Von Großmeistern und Geschäften

Dies wird die vorerst letzte Folge aus der Kampfsport-Welt sein. Mir war es wichtig Interessierten einen kleinen Einblick in diese vermutlich fremde Welt zu geben.

Immer wieder werde ich auf Wing Chun und Kampfsport angesprochen. Und dass (kleine) Frauen einfach keine Chance gegen schwere Männer haben. Nur was bedeutet klein und was bedeutet Chance? Eine Konfrontation auf der Straße ist kein Wettkampf. Auch, wenn Selbstverteidigung und Kampfsport in aller Munde ist, so haben doch die wenigsten Menschen dieses Talent. Einer Frau sollen im Training vor allem die Hemmungen genommen werden. Und ihre Angst vor dunklen Ecken. Und NEIN, auch Wing Chun kann kein Allheilmittel sein!

Was ist nun Wing Chun? Der Legende nach hat die Nonne Ng Mui den Stil erfunden, als sie den Kampf zwischen einem Kranich und einer Schlange beobachtet hat. Weitere Quellen sprechen davon, dass auch Schausteller denen sie begegnet ist ihren Teil zu Wing Chun beigetragen haben. Den Namen verdankt der Stil aber einem jungen Mädchen mit Namen Yim Wing Chun, das die Nonne auf dem Marktplatz eines Dorfes traf. Yim Wing Chun soll Ärger mit einem Verehrer gehabt haben, der sie unbedingt heiraten wollte. Um ihr zu helfen unterrichtete die Nonne das Mädchen, nach der dieser Stil genannt worden ist. Yim Wing Chun besiegte ihren ungeliebten Verehrer in einem Zweikampf und blieb frei.

Aber ist dieser Stil wirklich so effektiv, wie mancher es uns glauben machen möchte? Zu Wing Chun muss man sagen, dass es ein recht simples und einfach zu erlernendes System ist. Leider wird es von einer gewissen Organisation seit Jahrzehnten gnadenlos ausgenutzt und zum Nachteil dieser Kunst vermarktet. Wing Chun ist und bleibt Straßenkampf, Selbstverteidigung (SV). Aber es ist durch seine direkte, andere Art einem starren Karate durchaus überlegen. Wobei das immer von dem Mensch abhängt und von seinem Trainingsgrad.

SV ist ein schwieriges Thema. Was da taugt und was nicht, bewerten verschiedene „Glaubensgruppen“ unterschiedlich. Als durch die Kung Fu-Filme der 70iger Jahre Wing Chun bekannter wurde, begann der (Un)Stern zweier Männer zu strahlen: Leung Ting und Keith R. Kernspecht. Während Leung Ting noch immer behauptet ein direkter Schüler des legendären und Bruce Lee Lehrers Ip Man zu sein, gibt es keine wirklichen Beweise dafür. Ein Foto kann jeder machen, eine Aussage trifft dies meist nicht. Der selbsternannte Großmeister Leung Ting hat schnell erkannt, dass sich mit „Kung Fu“ gutes Geld machen lässt. Aus einem einfachen System, das keine Gürtelfarben kennt, hat er zig Schülergrade erfunden. Seiner International WingTsun Association (IWTA) steht er als Guru und Meister vor.

Ob Leung Ting gut ist, oder war, das vermag ich nicht zu sagen. Einige Videos zeigen einen dünnen Mann, der seine Techniken verstolpert. In einem anderen Video bezieht einer seinr Schüler Prügel von einem anderen Kung Fu Kämpfer. Aber jeder macht Fehler. Keith R. Kernspecht ist ein anderes Kaliber. Der Mann versteht sein Handwerk, das steht außer Frage. Und er ist clever und reich mit Wing Chun geworden. Nach Leung Tings Vorbild hat er bereits 1976 die heutige Europäische WingTsun-Organisation (EWTO) gegründet. Was immer man der EWTO und Kernspecht vorwerfen kann, ohne ihn gäbe es vermutlich kein wie auch immer geartetes Wing Chun / Wing Tsun / Ving Tsun in Europa.

Nur, wo liegen die Mängel der EWTO? Warum werfen so viele Menschen ihr Geldgier vor? Die Antwort ist recht einfach. Wenn ich als Boxer in einen Club eintrete, werden mir sehr schnell und ohne Zusatzkosten, die Grundlagen vermittelt. Ich lerne, was eine Gerade ist, ein Jap, ein Haken. Im Karate werden vom Trainer auch die höheren Katas gezeigt, wenn danach gefragt wird. Warum sollte das anders sein? Die EWTO macht all das nicht. Sie verlangt Geld vom Schüler für jeden Grad. Ohne abgeschlossene Prüfung lehrt der Sifu den Schüler nicht weiter. Nur bleibt es nicht bei der Prüfung und der dafür fälligen Gebühr. Der Sifu erwartet oft auch um kostenpflichtige Privatstunden gebeten zu werden und der Schüler muss zwingend einen Vorbereitungslehrgang machen. Und auch der kostet Geld. Ein durchschnittlicher EWTO-Schüler wird also seine ersten Jahre mehr oder weniger im Verein vergeuden. Effektiv zu kämpfen lernt er dort nie. Aber er wird effektiv zur Kasse gebeten.

Die EWTO betreibt seit Jahrzehnten Bauernfängerei. Sie erzählt von einem „unschlagbaren System“ für jedermann. Die Mehrheit der Trainierenden hat keinerlei Straßenerfahrung und wird diese auch nie bekommen. Ein EWTO-Geschädigter hat das vor Jahren so formuliert: „EWTO-Schüler fühlen sich von wem auch immer bedroht und suchen ein System, das ihnen die Angst nimmt. Und das, ohne dass sie viel dafür tun müssen. Diese Leute sind alles andere als Kämpfer-Typen, sie wollen nicht kämpfen, weder verletzen, noch verletzt werden. Sie suchen mehr einen Schutzschild. Und landen bei der EWTO.“

Das sind harte Worte und der Mann hat recht. Ein System kämpft nicht, wenn man in einer dunklen Gasse angegriffen wird. Das macht einzig und allein der Mensch. Wing Chun wird kein magischer Helfer in der Not sein und auch keinen Notarztwagen rufen. In EWTO-Schulen wird eine Illusion aufgebaut, die dem realen Leben nicht standhalten kann. Auch ein guter Wing Chunler wird bei einem (Straßen)Kampf nicht immer der Sieger sein, oder völlig unverletzt bleiben. Die Allmachtsgeschichten des Märchenonkels Kernspecht sind nicht viel mehr als das. Er ist der Guru, der freundliche Übervater und das macht er nicht schlecht. Unympathisch ist anders, der Mann hat es drauf! Nur ist er alles andere, als unschlagbar! Aber wer nur mit Schülern niederer Grade kämpft, der kann das kaum beweisen. Und denen ist er natürlich nach 40 Jahren Training haushoch überlegen.

Klassisches Wing Chun hat deutliche Nachteile, wenn man es mit dynamischem Kickboxen und Thai Boxen vergleicht. Da Wing Chun-Schüler sehr oft kein Sparring machen, werden sie im Ernstfall vorgeführt. Ihnen fehlt die Praxis, um ihr System anzuwenden. Und dann müssen sie noch feststellen, dass das starre festhalten an einem alten System vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Wing Chun ist gut, aber es bedarf langer Übung, um darin ein wirklicher Meister zu werden. Kombiniert man es aber mit anderen Systemen, macht regelmäßiges Sparring, dann sieht das etwas anders aus.

Ich habe schon als junges Mädchen über den Tellerrand von Karate und Aikido geblickt und so mittlerweile Wing Chun für mich gefunden. Und ich habe das Glück gehabt auf Menschen zu treffen, bei denen Geld nicht im Vordergrund steht. Klar kommt auch der Trainer samt Partnerin aus der EWTO und hat dort nach eigenen Worten anfangs seine Zeit verschwendet. Zum Glück gibt es aber immer mehr Systeme, die ein ehrliches Wing Chun lehren wollen. Und dort kamen die beiden schon vor Jahren unter. Und ehrliches Wing Chung vermitteln sie uns auch. Beide Trainer wissen, dass sie nicht unschlagbar sind und sind immer bereit neue Dinge zu lernen.

Wer sich für Wing Chun interessiert, der sollte im Internet nach „Wong Shun Leung Ving Tsun“, bzw. „Philip Bayer VT“, „Lo Man Kam Wing Chun“, „Garry Lam Ving Tsun“ oder auch „Lok Yiu Wing Chun“ suchen. Das alles sind gute Systeme, in denen ehrlich gelehrt wird. Da ich selbst mehr oder weniger eine Art „Straßenkampf“ betreibe, war Wing Chun die ideale Ergänzung für mich. Und ja, ich sparre auch. Nicht immer nur mit Yuki. Auch mit und gegen Mann. Nur so lerne ich, nur so werde ich besser. Und die Diskussion „Du als Frau kannst keinen Mann besiegen“, die führe ich an dieser Stelle nicht. Ich kann, ich habe, ich werde. Punkt.

Fazit: Wer einfach nur SV sucht, der muss nun kein wie auch immer geartetes Wing Chun machen. Die beste SV bietet das System, das „dir“ liegt und das „du“ regelmäßig betreibst. Das kann Karate, Kung Fu, Krav Maga oder sonstwas sein. Nur Extremcouching nicht.