Out with Dad

Es gibt eine kanadische Webserie, von der ich den Titel dieses Beitrags stibizt habe. Wer sie sehen mag, hier ist der Link: Out with Dad.  Out with Dad handelt von Rose Miller und ihrem Coming-out als Lesbe. Aber ich mag keine Geschichten über andere Menschen schreiben, ich schreibe selbst Geschichte(n über mich).

Wieder bin ich auf Zeitreise. Mayumi vor fünfzehn Jahren, einige Zeit nach meinem Coming Out. Der Ort ist unser Keller-Dojo in Düsseldorf, die Akteure mein Vater und ich. Nichts hat sich geändert seit ich meine Eltern schockte. Vielleicht geben sie mir nun noch mehr Aufmerksamkeit. Meine Mutter wirkt hilflos, verunsichert. Aber sie ist tapfer und mein Ego kann sie trösten. Verkehrte Welt.

Mein Vater ist wie immer, er bringt mir weiter Karate und Aikido bei. Natürlich hat er Fragen, natürlich ist es schwer für ihn. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Eltern, haben meine nicht mit Unverständnis reagiert. Ich bin erleichtert. Aber Leidensdruck hat sich bei mir nie aufgebaut. Vom Moment der eigenen Erkenntnis und dem Coming Out gegenüber meinen Eltern, ist nur wenig Zeit vergangen. Das ist wichtig, das ist gut.

„Männer wollen Söhne haben“, sagt mein Vater unvermittelt. „Ein Sohn schreibt die Geschichte der Familie fort. Töchter verschlingt die Zeit. Von ihnen bleiben meist nur Kinder.“
Viele Frauen haben das Talent Worte falsch aufzufassen. Und vermutlich wären meines Vaters Worte ein Affront für sie.
Ich verstehe ihn besser, ich verstehe ihn gut.
Im Dojo gibt es auch Papier und Stifte, dort üben wir oft Kanji-Zeichen.
Lächelnd male ich Mayumi auf das Papier und reiche es meinem Vater.
Auch Töchter können schreiben. Und er versteht.

Ich kenne meinen Vater und weiß wie er denkt. Was er sagte ist nicht die Information. Es sind die unausgesprochenen Gedanken, der Ausdruck in seinem Gesicht.
„Ich würde dich um keinen Preis der Welt hergeben“, steht da. Und „Ich bin stolz auf dich.“
Ja, er hat mir das schon oft gesagt. Auf seine Weise. Männer können seltsam sein. Vor allem, wenn sie aus Japan sind.
„Hast du Angst mich zu verlieren?“, frage ich direkt.
„Ja“, sagt er nach kurzem Zögern. „Wir haben diese Angst. Ich weiß sie ist unbegründet. Wir wussten immer, dass du ein besonderer Mensch bist.“
„Ich bin immer noch ich“, sage ich. „Nichts hat sich geändert. Auch wenn ich nun weiß, was ich bin.“
Wissen ist Macht.

„Wir formen Kinder nach unserem Bild“, fährt mein Vater fort. „Wir erwarten, dass sie so sind wie wir. Oder noch ein Stück besser.“
„Bringst du mir deshalb Karate bei?“, erwidere ich im Scherz.
„Du wirst immer eine Rebellin sein und gegen etwas kämpfen“, sagt mein Vater. „Auch gegen die Dämonen in dir. Karate und Zen-Buddhismus werden dir helfen, um Ruhe zu finden.“
Mein unruhiger Geist hat in den Jahren des Trainings viel gelernt. Noch immer bin ich wilder, als die meisten Menschen. Und doch hat mir Budo viel gebracht.
Mein Coming Out war keine große Sache für mich. Kurz nachgedacht und dann nach vorn marschiert. Diplomatie ist anders, aber es war der richtige Schritt.

„Ich werde also keinen Schwiegersohn haben“, sagt mein Vater. „Das ist schon ärgerlich. Ich hoffte so, auch deinen Mann im Dojo zu begrüßen.“
Schalk blitzt in seinen Augen. Nur ich kann ihn sehen.
„Pech gehabt, lieber Papa“, erwidere ich frech.
„Dann werde ich deine Kinder trainieren“, beschließt er. „Du willst doch welche haben?“
„Papa!“, entfährt es mir empört. „Die Kinder bekommt natürlich meine Frau. Und du wirst dann zwei Töchter haben. Das ist doch kein Problem für dich?“
„Wenn ich sie auch unterichten darf“, sagt er augenzwinkernd. „Und nun konzentrier dich wieder. Es gibt noch viel zu tun.“
„Ja, Chef“, sage ich.
Und das habe ich nur zu ihm gesagt.

Die Beziehung zu meinen Eltern ist von Liebe und Respekt geprägt. Und auch, wenn ich meist von meinem Vater schreibe, sind die Gefühle für meine Mutter ebenso tief. Sie hat mich Sanftheit gelehrt, das liegt in ihren Genen. Dabei kann sie trotzden bestimmend sein. Meine Mutter hat mich wie Kuchenteig geformt. Nie mit Gewalt, immer mit einem Lächeln und sanfter Hand. Und nicht nur dafür liebe ich sie.

Mein Vater konnte durchaus etwas ruppiger sein. Im Nachhinein betrachtet, hat er mich oft wie einen Jungen behandelt. Aber mit Engelsgeduld, hat er mir immer wieder die Techniken des Karate und Aikido gezeigt. Auch den Schwertkampf und die Kanji-Zeichen.
„Du bist besser als jeder Junge, den ich mir vielleicht gewünscht hätte“, sagt er unvermittelt.
Und das ist das höchste Lob von seiner Seite. An diesem Tag wachse ich auf zwei Meter. Aber sofort stutzt mein Vater mich mit Würfen auf meine wahre Größe.
Wisst ihr nun warum ich so klein geblieben bin?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!

Von Drachen und Zwergen

Drachen gelten in der westlichen Mythologie als böse und verschlagen. In Japan sieht das anders aus. Zwar sind die Ryu (竜), wie Drachen dort heißen, auch nicht immer nett, aber Glücksdrachen kennt jedes Kind. Apropos Kinder, die natürlich auch an Fabelwesen erinnern. Die Zwerge. Und Drachenzwerge habe ich meine Kindergruppe genannt, die ich nun mit Linda trainiere.

Mein Plan ist einfach, ich werde die Kinder nach Talent fördern und auch den geistigen Aspekt anregen. Leider kann ich das Training nicht jede Woche leiten, 48 Stunden hat mein Tag noch nicht. Die kleine Gruppe ist auch mehr oder weniger privat, alle Familien sind befreundet. Und sobald bei Vanessa die Dinge geregelt sind, werden auch die Zwillinge ins Dojo kommen.

Sechs Mädchen und zwei Jungs, im Alter von fünf bis sieben Jahren, stehen für den Unterricht in Lindas Dojo bereit. Zwei Mädchen haben bereits Erfahrung im Judo, fanden das aber übereinstimmend „doof.“ Der Rest sind Anfänger und total aufgeregt. Einige der Kinder stammen aus Regenbogen Familien, Ein Mädchen und ein Junge haben hetero Eltern.

Von Anfang an ist es mir wichtig, dass Verständnis und Toleranz in der Gruppe herrscht. Und siehe da, es gibt kein Problem. Kinder mögen Uniformen. Und ein Karate-Gi ist etwas besonderes für sie. Bewusst habe ich Wert darauf gelegt, dass Farbe ins Spiel kommt. Schwarz, Blau, Rot und Weiß bunt gemixt. Das mögen die Kleinen. Und die noch weißen Gürtel werden bald anderen Farben weichen.

Auch mein Anzug ist nicht traditionell. Eine weiße Taekwon-Do Jacke und eine dunkle Hose sind mein heutiges Bild. Mein Schwarzer Gürtel fasziniert die Kinder.
„So einen mag ich auch haben“, lässt mich Leonie wissen.
Sie hat bereits zwei Jahre Judo hinter sich und ist die Älteste der Gruppe. Und sie hat Talent.
„Dann werden wir fleißig üben“, erwidere ich. „So ein Gürtel ist doch chic.“

Die erste Stunde dient den Grundlagen. Wie bewegt man sich, der Stand, wie benimmt man sich. Ich erzähle über die Geschichte des Karate, über Aikido und Kung Fu.
„Bringst du uns auch Kung Fu bei, Tante Mayumi?“, fragt mich Lars. „Und wie man richtig haut?“
Nun bin ich keine Tante und Lehrer werden in Japan Sensei genannt. Aber der Kleine ist Fünf und ich sehe das nicht so eng.
Wobei ich schon Wert auf Disziplin lege. Aber alles ganz spielerisch. Mit Zwang erreicht man bei Kindern nichts.

„Warum willst du jemand schlagen?“, frage ich. „Bist du ein böses Kind?“
„Aber nein!“, empört sich Lars sofort. „Ich …, also da gibt es diesen Jungen. Der klaut immer das Pausenbrot von Kindern. Und wenn du es nicht gibst schlägt und beißt er. Der ist voll gemein!“
Wie mein Vater vor Jahren bei mir gehe ich auf die Knie und winke Lars heran. Nun sind wir auf Augenhöhe.
„Wir spielen ein Spiel“, sage ich. „Ich bin der Junge aus der Nachbarklasse, der dein Pausenbrot haben will.“
Lars wirkt verunsichert. Er zögert kurz und nickt.
„Was machst du, wenn er es von dir fordert?“, frage ich.
„Auf die Nase boxen!“, kommt es ganz spontan. „Das bringst du mir doch bei?“
Ich verkneife mir ein Lachen, Lars muss keine Mayumi sein.
„Nein“, erwidere ich. „Gewalt wenden wir nur zur Selbstverteidigung an. Und auch dann möglichst sanft. Du wirst den Jungen fragen, warum er dein Brot haben will. Ob er vielleicht nichts zu essen hat und du mit ihm teilen kannst.“
Lars ist verwirrt, das ist deutlich zu sehen.
„Vielleicht hat der Junge keine Mutter, die ihm Pausenbrote macht. Und vielleicht ist er ganz nett und hat nur einfach keine Freunde.“
Einige Tage später erzählt mir Lars, dass er einen neuen Freund gewonnen hat. Eben jenen Jungen aus der Nachbarklasse, der wirklich nichts zu essen hat.
Gewalt ist keine Lösung.

Viele Menschen haben ein falsches Bild von Karate. Sie stellen das Wort mit meist schlechten Filmen gleich, in denen sich Bösewichte gleich haufenweise auf die Nase geben. Und genau da liegen sie falsch. Karate ist ein Weg, um zu sich selbst zu finden. Vor allem Kinder können das sehr gut. Sie erschaffen oft mit ihrer Fantasie ganze Welten. Und genau da hakt Karate ein.

Karate gibt vor allem schwachen Menschen die Fähigkeit, gegen scheinbar übermächtige Gegner zu bestehen. Nur muss dieser Gegner kein prügelnder Schurke sein. Auch der Alltag bietet allerlei Herausforderungen, die scheinbar übermächtig sind. Denen kann man kaum mit einem Tritt begegnen, aber mit innerer Stärke und Selbstvertrauen. Und das lehre ich.

Die wahre Meisterschaft eines Sensei liegt nicht darin möglichst viele und komplizierte Kampftechniken zu zeigen. Vielmehr geht es darum Schüler sanft auf die Härte des Lebens vorzubereiten und ihnen Stärke durch innere Harmonie zu vermitteln. Dann gewinnt der Schüler auch seine Kämpfe mit sich selbst. Indem er sie nach Möglichkeit vermeidet.

Meine Kinder sind alle noch sehr jung. Bei ihnen wird der Spaß an der Bewegung überwiegen. Der spielerische Aspekt, die Gürtelfarben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie mit und durch Karate, einen besseren Weg durchs Leben gehen.

Kindermund tut Wahrheit kund

Die liebe Perlenmama hat mich auf eine grandiose Idee gebracht, die ich sofort in die Tat umgesetzt habe. Ihr Beitrag über die Perle, das Teilzeit-Sensibelchen, ist der Auslöser für ein Telefonat, das einige Zeit gedauert hat und das ich in literarisch aufgearbeiteter Form hier präsentieren werde. Nicht 1:1, aber zumindest sinngemäß. Und nun viel Spaß beim lesen.

„Hallo Mama“, beginne ich, als sich meine Mutter meldet. „Ich störe dich doch nicht?“
Natürlich ist die Frage rhetorisch und in Gedanken sehe ich meine Mutter lächeln.
Ich erkläre ihr kurz den Grund meines Anrufs und das der länger dauern kann. Da wir aber sowieso täglich telefonieren, ist das kein Problem.
„Sag, wie war ich als Kind?“, will ich wissen. „So im Alter von zwei bis drei Jahren.“
„Zappelig“, kommt die Antwort pfeilschnell zurück. „Du konntest niemals still sitzen.“
Auch Mütter können ehrlich sein.

„Hatte ich jemals Angst, oder habe ich viel geweint?“, frage ich weiter. „Erzähl doch einfach bitte.“
„Ja, du hast auch geweint“, erklärt mir meine Mutter. „Immer dann, wenn du etwas durchsetzen wolltest. Aber ängstlich? Das Wort muss für dich erst noch erfunden werden.“
Sie lacht leise und ich gleich mit.
„Du warst ein ungewöhnliches Kind“, fährt sie fort. „Ich habe dich mit einer Katze verglichen. Du hast gern geschmust, aber nur bis zu einem bestimmten Grad. Dann bist du von meinem Schoß gekrabbelt und durchs Haus geflitzt. Und wehe dein Vater war allein im Keller. Du bist sofort auf Knien hinterher. Er hatte keine Chance.“
Kellerkind einmal anders.

Ein Teil des Kellers in meinem deutschen Elternhaus, ist als Dojo ausgebaut. Mein Papa trainiert darin seit vielen Jahren und hat mich dort auch unterrichtet.
„Für mich schwierig war, wie schnell du Deutsch gelernt hast“, erzählt meine Mutter weiter. „Du hast die Sprache aufgesaugt und uns förmlich überrumpelt.“
„Aber ihr habt doch damals schon Deutsch gesprochen“, werfe ich ein.
„Das schon“, erwidert meine Mutter sanft. „Aber nicht wie ein Wasserfall. Du konntest nie ein Ende finden. Und hast du keine Worte gewusst, dann hast du sie erfunden,“
Ein reger Geist in einem regen Körper.

„Du hast beide Sprachen hemmungslos gemischt und uns damit auch oft schockiert.“
„Vor allem mit den Wort „Nein“, unterbreche ich sie lachend. „Das hast du mir zumindest erzählt.“
„Deutschland hat andere Gesetze“, erwidert meine Mutter diplomatisch. „Und hier wird auch anders gesprochen. Wir haben das erkannt.“
Was so viel heißt wie „Wir mögen es nicht.“ Aber das würde meine Mutter niemals sagen.
„Ich war also nie dein süßes, kleines Mädchen?“, will ich mit Piepsstimme wissen.
„Natürlich warst du das“, erwidert meine Mutter. „Auf deine eigene Weise. Und das bist du immer noch.“
Liebe kann so einfach sein.

„Aber sag, wie war ich in Japan? War ich dort noch ein typisches, japanisches Kind?“, will ich nun wissen und bin auf die Antwort gespannt.
„Jeder Mensch ist anders“, erwidert meine Mutter. „Aber typisch? Lass mich dir eine Geschichte erzählen, als wir zu Besuch bei Freunden waren. Du musst etwa drei Jahre alt gewesen sein. Es gab diesen fünf Jahre alten Jungen, Katsu. Er war ziemlich kräftig und auch sehr wild. Er wollte mit dir spielen und hat dich einfach umgestoßen. Er fand das witzig und hat gelacht. Du bist aufgestanden und hast plötzlich sehr böse geschaut. Bevor wir eingreifen konnten, hast du ihn so kräftig getreten, dass nun er auf dem Hintern saß. Und er hat geweint.“
Kindergarten Karate. Leider erinnere ich mich nicht.

„Was ist dann passiert?“, will ich wissen. „Habt ihr mich bestraft?“
„Wozu soll Strafe gut sein?“, erwidert meine Mutter. „Du hast keinen Fehler gemacht. Nur auf deine Weise reagiert. Dein Vater hat dich in den Arm genommen und schon warst du beruhigt.“
„Und ich könnte wetten, dass er stolz auf mich war“, füge ich hinzu.
Aber meine Mutter schweigt. Und das sagt mehr, als tausend Worte.
„Du hast sehr früh und sehr viel gesprochen“, fährt meine Mutter fort. „Und alles was du hörtest oft und gern wiederholt. Meist völlig falsch ausgesprochen, was für viel Heiterkeit sorgte. Und Autos hast du gern gemocht. Wir mussten dich nur ins Auto setzen und schon warst du fasziniert.“
Ich habe Benzin im Blut!

„Wir haben dir dann Spielzeugautos gekauft und du warst Feuer und Flamme. Überall im Haus hast du sie verteilt und bist über Tische und Stühle Rennen gefahren.“
„Und das hast du so einfach zugelassen?“, frage ich. Immerhin ist meine Mutter für ihre Ordnung bekannt.
„So hatte ich dich unter Kontrolle“, sagt sie. „Du warst nie zu überhören und hast die Motorgeräusche imitiert.“
Ich erinnere mich an die Autos, die habe ich vor Jahren wieder entdeckt. Und nun kenne ich ihre Geschichte.
„Wie war das eigentlich mit mir und Puppen? Habe ich wirklich nie damit gespielt?“
„Du hast mich merkwürdig angeschaut und die Puppe dann in eine Ecke gesetzt. Soll schlafen gehen, hast du gesagt. Und dann dein eigenes Ding gemacht.“
Mayumi, die Puppenspielerin.

„Erzähl mir von der Küche“, bitte ich. „Habe ich da wirklich gern gespielt?“
„Mit Leidenschaft“, sagt meine Mutter. „Löffel und Töpfe mussten es immer sein. Damit hast du getrommelt und wehe man hat sie dir abgenommen. Dann gab es Schreie. Aber du hast mir auch ganz brav in der Küche geholfen. Dabei aber immer wieder Unsinn angestellt. Mit Nudelteig gespielt und auch immer alles probiert. Du kennst bestimmt das Bild, als du kopfüber in dem Topf stecktest. Natürlich musste dein Vater das fotografieren. Er fand das witzig. Vermutlich war er ebenso als Kind.“
Kinder haben eigene Ideen.

„Wie war ich denn im japanischen Kindergarten?“, will ich wissen. „Habe ich mich dort gut eingefügt?“
„Du warst die geborene Anführerin“, erwidert meine Mutter. „Und alle Mädchen sind dir bedingungslos gefolgt. Später in Deutschland auch.“
Alphas an die Macht!
„Habe ich jemals Ärger gemacht und andere Kinder geschlagen?“, hake ich nach.
Aber kein Mensch entlockt meiner Mutter jemals ein „Nein.“ Selbst eine Mayumi nicht.
„Du warst die Beste im Kinder-Karate“, lässt mich meine Mutter wissen. „Niemand hat dir etwas vorgemacht. Dein Vater war begeistert. Aber das weißt du vermutlich schon. Und was alle überrascht hat, du warst sehr diszipliniert. Aber kaum war die Stunde vorbei bist du wieder durch den Raum getobt.“
Niemand kann mich stoppen.

„Für uns ungewöhnlich war deine dominante Art“, sagt meine Mutter. „Anfangs war ich damit wirklich überfordert. Frauen vergleichen ihre Kinder gern mit sich selbst und haben eigene Wunschvorstellungen. Aber das wirkliche Leben ist dann so völlig anders.“
„Wildheit gegen Sanftheit“, sage ich. „Du hast es gut gelöst. Und mich vor allem nie geschlagen.“
„Schläge sind Ausdruck von Schwäche“, sagt meine Mutter. „Sie zeigen nur die Hilflosigkeit. Dein Vater und ich haben gemeinsam überlegt und dich dann doch in den Griff bekommen. Und du hast deinen Willen nur scheinbar bekommen. Dein Vater hat dich ausgekontert. Du weißt, das kann er gut. Und ich habe von ihm gelernt. Du natürlich auch. Aber obwohl du oft so zornig warst, bliebst du auch ein sehr liebes Kind. Für mich noch heute faszinierend, ist diese Mischung aus Wildheit und Sensibiltät. Das ist sehr ungewöhnlich.“
Ein Kind zweier Welten.

„Zum Glück seid ihr auch keine konservativen Eltern“, stelle ich fest. „Kaum auszudenken, wie es mir in einer anderen Famile ergangen wäre. Sag, hattest du jemals Angst um mich?“, wechsele ich das Thema und bin auf die Antwort sehr gespannt.
„Ja,“ erwidert meine Mutter. „Mir ist oft genug fast das Herz vor Schreck stehen geblieben. Mir fiel es schwer zu akzeptieren, dass du so zornig gewesen bist. Und dann wieder habe ich dich friedlich lächelnd in deinem Zimmer gefunden, wo du Musik gehört hast. Und manchmal hast du auch ein Kleidchen getragen“, fügt sie hinzu und lacht.
Kleider machen Leute.

„Alle Beweise davon sofort vernichten“, sage ich im Scherz. „Wo kämen wir da hin, wenn das die Nachwelt erfährt.“
„Die Bilder zeige ich natürlich deinen Kindern“, erwidert meine Mutter. „Wie ist das überhaupt, seid ihr nun endlich schwanger?“
„Mama!“, fauche ich in gespielter Rage. „Können wir bitte von etwas anderem sprechen?“
„Nur über die Zahl“, erwidert sie mit lachendem Unterton. „Ich mag gern mindestens zwei Enkelkinder haben. Besser wären natürlich drei, oder vier. Und ihr könntet auch beide gleichzeitig schwanger …“
Mama pur. Und ich habe sie verdient. Mama, ich liebe dich.

Die Leibwächterin

Als das Handy an diesem Morgen klingelt weiß ich zuerst nicht wer der Anrufer ist. „Juwelen“ habe ich als Kürzel geschrieben und das kann viel bedeuten. Aber als ein Mann mit schwäbischem Akzent sich meldet, fällt mir der Name wieder ein. Es ist der Juwelier Schmidt, den wir im Wellness-Hotel getroffen haben. Und der hat ein Problem. Und damit das so klein wie möglich bleibt, werde ich weder seinen richtigen Namen, noch den Wohnort nennen. Diskretion ist bei mir Ehrensache. Und aus dem Bericht wird kein böser Bube schlau.

„Hallo, Frau Landar“, beginnt der Mann. „Wissen Sie noch wer ich bin? Ich möchte mich gern mit Ihnen über Personenschutz für meine Familie unterhalten. Hätten Sie vielleicht heute Zeit?“
Zeit haben wir eigentlich nie und dann wieder doch. Kontakte sind wichtig. Und der Mann durchaus nett. Aber an diesem Tag geht es wirklich nicht.
Ich nenne einen Tag und er gibt mir seine Adresse.
„Alles Weitere möchte ich gern vor Ort besprechen“, endet er.
Die Wortwahl fällt mir auf. Der Mann hat das Kommando.
Kann er gern haben, bei mir aber nicht.

Mit dem Namen ausgerüstet rufe ich bei Linda an und erzähle ihr die Sache.
„So, du machst mir also Konkurrenz?“, fragt sie gespielt empört.
„Klaro, erwidere ich. „Und morgen mache ich eine eigene Firma auf, du Nudel. Sag, kannst du mir vielleicht eine Auskunft über den Mann besorgen? Wer er ist, ob seriös?“
Linda war früher bei der Polizei, hat aber noch immer gute Kontakte. Normal, wenn man in ihrer Branche ist.
„Kein Ding“, sagt sie. „Ich rufe gleich an. Spätestens morgen wissen wir mehr.“
Wissen ist nun mal Macht.

Es dauert keine zwei Stunden bis sich Linda wieder meldet. Sie ist tief beeindruckt von dem Mann.
„Mit dem als Klienten hast du einen dicken Fisch an der Angel“, lässt sie mich wissen. Und diese Aussage ist gut genug.
Aus verständlichen Gründen werde ich keine weiteren Details nennen. Nur, dass er ein wirklicher Ehrenmann ist. Und absolut sauber.
Ein Problem gibt es bei der Sache: Selbstständig bin ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
„Wir regeln das schon meine Süße“, neckt mich Linda. „Lieben Gruß an Yuki und bis heute Abend im Dojo dann.“
Für die Frechheit muss ich Linda auf die Matte werfen. Und das kann ich gut.

Am vereinbarten Termin fahren wir zum Schmidtschen Anwesen. Wir sind beeindruckt, aber zeigen das natürlich nicht.
Herr Schmidt samt Frau und Tochter wartet bereits. Sehr nette Leute und kein bisschen homophob. Im Gegenteil hat er uns bewusst ausgewählt.
„Aber nicht, dass sie mir meine Frau verführen“, sagt er und lacht.
„Da hätte meine Frau etwas dagegen“, erwidere ich und schaue Yuki an.
Mit solchen Scherzen kann ich, so lange sie nicht völlig unter der Gürtellinie sind.
Yuki lächelt und mir wird warm.
Liebe, die ich meine.

„Für mein Geschäft in der Stadt habe ich tagsüber einen Sicherheitsdienst“, fährt der Juwelier fort. „Privat habe ich einen Waffenschein. Aber Personenschutz für meine beiden Frauen, das funktioniert irgendwie nicht.“
„Weil sie Männer hatten?“, frage ich nach und treffe genau den Punkt.
„Ja“, sagt er. „So gut die auch für mich und den Laden sind, mit meinen Frauen kamen sie nicht klar.“
„Lassen Sie mich raten“, sage ich. „Der Aufpasser stand mit verschränkten Armen vor der Kaufhaus Umkleidekabine und hat den anderen Kundinnen Angst gemacht?“
„Nicht nur das!“, meldet sich Frau Schmidt zu Wort. „Der ging auch mit auf die Damentoilette!“
„Und im Haus hat er auch überall geschnüffelt“, fügt die Tochter hinzu.
Frauen riechen eben gut.

„Sie suchen also jemanden, der ihre Frau und Tochter täglich, oder nur ab und zu begleitet?“, frage ich.
„Täglich“, erwidert Herr Schmidt. „Aber nur eine Frau! Sie soll meine Tochter zur Schule bringen und wieder abholen. Falls meine Frau in die Stadt, oder zum Arzt muss, oder generell außer Haus, sollte sie bei ihr sein. Diskret versteht sich. Aber ich suche eine Person mit Grips, mit der man sich auch unterhalten kann.“
„Kein Problem“, erwidere ich. „Ich kann Ihnen auch ihre Bilanzen überprüfen und Tipps für neue Werbestrategien geben.“
„Das weiß ich“, eröffnet er mir und schaut mich an. „Natürlich habe ich mich über Sie erkundigt. Ihr Werdegang hat mich beindruckt. Und ihr Kung Fu.“
Starke Frauen braucht das Land.

„Es war Aikido“, korrigiere ich. „Aber Wing Chun Kung Fu kann ich auch.“
Die Tochter sperrt Mund und Augen auf.
„So, wie Ip Man?“, will sie sofort wissen. „Ich habe die Filme gesehen!“
Sie ist ein Teenager und sehr an Sport interessiert. Und Kampfsport fand sie schon immer cool. Aber den durfte sie bisher nicht machen.
„Nicht ganz so gut“, erwidere ich. „Dafür aber noch Karate und Krav Maga. Mehr oder weniger ist es ein eigener Stil, den ich für mich erfunden habe.“
Wieder schaut Herr Schmidt mich an.
„Können Sie das meine Frauen lehren?“
Klar kann ich. Aber auch wieder nicht.

„Was ich Ihnen anbieten kann ist folgendes“, sage ich mit eimem kurzen Blick zu Yuki, die fast unmerklich nickt. „Wir können Ihnen Grundtechniken der Selbstverteidigung beibringen. Auch die Psychologie des Kampfes, wie man sich bei einem Angriff richtig verhält. Der beste Kampf ist immer der, den man nicht führt. Den Job als Personenschützerinnen können wir leider nicht übernehmen. Aber eine Freundin von mir hat eine Security-Firma und meist Frauen angestellt. Sie ist ehemalige Polizistin und sehr kompetent auf dem Gebiet der Sicherheit. Vor allem macht sie das hauptberuflich. Wir nur nebenbei. Die Mädels dort sind alle richtig clever und haben ausgezeichnete Manieren.“
„Verstanden“, sagt Herr Schmidt. „Wann könnten Sie mit dem Unterricht beginnen?“
„Langsam“, sage ich und verkneife mir ein Lachen. „Wir haben schon einen Nebenjob. Und eine zweite Steuerkarte macht nur das Finanzamt reich.“

„Das machen wir ohne Steuern“, beschließt Herr Schmidt sofort. „Ich halte mich normal an Regeln, aber der Staat verdient an mir genug.“
Er reicht mir einen schon ausgestellten Scheck. Und ein wenig fühle ich mich überrumpelt.
„Geht die Summe klar?“, will er wissen. „Sagen Sie es und ich zahle mehr. Hauptsache meine Frauen sind sicher. Geld ist mir egal.“
Ja, die Summe ist wunderbar. Seid umschlungen Millionen!
Auch, wenn das jetzt übertrieben ist.
Und damit niemand auf dumme Gedanken kommt: Ich habe den Betrag mittlerweile legalisiert. Schwarz arbeiten nur die anderen.

Herr Schmidt muss uns verlassen, er hat Termine in der Stadt.
Bei ihm habe ich ein gutes Gefühl.
An diesem Tag reift die Idee der Selbstständigkeit in mir, die ich später mit Yuki kläre.
Aber es bedarf noch eines weiteren Zufalls, um alles klar zu machen. Davon in einem anderen Artikel mehr.
Lets do it my way.

Frau Schmidt samt Tochter bekommt ihre erste Stunde. Und wir alle haben Spaß.
Vor allen die Tochter erweist sich als äußerst begabt. Und sie hat ein kleines Geheimnis parat.
Heimlich hat sie mit youtube Videos seit Monaten geübt. Ich weiß schon jetzt, dass sie eine Meisterin wird.
Die Mutter hat deutlich mehr Probleme. Ihr fällt es schwer zu schlagen.
Aus einer Stunde werden drei, dann müssen wir leider gehen.
Muss i denn zum Städtele hinaus …

Wir vereinbaren, dass wir Frau Schmidt samt Tochter zweimal pro Woche für jeweils 2 Stunden unterrichten. Und zwar für einenn Zeitraum X.
Linda wird den Personenschutz für beide Frauen tagsüber übernehmen, was sie besonders freut. Und auch das Folgetraining.
Die Idee nimmt noch mehr Formen an. Und Formen sind immer gut.
Der Hintergrund ist klar – Weg vom Türsteher Image und in die Welt der echten Bodyguards. Und Lindas Mädels können das. Auch ohne Waffen.
Wer braucht Pistolen, wenn er Fingernägel hat?

Als wir am Abend bei Linda zu Hause sind, gibt es daher Grund zu feiern. Wir stoßen mit Wasser an und Linda plus Frau mit rotem Wein.
„Du wärst bestimmt eine tolle Leibwächterin“, sagt Linda und lacht.
„Die Frage ist nur die, wer passt auf die Dicke auf?“, wirft Yuki ein und zwickt mich frech.
„Na du, Elfchen!“, erwidere ich. „Du bist und bleibst doch meine Leibwächterin.“

Karate, Kids und Disziplin

Kinder lernen Dinge spielerisch. Das war schon immer so. Und Kinder lernen auch Karate. Vor allem, wenn sie Japaner sind. Auch Japaner haben einen Kindergarten. Und klein Mayumi war natürlich dort. Eine Erinnerung daran habe ich keine, aber ich soll schon damals wild gewesen sein. Gelehrt hat man dort Shotokan-Karate und das war klein Mayumis Ding.

Nun sehe ich schon besorgte Eltern die Stirn in Falten legen und voller Abscheu auf Japan blicken. „Gewalt schon im Kindergarten? Da geht mein Kind nicht hin!“ Und genau da liegt der Fehler. Karate dient nicht der Gewalt. Es ist Sport, Philosophie und eiserne Disziplin. Karate kennt keinen ersten Angriff, das haben uns nur schlechte Filme gelehrt. Und dumme Menschen, die diesen Sport verachten. „Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt.“ Das ist die erste Regel und sie bedeutet viel. Respekt dem Sensei, den Eltern und anderen Menschen gegenüber. Respekt auch vor sich selbst.

Regel zwei habe ich bereits genannt: „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff.“ Karate ist immer Selbstverteidigung. Schutz für das eigene Leben und das Leben anderer. Das aber effektiv. „Karate ist ein Helfer der Gerechtigkeit.“ Der Satz ist selbsterklärend.  „Die Kunst des Geistes kommt vor der Kunst der Technik.“ Und genau hier liegt der Fehler, den Europäer und Amerikaner machen. Sie sehen nur den Kampf, den physischen Aspekt. In einem guten Dojo ist das anders, was mich zu den nächsten Regeln bringt.

„Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet. Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.“ Im deutschen Kindergarten gab es 1987 kein Karate. Aber Privatstunden von meinem Papa für mich. Ohne Karate, Aikido und Meditation wäre ich vermutlich ein noch schwierigeres Kind gewesen. Aber statt Ritalin bekam ich Liebe und lernte Disziplin. Und das tat ich richtig gut. Meine Wut war kanalisiert und ich habe den Sandsack drangsaliert. Mit Inbrunst und Leidenschaft. Gewalt ist anders.

Das lebenslange Training macht den Unterschied zwischen Hobbysportler und Profi aus. Und das möchte ich heute gern als Video zeigen. Leider gibt es keine von mir, youtube war noch nicht erfunden. Aber ich soll gut gewesen sein. Und das bin ich heute noch, was mich zur nächsten Regel bringt. „Karate ist wie heißes Wasser, das abkühlt, wenn du es nicht ständig warm hältst.“

Auch, wenn ich heute meist Aikido, Wing Chun und Krav Maga trainiere, so ist Karate ein Teil von mir und wird es immer sein. Es ist mein Leben, wie auch das Buch von Japans größtem Samurai. „Denke nicht an das Gewinnen, doch denke darüber nach, wie man nicht verliert“, hat Gichin Funakoshi, der Begründer des Shotokan-Karate gesagt. Wer das verinnerlicht und fleißig übt, der braucht keinen Gegner mehr zu fürchten.

„Wandle dich abhängig vom Gegner.“ Ein Gegner kann auch der Alltag sein. Wobei ich den mehr als Herausforderung sehe. Vor allem für hyperaktive Kinder kann Karate also ein Segen sein. Ich kenne so einige Fälle, die das positiv belegen. Und damit ihr besser versteht, was Kindern Karate bedeutet, schaut euch folgendes Video an. Klein Mayumi war übrigens doppelt so dynamisch. Und das bin ich heute noch. Sayonara!

Reizthema Religion – Sind wir wirklich tolerant?

Fanatiker sehen sich als göttlich inspirierte Menschen. Zumindest wenn sie ihre Religion vertreten. Als Buddhistin stehe ich jedem anderen Glauben offen gegenüber. Aber religiöse Fanatiker, die mag ich nicht. Die folgende Geschichte ist genau so passiert. Aber literarisch aufgearbeitet. Manchmal ist es hilfreich Stichworte zu notieren. Weniger hilfreich, sie dann zu verlegen. Aber mein altes Zimmer im Düsseldorfer Elternhaus gibt es noch. Und dort habe ich vor einer Weile wahre Wortschätze gefunden.

November 2007. Draußen ist es bereits dunkel. Das Wetter ist unangenehm und recht kalt. Der Tag an der Uni war lang, heute waren die Vorlesungen Pflicht. Das Karate-Training verspricht Entspannung. Und Spaß, den habe ich. Mit meinen Mädels mache ich Sparring, danach leite ich die Kindergruppe. Die Kleinen sind süß und teilweise sehr begabt. Am Ende der Halle trainieren die Männer. Ein dunkelhaariger Neuling fällt mir auf. Geschätzte 30 Jahre alt. Er wirkt übereifrig und hat einen stechenden Blick, mit dem er alle Frauen mustert.
Sofort wächst mein Widerwille.

„Wer ist das?“, frage ich die Haupttrainerin Adele in einer ruhigen Minute.
„Der ist neu“, sagt Adele und zuckt die Schultern. „Ägypter sagt er. Sein Name ist Pierre. Hat dort angeblich den Braunen Gürtel gemacht. Aber davon war nicht viel zu sehen. Ich habe ihm gesagt wenn er mir entsprechende Papiere bringt und die Katas laufen kann, erkennen wir den an. Bis dahin darf er ihn nicht tragen.“
„Welchen der drei Gürtel denn?“, will ich wissen.
Braungurte gibt es vom 3. bis 1. Kyu. Wobei der 1. höher ist.
„Natürlich den 1.“, sagt Adele und schmunzelt. „Du weißt doch meine Süße, sie sind alle furchtbar gut.“
Maulhelden aller Länder vereinigt euch.

Adele ist halbe Französin, farbig und zehn Jahre älter als ich. Ihr Vater stammt aus Afrika, die Mutter aus Paris. Aber die Familie lebt seit Ewigkeiten in Düsseldorf.
Adele liebt Karate über alles. Und ihren deutschen Ehemann. Und sie ist einige der wenigen Frauen, die mich Süße nennen dürfen.
Die Info reicht mir. Aber ich habe kein gutes Gefühl bei Pierre. Immer wieder sehe ich ihn zu den Mädels gieren. Ich blende ihn vorerst aus und kümmere mich um die Kids, die mit wildem Eifer bei der Sache sind. Nach dem Training bildet sich eine lockere Gruppe. Frauen und Männer, die über dies und jenes sprechen.
Auch Pierre ist dabei und redet einige Sätze mit. Bis die Sache eskaliert.
Diskussionkultur ist anders.

Pierre ist zwar Ägypter, aber französische Vornamen haben in seiner Familie Tradition. Und er ist koptischer Christ, was er unaufgefordert erzählt. Auch von den Übergriffen auf Kopten im Mai 2007 in Bamha, einer Stadt südlich von Kairo.
„Meine Familie lebt dort noch immer“, erklärt er uns mit leichtem Akzent. „Radikale Moslems haben meine Schwester verletzt. Und die Polizei hat weggeschaut. Kopten haben nur Nachteile in Ägypten. Daher habe ich auch in Deutschland studiert.“
Selin, ein in Deutschland geborenes türkisches Mädchen schaut betroffen.
„Ich bin auch Muslimin“, sagt sie leise. „Aber diese Radikalen mag ich nicht.
Das finde ich gut.

Kurz darauf entbrennt eine Diskussion über Religionen und Gott, die ich nur mit halbem Ohr verfolge.
Ich spreche mich mit Adele über das nächste Training ab.
Selin ist es egal, ob jemand Jude, Christ oder Hindu ist. Für sie sind alle Menschen gleich.
„Ich verstehe diese Aufregung um Religion nicht“, fügt sie hinzu. „Wir meinen doch alle das Gleiche.“
„Ich glaube nicht an Gott, oder die Bibel“, wirft Judith ein. „Ich bin auch nicht getauft.“
Pierre giftet los, Auftritt des Narren.

„Dann werden Sie jetzt mit mir ein Problem haben!“, sagt er mit lauter Stimme und macht einen halben Schritt auf die erschrockene Judith zu.
Ich wittere Gefahr und bin mit einem Satz bei der Gruppe und stelle mich schützend vor Judith. 1,62 Meter Mayumi Power pur gegen locker 1,85 Maulheld Pierre.
„Welches Problem soll sie haben?“, frage ich ihn sanft. „In diesem Dojo gilt Respekt. Und den lässt du zur Zeit vermissen.“
„Ich glaube an Gott!“, lässt Pierre mich wissen und seine Augen funkeln. „Und das muss jeder respektieren!“
„Niemand hat etwas gegen Gott und deinen Glauben gesagt“, erkläre ich ihm. „Aber Judith glaubt an keinen Gott. Und das hast auch du zu respektieren. Das nennt man Toleranz.“
Aber Pierre lässt das nicht gelten und holt zum religiösen Rundumschlag aus. Mit sich überschlagender Stimme bringt er seine Argumente vor.
Bin ich im falschen Film?

„Stop!“, rufe ich und unterbreche seinen Redefluss. „Hast du mir überhaupt zugehört?“
Aber mit dem Mann ist nicht zu reden. Reizthema Religion, ich sehe schon.
„Ich bin Buddhistin“, sage ich. „Aber ich toleriere jede Religion. Hast du damit auch ein Problem?“
Pierre hat und das lässt er mich wissen. Er hat sich in Rage geredet, Schweiß steht auf seiner Stirn. Der Mann wirkt angespannt, er ist Fanatiker. Und das ist niemals gut.
„Ich will, dass sie sich bei mir entschuldigt“, geifert er. „Sie hat meinen Gott beleidigt. Und du geh mir aus dem Weg!“
Er macht den Fehler, den die meisten nur einmal machen, und greift nach mir.
Woher soll der Maulheld wissen, dass ich auch Aikido kann?
Auf die Knie ihr Bauern, Japan ist zu Gast.

Ich fixiere Pierre am Boden und er kreischt und zetert überlaut.
Aber er kann sich nicht rühren. Und er ist clever genug und versucht es auch nicht.
Aikido in Reinkultur, Pierre ist besiegt von seiner Kraft.
Adele samt Dojo-Besitzer sind neben mir und fordern Pierre zum gehen auf. Ich lasse ihn los und wie ein geprügelter Hund dackelt er davon.
„Dieser Verein braucht keine Fanatiker“, gibt ihm Adele mit auf den Weg. „Wir sind alle Schwestern und Brüder. Egal ob Moslem, Buddhist, Hindu oder Christ.“
Toleranz kann so einfach sein.