hatte. So muss ich alle Kata aus dem Schülerbereich zeigen, was kein Problem bedeutet.
Auch Kihon Ido ist gefragt, sie wollen die Grundtechniken sehen. Die Zeit vergeht fast ohne Pause, der Körper ist nun Karate.
Mein Geist ist klar und fokussiert, nichts außer diesem Tag ist wichtig.
Ich muss zwei Kämpfe bestreiten. Zeit mich zu amüsieren.
Ein Mädel mit dem 1. Dan liegt nach 10 Sekunden auf der Matte. Sie hat keine Chance gegen mich. Und sie fällt immer wieder, ein wenig tut sie mir leid.
Der Schwarze Gürtel macht noch keine Kämpferin.

Der deutlich größere Mann ist schwerer zu knacken, er setzt auf Konter und seine langen Beine. Das wird spaßig. Normal bin ich die Konternde. Aber ich kann auch voll auf Angriff gehen. Normalerweise kämen nun Mayumi typisch z. B. Tritte zum Knie. Aber das hier ist Sport. Ich will niemand verletzen.
Mein Karate-Stil ist anders, aber das darf ich in einer Prüfung nicht zeigen. Hier wird auf Tradition geachtet.
Aber 1,62 Meter geballte Energie besiegt auch einen Mann, der sich für überlegen hält. Und so einige Techniken im Goyu-Ryu Stil sind mit dem Aikido verwandt.
Muss ich mehr erzählen?

Aus den Augenwinkeln beobachte ich die Reaktionen der Prüfer, die deutlich überrascht und begeistert sind. Mein Vater gestattet sich ein leichtes Schmunzeln.
Vielleicht noch ein Wort über ihn, der immer auch mein Sensei ist. Bei aller Liebe zu mir bleibt er streng, wenn es um Fragen des Karate geht.
Er hat mich nie bevorzugt. Meine Gürtel sind ehrlich erworben, niemand hat sie mir geschenkt.
Und auch an diesem Tag gibt es kein Pardon. Nach Selbstverteidigung, Kampfrichterwesen, Kata, Erklärung der Techniken und intensiven Fragen zum Karate sehe ich die Farbe Schwarz!
Schwarz ist mehr, als nur eine Farbe. Und Schwarz habe ich mir redlich verdient.

Es ist wieder mein Vater, der mir stolz die Urkunde zum 3. Dan überreicht. Und auch einen neuen Gürtel, der nun drei Streifen hat: Sandan, der Grad des anerkannten Schülers, wie es im Karate heißt. Bis zum 4. Dan muss ich nun vier Jahre warten. Vielleicht drei, bei verkürzter Vorbereitungszeit. Und wenn es nach meinem Vater geht, so müssen weitere Grade her. Mein Leben ist so bunt, wie der Regenbogen Farben hat. Selbst graue Tage gehen spurlos an mir vorbei. Aber dieser 6. Dezember ist (m)ein schwarzer Tag. Und das ist richtig gut.

Wer mehr über die Farbe Schwarz lesen möchte, dem empfehle ich folgende Artikel:

Klick mich: Drei Farben Schwarz und Die Farbe Schwarz

 

Von Drachen und Zwergen

Drachen gelten in der westlichen Mythologie als böse und verschlagen. In Japan sieht das anders aus. Zwar sind die Ryu (竜), wie Drachen dort heißen, auch nicht immer nett, aber Glücksdrachen kennt jedes Kind. Apropos Kinder, die natürlich auch an Fabelwesen erinnern. Die Zwerge. Und Drachenzwerge habe ich meine Kindergruppe genannt, die ich nun mit Linda trainiere.

Mein Plan ist einfach, ich werde die Kinder nach Talent fördern und auch den geistigen Aspekt anregen. Leider kann ich das Training nicht jede Woche leiten, 48 Stunden hat mein Tag noch nicht. Die kleine Gruppe ist auch mehr oder weniger privat, alle Familien sind befreundet. Und sobald bei Vanessa die Dinge geregelt sind, werden auch die Zwillinge ins Dojo kommen.

Sechs Mädchen und zwei Jungs, im Alter von fünf bis sieben Jahren, stehen für den Unterricht in Lindas Dojo bereit. Zwei Mädchen haben bereits Erfahrung im Judo, fanden das aber übereinstimmend „doof.“ Der Rest sind Anfänger und total aufgeregt. Einige der Kinder stammen aus Regenbogen Familien, Ein Mädchen und ein Junge haben hetero Eltern.

Von Anfang an ist es mir wichtig, dass Verständnis und Toleranz in der Gruppe herrscht. Und siehe da, es gibt kein Problem. Kinder mögen Uniformen. Und ein Karate-Gi ist etwas besonderes für sie. Bewusst habe ich Wert darauf gelegt, dass Farbe ins Spiel kommt. Schwarz, Blau, Rot und Weiß bunt gemixt. Das mögen die Kleinen. Und die noch weißen Gürtel werden bald anderen Farben weichen.

Auch mein Anzug ist nicht traditionell. Eine weiße Taekwon-Do Jacke und eine dunkle Hose sind mein heutiges Bild. Mein Schwarzer Gürtel fasziniert die Kinder.
„So einen mag ich auch haben“, lässt mich Leonie wissen.
Sie hat bereits zwei Jahre Judo hinter sich und ist die Älteste der Gruppe. Und sie hat Talent.
„Dann werden wir fleißig üben“, erwidere ich. „So ein Gürtel ist doch chic.“

Die erste Stunde dient den Grundlagen. Wie bewegt man sich, der Stand, wie benimmt man sich. Ich erzähle über die Geschichte des Karate, über Aikido und Kung Fu.
„Bringst du uns auch Kung Fu bei, Tante Mayumi?“, fragt mich Lars. „Und wie man richtig haut?“
Nun bin ich keine Tante und Lehrer werden in Japan Sensei genannt. Aber der Kleine ist Fünf und ich sehe das nicht so eng.
Wobei ich schon Wert auf Disziplin lege. Aber alles ganz spielerisch. Mit Zwang erreicht man bei Kindern nichts.

„Warum willst du jemand schlagen?“, frage ich. „Bist du ein böses Kind?“
„Aber nein!“, empört sich Lars sofort. „Ich …, also da gibt es diesen Jungen. Der klaut immer das Pausenbrot von Kindern. Und wenn du es nicht gibst schlägt und beißt er. Der ist voll gemein!“
Wie mein Vater vor Jahren bei mir gehe ich auf die Knie und winke Lars heran. Nun sind wir auf Augenhöhe.
„Wir spielen ein Spiel“, sage ich. „Ich bin der Junge aus der Nachbarklasse, der dein Pausenbrot haben will.“
Lars wirkt verunsichert. Er zögert kurz und nickt.
„Was machst du, wenn er es von dir fordert?“, frage ich.
„Auf die Nase boxen!“, kommt es ganz spontan. „Das bringst du mir doch bei?“
Ich verkneife mir ein Lachen, Lars muss keine Mayumi sein.
„Nein“, erwidere ich. „Gewalt wenden wir nur zur Selbstverteidigung an. Und auch dann möglichst sanft. Du wirst den Jungen fragen, warum er dein Brot haben will. Ob er vielleicht nichts zu essen hat und du mit ihm teilen kannst.“
Lars ist verwirrt, das ist deutlich zu sehen.
„Vielleicht hat der Junge keine Mutter, die ihm Pausenbrote macht. Und vielleicht ist er ganz nett und hat nur einfach keine Freunde.“
Einige Tage später erzählt mir Lars, dass er einen neuen Freund gewonnen hat. Eben jenen Jungen aus der Nachbarklasse, der wirklich nichts zu essen hat.
Gewalt ist keine Lösung.

Viele Menschen haben ein falsches Bild von Karate. Sie stellen das Wort mit meist schlechten Filmen gleich, in denen sich Bösewichte gleich haufenweise auf die Nase geben. Und genau da liegen sie falsch. Karate ist ein Weg, um zu sich selbst zu finden. Vor allem Kinder können das sehr gut. Sie erschaffen oft mit ihrer Fantasie ganze Welten. Und genau da hakt Karate ein.

Karate gibt vor allem schwachen Menschen die Fähigkeit, gegen scheinbar übermächtige Gegner zu bestehen. Nur muss dieser Gegner kein prügelnder Schurke sein. Auch der Alltag bietet allerlei Herausforderungen, die scheinbar übermächtig sind. Denen kann man kaum mit einem Tritt begegnen, aber mit innerer Stärke und Selbstvertrauen. Und das lehre ich.

Die wahre Meisterschaft eines Sensei liegt nicht darin möglichst viele und komplizierte Kampftechniken zu zeigen. Vielmehr geht es darum Schüler sanft auf die Härte des Lebens vorzubereiten und ihnen Stärke durch innere Harmonie zu vermitteln. Dann gewinnt der Schüler auch seine Kämpfe mit sich selbst. Indem er sie nach Möglichkeit vermeidet.

Meine Kinder sind alle noch sehr jung. Bei ihnen wird der Spaß an der Bewegung überwiegen. Der spielerische Aspekt, die Gürtelfarben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie mit und durch Karate, einen besseren Weg durchs Leben gehen.

Die Farbe Schwarz

Schwarz, so heißt es, sei die dunkelste aller Farben. Für viele Menschen gilt Schwarz als Farbe des Todes. Sie steht für die Trauer, das Böse und Bedrohung. Schwarz ist für mich keine negative Farbe. Schwarz steht für Unbezwinglichkeit, Erneuerung, Würde, Macht, Ernsthaftigkeit und Exklusivität.

Schwarz steht auch für den Meistergrad, den 1. Dan im Aikido. Und genau den habe ich am Wochenende erworben. Und das finde ich gut. Die Vorgeschichte finden Interessierte hier KLICK. Schwarz, so heißt es, entstehe beim Fehlen eines Farbreizes im Auge. Warum nur fühlen die sich plötzlich so feucht an? Hat das was mit „Wasserfarben“ zu tun?

Der Schritt war lange überfällig, Techniken und Philosophie habe ich seit Jahren beherrscht. Nur mein Dickkopf hat die Prüfung bisher verhindert. Aber damit ist nun Schluss. Auch ich muss manchmal über meinen Schatten springen. Und auch der ist bekanntlich Schwarz.

Schwarz, so heißt es, sei auch eine Farbe der Macht. Aber ich brauche keine Macht. Wer sich mit Macht und Erfolgen brüstet, der verdient sie nicht. Trotz allem ist der 1. Dan mehr als nur ein Symbol. Für mich ist er Einstieg in die Trainerwelt. Hochoffiziell darf ich nun andere lehren. Und auch das finde ich gut.

Yuki strahlt und fliegt in meine Arme. Auch sie ist geprüft und hat bestanden. Sie trägt nun den braunen Gürtel. Wobei sie gleich mehrere Stufen übersprungen hat. Geht nicht? Geht sehr gut! Der Trainer entscheidet und sie war reif dafür. Auch der ist stolz. Vielleicht hat er auch Angst vor meinem Vater. Der hat sehr ernst geschaut und ist noch viel höher dekoriert.

Stolz hat uns mein Vater Urkunde und Gürtel überreicht. Das hat er sich nicht nehmen lassen. Die Prüfung selbst war kein Problem. Im Gegenteil hat sie richtig Spaß gemacht und ich wieder richtig Lust bekommen, den Weg der Farben zu gehen. Daher ist es entschieden, der 3. Dan im Karate wird dieses Jahr noch folgen. Dann ist es aber gut.

Die Farbe Schwarz, so heißt es, berge Mystisches und Geheimnisvolles in sich. So, wie eine Mondlose Nacht, in der man nicht die Hand vor Augen sehen kann. In gewisser Weise trifft das auch auf die Budo-Welt zu. Mit dem 1. Dan beginnt ein neues Kapitel für den Lernenden. Zwar darf er nun lehren, sein Lernprozess ist aber noch lange nicht zu Ende.

Und lernen will und werde ich. Mein Leben lang. Vielleicht werde ich dann eines Tages auch so gut wie meine Elfe sein, die mir im Kissenwurf und im Lächeln deutlich überlegen ist. Da hat sie mindestens einen 10. Dan. Ob das an ihren schwarzen Haaren liegt?

Schwarz, so heißt es, sei die dunkelste aller Farben.
„Schwarz“, flüstere ich Yuki zu, „ist die schönste aller Farben.“
Sie lacht und sie versteht.