Japan, deine Religionen!

Japaner sind Buddhisten, das weiß doch jedes Kind. Weit über 80 Prozent der Bevölkerung gehören diesem Glauben an. Japaner sind aber auch Shintoisten. Und auch diese Zahl liegt bei weit über 80 Prozent. Ein Widerspruch, gar eine Lüge? Nein! Frau Dr. Landar erklärt, wie Religion in Japan funktioniert.

Aber zurück zu den Prozenten, die eine statistische Unmöglichkeit sind. Auch in Japan gibt es keine Sonderrechnung, wenn man die beiden Zahlen addiert. Aber zu 100 Prozent steht fest, dass Japaner sehr pragmatisch sind. Und das gilt auch bei Religion. Als Mädchen habe ich den Buddhismus erfahren und wie die alten Weisen ticken. Und dass der Shintoismus über allem steht.

Im Westen ist man meist Christ und wird im Sinn der Bibel erzogen. Dass die christliche Kirche heidnische Wurzeln hat, wird gern übersehen. Ich will hier nur das Osterfest, den Weihnachtsbaum und Allerheiligen nennen. Und, dass Kirchen oft auf heidnischen Kultplätzen stehen. Alles kein Problem, wenn man ehrlich ist.

Der Japaner hat kein Problem damit, sich aus dem (Über)Angebot der Religionen das zu herauszuholen, was ihm passt. Beispiel gefällig? Kinder werden shintoistisch getauft, wobei Taufe nur ein Vergleichswort zur Beschreibung der Zeremonie ist. Geheiratet wird in Japan gern nach christlichem Vorbild und gestorben buddhistisch. Alles klar?

Ich selbst bin mit Hausgöttern, Yokai und Geistern aufgewachsen, die für mich selbstverständlich sind. Und Buddha ist und war kein Gott. Für einen Mann, war er recht weise. Und Fehler hatte er natürlich auch. Als Vertreterin des Zen-Buddhismus bin ich bekanntlich sehr kämpferisch unterwegs. Mein Weg, nicht der des Buddha.

Was Japaner nicht kennen, ist die im Westen vorherrschende Trauerkultur, diese viele Menschen lähmende Angst vor Teufel, Tod und Sündenfall. Das hat die unreformierte Kirche damals nur erfunden, um ihre Schäfchen besser zu kontrollieren. Wer in Angst lebt, der braucht einen Erlöser. Wer in Angst lebt, der zahlt. Und Rom bleibt an der Macht.

Japaner verehren ihre Ahnen in einer Weise, wie es auch Chinesen tun. Selbst japanische Christen haben kein Problem damit, diese Sitte weiter zu pflegen. Aber Christen sind und bleiben die Minderheit in Japan, das waren sie immer schon. Sie mixen munter die Sitten und werden dafür gern kritisiert. Aber wo ist das Problem?

Man kann sagen, dass sich in Japan viele Religionen vermischen und so eine eigene Form des Glaubens erschaffen haben. Shintoismus und Buddhismus ebenso, wie der Taoismus und Konfuzius Lehren. Ein weiser Mensch hat einmal Synkretismus dazu gesagt, was es vermutlich trifft. Aber die Menschen glauben. Und das ist alles was zählt.

„Japan, deine Religionen!“, habe ich bewusst als Überschrift gewählt. Aber sie spiegelt kaum wieder, wie Japan wirklich ist. Faszinierend auf alle Fälle, egal ob Buddhist, oder Shintoist über den Köpfen der Menschen steht. Ich bete übrigens meine Elfe an. Und das mindestens zu 1000 Prozent. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

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Die Nebel von Iga – Teil 2

Unsere Reise führt zum Schildkrötenberg, dem übersetzten Namen der Stadt Kameyama in der Präfektur Mie. Ein alter Mann wartet auf uns, den wir Großvater Satoshi nennen. Satoshi hat viele Kanji-Bedeutungen, wird aber meist in Zuammenhang mit Weisheit benutzt. Und weise ist der alte Mann. Das bemerken wir sehr schnell.

Mein Vater hat seinen Besuch schon lange angekündigt und nur Ken und mich als Angehörige mitgebracht. Krieger unter sich. Meine Mutter und Yuki sind im Hotel geblieben. Das war besser so. Satoshi lebt in einem Haus am Stadtrand, in dem die Zeit keine Rolle spielt. Er ist erfreut uns zu sehen. Bisher hat er nichts von unserer Existenz gewusst. Sagt er zumindest. Aber er ist schwer zu durchschauen.

Bei dem Namen des Ahnen winkt er ab.
„Er war nur ein Bauer“, sagt er, „der in Iga Geschäfte machte.“
„Ein kluger Bauer, der das Massaker überlebte“, fügt mein Vater hinzu.
Satoshi nickt und schaut mich dabei an.
Nie zuvor habe ich solche Augen gesehen, der Blick geht bis in die Tiefen meiner Seele.
„Ninja-Frauen hat man man Kunoichi genannt“, sagt er leise. „Sie waren so gut, wie die Männer. Vielleicht sogar noch besser.“
„Kunoichi“, murmele ich. „Das Wort hat man aus dem Kanji für „Onna (Frau)“ gebildet und dafür alle drei Schriften benutzt.“
Satoshi nickt und ich habe verstanden.

Kurz zur Erklärung. Das Kanji für Frau ist 女. Zerlegt man das Zeichen, so ensteht die Hiragana-Silbe ku: く, die Katakana-Silbo no: ノ und das Kanji ichi: 一. Daraus ist Kunoichi gebildet worden. Ist Japanisch nicht einfach toll?

Wir trinken Tee und reden. Aber mehr als ein Austausch von Höflichkeiten scheint es nicht zu sein. Großvater Satoshi ist ein wahrer Meister, das wird mir mit jeder Minute klar. Das Haus ist fast ein Museum, überall Bilder und Schriften. Satoshi war Lehrer und ein geachteter Mann. Seine Frau ist lange tot, seine Söhne sind über das Land verstreut.
„Meine Enkel besuchen mich jedes Jahr“, erzählt er. „Dann berichten sie mir von der Welt. Von fremden Ländern und deren Menschen. Und, wie diese uns Japaner sehen.“
Er schmunzelt bei diesen Worten und mein Vater schaut mich an.
„Die Menschen kämpfen gern“, sagt Satoshi unvermittelt. „Aber sie wissen nicht gegen wen. Sich selbst zu besiegen ist die größte Kunst.“
„Karate ist ein Weg zu Selbstvertrauen und seinem eigenen Ich“, ergreife ich das Wort.
„Ach ja, Karate“, murmelt Satoshi. „Das ist doch dieser China-Stil, der über Okinawa nach Japan kam.“
Und wieder schaut mich mein Vater an. Wir verstehen uns schon immer blind..

Großvater Satoshi hat in seiner Jugend Judo trainiert.
„Eine Hüftverletzung hat mich aber behindert“, sagt er. „Aber Judo als Sport wird überbewertet finde ich.“
Aber es interessiert ihn doch, als die Rede auf unsere Kampfkunst kommt.
„Ja“, sagt er. „Kämpfen ist wohl bei uns Familientradition. Ich würde gern Deutschland besuchen, aber dazu bin ich schon zu alt. Aber einer meiner Enkel war schon dort. Vielleicht kann er euch ja dort mal besuchen.“
„Er ist stets willkommen“, sagt mein Vater.
Satoshi nickt. Familie ist ihm wichtig.

Wir bleiben fast zwei Stunden. Der alte Mann zeigt uns das Haus. Aber wirkliche Informationen bekommen wir keine. Die Nebel von Iga lüften sich nicht völlig an diesem Tag.
Auf dem Weg zum Hotel gibt sich Ken enttäuscht.
„Das war Zeitverschwendung“, findet er.
„Satoshi hat eine ganze Menge gesagt. Frag deine Cousine“, erwidert mein Vater und überlässt mir das Wort.
„Der Ahn hat sich als Frau verkleidet“, erkläre ich, „Nur so gelang es ihm zu überleben. Ein alter Trick der Ninja. Wobei Frauen natürlich wirklich besser sind.“
Ken schnauft gespielt empört. Endlich hat er verstanden. Auch meinen Kommentar.

„Wenn seine Enkel kommen trainiert er sie natürlich“, führe ich die Ausführungen fort. „Sie haben andere Kampfkünste gelernt und mit Ninjutsu kombiniert. Satoshi ist daran zwar interessiert, aber hält wenig davon. Das hat er klar gesagt.“
„Du meinst die Andeutung der Hüftprobleme?“, will Ken wissen.
„Ja“, erwidere ich. „Judo war nur eine Ablenkung. Vermutlich hat er sich heimlich über die Judoka amüsiert. Tritte mag er nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass er sie kann. Und er hält absolut nichts von sportlichen Wettkämpfen. Auch das hat er gesagt.“
„Und die Sache mit dem Enkel?“, will Ken wissen. „Soll das heißen, dass ein Ninja nach Deutschland kommt?“
„So in etwa“, erwidere ich amüsiert. Aber ein klassicher Ninja wird er kaum sein. Ich bin gespannt, wie lange es dauert. Aber glaub mir, er wird sich melden.“
Und genau das ist im November geschehen.

Von einem überraschenden Besuch und einem Blick in die Vergangenheit erzählt Teil 3. Auch, wer die Ninja wirklich waren.

Rivalen unter heißer Sonne

Ein Bericht im SPON über den Beinahezusammenstoß zweier Kampfjets, hat mich spontan diesen Artikel schreiben lassen. Um wen es sich bei den „Kontrahenten“ handelt? Natürlich um die alten Rivalen China und Japan. Seit Jahren gibt es von beiden Seiten immer wieder kleine Provokationen, die ich hier in Deutschland nicht nachvollziehen kann. Sie sind und bleiben scheinbar stets „Rivalen unter heißer Sonne.“

Die Geschichte beider Länder ist lang und von Leid geprägt. Und die alten Japaner waren, nach heutigen Maßstäben gemessen, alles andere als nett. Aber das ist lange her. Halb vergessen, aber offensichtlich nicht vergeben. Und auch eine Frage der Eitelkeit. Da rasselt Mann mal wieder mit dem Säbel, egal ob er in Tokio oder Peking sitzt.

Auf der anderen Seite ist nun aber die Presse. Und bekanntlich ist im Sommer saure Gurkenzeit. Es gibt kaum News, also wird sich an Kleinigkeiten aufgehangen. Und das können die Schmierfinken gut. Natürlich haben Yuki und ich noch Familie in Japan. Daher blicken wir immer in unsere alte Heimat zurück.

Auf die angeblichen Spannungen zwischen China und Japan angesprochen winkt man dort meist ab. Alles halb so wild, heißt es. Diese Kabbeleien seien nun mal so. In Wirklichkeit verstehe man sich recht gut. Wem soll man also glauben? Cousin Ken war bereits in China unterwegs und kann nur Positives berichten. Und das finde ich gut.

Gut finde ich auch, dass ich in Deutschland lebe und hier aufgewachsen bin. Mit ganz anderen Freiheiten, als in Japan möglich. Auch in Bezug darauf, dass ich lesbisch bin. Beide Länder haben ihre guten, aber auch weniger guten Seiten. Für mich überwogen in Deutschland stets die Möglichkeiten, die ich hier habe.

Auch, wenn ich in meinem Herzen Japanerin bleibe, so werde ich stets eine Deutsche sein. Und als Kind zweier Welten möchte ich den Militaristen in Peking und Tokio mit auf den Weg geben: hört mit dem Unsinn auf! Wenn ihr euch streiten wollt, so macht das mit Gedichten, mit Literatur, oder im sportlichen Vergleich.

Und lächelt einfach, wenn ihr nicht der Sieger seid. Aber vermeidet Kämpfe. Denn das ist weise. Und auch den Schmierfinken im Sommerloch gebe ich einen Rat mit auf den Weg: springt zur Abkühlung ins kalte Wasser. Mit kühlem Kopf schreibt es sich viel besser.

Gut, besser, Ich!

Die provokativ gewählte Überschrift soll kein Lobgesang auf meine Person sein. Auch, wenn ich wirklich selbstbewusst bin. Ich möchte heute auf Fragen eingehen, die mir immer wieder begegnen. Gemeint sind Fragen aus der Kampfsport-Welt. Wen das nicht interessiert, der darf an genau dieser Stelle mit dem Lesen aufhören. Alles gut.

Seit vielen Jahren wird mir die Frage gestellt, was das beste „System“ ist, die beste Kampfkunst, die beste Selbstverteidigung. Die Antwort ist ganz einfach: Das beste System gibt es nicht! Und schon sehe ich, wie sich die Kickboxer und Karatekas dieser Welt in Szene setzen und mir das Gegenteil beweisen wollen. Sollen sie, es schert mich wenig. Warum ist das so, was macht mich so „arrogant?“ Mit Arroganz hat meine Meinung nichts zu tun, aber mit in fast 26 Jahren erworbenem Können und Wissen. Denn im Gegensatz zu den meisten Sportlern, habe ich meine „Kunst“ jeden Tag trainiert. Ja, täglich! Und das kam so …

Als ich fünf Jahre alt war, hat mein Papa mit dem Karate Training bei mir angefangen. Mit unglaublicher Geduld hat er dafür gesorgt, dass ich nicht nur perfekt kickte. Auf den Knien sitzend hat er mir auch Aikido beigebracht und das aus dem Schwertkampf stammende Kendo. Wir haben meditiert und ich habe sowohl Kanji-Zeichen, wie auch Hiragana gelernt. Später kam noch das Katakana (und Romaji) dazu. Ihm war immer wichtig, dass ich Training als Gesamtheit verstanden habe, dass mein (rebellischer) Geist und mein Körper, eine perfeke Einheit bilden. Und dazu gehört seiner Meinung nach auch das Wissen um Zen-Buddhismus und Kalligrafie.

Selbst heute trainiere ich noch täglich, wenn auch völlig anders als in jungen Jahren. Yuki und ich gehen 2 x pro Woche ins Wing Chun und 2 x in ein Aikido-Dojo. Unabhängig davon kann man mich im Wohnzimmer Katas laufen sehen und Kicks aus dem Karate üben. Oder ich stehe wirklich mit einem Holzschwert im Wohnzimmer umd schlage auf imaginäre Gegner ein. Vielleicht mache ich auch nur einen Spagat und übe mit Yuki Chi Sao, die klebenden Hände aus dem Wing Chun. Unter anderem habe auch ich Taekwon-Do trainiert, Tai Chi Chuan und Hung Gar Kung Fu. Und seit einer Weile auch Wen-Do und Krav Maga. Ich war und bin immer offen für ein neues System, für neue Dinge. Ich halte nie an alten Zöpfen fest.

Nun gibt es die Meinung vieler Sensei und Sifu, dass nur der wirklich gut in etwas ist, der sich auf „seine Kunst“ konzentriert. Denen gebe ich durchaus recht! Aber so ganz bin ich dann doch nicht damit einverstanden. Und das hat einen bestimmten Grund. Nehmen wir das traditionelle Chinesische Kung Fu. Schön anzuschauen, mit oft tiefem Stand, imitiert es Tierbewegungen. Als Kung Fu über Okinawa nach Japan kam, hat es sich verändert. Japaner sind wahre Meister darin Dinge anzupassen. Egal, ob es die Kanj-Zeichen, oder eben nun Karate ist. Die verschiedenen Karate-Stile sind nichts anderes, als ein mehr oder weniger um überflüssige Bewegungen reduziertes Kung Fu. Ob die nun wirklich überflüssig sind, darüber lässt sich streiten. Karate ist nicht besser, es ist nur anders. Wirklich vergleichen kann man die Stile nicht.

Aber genau das wird immer wieder gern getan. Auf youtube finden sich unzählige Filmchen, die etwa „Kung Fu vs. Karate“ heißen, oder „Wing Chun vs. Kickboxing – must see!“ Letzteres Video sollte man sich nur anschauen, wenn man Ahnung hat. Sonst glaubt der Zuschauer wirklich, dass Wing Chun schecht ist. Aber schlecht, bzw. unerfahren, war der Mensch! Wing Chun ist Selbstverteidigung, Straßenkampf. Von einer Frau für Frauen entwickelt, unterrichtet es heute vorzugsweise Mann. Und macht gutes Geld damit. Leider. Dazu ein anderes Mal mehr. Jedes System kämpft nach Regeln, die zum Teil völlig unterschiedlich sind. Man kann auch Poker nicht mit Schafskopf vergleichen, das macht ebenfalls null Sinn. Wing Chunler praktizieren selten mit anderen Stilen, oder üben sich im Kampf. Das war nie der Sinn dieses Systems. Lässt ein Wing Chunler sich also auf Kämpfe mit Karate-, oder Taekwon-Do-Regeln ein, kann er nur den kürzeren ziehen. Er ist limitiert, sein Gegner darf aber quasi alles machen. Alles, was er aus seinem System kennt.

Egal, ob Judo, Aikido, oder Kung Fu. Ein Vergleich „Mann gegen Mann“ kann niemals fair ausgehen. Der Judoka ist dem Kung Fu Meister im Nahkampf überlegen. Wenn der clever ist, dann packt der Judoka ihn aber nicht. Und bezieht die Prügel seines Lebens. Auch „Karate gegen Kung Fu“ wird nicht wirklich funktionieren. Es wird schließlich nach irgendwelchen Regeln gekämpft. Vermutlich werden also beide KämpferInnen mehr oder weniger Kickboxing machen und  der, oder die bessere gewinnt. So einfach ist das. Mit einer Ausnahme, auf die ich näher eingehen möchte. Angenommen ein Shaolin Kampfmönch – lassen wir ihn 30 Jahre alt sein – und ein gleichaltriger Deutscher Meister im Karate stehen sich gegenüber. Diese Begegnung wird es im Normalfall nie geben, Mönche kämpfen eigentlich nicht. Wenn man weiß, wann die Ausbildung eines Mönches beginnt, so darf man ihm nun ca. 25 Jahre komplettes körperliches und geistiges Training unterstellen. Kampfmönch wird nur, wer außergewöhnliche Begabung zeigt.

Der Deutsche Meister trainiert vielleicht auch schon seit 10 – 15 Jahren. Aber er ist und bleibt Hobbysportler. Für den Mönch ist es Beruf(ung), den er täglich mehrere Stunden praktiziert. Dieser Kampf muss nicht stattfinden, der Ausgang steht bereits fest. Es sei denn, der Karateka ist ein neuer „Bruce Lee.“ Und das ist unwahrscheinlich. Der Karateka hat keine Chance, er wird gnadenlos vorgeführt und ausgekontert. Und genau an dieser Stelle stehe ich. Ich habe mich schon lange vom Wettampfsport abgewandt und praktiziere quasi eine Art Straßenkampf-System. Unkonventionell und vor allem ohne Regeln. Ich analysiere Gegner und Situationen und setzte instinktiv die richtige Technik ein. Oder bin clever genug, um den Kampf zu vermeiden. Denn unbesiegbar bin ich nicht. Nur schwer auszurechnen. Denn ich bin flink und klein.

„Du kannst niemals einen 100 Kilo Mann besiegen“,  hat man zu mir gesagt. Doch kann und habe ich schon. Wobei das natürlich keine wirklichen Gegner waren, sondern ganz normale Menschen. Dummheit wäre es, mich einem 100 Kilo Kickboxer nach seinen Regeln zu stellen. Da kann ich nur alt aussehen. Genau diesen Fehler sehe ich allzu oft. Was mache ich mit meinen 1,62 Meter und zur Zeit knapp 53 kg gegen einen solchen Mann? Auf Distanz bleiben? Toller Plan! Weglaufen ist eine Option, wenn möglich. Deeskalation ebenso. Geht das alles nicht, so muss ich mich ihm stellen. Aber auf Distanz ist er mir überlegen. Er hat längere Beine und mehr Kraft. Und genau da setze ich dann an. Ich gehe ihm entgegen! Wenn er tritt steht er nur auf einem Bein. Dann bin ich da und er (f)liegt. Wer das nicht glaubt soll sich die von mir sehr verehrte Yoko Okamoto ansehen. Sie ist ein 6. Dan im Aikido und mit der spaßt auch Mann nicht. Oder sucht nach Emi Yamagishi. Sie ist nur 1,49 Meter klein, 48 kg leicht und eine Meisterin im Judo. Sie hat mehrfach demonstriert, wie sie ohne jede Kraft und mit perfekter Technik deutlich schwerere PartnerInnen werfen kann. Auch, den 110 kg schweren Nicholas Pettas, der das kaum glauben konnte.

„Aber Sparring und Straßenkampf haben kaum etwas gemeinsam“, höre ich die Kritiker nun sagen. „Da herrschen andere Regeln.“ Genau richtig, erwidere ich. Nur gibt es auf der Straße keine Regeln. Dort kämpfe ich vielleicht um mein Leben und wende daher, an Wettkampfregeln gemessen, unfaire Mittel an. Unfair heißt, dass ich dem Gegner in die Augen steche, oder in den Unterleib und Kehlkopf schlage. Wenn ich es kann. Und das bringt mich zurück zum „besten System“ und den wahren Meistern. Was ist ein wahrer Meister? Wirklich nur jemand, der z. B. sein Hung Gar Kung Fu perfekt ausüben kann? Klar kann er das! Wer das 30 Jahre und länger täglich macht, der wird darin eine Perfektion entwickelt haben, die ohnegleichen ist. Blickt er aber nicht über den Tellerrand, behält er andere Systeme nicht im Auge, so kann das ein böses Erwachen geben. Und genau das habe ich immer gemacht und mir das Beste der verschiedenen Stile herausgepickt. Vielleicht werde ich dann niemals die Katas so schön laufen, wie ein reiner Karateka, aber ich werde kompletter sein.

Vor vielen Jahren wollte es eine (Jugend)Meisterin im Taekwon-Do genauer wissen. Sie hat mich mehrfach provoziert. Es gab dann einen „Freundschaftskampf“, aber nicht nach ihren Regeln. Im Taekwon-Do sind Schläge zum Kopf nicht erlaubt, was im Wettkampf gut, aber für die Selbstverteidigung totaler Blödsinn ist. Die „Kleine“ war größer und kräftiger als ich, aber eben nicht flinker. Sie hat versucht, die Reichweite ihrer langen Beine gegen mich auszunutzen. Gesprungene Drehkicks waren eine große Gefahr. Dumm nur, dass ich schneller war, höher sprang und ihr vermutlich noch immer das Köpfchen brummt. Ich habe sie mit einem ähnlichen Angriff klassisch ausgekontert. Zuvor hatte ich sie bereits mehrfach von den Beinen geholt. Heute kann ich darüber nur noch lachen. Alle hohen Kicks sind meist pure Show und wenig effektiv, wenn der Gegner schneller ist.

In einem weiteren Beitrag werde ich mehr über Wing Chun erzählen. Nicht über die Geschichte und Legende(n). Es geht mir darum aufzuklären, was alles möglich und was unmöglich ist. Den Grund werdet ihr dann lesen. Gut, besser, Ich! Dazu stehe ich ganz selbstbewusst. Ich habe mich gefunden, meinen Stil. Und das gilt nicht nur für Karate, Aikido und Kung Fu. Das gilt für mein gesamtes Leben und für meine Frau. Sayōnara!

Von Freund und Feind

FreundInnen fragen mich immer wieder, wie mein Verhältnis zu China und Korea ist. Diese Frage mutet vielleicht seltsam an, macht aber für Japaner durchaus Sinn. Die Geschichte der drei Völker ist von Hass und Gewalt geprägt, was ich leider nicht verstehen kann. Und damit habe ich vermutlich vorab jene Frage schon geklärt. Aber ich möchte noch mehr zu dem Thema sagen.

China ist für mich ein faszinierendes Land. Die Geschichte, die Kultur, ist einzigartig. Die Japaner haben viel von China übernommen, aber auf japanische Bedürfnisse angepasst. Ob das nun immer besser war, ist schwer zu sagen. Kanji-Zeichen funtionieren in China sehr gut. Chinesen brauchen keine zweite, oder gar dritte Schrift. Nur die Japaner hatten eigene Ideen und das Hiragana und Katakana erfunden. Und an den Kanji-Zeichen haben sie auch gebastelt, was zu einigen Verwirrungen führen kann.

Die alten Japaner waren nicht immer sehr nett zu anderen Völkern. Daran führt kein Weg vorbei. Schuldig an Kriegen fühle ich mich nicht. Warum sollte das so sein? Ich lebe im „Hier und Jetzt“ und nicht vor tausend Jahren. Irgendwann werden wir China besuchen und auf den Spuren von Kaisern und Philosophen wandeln.

Das Talent der Japaner Dinge zu übernehmen ist unbestritten. So auch geschehen mit Kung Fu. Das heißt heute in Japan Karate. Wirklich besser ist es nicht. Nun kann ich den Aufschrei in Japan förmlich hören und auch bei glühenden Karate-Verfechtern in aller Welt. Aber das ist mir egal. Ich kenne beide Welten sehr gut. Letztlich kommt es immer auf den Menschen an. Ein schlecht trainierter Karate-Schüler, wird einem Meister des Kung Fu immer unterliegen. Und umgekehrt. Das wars. Ein ultimatives System gibt es in der Kampfkunst nicht.

Von Korea weiß ich nicht sehr viel. Nur, dass dort nette Menschen leben, die tolle Filme machen. Und ich kenne Taekwon-Do. Gespanntes Verhältnis meinerseits zu Koreanern? Fehlanzeige. Sieht man von den beiden jungen Koreanern ab, die Yuki und mich im Asia-Shop angemacht haben. Aber das war ein Einzelfall und meine harten Worte eine typische Mayumi Anti-Mann-Reaktion.

Für mich gibt es keine „bösen“ Nachbarn, oder gar verhasste Völker. Mein Feindbild war lange ausschließlich Mann. Aber der hatte keine Nationalität. Heute sind es meist PolitikerInnen und JournalistInnen. Und alle homophoben Menschen. Gegen die stehe ich auf. Zur Not mit Wort und Tat.

Für mich sind Chinesen und Koreaner Freunde. Aber Franzosen und Engländer auch. Auch Polen, oder Russen. Wo ist das Problem? Gemeinsam können wir so viel mehr erreichen, als wenn wir uns bekriegen. Ich stehe lieber im friedlichen Wettstreit um die schönsten Worte, als einen Krieg mit Fäusten zu beginnen.

Die wahre Schönheit

Wahre Schönheit kommt von innen heißt es. Wissenschaftliche Untersuchungen haben dieses Klischee bestätigt. Die Bewertung von Fotos fiel bei den Probanden anders aus, wenn sie die betreffenden Personen kannten. Das (gute) Aussehen spielte dann eine weniger große eine Rolle. Als typisch japanische Schönheit, habe ich all diese Probleme nicht. Vor allem nicht mit meinem (guten) Namen. Aber dazu später mehr.

Wie nehmen wir anderen Menschen eigentlich wahr? Was gilt als schön und was nicht? Als Frau, die selbst nur Frauen liebt, sehe ich viele Dinge anders. Und auch wieder nicht. Aber immerhin muss ich keinem Mann gefallen. Viele Frauen glauben, dass es eine Pflicht zur Schönheit gibt. Mit allerlei Cremes und Gels wird der Körper malträtiert. Auch diverse Färbemittel dürfen nicht fehlen. Wollte die Frau von Welt nicht immer schon ein süßes Blondchen sein? Nagellack und Mascara sind der Alltag. Das lebenswichtige Lipgloss nicht zu vergessen. Hüftspeckig zwängt sich die so verschönte Dame dann gern in viel zu enge Jeans, die ihr nicht nur während der Regel arge Probleme bereiten. Und das Prinzessinnen Füßchen muss natürlich in genau jenen schmalen Schuh, auf dem sie dann stöckelnd zu ihrem Prinzen eilt. Und meist doch fällt. Herein. Aber lassen wir das.

Ich kenne fast keine Frau, die sich dem Schön- und Schlankheitswahn entziehen kann. Selbst bei Lesben ist das oft der Fall. Abgesehen von einigen eher fragwürdigen Frauen, die das Wort Deo, oder Achselhaarrasur vermutlich nur vom Hörensagen kennen. Die finden sich vielleicht dufte, ich ihren Duft dagegen nicht. Dank asiatischer Gene bin ich zwar keine Miss World, aber ich sehe deutlich jünger aus. Selbst mit meinen stolzen 30 Jahren habe ich noch keine Falten. Das wird dank dickerer Oberhaut auch noch eine ganze Weile so bleiben. Forschungen haben ergeben, dass Asiatinnen bis zum 50. Lebensjahr um mindestens 10 Jahe jünger aussehen und auch kaum Falten haben. Angeblich kehrt sich dann das Bild um und wir altern schneller. Meine Mutter beweist das Gegenteil. Klar hat sie einige Falten, ein Runzelgesicht noch lange nicht.

Auch mir fiel es schwer, mich dem Schönheitswahn zu entziehen. Dank modernster Lasertechnik, habe ich schon lange keine Achselhaare mehr. Die waren zum Glück eher spärlich vorhanden. Auf diese Weise spare ich mir aber eine hautreizende (Nass)Rasur. Und nein, ich bin kein bisschen eitel. Vor allem bei (überflüssiger) Körperbehaarung ergreift der Wahn schnell Besitz von Frau. Da wird gezupft und epiliert, getrimmt und kahl geschoren. Aus den Badezimmern dieser Welt erklingen täglich die Schreie von Frauen. Weniger lustbedingt, als schmerzgeplagt. Wer schön sein will, muss leiden. Frei nach dem Motto: Rasierst du noch, oder wachst du schon?

Aber was hat das alles nun mit meinem (guten) Namen zu tun? Immer wieder fragen mich Menschen, was Mayumi genau bedeutet. In der Regel antworte ich darauf, dass man ihn mit „wahrer Bogen“ übersetzen kann. Kann, ja. Aber nicht muss. Japanisch ist als Sprache etwas verrückt, immerhin haben wir mehrere Alphabete. Und  die werden zum Teil auch fleißig gemischt, was Lernende oft zur Verzweiflung bringt. Und zu allem Überfluss kann Mayumi in Kanji Zeichen auch auf verschiedene Art geschrieben werden. Wie eigentlich alle Namen. Und jedes Mal bedeuten die etwas anderes. Die für eine Frau richtige Übersetzung meines Namens lautet „Wahre (sanfte) Schönheit.“ Aber wozu soll das gut sein? Ich brauche keine Komplimente. Den japanischen Namen Mami kann man übrigens auch mit „Wahre Schönheit“ übersetzen. Kann. Ich sage doch, Japanisch ist verrückt.

Süß und sanft wollte ich schon als Kind nie sein. Lieber wild und ungestüm. Gemocht aber schon. Also habe ich mich für den Bogen entschieden und für meinen Namen andere Kanji-Zeichen benutzt. Bekanntlich kämpfe ich gern. In Wort und Tat. Und ich sehe mich als eine Art Kriegerin. Wem das nun spanisch, oder besser chinesich vorkommt, dem muss ich widersprechen. In Japan benutzt man zum Teil andere Kanji-Zeichen. Ganz verloren wäre ich in China aber nicht. Nur bei der Sprache. Die richtigen Zeichen meines Namens lauten 真優美. Und so, haben mich meine Eltern auch genannt. Meine Leser bitte nicht. Sonst fange ich an mit Worten zu schießen. Oder verstecke mich im マユミ (まゆみ). Und das ist ein japanischer Strauch. Die Zeichen stehen aber auch für Mayumi. Alles klar?