Kuro-obi – Black Belt

Auf besonderen Wunsch einer Leserin, aber eigentlich weil ich es so möchte, wird es nun doch diesen Beitrag über meine (unsere!) Dan-Prüfung(en) geben. Er bildet die Ankunft in Japan und die jüngere Vergangenheit ab. Viel Spaß beim lesen.

Japan, Fukuoka, Heimat. Nie zuvor, habe ich das derart intensiv empfunden. Bin ich keine Deutsche mehr? Deutschland hat mich tief geprägt. Dafür werde ich auf ewig dankbar sein. Aber ich bin und bleibe Japanerin. Und so ist es gut.

Die Tante, der Onkel und meine Eltern erwarten uns in Fukuoka. Die Begrüßung ist für japanische Verhältnisse herzlich. „Hallo mein kleines Mädchen“, höre ich meine Mutter sagen. Hat sie etwa Tränen im Gesicht? Mein Papa schmunzelt, als ich „Hast du mich vermisst, Väterchen?“, frage.

Yuki freut sich ebenfalls. Familie ist nun mal wichtig, das habe ich schon immer gesagt. Und Yuki gehört ganz selbstverständlich dazu. Meine Cousine wird sofort von allen bemuttert. Die verlorene Tochter ist heimgekehrt. Wird die Therapie halten? Alle hoffen es.

Die Mädchen sind müde aber glücklich, so viele bekannte Menschen zu sehen. Ken wirkt traurig. Sein Freund hat sich feige per SMS getrennt. Manche Menschen sind einfach nur Idioten. Aber Ken schüttelt den Kopf, als ich meine Hilfe anbiete.

Glück und Tränen

Yuki vermisst ihre Eltern. Das war schon in Santa Barbara so. Was sie nicht weiß, die beiden sind längst in Japan angekommen. Kurz darauf fließen bei Elfchen die Tränen vor Glück und ihre Mutter weint gleich mit. Was die nur immer haben! Ich bin natürlich völlig cool.

Es fühlt sich ungewohnt und doch richtig an, um diese Jahreszeit in Japan zu sein. Ich mache einige schlechte Bilder der vorweihnachtlichen Hakata Station. Die spinnen meine Japaner! Aber so sind wir, traditionsbewusst und doch Neuerungen aufgeschlossen. Und auch Santa Claus habe wir natürlich adoptiert.

Es gibt viel zu erzählen, die Zeit vergeht wie im Flug. Nach einer kleinen Ewigkeit landen wir todmüde im Bett. Ich träume klar und laufe über verschneite Wiesen. Neben mir freut sich die Inari. Auch sie werde ich besuchen. „Du bist zu Hause, Mayumi“, sagt sie leise. „Ich freue mich auf dich.“

Dojo

Die Tage vergehen, im Dojo assistiere ich meinem Vater, der plötzlich die höheren Kata von mir sehen will. Was hat er nun schon wieder vor? Ich tue ihm den Gefallen und laufe sie perfekt. Nur die amtierende Weltmeisterin kann das noch besser.

Aber die, um einen Vergleich mit Autorennen zu ziehen, fährt in der Formel 1. Ich nur in der Oberliga. Die SchülerInnen schauen fast ehrfürchtig zu. „Das ist doch keine Meisterschaft!“, liegt mir auf der Zunge, aber ich verkneife mir den Satz. Manchmal kann auch ich ein Engel sein.

Es macht Spaß in Japan zu trainieren. Alles ist vertraut und doch ganz anders. Disziplin wird hier bewusst gelebt. Im Ausland wird Karate oft mit Kickboxen gleichgesetzt. Ein Fehler, der fatale Folgen haben kann.

Traditionelles Karate kennt keinen Erstangriff, aber die Verteidigung ist effektiv. Der aus dem Karate entstandene Sport lässt den spirituellen Hintergrund vermissen. Salopp ausgedrückt prügelt man sich dort nur.

Der Test

Bekanntlich ist mir ein Teil der Wartezeit zum 4. Dan erlassen worden. Alles ist möglich, wenn man das von offizieller Seite will. Yuki wird für den 1. Dan geprüft. Sie ist ein wenig aufgeregt, aber guter Dinge. Und dann ist es endlich soweit.

Ich verzichte auf die Einzelheiten der Prüfung, die wären nur für wirkliche Kenner interessant. Yuki besteht mit Bravour. Ich habe die Ehre ihr den Schwarzen Gürtel umzubinden. Sie war schon immer (m)eine Meisterin. Nur auf den Kuss muss ich verzichten. Manche Regeln gelten auch für mich.

Dann bin ich an der Reihe. Unter kritischen Blicke zeige ich mein Können, beantworte Fragen und erkämpfe mir den Weg im Kumite. Wie immer muss ich mich zügeln und darf keine fremden Techniken nutzen. Normalerweise mache ich das instinktiv.

Hochkonzentriert beende ich den letzten Prüfungsteil. Plötzlich gibt es eine unerwartete Pause. Ist irgendwas passiert? Man bittet mich um einen Augenblick Geduld, die Prüfer beraten sich.

Kein Zweifel

Ich habe keinen Zweifel, dass ich bestanden habe. Aber etwas geht hier vor, das ich nicht auf der Rechnung habe. Ein älterer Sensei mit freundlichen Augen winkt mich herbei. Neben ihm sitzt mein Vater und der Rest der Kommission.

Japaner haben die Fähigkeit völlig ausdruckslos zu blicken. Das kann ich besser und schaue ungerührt zurück. Bei meinem Vater hat das noch immer in einem Schmunzeln resultiert. Man(n) teilt mir mit, dass ich die Prüfung bestanden habe. Plötzlich kommt ein „Aber …“

„Ihre Leistungen sind außerordentlich“, beginnt der alte Mann. „Wir haben das sehr ausführlich geprüft und auch wenn Sie normalerweise aufgrund ihres noch jungen Alters und der soeben erst bestandenen Prüfung zum 4. Dan, die Voraussetzungen für den 5. Dan nicht erfüllen, wird es, auf Antrag ihres Lehrers, eine Ausnahme geben. Sind Sie bereit?“

Yukis fassungsloses Gesicht werde ich nie vergessen. Für einen Moment spüre ich einen kleinen Stich im Bauch. Dann blicke ich in die Augen meines Vaters. „Du verdienst es!“, lese ich dort und er nickt mir aufmunternd zu. Einige Stunden später erhebt er mich in die Meisterklasse.

Meisterlich

Dan-Grade zu überspringen ist eine absolute Ausnahme und war lange verpönt. In meinem Fall und das erklärt man mir auch, ist es die lange Trainingszeit, meine überzeugende Darstellung der Techniken und mein Wissen, die diesen Schritt erst möglich machen.

Vermutlich liegt es auch daran, dass man Nachwuchs braucht und daher fördert. Und so ein wenig ist es Respekt vor meinem Vater, der immerhin einer Berufung folgte und die Jugendauswahl für Olympia trainiert.

Auch zahlt sich aus, dass ich bei meinen zahlreichen Seminaren immer „Gōjū-Ryū Karate“ unterrichtet habe. Zumindest auf dem Papier. Jetzt verstehe ich endlich, warum Schlitzohr Papa Kopien davon wollte. Diese Seminare werden als außerordentliche Leistung gewertet.

Ich brauche keinen Dan, als Aushängeschild, aber diese Ehrung erfüllt mich mit Stolz. Wer nun glaubt man habe mir diesen Gürtel geschenkt, der hat keine Ahnung von Karate! Die Prüfung war ultrahart, jeder Schritt, jede Antwort musste stimmen.

Eigentlich, das sagt man mir auch, hätte es keiner Prüfung bedurft. Wieder war es mein Vater, der genau darauf bestand. „Um Vorteilnahme auszuschließen“, erklärt er mir später. Das finde ich gut, er hätte mir den Gürtel auch schenken können, Dan Grade können in Ausnahmefällen ohne technische Prüfung vergeben werden.

„Und was erwartest du dafür?“, will ich von meinen Vater wissen, als wir wieder zu Hause sind. „Dass du eine gehorsame Tochter bist“, kommt seine Antwort wie aus der Pistole geschossen. Er flüchtet, als er meine Blicke sieht und meine Mutter lacht. Das ist japanischer Humor, wie ich ihn gern mag.

Der 5. Dan bedeutet für mich, dass ich nicht länger Schülerin bin. Ab dieser Stufe zähle ich zur Meisterklasse, wo mein Vater schon lange zu Hause ist. Er ist mächtig stolz, das kann er kaum verbergen. Auch auf Yuki, die er wie eine zweite Tochter liebt.

Japan, Fukuoka, Heimat. Nie zuvor, habe ich das derart intensiv empfunden. Ich bin zu Hause angekommen. Frohe Weihnachten euch allen. Wir lesen uns, das ist doch klar.

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Lichter der Großstadt – Teil 3: Tai Chi

In den USA zu leben ist einfacher, als viele glauben. Zwar ist alles größer und die Erde bebt, aber wir gewöhnen uns schnell daran. Auch die Zeitumstellung haben wir mittlerweile verkraftet. Und unser Englisch passt auch ins Bild. Niemand erwartet, dass wir perfekt sprechen. Aber wir machen das ganz gut.

Die Frage wo wir leben werden, hat Ally gelöst. Mir ihr und Heather abzuhängen macht Spaß. Daher entscheiden wir uns für Santa Barbara und pendeln nur ab und zu nach L.A. Auch die Trainingsfrage ist kein wirkliches Problem. Im Januar geht es los.

Der Flirt

Die Silvester Party wird kleiner, als letztes Jahr. „Wir haben ein Dutzend Mädels eingeladen“, erklärt mir Ally. „Vermutlich wird nur die Hälfte kommen.“ Kurz schaue ich ins Netz, die Nachrichten aus Deutschland wecken erneut meinen Zorn. Köln reloaded? Zumindest ist die Polizei vorbereitet.

Unvorbereitet trifft mich der Flirtversuch einer Frau, die mehr als nur Smalltalk will. Sie gibt mir deutlich zu verstehen, was sie nun erwartet. Und das ist kein harmloser Kuss. Die Situation amüsiert mich, ich bin gegen solche Offerten gefeit. Schon so manches Mädel, ist an meinem ausgestreckten Arm verhungert.

Und da gibt es noch Elfchen, die urplötzlich richtig eifersüchtig wird und der Süßen einige Takte steckt. Wer Yuki einmal zornig sah, der wird das kaum vergessen. Nur ich kann böser gucken. Zwar besteht keine Gefahr, dass wir uns betrügen, aber „Ich musste das jetzt tun!“, hat Yuki gesagt und meine Hand genommen. „Du bist meine Frau!“

Es sind diese kleinen Momente, die unsere Liebe noch tiefer machen. Ein Seitensprung? Wozu? Als Teenager und Twen, war ich weniger wählerisch. Ich habe gezielt (aus)gesucht und ziemlich schnell vergessen. Ohne erhobenen Zeigefinger muss ich ganz klar sagen, Dreier funktionieren nicht.

Dein Karate, mein Karate

Wir gönnen uns nach der Party einen Tag Pause und suchen dann ein Dojo auf. Sensei Wade ist Amerikaner, schon Ende Fünfzig und spricht etwas Deutsch. „War ich in die Stadt Kaiserslautern stationiert.“ Er lacht, als er sich bei den Worten fast die Zunge bricht. „That was a long, long time ago!“

Seine Schüler sind vorwiegend Teenager und schon nach zwei Tagen helfe ich beim Training aus. Wade unterrichtet Shotokan-Karate, ist aber sehr an meinem Stil interessiert. Begeistert nickt er, als ich die Unterschiede zeige. Die Teens sind Feuer und Flamme, dass sie eine „echte Japanerin“ trainiert. Haben wir neue Freunde gewonnen?

Schnell wird klar, dass Sensei Wade kein guter Trainer ist. Ihm fehlt der spirituelle Hintergrund. Alles was er zeigt basiert auf Kraft, womit er bei mir keinen Blumentopf gewinnt. Er kümmert sich meist nur um seinen Neffen Steven, der ein besonderes Kaliber ist.

Steven hat schon mehrere Pokale gewonnen und trainiert für die US-Meisterschaft. Aber vorher gilt es die Qualifikation zu meistern. Ein Turnier steht bevor, zu dem wir eingeladen sind. Wir werden Zeuge recht mäßiger Kämpfe. Selbst Steven ist weit von wirklicher Klasse entfernt.

Ein Chinese weckt mein Interesse. Der junge Mann zeigt keine Schwächen. „Tai Chi“, sage ich und Yuki schaut überrascht. „Das wird spaßig werden“, füge ich hinzu. Feng, so der Name des Kämpfers, dominiert seine Gegner locker. Während sich Steven seinen Weg ins Finale prügelt, weicht Feng nur aus, um dann blitzschnelle Treffer zu setzen.

And the winner is …!

Es kommt wie es kommen muss, Steven steht Feng im Finale gegenüber. Ich ahne das Desaster und behalte recht. Steven ist zu unbeherrscht und hat zu viele Lücken in der Deckung, die Feng eiskalt nutzt. Ich nicke anerkennend als er ernst macht und sein ganzes Können zeigt.

Steven hat nie eine Chance und verliert den Kampf. Ein Raunen geht durch die Halle, als er Fengs ausgestreckte Hand zur Seite schlägt. Als schlechter Verlierer erweist sich auch Wade, der Protest gegen die Wertung einlegt. Angeblich wegen Regelverstoß.

Die Jury berät, man schaut sich das Video an und entscheidet gegen Steven. „And the winner is still …!“, höre ich. „Zu Recht“, sage ich, als Steven auf dem Weg nach Hause immer weiter lamentiert. „Du hast verloren, nimm es als Lektion für dich an.“

Über sein „Fuck you Bitch!“, habe ich gelacht und „Loser“ zu ihm gesagt. Das Wort trifft härter, als (m)ein Kick, den er klugerweise vermeidet. Wütend schlägt er die Tür seines Wagens zu.

Wade ist der Vorfall unangenehm, aber meine Entscheidung steht bereits fest. Wir werden nicht mehr zu seinem Training kommen. „Aus der Niederlage zu lernen macht wahre Sieger aus,“ gebe ich beiden noch mit. „Feng war um mehrere Klassen besser.“

Tai Chi

Ich erzähle Ally später wie schlecht sich Wade und Steven verhielten. „Ich kenne Feng“, sagt sie. „Er hat seit letztem Jahr ein kleines Dojo in der Stadt. Wir waren dort, aber es gab zu viele Männer. Wie ich hörte sind die meisten schon wieder weg.“

„Ach?“, sage ich, „hat euch der Virus gepackt?“ Die beiden lachen und bejahen meine Frage. „Wir wollten euch damit überraschen.“ Am nächsten Tag zeigt sie mir Fengs kleines Reich. Es sind noch keine Schüler da, er selbst kniet in einer Ecke. Als er uns sieht legt er den Schraubenzieher weg. „Eine Steckdose ist kaputt“, erklärt er. „Was kann ich für euch tun?“

Um einer Legende vorzubeugen, er hat uns nicht sofort als Japanerinnen erkannt. Aber als potenzielle Schülerinnen. „Chen Stil?“, frage ich als Antwort und er schaut überrascht. „Ja“, sagt er, „du kennst Tai Chi?“ Ich nicke. „Ich habe es vor Jahren gelernt.“

Fengs Lachen macht einem fast ehrfürchtigen Gesichtsausdruck Platz, als ich davon erzähle. „Sifu Wu ist eine Legende!“, sagt er. „Na, ob sie das auch so sieht?“, frage ich schmunzelnd und Feng lacht schon wieder. „Vermutlich nicht“, sagt er. „Sie soll sehr bescheiden sein.“

Feng ist in Taiwan geboren, lebt aber seit vielen Jahren in den USA. Er hat kaum Akzent und beherrscht auch das „R“ und „L“ meisterhaft. Ich übrigens auch, aber das habt ihr bestimmt gewusst.

„Karate!“, sagt Feng, als ich von meinem Hintergrund erzähle. „Warum kommt ihr dann zu mir?“ Er wirkt nachdenklich, als ich Steven und Wade erwähne und dass ich den Kampf gesehen habe.

„Ich bin Steven schon auf einem anderen Turnier begegnet“, höre ich. „Schon damals war er ein schlechter Verlierer. „Er schlägt ohne Verstand“, sage ich. „Deine Konter waren gut.“

Asian Nation

Feng hat Informatik studiert. Tai Chi war bisher nur ein Hobby. „Ich finde einfach keinen Job in dem ich es länger als einige Wochen aushalte“, verrät er uns. „Also habe ich all mein Geld in diesen Club investiert. Das Haus (ein ehemaliger Laden) habe ich gekauft, es ist aber leider alt und vieles reparaturbedürftig.

Wir fachsimpeln eine Weile, bis seine SchülerInnen kommen. Feng lädt uns auf ein kostenloses Training ein. Was er zeigt ist wirklich gut und wir machen tapfer mit. Ich freue mich nach all der Zeit wieder Tai Chi zu üben. Auch wenn die Unterschiede zu Karate heftig sind.

Lustig wird es, als Feng lockeres Sparring mit seinen SchülerInnen macht. Sie sind alle ohne jede Praxis, nur Yuki und ich haben einen Kampfkunst Hintergrund. „Wehe du haust mich wieder!“, sagt sie aus Spaß, was ich mit einem Lächeln quittiere, das ich angeblich der Sphinx abgeschaut haben soll.

„Wollen wir?“, fragt Feng nach einer Weile und schaut mich an. „Aber bitte sei nachsichtig mit einem alten Mann!“ Der Witz, er ist mit 27 sogar noch etwas jünger als ich. Im Training habe ich oft mit Mann zu tun (gehabt). Kraft gegen Geschwindigkeit.

Kung Fu (Wushu) mit Karate in einen Ring zu stellen, wird niemals funktionieren. Was in einem Ring gezeigt wird, läuft meist auf Kickboxen hinaus. Und zwar von beiden Seiten. Ein guter Kung Fu „Kämpfer“ wird einen mittelmäßigen Karateka schlagen. Umgekehrt trifft das ebenfalls zu.

Fengs Stärke ist der Infight. Aber den kann ich genau so gut. (M)Ein Fehler wäre es, sich genau darauf einzulassen. Außerdem machen wir nur Spaß. Aber als er meinen Arm greift und mich zu Boden werfen will kontere ich mit einem (fast) klassischen O-Goshi (Hüftwurf).

Ich kontrolliere danach noch seinen Arm und Feng gibt lachend auf. „Aikijujutsu“, erkläre ich, als er danach fragt. In Japan gibt es die (Un)Sitte, dass man Gäste bei Spielshows gewinnen lässt. Ob ich das in diesem Leben noch lerne?

Zwei wirkliche Meister neutralisieren sich meist. Gegen Fengs „schiebende Hände“ benutze ich Wing Chun. Gefolgt von einem Tritt´aus nächster Nähe zum Kopf. Natürlich will ich niemand verletzen, also habe ich abgestoppt. Feng nickt anerkennend. „Das hätte Steven machen sollen!“, sagt er. „Ich habe das schon gesehen. Woher stammt der Kick genau?“

Ich erzähle von Cousin Ken, der Kyokushin Karate trainiert und dass ich das im Sommer ebenfalls oft mache. „Oh, das ist ein harter Stil“, stimmt mir Feng zu. „Die gewinnen regelmäßig die Turniere.“ „Jeder ist zu schlagen“, erwidere ich. „Ich kann dir zeigen wie.“

Gezeigt hat sich, dass es Verständnis über Ländergrenzen geben kann. In den nächsten Tagen üben wir Tai Chi und lernen auch chinesischen Schwertkampf kennen. Im Austausch versteht sich, ich zeige Feng japanisches Kenjutsu.

Feng freut sich über vier neue neue Schülerinnen, die, zu seinem Leidwesen, alle lesbisch sind. Aber das hat er nur im Spaß gesagt und (gespielten) Ärger mit seiner Freundin bekommen, um die es unter anderem es in der übernächsten Folge geht. Es bleibt spannend, wird aber erst einmal „Automobil.“ Detroit Motorshow, wir kommen!

Noch ein Hinweis, um Missverständnissen vorzubeugen, die „Lichter der Großstadt“ Beiträge sind nie aktuell und bilden Ereignisse aus der näheren Vergangenheit ab. In Detroit waren wir zum Beispiel letzte Woche.

Das ist Kenjutsu!

Japan, die Samurai und ihre Schwertkunst, sind vielen Menschen ein Begriff. Die scheinbar unschlagbare Technik der Samurai, hat schon immer fasziniert. Aber was genau ist diese Kunst. Das soll dieser Artikel klären.

Samurai beherrschten die Kunst des Kenjutsu. Aber Kenjutsu ist nur der Oberbegriff aller Formen der japanischen Schwertkunst, insbesondere jener Disziplinen, welche vor der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) entstanden sind. Die heutigen Formen des modernen Kendō und Iaidō, die im 20. Jahrhundert entstanden, haben ebenfalls ihren Ursprung zu dieser Zeit. (Quelle Wikipedia)

Schon sehe ich große Fragezeichen in den Augen meiner LeserInnen leuchten. „Ist Kendō keine Kunst?“ Wie schon in meinen Artikeln über Karate und Aikido, gibt es auch beim Schwertkampf den gleichen Unterschied. Kendō ist quasi die Sportvariante des alten Stils.

Wie beim chinesischen Wushu (Kung Fu) und dem Karate, steht Kenjutsu nicht nur für einen Stil. Auf Anhhieb fallen mir locker zwei Dutzend Schulen ein, die miteinander konkurrieren. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Jede ist auf ihre Weise gut. Und bei Vergleichen gewinnt immer nur der besser trainierte Kämpfer. Und das kann auch ein HEMA Fechter sein.

HEMA ist der Oberbegriff der Historical European Martial Arts. Aber davon vielleicht ein andermal mehr. Erwähnt habe ich HEMA lediglich, um die immer aufkommenden Diskussionen, wer bei einem Zweikampf (europäischer) Ritter gegen einen Samurai gewinnt, kurz anzusprechen.

Die Antwort ist ganz einfach. In voller Montur (Rüstung) bei gleichen Fähigkeiten, wird der Ritter gewinnen. Im Gegensatz zu anderen Experten sage ich, dass es nicht am Waffenstahl liegt, einzig die bessere Rüstung macht den Unterschied. Bei einem Kampf ohne Rüstung, ist der Sieger nicht vorauszusagen. Vielleicht hätte der Samurai gewonnen, wenn er noch in Aikijujutsu ausgebildet war.

Als ich vor einigen Jahren meinen Blog erstellte, hatte ich bewusst nur meine Ausbildung in Kendō erwähnt. Ich wollte Leser nicht mit Details verwirren. Nun reicht der Stammbaum meiner Familie bis in die Zeit Oda Nobunagas und weiter zurück. Sie war allerdings dem Tokugawa Clan verpflichtet, aus dem der legendäre Shogun Ieyasu Tokugawa hervorgegangen ist.

Vielleicht Schicksal, mit Sicherheit aber ein Glücksfall. Auf der Gegenseite hätten meine Vorfahren nicht überlebt. Aufzeichnungen belegen, dass meine Familie unter anderem im Yagyū Shinkage-ryū Stil unterrichtet worden ist, aber auch andere Schulen kannte. Yagyū Muneyoshi, der Namensgeber, hat diesen Stil am Hof des Shoguns etabliert.

Wenn ich unter anderem schreibe, muss ich auch Miyamoto Musashis Niten ichi-ryu Stil nennen, in dem Kurzschwert Langschwert gleichzeitig zum Einsatz kamen. Zwar wird gern behauptet, dass Musashi diese Form erfunden hat, so ganz richtig ist das aber nicht. Einen ähnlichen Stil gab es schon früher und auch die legendären Ninja haben ihn zum Teil benutzt.

Als Mädchen, habe ich die Zweischwerttechnik gern benutzt.  Der Grund war simpel, ich konnte dabei schummeln. Wenn ich am verlieren war, habe ich einfach das Kurzschwert geworfen. „Wie kannst du nur, Mayumi!“ Ich konnte, das habe ich von Musashi gelernt. Sieger: Ich.

Mein Vater hat mich gern im Schwertkampf unterrichtet. Scherzhaft habe ich als Teenager gesagt, dass er mich da endlich mal verhauen kann. Es fällt schwer meinem Vater aus der Reserve zu locken, aber mit dem Satz habe ich ihn zum Lachen gebracht.

Kann nun, bei gleichen Fähigkeiten, ein Kendō Fechter einen Kenjutsu Meister schlagen? Die Antwort ist ein klares Nein. Im Kendō sind nur noch wenige Angriffe und Formen zugelassen. Kenjutsu ist die komplette Kunst, die bitte nicht wörtlich zu nehmen ist.

Kenjutsu ist eine effektive Art den Gegner zu besiegen. Und das endete meist mit dem Tod. Katanas schlagen schreckliche Wunden. Die Samurai haben das meist an Bambus geübt, der die gleiche Konsistenz wie menschliche Knochen hat. Aber auch an Verbrechern. Und das war nicht besonders nett.

Vergleiche mit anderen Fechtstilen fallen immer schwer. Auch in China gab es gute Kämpfer. So war ein im Wudang Schwertstil ausgebildeter Chinese einem Samurai zumindest ebenbürtig. Und die chinesischen Jian Schwerter sind ebenfalls sehr gut. Ich werde das eines Tages testen.

In verschiedenen Martial Arts Filmen werden gern Kämpfer gezeigt, die mit Kurzwaffen gegen einen Samurai antreten, diesem minutenlang Paroli bieten und letztlich besiegen. Das sollte man besser als das sehen, was es auch ist: ein Film.

Es mag durchaus Menschen gegeben haben, die einen nur mäßig begabten Samurai entwaffnen und besiegen konnten. Allein schon von der Länge der Klinge sollte jedem der Sieger eines solchen Duell klar sein. Der Samurai hätte seinem Gegner die Hand abgehackt und ihn dann lässig aufgeschlitzt.

Eine kurze Erwähnung verdient auch noch Iaidō, das sich aus dem Iaijutsu oder Battōjutsu entwickelt hat. Ich habe so meine Probleme damit, es als eigenen Stil zu sehen. Iaijutsu / Iaidō ist nichts anderes als die Kunst des Schwertziehens und dieses noch in der Bewegung zu nutzen. Japanische Regisseure haben das gern in ihren Werken gezeigt.

Unter anderem wird Iaijutsu auch in den Zatoichi Filmen präsentiert. Der blinde Held zieht dort meist blitzartig sein Schwert und tötet Gegner noch in der Bewegung. Kenjutsu dagegen sind alle Techniken, die mit bereits gezogener Waffe ausgeführt werden.

Ich habe lange auf youtube gesucht und mich dann für ein Video entschieden, das die effektive Art des Kenjutsu auch für Laien deutlich macht. Auf Show wird dabei verzichtet. Was in dem Video gezeigt wird, wäre im Ernstfall tödlich.

 

Die Stadt der Engel – Teil 2: Atemlos

Auch im Urlaub ist stets Training angesagt. Aber wir brauchen kein großes Dojo. Japan ist zu Gast bei Freunden. Makiko und ihren Mann Jiro kenne ich schon lange. Die beiden haben früher in Düsseldorf gelebt und waren „Tante“ und „Onkel“ für mich. Sie sind im Alter meiner Eltern und haben drei erwachsene Kinder. Vor 5 Jahren haben sie Deutschland in Richtung Amerika verlassen. Japan hat gerufen, Onkel Jiro ist Diplomat.

Aber er versteht sich nicht nur auf Höflichkeiten und Protestnoten überreicht er keinesfalls. Der Mann arbeitet als Head Securtiy für andere Diplomaten. Böse Zungen – meine! – behaupten, er sei ganz einfach ein Spion. Aber der Mann kann Karate, versteht von EDV gleich noch viel mehr und hat Jura studiert. Und mich findet er immer noch zu frech.

Mit meiner sexuellen Orientierung hat er kein Problem. Er hat sie, wie viele Japaner, ganz einfach ignoriert. Das fällt ihm heute schwer, Yuki ist kaum zu übersehen. Aber er lächelt und redet mir ihr, wie man mit einer Nichte spricht. „Yumi war ein sehr ungewöhnliches Kind“, erinnert er sich und lächelt verschmitzt. „Sie wollte immer Dinge wissen, die andere Frauen mieden.“

Wir trainieren mit Onkel Jiro und prompt lege ich ihn auf die Matte. „Das“, sagt er und verdreht die Augen, „hat sie früher schon gemacht. Sogar ihren eigenen Vater, ist das nicht ein Skandal?“ Ich schaue ungerührt zu, wie er wieder auf die Beine kommt. „Wenn ihr auch so langsam seit!“

Die Einladung zum Abendessen kann ich kaum ablehnen. Immerhin sind wir auch wegen Onkel Jiro hier. Nur dort wohnen wollen wir nicht. Freiheit ist wichtiger, als „familiäre“ Bande. Während wir über Geschäfte sprechen, erwacht mein internationales Ich. Deutschland ist nur eine Erinnerung, ein Schatten längst vergangener Zeiten.

LA frisst dich mit Haut und Haaren auf, wenn du deine Seele öffnest. Hier lebst du anders. Schneller und atemlos. Wir fahren durch eine bunte Neonwelt. Lichter der Großstadt. Gehören wir hierher? Der Verkehr ist dicht, die Kreuzungen komisch. STOP-Schilder haben in Amerika andere Regeln.

Aber was sind Regeln, wenn du sie nicht brechen kannst. Und wie denken genau das zu tun. 2016 wird ein anderes Jahr für Elfchen und mich. LA ist der Anfang. Skandinavien steht auch wieder vor der Tür. Aber es geht noch weiter. China lockt und Japan noch viel mehr. Auch dort wollen wir mehr Zeit verbringen.

Ja, die Reisetanten fliegen. Vorerst fliegen wir auf Los Angeles und tauchen tiefer ein in die Stadt der Engel. Der Walk of Fame ist auch am Abend sehenswert. Aber wo bitte ist mein Stern? Elfchen lästert, dass ich mir den noch verdienen müsse. Was richtig ist, sie ist mein Star.

Du musst in LA genau wissen wohin du willst, ansonsten verpasst man alles Gute. Einkäufe zu Fuß erledigen? Dream on! LA ist eine Autostadt. Daher ist ein Plan wichtig. Und Tipps von Freundinnen. Geld auch. Billig sind nur die anderen. In der Stadt der Engel regiert das Geld.

Das Nachtleben in Los Angeles, ist schon allein eine Reise wert. Und „The Girl Bar“ durchaus eine Sensation. Aber ich brauche keine Privatvorführung von Tänzerinnen, die nur hungrig auf Dollarscheine sind. Die Süße zieht beleidigt ab, wird aber ihren Schnitt machen. Ich sowieso, für mich tanzt immer eine heiße Elfe. Oder ich für sie. Da wechseln wir uns ab.

Im Hotel wieder die gleichen Gesichter. Aber wir sind zu müde, um uns zu unterhalten. Immerhin haben wir nun den Respekt der Mädels, die glauben dass wir beide Karate-Champions sind. Wir lassen sie in dem Glauben und wollen einfach nur ins Bett. Morgen ist ein neuer Tag über den ich gern berichten werde. Dann wird es heilig. Also fast, wenn wir ins Kloster gehen.

 

Der Mann, der kein Karate konnte

Lügner und Betrüger hat es schon immer auf der Welt gegeben. Wenn Menschen einen Vorteil wittern, schlagen sie hemmungslos zu. Sinnbildlich versteht sich. Einige auch mit brutaler Gewalt. Aber um Gewalt geht es in diesem Artikel nicht. Auch, wenn sie Teil unseres Lebens ist.

Im Karate gibt es Gürtel, die den Leistungsstand repräsentieren. Schwarz trägt nur der Meister, der bis zum 5. Dan selbst Schüler ist. Schwarz trägt auch ein neuer Schüler, der seit 10 Jahren Meister ist. Sagt er und legt eine Urkunde aus Malaysia vor, die niemand entziffern kann. Gleichzeitig aber auch ein Attest vom Arzt. Bandscheibe kaputt, das tut weh!

Angeblich ist der Mann in Hongkong geboren. Aber Kantonesisch spricht er nicht. Er ist Brite mit deutschem Pass und deutscher Mutter. „James heiße ich“, sagt er locker, „aber ihr könnt mich gern Jimmy nennen. So wie mein großes Vorbild, Jimmy Wang Yu.“

Die wenigsten meiner LeserInnen dürften diesen Namen kennen. Aber Wang Yu, war wirklich einst „Der Mann aus Hongkong.“ Er war auch „Der einarmige Schwerkämpfer“ und hat eine Menge Martial Arts-Filme gedreht. Alle auf seine eigene Art. Ich habe niemals einen schlechteren Martial Artist gesehen. Der Mann konnte nichts, das aber richtig gut.

Wang Yu’s Stärke war sein Charisma. Aber wer ihn ungelenk durch alte Filme hopsen sieht, wird meist laut lachen. Wang Yu konnte weder Karate, noch irgend eine Form des Kung Fu. Nur sein Schwertkampf war passabel. Offenbar hat er darin einst Unterricht gehabt. Der Rest war Straßenkampf und einstudierte Schläge.

Der Sensei akzeptiert Jimmy, aber der steht meist im Hintergrund. So gut wie nie nimmt er richtig am Unterricht teil, spart aber nicht mit klugen Sprüchen. Ich bin damals 19 Jahre alt. Es war meine wilde Zeit. Und doch war ich bereits gut darin Betrüger zu entlarven. Wie Jimmy, der nur ein Schauspieler ist.

Meine Chance kommt nach einigen Wochen, als ich den Sensei wegen Verspätung vertreten darf. Wie immer sitzt Jimmy im hintersten Winkel und feuert die anderen Schüler an. Als ich ihn bitte mir zu assistieren, wird er unruhig und will plötzlich gehen. „Ich habe noch einen Termin“, murmelt er. Was nach 20 Uhr am Abend kaum vorstellbar ist.

„Ich brauche doch nur 5 Minuten“, sage ich lächelnd. „Du würdest mir mit deiner großen Erfahrung sehr helfen.“ Jimmy wird bleich, Schweiß tritt auf seine Stirn. Ich habe ihn und er weiß das ganz genau. „Wenn du uns die Sesan-Kata zeigen könntest, ich werde dann dazu etwas erklären.“

„Ja, aber meine Bandscheibe“, protestiert Jimmy schwach. „Ich weiß nicht, ob mein armes Kreuz hält.“ Ungerührt blicke ich den erbärmlichen Lügner an. Dann trete ich blitzschnell zu. Jimmy macht keinen Versuch auszuweichen, er hat den Kick nicht kommen sehen. Keinem Meister wäre das passiert. Das wars mein Junge, du bist blamiert.

Jimmy sitzt verdattert auf dem Hosenboden und meine Schüler sind fassungslos. Unruhe macht sicht breit. Wütende Rufe, der Zorn regiert. „Zieh diesen Gürtel sofort aus“, sage ich bestimmt. „Du bist nur ein Lügenmeister.“ Unser Sensei rettet die Situation und erspart dem Entlarvten weitere Schmerzen. Körperlich. Sein kleines Ego leidet schwer.

Mit knappen Worten informiere ich den Sensei und er nickt. „Meine Schuld“, sagt er zerknirscht. „Ich habe so etwas schon geahnt und wollte es nur nicht sehen. Aber du leitest heute das Training. Entscheide du.“ Ich nicke und gehe drohend auf Jimmy zu. „Warum“, will ich wissen, „was soll dieses Theater?“

Jimmy geht auf die Knie und verbeugt sich immer wieder. Er stottert, versucht sich zu erklären. Unwirsch nehme ich den Gürtel aus seiner Hand. „Ich … ich habe Karate immer geliebt“, flüstert der Lügner. „Ich wollte doch nur so so sein wie Wang Yu!“ „Ein Mann, der kein Karate konnte“, erwidere ich kalt. „Bravo, das hast du geschafft.“

Abenteuer Japan – Teil 6: Okinawa-Te

Japan ist ein Land voller Mythen und Legenden. Durch Jahrhunderte der Abschottung, hat sich eine einzigartige Kultur entwickelt. Der Rest der Welt steht Japan gespalten gegenüber. Anime und Manga lieben alle. Auch, das aus Japan stammende Karate. An dieser Stelle dann ein harter Schnitt, denn die Wurzeln des Karate liegen anderswo.

Wir sind zuück aus Shanghai. Wieder ist Fukuoka nur Zwischenstation. Die Reise geht weiter nach Okinawa. Dem Ort, an dem man wirklich Karate erfunden hat. Der Legende nach haben Shaolin-Mönche Kung Fu nach Okinawa gebracht. Dort soll sich ihre Kunst mit einheimischen Praktiken vermischt haben und die Urform des Karate war geboren, das „Te.“

In vielen (amerikanischen) Filmen, wird Karate brutal und als Angriff an die Zuschauer gebracht. Hollywood lässt grüßen. Mit dem wahren Geist, hat das wenig zu tun. Und der weht noch immer in Okinawa. Zwei Stunden dauert der Flug von Fukuoka. Mit dem Mietwagen geht es weiter ins Hotel. Davor lagen Mails und Telefonate, die unseren Besuch erst möglich machten.

Aber was unterscheidet Karate in Okinawa vom Rest der Welt? Ist es wirklich so viel anders? Mein Vater ist Meister im Gōjū-Ryū-Karate, dem harten und weichen Stil. Dessen Ursprünge liegen klar im „Weißen Kranich Kung Fu.“ Wir kennen die klebenden Hände, die auch im Wing Chun zun Alltag gehören. Und wir nutzen, Hebel, Würfe und Bodenkampf, wie im Aikijujutsu.

Der elementare Unterschied von Okinawa-Te (Okinawa-Karate) zu anderen Stilen sind die durchgehend defensiven Techniken. Das klingt zwar gut, stellt aber so manchen Schüler vor Probleme. Weniger wegen der Schierigkeit, aber diese Art des Karate ist für Männer gemacht.

Es wäre wenig klug für eine Frau, den harten Okinawa-Stil zu lernen. Die Philosophie von Block und Konter, ist nicht meine Welt. Ich kann als Frau keinen Schlag eines Muskel-Hünen (hart!) blocken und auf Unversehrtheit meiner Unterarme hoffen. Aber ich kann seine Kraft gegen ihn nutzen. Weich und effektiv.

Ein Dojo in Okinawa ist das „Heim“ des Meisters. Er ist hier Vater, Lehrer und ihm gebührt Respekt. Als wir das Dojo betreten und mit Herrn Tetsuhiro (Name geändert) sprechen, überreiche ich einen kleinen Obulus im Briefumschlag, den er natürlich erst viel später öffnet. Es geht um Respekt, der Meister will kein Geld.

Ich kenne mich und meinen rebellischen Geist. Daher habe ich bewusst nach einem Sensei gesucht, der die alte Okinawa-Schule lehrt. Davon, Schienbeine, Unterarme, Genitalien abzuhärten, hält der Sensei wenig. Noch weniger von Bruchtests. Wie mein Vater ist er der Meinung, ein Brett schlage nicht zurück. Was ich unterschreibe.

Wer nun glaubt ich könne keine Ziegel, oder Bretter zerschlagen, der irrt. Aber muss ich es auch machen? Herr Tetsuhiro lehrt einen Stil, der vor einigen hundert Jahren Standard war. Wozu hohe Tritte, fragt er in die Runde. Der Stand werde davon instabil. Angesprochen sind dabei westliche Gäste, die aus dem Kickboxen und Sport-Karate kommen.

Die Hälfte seiner Schüler sind Europäer und Amerikaner. Und alle sind auf der Suche, wie ein lustiger Mexikaner später berichtet. Der Mann ist weit über 60 und seit 40 Jahren in Karate aktiv. Aber in Okinawa war er noch nie. Er habe hier mehr über sich und den Sport gelernt, sagt er, als in all den vergangenen Jahren.

Yuki ist skeptisch. Sie hat Videos vom Okinawa-Karate gesehen und wie hart Mann dort trainiert. Ich kann sie beruhigen. In diesem Dojo zumindest wird nicht geprügelt. Herr Tetsuhiro hat nur eine Frau als Schülerin. Und das ist seine eigene Tochter Hiromi. Sie soll und wird das Dojo später leiten. Und sie ist wirklich gut!

Mit Interesse schaut der Sensei auf meinen 3. Dan. Er will eine Kata von uns sehen und nickt am Ende. Wir sind willkommen. Let the Games begin! Wir trainieren überwiegend mit Hiromi, die sich gern um uns kümmert. Aber sie hat Respekt vor mir, der immer größer wird.

Der Grund ist die rasende Geschwindigkeit, mit der ich die Techniken adaptiere. Vieles kenne ich. Bei einigen Sachen bin ich skeptisch. Gegen westliche Boxer werden die nicht funktionieren. Da ist mein Stil dann effektiver. Aber ich bin hier nur Gast.

Wir bleiben 5 Tage und haben Spaß. Kein Stress, kein böses Wort. Nur Gleichgesinnte, die alle freundlich sind. Am letzten Tag will der Sensei uns testen. Er bittet seinen Sempai (ältester Schüler) das Kumite zu übernehmen. Unter den kritischen Blicken des Sensei fangen wir an. Werden Frauenhände wieder siegen?

Ich kann diesen Kampf nicht gewinnen, wenn ich nach den Regeln meines Kontrahenten gehe. Der wartet ab und überlässt mir den ersten Schlag. Aber ich bin lange genug im Karate, um alle Tricks zu kennen. Auch, dass man ein Duell mental gewinnen kann. Also mache ich so lange nichts, bis der Sensei nickt. „Gut“, sagt er. „Du hast verstanden.“

Was er meinte war, dass Karate niemals als Angriff genutzt werden soll. Er erlaubt aber doch, dass ich meine Kunst zeige. Mit Yuki. Elfchen schnauft gespielt empört und flüstert „Immer ich.“ Aber sie spielt mit und darf mich auch zu Boden werfen. Und dabei hat sie Spaß.

Spaß hatte ich auch, als ich diese Artikel schrieb. Vielleicht sind sie anders ausgefallen, als manche LeserInnen erwartet hatten. Aber es ist schwierig Japans Kultur in reinen Worten zu vermitteln. Wer mehr erleben will, der sollte Land und Leute vor Ort kennenlenen. Japan, ist immer eine Reise wert.

Mayumi Sensei

Manche Pläne sind die Gedanken nicht wert, die man daran verschwendet. Ich denke immer weiter, logisch und struk­tu­rie­rt. Emotionen, die haben doch nur die anderen. Mayumi Sensei aber nicht. Und mit diesen Worten komme ich zum Punkt und lehne die vermutlich lukrativste Offerte in meinem bisherigen Leben ab. – KLICK MICH –

Was ist geschehen, werden sich nun vielleicht meine LeserInnen fragen. Ist die olle Japanerin komplett verrückt? Ich kann euch beruhigen, nie ging es mir besser. Und daran ist auch wie immer meine Elfe schuld. Im positiven Sinn natürlich. Auch dafür liebe ich sie.

Ich bin immer meinen Weg gegangen. Unangepasst und als Kämpferin für die Rechte von Frau. Das ist mein Ding, da will ich hin. BWL war stets Sicherheit für mich. Nur ein Titel im Sam­mel­su­ri­um des Lebens. Aber soll das schon alles sein?

In meinem Kopf erscheinen die starken Frauen dieser Welt. Und auch ein Mann ist mit dabei. (Yoko) Okamoto Sensei und (Christian) Tissier Sensei möchte ich gern treffen. Die beiden lehren wahre Aikido-Kunst. Bewusst wähle ich die japanische Schreibweise von (Vor)Namen und Titel für diesen Blog. Traditionen sind ebenso wichtig, wie der Blick über den berühmten Tellerrand.

Graf Werner ist enttäuscht, als ich ihm die Absage gebe.
„Überlegen Sie es sich noch einmal“, bittet er.
Aber ich gehöre in kein Büro. Mein Büro, das wird (m)ein Dojo sein. Das ist fest beschlossen. Die nüchterne Frau Dr. Landar wird bald gehen. Mayumi Sensei aber bleibt. Ich werde Mädchen und Frauen meine Kunst vermitteln. Das wollte ich immer schon.

Mein Papa strahlt auf seine Art, als ich ihm davon berichte.
„Kleine Kriegerin“, sagt er leise und macht mich damit stolz.
Klein meint er nicht böse, es ist nur sein Kosewort.

Yuki und ich werden unser Leben leben. Anders und wenig angepasst. Mit unseren Kindern, die noch geboren werden. Beschlossen von uns und verkündet nun von mir. Im feinen Zwirn im Büro? Da sitzen nur die anderen. Mayumi Sensei lehrt.

 

Out with Dad

Es gibt eine kanadische Webserie, von der ich den Titel dieses Beitrags stibizt habe. Wer sie sehen mag, hier ist der Link: Out with Dad.  Out with Dad handelt von Rose Miller und ihrem Coming-out als Lesbe. Aber ich mag keine Geschichten über andere Menschen schreiben, ich schreibe selbst Geschichte(n über mich).

Wieder bin ich auf Zeitreise. Mayumi vor fünfzehn Jahren, einige Zeit nach meinem Coming Out. Der Ort ist unser Keller-Dojo in Düsseldorf, die Akteure mein Vater und ich. Nichts hat sich geändert seit ich meine Eltern schockte. Vielleicht geben sie mir nun noch mehr Aufmerksamkeit. Meine Mutter wirkt hilflos, verunsichert. Aber sie ist tapfer und mein Ego kann sie trösten. Verkehrte Welt.

Mein Vater ist wie immer, er bringt mir weiter Karate und Aikido bei. Natürlich hat er Fragen, natürlich ist es schwer für ihn. Aber im Gegensatz zu vielen anderen Eltern, haben meine nicht mit Unverständnis reagiert. Ich bin erleichtert. Aber Leidensdruck hat sich bei mir nie aufgebaut. Vom Moment der eigenen Erkenntnis und dem Coming Out gegenüber meinen Eltern, ist nur wenig Zeit vergangen. Das ist wichtig, das ist gut.

„Männer wollen Söhne haben“, sagt mein Vater unvermittelt. „Ein Sohn schreibt die Geschichte der Familie fort. Töchter verschlingt die Zeit. Von ihnen bleiben meist nur Kinder.“
Viele Frauen haben das Talent Worte falsch aufzufassen. Und vermutlich wären meines Vaters Worte ein Affront für sie.
Ich verstehe ihn besser, ich verstehe ihn gut.
Im Dojo gibt es auch Papier und Stifte, dort üben wir oft Kanji-Zeichen.
Lächelnd male ich Mayumi auf das Papier und reiche es meinem Vater.
Auch Töchter können schreiben. Und er versteht.

Ich kenne meinen Vater und weiß wie er denkt. Was er sagte ist nicht die Information. Es sind die unausgesprochenen Gedanken, der Ausdruck in seinem Gesicht.
„Ich würde dich um keinen Preis der Welt hergeben“, steht da. Und „Ich bin stolz auf dich.“
Ja, er hat mir das schon oft gesagt. Auf seine Weise. Männer können seltsam sein. Vor allem, wenn sie aus Japan sind.
„Hast du Angst mich zu verlieren?“, frage ich direkt.
„Ja“, sagt er nach kurzem Zögern. „Wir haben diese Angst. Ich weiß sie ist unbegründet. Wir wussten immer, dass du ein besonderer Mensch bist.“
„Ich bin immer noch ich“, sage ich. „Nichts hat sich geändert. Auch wenn ich nun weiß, was ich bin.“
Wissen ist Macht.

„Wir formen Kinder nach unserem Bild“, fährt mein Vater fort. „Wir erwarten, dass sie so sind wie wir. Oder noch ein Stück besser.“
„Bringst du mir deshalb Karate bei?“, erwidere ich im Scherz.
„Du wirst immer eine Rebellin sein und gegen etwas kämpfen“, sagt mein Vater. „Auch gegen die Dämonen in dir. Karate und Zen-Buddhismus werden dir helfen, um Ruhe zu finden.“
Mein unruhiger Geist hat in den Jahren des Trainings viel gelernt. Noch immer bin ich wilder, als die meisten Menschen. Und doch hat mir Budo viel gebracht.
Mein Coming Out war keine große Sache für mich. Kurz nachgedacht und dann nach vorn marschiert. Diplomatie ist anders, aber es war der richtige Schritt.

„Ich werde also keinen Schwiegersohn haben“, sagt mein Vater. „Das ist schon ärgerlich. Ich hoffte so, auch deinen Mann im Dojo zu begrüßen.“
Schalk blitzt in seinen Augen. Nur ich kann ihn sehen.
„Pech gehabt, lieber Papa“, erwidere ich frech.
„Dann werde ich deine Kinder trainieren“, beschließt er. „Du willst doch welche haben?“
„Papa!“, entfährt es mir empört. „Die Kinder bekommt natürlich meine Frau. Und du wirst dann zwei Töchter haben. Das ist doch kein Problem für dich?“
„Wenn ich sie auch unterichten darf“, sagt er augenzwinkernd. „Und nun konzentrier dich wieder. Es gibt noch viel zu tun.“
„Ja, Chef“, sage ich.
Und das habe ich nur zu ihm gesagt.

Die Beziehung zu meinen Eltern ist von Liebe und Respekt geprägt. Und auch, wenn ich meist von meinem Vater schreibe, sind die Gefühle für meine Mutter ebenso tief. Sie hat mich Sanftheit gelehrt, das liegt in ihren Genen. Dabei kann sie trotzden bestimmend sein. Meine Mutter hat mich wie Kuchenteig geformt. Nie mit Gewalt, immer mit einem Lächeln und sanfter Hand. Und nicht nur dafür liebe ich sie.

Mein Vater konnte durchaus etwas ruppiger sein. Im Nachhinein betrachtet, hat er mich oft wie einen Jungen behandelt. Aber mit Engelsgeduld, hat er mir immer wieder die Techniken des Karate und Aikido gezeigt. Auch den Schwertkampf und die Kanji-Zeichen.
„Du bist besser als jeder Junge, den ich mir vielleicht gewünscht hätte“, sagt er unvermittelt.
Und das ist das höchste Lob von seiner Seite. An diesem Tag wachse ich auf zwei Meter. Aber sofort stutzt mein Vater mich mit Würfen auf meine wahre Größe.
Wisst ihr nun warum ich so klein geblieben bin?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Teil 2

Japans Zauber muss noch warten. Übermüdet gehen wir zu Bett.
Sanft schlummere ich in Yukis Armen ein und träume klar.
Ich laufe durch einen Kirschblütenhain. Auch Karin und Natalie sind da. Alle meine lieben Menschen und Yuki geht mit mir Hand in Hand.
Klar zu träumen, den Traum selbst zu bestimmen, das ist nicht jedem Mensch gegeben. Ich kann es seit ich bewusst denken kann.
Alpträume haben nur die anderen. Mein Schlaf ist stets erfrischend. Wenn er nur länger gewesen wäre.
Und ich kann ziemlich zicken, wenn man meine Ruhe stört.

Vom Gefühl her sind nur Minuten vergangen, als Ken lautstark ins Zimmer stürmt.
„Aufstehen!“, ruft er immer wieder. „Es ist schon spät!“
Er reißt uns die Decke weg und Tante Kazumi schimpft ihn aus.
Mein Kick trifft ihn leicht in den Bauch und lachend fällt er auf den Hosenboden.
„Raus du Verrückter“, sage ich bestimmt und versuche böse zu schauen. Aber das ist alles Spaß, ein altes Ritual seit Kindertagen.
Er rappelt sich auf und läuft noch immer lachend davon. Ich höre „Schlafmütze!“ und Yuki wirft ein Kissen nach ihm.
Treffer, versenkt. Meine Elfe wirft nie daneben. Das hat er nun davon.

Fukuoka präsentiert sich noch immer europäisch. 27 Grad, bewölkt, Regenrisiko 30 Prozent.
Es ist ein großes Hallo an diesem Tag, wir verteilen die Geschenke. Auch der Onkel ist da und freut sich riesig mit und über uns.
Gefühle zeigen nicht immer nur die anderen. Und das finde ich richtig gut.
Meine Cousinen nehmen mich in Beschlag. Bis auf wenige Mails haben wir kaum Kontakt. Sie haben Familie, sie leben ihr eigenes Leben. Aber Deutschland steht für beide auf dem Reiseplan.
Natürlich haben wir sie eingeladen. Und wenn irgend möglich, werden wir ihnen unsere andere Heimat zeigen.
Ich schmuse mit meiner kleinen Nichte und Yuki schaut mich seltsam an.
Ahnt ihr was sie denkt?

Der Tag vergeht mit viel Reden und noch mehr Neuigkeiten. Irgendwann sehnt sich mein Körper nach Sport.
Ken deutet meinen Blick richtig und rettet unser Leben. Die Sportsachen sind schnell gepackt und gemeinsam verlassen wir das Haus.
Wir fahren in sein Dojo, der Sensei erinnert sich an uns.
„Willkommen“, sagt er. „Ich freue mich sehr. Ihr dürft gern mit uns trainieren.“
Stolz erzählt Ken von meinem 1. Aikido-Dan. Er ist ein kleines Plappermaul.
„Der wahre Meister schweigt von seiner Kunst“, wird er vom Sensei prompt getadelt. „Dann zeig uns bitte, was du dagegen kannst.“
Ken schaut leicht belämmert, stimmt aber zu.
Ich lache. Endlich darf ich meinen Cousin werfen!

Er gibt sich Mühe und Yuki feixt. Auch der Meister schmunzelt. Alle haben Spaß.
Ein Novum im Dojo. Aber der Mann ist wirklich nett und sehr westlich aufgeschlossen. Und auch die Schüler erinnern sich und lachen mit.
„Bleib weg von ihr“, rät der Sensei Ken. Aber der will nicht hören und versucht immer wieder Schläge und Kicks.
Er gibt auf, als ich ihm mehrfach den Schwung nehme. Es macht sich nicht gut am Boden zu sein.
„Du bist gemein“, lässt er mich wissen und macht ein schmollendes Gesicht. Spaß im Übermaß der Gefühle. Ken ist eine Marke für sich.
In Wirklichkeit ist Ken ein Meisterschüler, aber selbst wenn er es könnte, er schlägt seine Cousine nicht.

Der Unterricht wird ernst, ich genieße die Stunde.
Ich mag den Sensei, er ist sehr gut in dem was er tut. Und der Sport bringt mir die Energie zurück.
Wir haben ausgemacht, dass wir zweimal pro Woche in dem Dojo trainieren. Und der Sensei mag gern mein Aikido sehen.
Ich werde die ein oder andere Stunde leiten und meine Kunst vermitteln. Auch das ein Novum, aber der Sensei will es so.
Natürlich sind einige Schüler skeptisch. Aber ohne vorzugreifen, sie haben mich akzeptiert.
Auch das Bild der Frau in Japan ändert sich. Vor allem, wenn sie überzeugen kann.

Für Yuki ist Kyokushin-Karate fremd. Aber Angst hat sie keine. Und die Erinnerung an den Vorfall vor einem Jahr ist lange vergessen.
Und wer mag schon ernsthaft mit einer Elfe kämpfen?
Das mache ich und prompt kitzelt sie mich.
„Du machst dich gut mit einem Kind im Arm“, lässt sie mich plötzlich wissen. „Du solltest das viel öfter tun.“
Ich ahne was sie mir sagen will. Aber bin ich, sind wir wirklich schon dazu bereit?
Frauen sind schon seltsame Wesen, findet ihr nicht?

Entspannt fahren wir nach Hause. Ken plappert unentwegt.
Er erzählt von seiner Arbeit und mag von unserem Studium wissen. Natürlich auch von meiner Selbstständigkeit.
„Ich habe leider wenig Zeit“, lässt er uns wissen. „Sonst wäre ich schon wieder bei euch dort. Die Projekte stapeln sich und das ist gut.“
„Was hast du mit dem Skyline gemacht, dem alten Wagen?“, frage ich. „Den hast du doch nicht etwa verkauft?“
Ken lacht herzlich. „Bin ich denn verrückt? Der steht in der Tiefgarage und wartet auf neue Turbolader. Dann wird er richtig schnell.“
Ich erzähle vom getunten GT-R und seine Augen leuchten.
Auch Ken hat Benzin im Blut.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in einem Gedicht von Hermann Hesse.
Ja, ich fühle mich zu Hause. Ja, ich fühle mich gut. Wir sind in Japan angekommen. Deutschland ist ein Name geworden, ein halb vergessener Traum.
Ich werde meinen Traum von Japan träumen. Zusammen mit meiner Elfe. Zusammen in einem verzauberten Land.
Sayonara!

Von Drachen und Zwergen

Drachen gelten in der westlichen Mythologie als böse und verschlagen. In Japan sieht das anders aus. Zwar sind die Ryu (竜), wie Drachen dort heißen, auch nicht immer nett, aber Glücksdrachen kennt jedes Kind. Apropos Kinder, die natürlich auch an Fabelwesen erinnern. Die Zwerge. Und Drachenzwerge habe ich meine Kindergruppe genannt, die ich nun mit Linda trainiere.

Mein Plan ist einfach, ich werde die Kinder nach Talent fördern und auch den geistigen Aspekt anregen. Leider kann ich das Training nicht jede Woche leiten, 48 Stunden hat mein Tag noch nicht. Die kleine Gruppe ist auch mehr oder weniger privat, alle Familien sind befreundet. Und sobald bei Vanessa die Dinge geregelt sind, werden auch die Zwillinge ins Dojo kommen.

Sechs Mädchen und zwei Jungs, im Alter von fünf bis sieben Jahren, stehen für den Unterricht in Lindas Dojo bereit. Zwei Mädchen haben bereits Erfahrung im Judo, fanden das aber übereinstimmend „doof.“ Der Rest sind Anfänger und total aufgeregt. Einige der Kinder stammen aus Regenbogen Familien, Ein Mädchen und ein Junge haben hetero Eltern.

Von Anfang an ist es mir wichtig, dass Verständnis und Toleranz in der Gruppe herrscht. Und siehe da, es gibt kein Problem. Kinder mögen Uniformen. Und ein Karate-Gi ist etwas besonderes für sie. Bewusst habe ich Wert darauf gelegt, dass Farbe ins Spiel kommt. Schwarz, Blau, Rot und Weiß bunt gemixt. Das mögen die Kleinen. Und die noch weißen Gürtel werden bald anderen Farben weichen.

Auch mein Anzug ist nicht traditionell. Eine weiße Taekwon-Do Jacke und eine dunkle Hose sind mein heutiges Bild. Mein Schwarzer Gürtel fasziniert die Kinder.
„So einen mag ich auch haben“, lässt mich Leonie wissen.
Sie hat bereits zwei Jahre Judo hinter sich und ist die Älteste der Gruppe. Und sie hat Talent.
„Dann werden wir fleißig üben“, erwidere ich. „So ein Gürtel ist doch chic.“

Die erste Stunde dient den Grundlagen. Wie bewegt man sich, der Stand, wie benimmt man sich. Ich erzähle über die Geschichte des Karate, über Aikido und Kung Fu.
„Bringst du uns auch Kung Fu bei, Tante Mayumi?“, fragt mich Lars. „Und wie man richtig haut?“
Nun bin ich keine Tante und Lehrer werden in Japan Sensei genannt. Aber der Kleine ist Fünf und ich sehe das nicht so eng.
Wobei ich schon Wert auf Disziplin lege. Aber alles ganz spielerisch. Mit Zwang erreicht man bei Kindern nichts.

„Warum willst du jemand schlagen?“, frage ich. „Bist du ein böses Kind?“
„Aber nein!“, empört sich Lars sofort. „Ich …, also da gibt es diesen Jungen. Der klaut immer das Pausenbrot von Kindern. Und wenn du es nicht gibst schlägt und beißt er. Der ist voll gemein!“
Wie mein Vater vor Jahren bei mir gehe ich auf die Knie und winke Lars heran. Nun sind wir auf Augenhöhe.
„Wir spielen ein Spiel“, sage ich. „Ich bin der Junge aus der Nachbarklasse, der dein Pausenbrot haben will.“
Lars wirkt verunsichert. Er zögert kurz und nickt.
„Was machst du, wenn er es von dir fordert?“, frage ich.
„Auf die Nase boxen!“, kommt es ganz spontan. „Das bringst du mir doch bei?“
Ich verkneife mir ein Lachen, Lars muss keine Mayumi sein.
„Nein“, erwidere ich. „Gewalt wenden wir nur zur Selbstverteidigung an. Und auch dann möglichst sanft. Du wirst den Jungen fragen, warum er dein Brot haben will. Ob er vielleicht nichts zu essen hat und du mit ihm teilen kannst.“
Lars ist verwirrt, das ist deutlich zu sehen.
„Vielleicht hat der Junge keine Mutter, die ihm Pausenbrote macht. Und vielleicht ist er ganz nett und hat nur einfach keine Freunde.“
Einige Tage später erzählt mir Lars, dass er einen neuen Freund gewonnen hat. Eben jenen Jungen aus der Nachbarklasse, der wirklich nichts zu essen hat.
Gewalt ist keine Lösung.

Viele Menschen haben ein falsches Bild von Karate. Sie stellen das Wort mit meist schlechten Filmen gleich, in denen sich Bösewichte gleich haufenweise auf die Nase geben. Und genau da liegen sie falsch. Karate ist ein Weg, um zu sich selbst zu finden. Vor allem Kinder können das sehr gut. Sie erschaffen oft mit ihrer Fantasie ganze Welten. Und genau da hakt Karate ein.

Karate gibt vor allem schwachen Menschen die Fähigkeit, gegen scheinbar übermächtige Gegner zu bestehen. Nur muss dieser Gegner kein prügelnder Schurke sein. Auch der Alltag bietet allerlei Herausforderungen, die scheinbar übermächtig sind. Denen kann man kaum mit einem Tritt begegnen, aber mit innerer Stärke und Selbstvertrauen. Und das lehre ich.

Die wahre Meisterschaft eines Sensei liegt nicht darin möglichst viele und komplizierte Kampftechniken zu zeigen. Vielmehr geht es darum Schüler sanft auf die Härte des Lebens vorzubereiten und ihnen Stärke durch innere Harmonie zu vermitteln. Dann gewinnt der Schüler auch seine Kämpfe mit sich selbst. Indem er sie nach Möglichkeit vermeidet.

Meine Kinder sind alle noch sehr jung. Bei ihnen wird der Spaß an der Bewegung überwiegen. Der spielerische Aspekt, die Gürtelfarben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie mit und durch Karate, einen besseren Weg durchs Leben gehen.