Japan heute – Der Weg der Samurai

In Japan, wie auch im Westen, geht die Geburtenrate seit Jahren zurück. Hysteriker verkünden nun, das sei eine Katastrophe und der Westen brauche dringend frisches Blut. Die Lösung hieße Zuwanderung. Und da fassen sich sogar Experten an den Kopf.

Alle Experten? Nein, nur jene, die dem Kapital nicht hörig sind. Die Neoliberalen haben andere Ideen. Richtig ist, der Neoliberalismus setzt auf immer mehr Wachstum, das ist mittlerweile bekannt. Aber es kann kein unendliches Wachstum geben, auch nicht bei der Bevölkerung.

Mensch, Mensch!

Was passiert nun, wenn Deutschlands Bevölkerung im Jahr 2050 wirklich auf vielleicht 75 Millionen oder weniger schrumpft? Führt das zur Katastrophe, gehen dann die Lichter aus? Verhungern nun etwa alte Menschen und junge werden obdachlos?

Salopp und einfach ausgedrückt passiert nichts. Das liegt auch daran, dass die Statistik zur demografischen Entwicklung eine dicke Lüge ist.

Es ist unmöglich, die demografische Entwicklung eines Landes über einen längeren Zeitraum vorauszusagen. Niemand hat etwa 1950 die Wiedervereinigung Deutschlands und die EU-Osterweiterung auf dem Schirm gehabt.

Die Mär vom „letzten Deutschen“, die der Spiegel einst reißerisch verkaufte, war reiner Populismus. Ebenso die Aussage von anderen Experten, dass der Generationenvertrag gefährdet sei und die Jungen nun die Alten nicht mehr finanzieren können. Wo liegt der Fehler?

Fehler im System 

Den Fehler müsste jeder gebildete Bundesbürger sehen. Ich versuche es mit einfachen Worten zu erklären. „Ältere“ suggeriert RentnerInnen, die von den „Jüngeren“ versorgt werden müssen.

„Jüngere“ suggeriert, dass es sich dabei um Jugendliche oder BerufsanfängerInnen mit geringem Einkommen handelt. Richtig wäre es von der Gruppe der 20 bis unter 60 (65)jährigen zu sprechen, die sowohl Kinder und Jugendliche und Rentner finanzieren.

Die Hysteriker vom Statistischen Bundesamt gaukeln auf Druck der Regierung und Wirtschaft nun vor, dass die niedrigen Geburtenraten Deutschlands ein Problem darstellen, dass die Agenda 2010 ein Meilenstein zur Sicherung der Rente war und wir uns doch bitte privat (Riester Rente) absichern sollen.

And the Winner is …! 

Die Arbeitgeber, die Wirtschaft und die Versicherungsbranche, waren und sind die Nutznießer der demografischen Hysterie. Und die angeblich so soziale SPD, hat damit dem Neoliberalismus Tür und Tor aufgemacht. Vielen Dank, Herr Schröder.

In Wirklichkeit wird mit einer immer älter werdenden Bevölkerung, auch das Renteneintrittsalter steigen und die Arbeitenden werden und können ihre Kinder und Rentner auch weiterhin problemlos finanzieren.

Mit einer ungebremsten Zuwanderung von reinen Wirtschaftsmigranten in die Sozialsysteme, bekommt dieses System Risse. Einen Großteil dieser Menschen lebenslang ohne jede Gegenleistung zu versorgen, funktioniert nämlich nicht.

Aber das Thema „Demografische Veränderung“ ist zu komplex, um es in einem kurzen Beitrag aufzugreifen. Merken kann man sich, dass es sich wie meist um geschickt verdrehte Halbwahrheiten oder, salopp ausgedrückt, dicke Lügen handelt.

Ja, die Gesellschaft wird sich ändern, was auch die Arbeit betrifft. Und das möchte ich am Beispiel Japans zeigen, das keinen kulturellen Selbstmord begeht indem es Zuwanderer in Millionenhöhe über seine Grenzen lässt.

Veränderung? Nein Danke!

Sind Japaner nun rassistisch oder einfach nur weise? Japaner sind stolz auf ihr Land und ihre einzigartige Kultur. Viele Menschen mögen Japan weil es genau so ist wie es ist. Also warum soll sich Japan (völlig) ändern?

Von den Vereinten Nationen wird gern propagiert, „der demografische und kulturelle Austausch und die Abschaffung überholter Staatswesen sei die einzige Antwort, um die Wirtschaft am Laufen zu halten“. Aber Japan hat andere Ideen. Und als Japanerin sage ich klar, diese Ideen werden funktionieren.

Japan nimmt nur sehr wenige Asylbewerber auf. Viele die versuchen in Japan Fuß zu fassen scheitern sehr schnell und verlassen das Land innerhalb der ersten beiden Jahre. Vor allem die Schrift(en) und Sprachschwierigkeiten grenzen Fremde massiv aus. Drei Schriften sind für die meisten zwei zu viel.

Der Zugang

Amerikanern und Europäern fehlt oft der Zugang zur japanischen (asiatischen) Mentalität. Japaner unterscheiden sehr stark zwischen der eigenen und der fremden Kultur. Selbst ich, als Auslandsjapanerin, werde zum Teil anders behandelt. Mein Glück, dass ich in Japan geboren bin und die Sprache fließend spreche.

Demografen und Wirtschaftsexperten sagen Japan eine düstere Zukunft voraus. Eine Weile habe auch ich mir Sorgen gemacht. Aber das war eine emotionale Sache und völlig unbegründet. Als Japanerin liebe ich nun mal mein Heimatland.

Die gleichen Experten warnen davor, dass die japanische Gesellschaft überaltert sei und bald zu wenig junge Menschen an der Last der Sozialabgaben scheitern. Außerdem werde die japanische Kultur bunter sein, wenn man mehr Zuwanderer nach Japan ließe.

Aber was macht ein Land, das bereits eine bunte Kultur hat? Warum soll man sich soziale Spannungen ins Land holen, wenn die Verbrechensrate seit Jahren nach unten tendiert. So denkt der Japaner, der trotzdem gern Urlaub in Europa macht.

Japan, Korea und China sind Nationen, die zwar Kriege führten, aber ethnische Parallelen haben. Asiaten bleiben unter sich. „Wir haben lieber ein demografisches Problem, als Japan in etwas zu verwandeln, was nie wieder Japan sein wird“, hat ein Politiker gesagt.

Die Experten

Und wieder sprechen Experten von einem nationalistischen Kurs, auf den Japan zusteuere. Wobei ich mich stets frage, wer diese angeblichen Experten sind. Reicht ein Studium der Japanologie, um den Mund ganz weit aufzumachen?

In einem Bericht der FAZ fabuliert der Autor über Japans Weg zum Nationalismus, zur Pressezensur und dem Aufbau einer stärkeren Armee. Gleichzeitig merkt er an, dass es in Japan traditionell „stillen Widerstand“ gäbe. Damit hat er alles gesagt und Spekulationen sinnlos gemacht.

Aber was täten Menschen wie er, wenn es keine Japaner gäbe, die ihr Land, ihre Kultur, als Erbe für kommende Generationen sehen und entsprechend handeln. Die japanische Demokratie ist stark genug, um einen Rückfall ins alte Denken zu verhindern. Und so ein bisschen Patriotismus tut allen Menschen gut.

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Wing Chun – Der ewige Frühling

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die fernöstlichen Kampfkünste. Von unbesiegbaren HeldInnen und wundersamen Techniken ist die Rede, die jeden Gegner lässig niederstrecken.

Das ist so dumm wie falsch und schon allein das Wort Gegner ist dabei der falsche Begriff. Ursprünglich hat man Wushu / Kung Fu zur körperlichen und geistigen Fitness erschaffen. Erst viel später haben die Shaolin Mönche daraus die Kunst der Selbstverteidigung gemacht.

Die kämpfende Kunst

Vor einigen Monaten hatte ich am Beispiel Karate über den Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport geschrieben und warum die reine Kampfkunst in einem Wettkampf unbrauchbar ist.

Wer diese Artikel noch nicht kennt, der darf gern HIER und HIER klicken.

Bei meinem Aufenthalt in den USA, habe ich mehrfach mit Sifu Feng über dieses Thema gesprochen. Auch sein Wettkampf Tai Chi ist nur die abgewandelte Form jener Kunst, die in Konkurrenz zu den aus dem Shaolin „Kung Fu“ entwickelten Stilen steht.

Für Feng überraschend, dass ich als Karateka, die „Klebenden Hände“ beherrsche. Einerseits gibt es die auch im Goju Ryu Karate und andererseits im Wing Chun. Und auch das habe ich gelernt.

Wing Chun, das man mit „Ewiger Frühling“ übersetzen kann, ist ein vermutlich im frühen neunzehnten Jahrhundert entstandener südchinesischer Kung Fu Stil, der seit den 1970er Jahren auch Furore im Westen macht. Leider haben Geschäftemacher viel kaputt gemacht, aber das soll heute kein Thema sein.

Kurz vor meiner Abreise hatte Feng Besuch von einem befreundeten Sifu, der als Kind und Jugendlicher zehn Jahre lang Wing Chun trainierte und vor fast zwanzig Jahren zum Tai Chi gewechselt ist. Gemeinsam haben wir die beiden Systeme analysiert und die Unterschiede herausgestellt. Und das war auch für mich hochinteressant.

The men of Tai Chi

Sifu Dan ist Amerikaner und knapp vierzig Jahre jung. Sein Stiefvater habe bei Hawkins Cheung in Los Angeles trainiert und ihn zum Training mitgenommen, erzählt er uns. „Als Kind hat mir Wing Chun geholfen“, sagt er. „Ich war ein schmächtiges Kerlchen und immer Opfer der älteren Schüler. Als ich mich erstmals wehrte, haben sie mich in Ruhe gelassen.“

Fast automatisch erscheinen die Bilder in meinem Kopf, die mich als siebenjähriges Mädchen auf dem Pausenhof der Schule zeigen und als „Opfer“ eines üblen Streichs. Ein Mitschüler hatte mich ohne Vorwarnung zu Boden gestoßen, beleidigt und dabei noch gelacht. Mein Karate hat ihm dann Manieren beigebracht.

„That’s life in the USA“, stichelt Feng und lacht. Die Männer nicken wissend, als ich meine Geschichte erzähle. „Ich glaube das haben wir alle durchgemacht“, sagt Dan. „Aber im Gegensatz zu anderen sind wir wieder auf die Füße gekommen.“

„Warum und wann hast du mit Wing Chun aufgehört?“, will ich wissen. Seine Antwort ist überraschend. „Nicht aufgehört“, lässt er mich wissen, „in meiner Schule wird auch Wing Chun unterrichtet. Nur unser Schwerpunkt ist Tai Chi.

Ich bin als junger Bursche zu den Marines. Wing Chun hat mir zu Beginn meiner Ausbildung geholfen, aber als wir Bodenkampf und Boxen übten, stand ich auf verlorenem Posten.“

Ich ahne warum, aber will es genauer von ihm wissen. „Woran genau lag es deiner Meinung nach?“ „Wir haben bei Hawkins zu wenig Sparring gemacht und nie mit fremden Stilen geübt. Alles war sehr theoretisch. Und ich kann schlecht einem Trainingspartner die Knochen brechen.“

Gegen jede Regel

Dan spricht ein Problem an, das viele Kampfkünstler haben, wenn sie in einem Ring nach Regeln kämpfen sollen. Schläge zum Kehlkopf oder Tritte in den Unterleib gehören zur Selbstverteidigung, im Sport sind sie aus gutem Grund verboten.

Auf der anderen Seite gibt es aber diese Arroganz scheinbarer Überlegenheit im Lager der Wing Chun Verfechter. Und das ist, bei aller Sympathie für diesen Stil, eine glatte Lüge. Dan sieht das ebenso. „Hawkins Cheng ist ein netter Kerl. Aber er hat auch den 3. Dan im Karate.

Viele, die sich jetzt Sifu nennen und wirklich gute Wing Chunler sind, haben noch einen zweiten oder dritten Hintergrund. Sie mixen diverse Stile und erst das macht sie gut. Oder sie schummeln, wie Sifu Moore.“

Dan zeigt uns ein Video, das ich ebenfalls kenne. Ein beleibter Mann, wird von einem schmächtigen Karateka „angegriffen“ (Sparring) und schiebt diesen dann quasi vor sich her. Das hat wenig mit Wing Chun, aber viel mit physikalischen Gesetzen zu tun. Der Mann ist einfach schwerer. Punkt.

„Ein großer Nachteil diverser Stile, ist der Fokus auf Hände und / oder Füße“, sagt Dan. „Wir können Tritte und Schläge, aber am Boden verlieren wir.“ „Das klingt wie Werbung für Brasilian Jiu-Jitsu (BJJ)“, stichele ich. „the most effective Martial Arts on the Planet.“

And the winner is …!

Herzliches Lachen folgt meinen Worten, die beiden verstehen den Gag. „BJJ ist in erster Linie Sport“, sagt Dan und auf der Straße völlig unbrauchbar. Das gilt für alle ringenden Sportarten. Kein Mensch wälzt sich auf dem Asphalt.

Die scheinbare Überlegenheit von BJJ basiert auf dem Überraschungseffekt, den auch Wing Chun kennt und auf deren Regeln. Bei Vergleichskämpfen mit BJJ scheuen sich andere Sportler sehr oft, die wirklich effektiven Kicks oder Schläge zu landen.“

„Oder sie dürfen nicht“, füge ich hinzu. „Bei Judoka oder Ringern sieht das ganz anders aus. Kein BJJ-Sportler steht lange gegen einen guten Freistil Ringer. Man kann solche Sportarten ganz schlecht vergleichen.“

„Ich sehe Wing Chun als eine Sonderform unter den Kampfkünsten“, sagt Dan und nickt zustimmend. „Es ist reine Selbstverteidigung und eine Art Straßenkampf. Relativ einfach aufgebaut gibt es dort keine Geheimnisse. Die werden nur von diesen selbsternannten Großmeistern Leung Ting und Keith Kernspecht propagiert. Jeder kann Wing Chun erlernen. Dafür braucht es keine Ewigkeit.“

„Mit erlernen meinst du die Formen oder die Techniken inklusive Schmetterlingsmesser und Langstock?“, frage ich. „Wenn du Wing Chun als reine Kunst siehst und wirklich jede Handbewegung akribisch und auf den Millimeter genau lernen möchtest, wirst du vermutlich ewig brauchen“, erwidert Dan. „Und du wirst im Ernstfall die Prügel deines Lebens beziehen. Die meisten Wing Chunler können nicht kämpfen.“

Dans Worte sprechen das Problem an, das ich am Beispiel Aikido verdeutlichen will. Aikido ist als Wettkampfsport völlig ungeeignet und nur die kultivierte Form des Aikijujutsu. Bei Wing Chun ist das ähnlich. Nur gibt es dort keine offizielle sportliche Form. Eventuelle Wettkämpfer sind einfach nur Kickboxer.

Die Analyse

Dan holt einen Schnellhefter aus der Tasche und zeigt uns auf mehr als fünfzig Seiten seine Analyse von Wing Chun und Tai Chi. Grob gesagt ist sein Fazit, dass Tai Chi das wesentlich komplettere System ist, schwieriger zu lernen, aber im Endeffekt effektiver.

„Wing Chun ist nicht komplett“, erklärt Dan. „Man hat dort Elemente aus dem Tai Chi und vermutlich dem Shaolin Kung Fu sozusagen extrahiert und um ein imaginäres Dreieck herum modifiziert. Ich spreche von den kurzen, schnellen Bewegungen, die immer die eigene Mitte schützen und gleichzeitig zum Zentrum des Gegners gehen.

Der Erfolg, den einige wirklich gute Wing Chunler mit dieser Methode haben, basiert lediglich auf dem Überraschungseffekt. Aber mit einem Kettenfauststoß gewinnt man keinen ernsthaften Kampf. Mit einem Tritt in den Unterleib schon.“

„Das ist mein Spruch!“, protestiere ich lachend. „Ich glaube ich weiß, was du meinst. Auch Karate kommt ursprünglich aus China und ist vermutlich aus dem Weißen Kranich Stil entstanden. Aber Japaner sind Puristen und haben überflüssige Bewegungen eliminiert, was sehr gut im Shotokan Karate zu sehen ist. Mein Stil, das Goju Ryu, ist noch näher am Original.“

„Tai Chi basiert auf einem Kreis“, fährt Dan fort und Feng stimmt zu. „Greift ein Gegner an, wird der Wing Chunler der Kraft ausweichen oder um sie herum arbeiten und gleichzeitig attackieren. Tai Chi wird die Kraft, den Schlag oder Tritt quasi aufnehmen und absorbieren, um erst dann zu attackieren.

Dreieck und Kreis

Die Bewegungen beim Tai Chi sind kreisförmig, um es einfach auszudrücken. Beim Wing Chun dagegen eckiger (Dreieck Prinzip). Ein weiterer Unterschied liegt im sogenannten Trapping, dem immobilisieren der Arme oder Beine.

Das funktioniert im Training für Wing Chunler wunderbar. Im realen Leben habe ich so meine Zweifel. Steht mir ein muskulöser Kraftmensch gegenüber, so geht das in den meisten Fällen gewaltig schief.

Tai Chi macht das besser, indem man einen Gegner aus der Balance bringt. Greift jemand nach mir, gebe ich nach und leiste keinen Widerstand. Bis zu diesem Punkt kann man sich darüber streiten, ob beide Systeme nicht teilweise das Gleiche machen, wenn auch mit anderen Methoden.

Der größte Unterschied liegt aber meiner Meinung nach in der Sensitivität. Wing Chuns klebende Hände sollen hier das Maß aller Dinge sein, was nur zum Teil richtig ist. Nicht nur Wing Chun kennt diese Form, wie Mayumi schon angesprochen hat, gibt es die auch im Okinawa Karate und anderen Kung Fu Stilen.

Mit dem Unterschied, dass im Wing Chun leider wirklich nur die Arme sensibilisiert werden, im Tai Chi aber der ganze Körper. Wing Chun gilt als reiner „Close Range Combat.“ Und das macht das System recht gut. Bis man, rein theoretisch, auf den Weltmeister im Kyokushin-Karate trifft.“

Kick it

Wir müssen alle lachen. Dan spricht von den blitzartig aus nächster Nähe nach oben gezogenen oder gesprungenen (Dreh)Kicks zum Kopf, mit denen ich Feng im Sparring überraschte. „Wing Chun übt Druck nach vorn (auf den Angreifer) aus“, fährt Dan fort, „aber es geht immer nur um die Mitte, das Zentrum.

Tai Chi ist ein 360 Grad System, das sich wie ein junger Baum verhält. Zieht man daran oder drückt und lässt dann los, geht der Baum in seine ursprüngliche Position zurück. Tai Chi attackiert den ganzen Körper und ist das wesentlich komplettere System. Falls man es bis zum hohen Level schafft.“

„Der Blick über den Tellerrand ist wichtig“, ergänze ich. „Unbedingt!“, stimmt mir Dan zu. „Es geht mir nicht darum einen Stil zu verteufeln und die Überlegenheit eines anderen anzusprechen, aber viele meiner Schüler haben vorher etwas anderes gemacht und sind nun wesentlich zufriedener mit ihren Erfolgen.“

„Könnte man Wing Chun als Einstieg in die Welt der Kampfkunst sehen?“, will ich wissen und Dan nickt. „Das hast du gut formuliert“, erwidert er, „aber ich sehe das komplexer.

Wie ich schon sagte ist Wing Chun ein einfaches System, das vor allem für körperlich schwächere Menschen interessant ist. Vor allem für Frauen.“ Er grinst, als er meinen Mittelfinger sieht. Humor, den auch Dan versteht.

Hinterm Horizont geht’s weiter

„Du wirst dort viele treffen, die kaum Fitness haben oder einfach unbeweglich sind“, fährt er fort. „Für die wäre Karate Mord. Auch für Kinder ist Wing Chun eine tolle Sache. Aber wer Wunder erwartet, wird bitter enttäuscht.

Wer dazu in der Lage ist und echte Fortschritte machen möchte, dem rate ich sich auch anderweitig umzusehen. Ohne den direkten Vergleich, wird man immer limitiert bleiben. Und die angeblich so guten Wing Chunler aus Hongkong machen in Wirklichkeit nur Sanda (Chinesiches Kickboxen).“

Auch Feng stimmt zu. „Ja“, sagt er, „das habe ich mittlerweile auch erkannt. Ich musste auch Kickboxen lernen, um bei Meisterschaften erfolgreich zu sein. Trotzdem hat mir mein Tai Chi Hintergrund dabei geholfen. Und schon Bruce Lee hat die Stile gemischt.“

Unvermischt und pur bleibe nur ich meinen LeserInnen erhalten. Auch wenn ich Deutschland nächste Woche wieder in Richtung USA verlassen werde.

Her mit den kleinen Japanerinnen!

Während die Geburtenrate in Japan weiter sinkt sind deutsche Männer auf der Jagd. Die Suchanfragen auf meinem Blog sprechen eine deutliche Sprache dessen, was der wortgewandte Gaijin von Japanerinnen hält.

Devot und sexy müssen sie natürlich sein. Und immer willig, ist doch klar. Bevorzugt haben sie Sex in neckischen Uniformen unter denen sie kein Höschen tragen. Sie sind auch immer bereit, um Mann herzlich zu empfangen. Harter Schnitt, liest noch wer mit?

Dies wird keine Liste schwülstiger Begriffe, mir ist heute nicht danach. Sonst müsste ich diversen Herren den Mittelfinger zeigen. Genau den haben sie verdient. Was aber wenig an Japans schrumpfender Bevölkerung ändert. Sterben die JapanerInnen aus?

Japan hat, wie viele Industrienationen, zunehmend mit Überalterung und weniger Geburten zu kämpfen. Komplizierte Rituale beim kennenlernen machen das kaum besser, JapanerInnen stehen sich bei der Partnersuche oft selbst im Weg. Und dann gäbe es da noch die zunehmende Selbstverwirklichung der Frau.

Einerseits vom Staat gefördert, ist das nun ein zunehmendes Problem. JapanerInnen wollen aktiv sein und keine passive Rolle als „nur“ Mutter übernehmen. Hinzu kommen die unattraktiven Bedingungen für Kinder und Karriere, die wenig förderlich für neue Babys sind.

Im Gegensatz zu Europa und seinen wirren PolitikerInnen, setzt man in Japan nicht auf die massive Immigration von kulturfremden Menschen, die japanisches Blut auffrischen sollen. Das mag nun rassistisch klingen, hat aber einen völlig anderen Hintergrund.

JapanerInnen sind stolz auf ihre Herkunft und ihr Land. Und sie sehen die Probleme in den USA und Europa, die durch gewisse Migranten entstehen. Kriminalität in Japan ist auf einem sehr niedrigen Stand. Warum also sollte man sich „Verbrecher“ ins Land holen? Das ist nur ein Beispiel, wie Japaner denken.

Mischehen sind durchaus vorhanden, aber ebenso wie die Zahl der in Japan beschäftigten AusländerInnen eher gering. Während japanische Männer hauptsächlich Chinesinnen und Philippinerinnen ehelichen, richtet sich der Blick japanischer Frauen gern auf Korea und die USA.

Sich beim Nachbarn umzuschauen macht durchaus Sinn. Ich habe es schon mehrfach betont und mache es gern wieder, Unterschiede zwischen Menschen aus Japan, China und Korea sind kaum vorhanden. Zumindest wenn es ums Aussehen geht. Kulturell und politisch sieht das wieder völlig anders aus, spielt aber bei der PartnerInnensuche keine große Rolle.

Wie japanische Männer noch immer über Frauen denken, wird am Beispiel einer Broschüre klar, die im Februar für einen Skandal in der Präfektur Tottori sorgte. Gut gemeint, aber mit vorsintflutlichen Passagen gespickt, brüskierte der Text viele Frauen.

„Die Frau sei von Natur aus das passive Geschlecht“, heißt es dort. „Werde sie energisch mit Liebeszuneigungen und Annäherungen umworben, so fühle sie sich vom Partner angezogen. Der Mann erwarte von der Frau Geborgenheit, Ruhe und Wertschätzung.“ Mein Fazit zu dem Text: Mann sucht das Heimchen am  Herd.

Nachdem die Presse Wind davon bekam und den Textpassagen einen „vorkriegszeitlichen Beigeschmack“ bescheinigte, ließ der Gouverneur die Broschüre einziehen und hat sich öffentlich entschuldigt. Mein Japan, du hast tolle Männer. So wird das nie was mit den Kindern.

Vielleicht hätten er und andere Politiker Frauen fragen sollen, was diese von der Sache halten, oder wie man in Japan die Dinge ändern kann. Ich für mein Teil frage immer meine „kleine Japanerin“, damit sie mich auch morgen noch voller Wertschätzung und in Ruhe küsst.

 

 

 

 

 

 

Religion als Waffe

Im Namen von Göttern, haben Menschen schon immer andere Menschen verfolgt. Sie haben Kreuzzüge gegen ihre Schwestern und Brüder geführt. Buddhisten sind kein Stück besser, als andere Religionen. Man denke nur an die Kriege in Asien.

Mit dem Unterschied, dass es dabei selten um den Glauben ging. Politische Interessen, die Suche nach Rohstoffen, haben Japans Samurai nach China gebracht. Die Chinesen nach Korea und und und …

Wer anders ist, wird gern verfolgt. „Und willst du nicht mein Bruder sein …“, stand auf so mancher Fahne. Auch in der heutigen Zeit ist das kaum besser. Die Welt brennt noch immer. Verbohrte Greise predigen Hass und schicken die Jugend in den Tod. Mit Bomben, Attentaten und Lügen. „Das Paradies erwartet euch!“

Angeblich haben sie mit „Gott“ gesprochen und der hat den Weg gezeigt. Jede Seite sieht sich als die einzig wahre an. Dabei bedeutet das Wort „Allah“ auch nur „Gott.“ Christen, Juden und Moslems streiten schon immer, weil (falsche) Prediger es so wollen. Aber Religion ist für alle Menschen da. Und ein Gott verbreitet keinen Hass.

Ein Missbrauch von Religion(en), ist so alt wie die Götter selbst. In ihrem Namen werden Wahrheiten verkündet, die Menschen aufgeschrieben haben. Diese Wahrheiten kosten andere Menschen das Leben. So, wie in Israel, Indonesien und dem Sudan. In Wirklichkeit geht es stets um weltliche Interessen. Um Rohstoffe, Macht und sehr viel Geld.

Dafür brennen Städte in Syrien, dafür sterben Menschen in der Türkei. Die Attentäter sterben mit. Ganze Generationen sind bereits verblutet. Politische Konstrukte, wie der Islamische Staat (IS), verbreiten Angst und Schrecken. Kein Gott hat das gewollt. Der Sinn des Lebens ist zu leben. Friedlich. Punkt!

Abenteuer Japan – Teil 5: Die Shanghai Connection

China stand schon immer auf meiner Reiseliste. Hongkong und Macao sollten es sein. Der Zufall und die Familie haben anders entschieden. Wir stehen plötzlich in Shanghai. China ist von Fukuoka aus nicht weit. Knapp 900 Kilometer trennen uns. Ja, so nahe können sich alte Feinde sein.

Japaner benötigen zur Einreise nach China kein Visum. Zumindest wenn sie einen Reisepass haben und Touristen sind. Und Japanerinnen sind wir wieder. Die Stempel in den Pässen sind noch frisch. Eine Cousine von Yuki arbeitet in Shanghai. Sie hat uns eingeladen in ein Land, das fremd und doch vertraut erscheint.

Interessiert lese ich die Kanji. Die meisten können wir entziffern. Und Cousine Miri spricht Mandarin. Oder das, was man in Shanghai dafür hält. Der Dialekt ist völlig unverständlich für mich. Dabei habe ich wirklich geübt! Miri hat sich frei genommen, um uns die Stadt zu zeigen. Sie und Yuki haben sich einige Jahre nicht gesehen.

Miri lebt seit fast 10 Jahren in der Stadt. Sie ist 39 und sieht doch noch wie ein Teenager aus. Gute Gene eben. Ihr chinesicher Mann heißt Tony, ist völlig verrückt nach ihr und will noch 5 Kinder, sagt er. Auf Japanisch und lacht dabei verschmitzt. Die beiden haben 2 süße Töchter, die beide Sprachen fließend sprechen.

China, ich tauche ein in das Land, aus dem Japan so viel übernommn hat. Aber Shanghai ist nicht typisch China, das war diese Stadt noch nie. „Peking, was ist das? Habe ich schon gehört“, sagt Tony und schlägt damit in die gleiche Kerbe, wie die meisten Einwohner von Shanghai. Die Interessiert herzlich wenig, was man in der Hauptstadt so entscheidet. In Shanghai macht man was man will. Auf die ganz eigene Art.

Tony ist Börsenmakler und sehr erfolgreich in seinem Job. Miri Grafikerin. Die beiden haben eine riesige Eigentumswohnung in der es sogar ein Gästezimmer gibt. „Ihr könnt unmöglich im Hotel schlafen!“, sagt Miri und wir akzeptieren. Ich mag Tony, er ist kein Macho und völlig in seine 3 Frauen vernarrt. Dass wir lesbisch sind stört ihn wenig. „Mein bester Freund ist schwul“, sagt er lapidar. „Und wir kennen uns seit Kindertagen.“

Miri zeigt uns ihr Shanghai. Angefangen vom Huaihai Park bis zum Oriental Pearl Tower. Und auch den Century Park in Pudong nehmen wir noch mit. Dazwischen liegt das Einkaufscenter, Restaurants, die ganze Stadt.

Wir treiben durch ein buntes Leben, das fast schon ein Mix der Kulturen ist. China trifft den Rest der Welt, der Westen scheint überall präsent zu sein. Fasziniert lassen wir die Eindrücke wirken. Shanghai gefällt mir ganz spontan.

Im Park treffen wir auf Menschen, die Tai Chi praktizieren. Ich erkenne die Form, ich habe sie einst auch gelernt. Unwillkürlich mache ich mit und werde von dem freundlichen Sifu sofort eingeladen. Der Mann muss gute 80, wenn nicht älter sein. „Kommen Sie bitte!“, ruft er auf Japanisch. „Seien Sie unser Gast.“

Herr Huang hat absolut keinen Hass auf Japaner. Obwohl er den Krieg als Kind miterlebt haben muss. „Das ist alles so lange her“, sagt er, als ich ihn frage, wie er heute Japan sieht. „Schauen Sie nur, wir sind doch alle Brüder. Tai Chi vereint uns wieder.“ Und da hat er recht. Er hat lange in Japan gelebt und kann viele Geschichten erzählen. Wir hören gern zu, dann muss er leider gehen.

Ich bin nicht nur zum Spaß in China. Nur müssen das die Behörden kaum erfahren. Das Objekt der Begierde erweist sich schnell als Windei schräger Spekulanten. Ein Check der Zahlen und ich bin weg. Wir bleiben einige Tage bei Miri und Mann, die unseren Besuch sichtlich genießen. Wie Deutschland ist wollen sie gern wissen. Daher laden wir sie ein.

Zum Abschluß der Reise versucht ein Taschendieb am Flughafen sein Glück. Er greift Yukis Handtasche und rennt gegen einen Sicherheitsmann, der nicht lange fackelt. Bevor ich eingreifen kann gibt es einen perfekten Haken. Der Täter fällt, alles ist gut. Miri und Tony danken dem Chinesen überschwänglich, der noch einige Zentimeter wächst und den Burschen in Gewahrsam nimmt. Diese für Deutschland untypische Gewalt, ist in Asien Normalität. Ein Menschenleben zählt dort wenig.

Im vorerst letzten Teil, wird es um harte und weiche Dinge gehen. Und um Tradition.

 

Von mitleidlosen Japanern und gefühlskalten Deutschen

Geschichten über Japan werden meist von Westeuropäern verbreitet, die wenig von der asiatischen Seele verstehen. Geprägt von westlicher Kultur und christlichem Glauben maßen sich diese Japan-Kenner Verständnis an. Und liegen oft völlig daneben.

Immer wieder weise ich auf die großen Unterschiede hin, die zwischen Japan und Deutschland (Europa) bestehen. Und auch in China, oder Korea, ist das kaum anders. Am Beispiel „Mitleid“ möchte ich eine Sichtweise zeigen, die Westeuropäer so völlig anders sehen.

Angeblich zeigen Asiaten kaum Mitleid, wenn ihnen von Unfällen berichtet wird. Das Schicksal des Einzelnen scheint sie nicht zu interessieren. Und hier haben wir schon jenen Unterschied, den ich bereits angesprochen habe.

Die empathische Bindung gegenüber der eigenen Nation hat in Japan und ganz Asien oft einen höheren Stellenwert als im Westen. Anders ist die Opferbereitschaft der Helfer im Atomkraftwerk Fukushima kaum zu erklären. Die Helfer handelten zum Wohl der Nation. Und sind dafür gestorben.

Japaner zeigen wenig Gefühle, das gehört sich einfach nicht. Kawaisou – Du Armer!, wird in Japan ungern gesagt. Das Wort wird meist als arrogant empfunden. Und Japaner sind sehr empfindlich und auch sehr schnell verletzt. Um das zu vermeiden schweigen sie oft und zeigen das berühmte Lächeln, was oft als grausam und mitleidlos bezeichnet wird.

In Asien gibt es noch weitaus tiefere familiäre Bindungen, als es in Deutschland der Fall ist. Dort kümmert man sich um bedürftige Angehörige. In Deutschland kommen sie ins Altersheim. Und Besuch gibt’s einmal im Jahr. Wie war das mit dem Mitleid noch?

Als gefühlskalt und wenig empathisch werden Japaner gern bezeichnet. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Japaner empfinden Europäer oft als ebenso wenig empathisch. Zumindest bei Erstbegegnungen. Wie der Japaner denkt soll ein Beispiel zeigen, das meine Mutter mir erzählte.

Als junges Mädchen hatte sie einen Studentenjob und eines Tages fürchterliche Rückenschmerzen. Trotzdem ging sie pflichtbewusst zur Arbeit, bis die Schmerzen unerträglich wurden. Sie ging zum Chef, um sich für den Tag krank zu melden. Aber statt Verständnis zu zeigen reagierte der ungehalten.

Ihr Verhalten sei inakzeptabel bekam sie zu hören. Und sie solle mit ihrem Vater sprechen, der ihr korrektes Benehmen beibringen solle. Und wer nun ihre Arbeit machen solle, er habe sonst niemanden mehr. Sie bekam zwar frei, musste den Tag aber nacharbeiten. Unmenschlich, mitleidlos?

Auf den ersten Blick ist der Chef ein Monster, ein herzloser Kerl. Aber meine Mutter war am Vortag Schlittschuhe laufen und hat sich dort die Bandscheibe verrenkt. Das hatte sie in ihrer Naivität noch kommuniziert. Und deshalb war der Chef ungehalten. In Japan wird von Arbeitnehmern erwartet, dass sie an ihren freien Tagen auf ihre Gesundheit zum Wohl der Firma achten. Ist das falsch?

Zugegeben ist der Kerl für mich ein Arsch, das kann ich hier ganz deutlich sagen. Von mir hätte er den Mittelfinger bekommen und den verbalen Tritt ans Knie. Aber es geht um kulturelle Unterschiede. Und auch in Deutschland reagieren Chefs ungehalten, wenn sich der Prokurist in seiner Freizeit betrinkt und dabei die Finger bricht.

Das Bild vom mitleidlosen Japaner ist so falsch, wie das des Deutschen in Lederhosen. In beiden Fällen ist es ein dummes Klischee. Aber wer weiß, vielleicht wollten die Japaner nur kein Mitleid zeigen, wenn sie närrische Jodel-Bayern sehen.

Warum man in Japan nicht Chinesisch spricht

Für die meisten Menschen bleiben Japan und China ewig fremde Länder. Das liegt vor allem an der Schrift, die Europäer in den Wahnsinn treiben kann. Gemeint ist Kanji und nicht noch Japans Kana, die sowieso nur wir verstehen. Schaut man sich die Kanji in beiden Ländern an, so wirken sie auf den ersten Blick gleich. Ein Irrtum, wie wir gleich bemerken.

Japan hat als Schrift einst die chinesischen Kanji übernommen und auch lange 1:1 genutzt. Nun sind Japaner dafür bekannt, Dinge gern zu ändern. Aber eigentlich haben das die Chinesen getan. Die Reform der Kanji hat Japan so nicht übernommen und bereits 1946 eine eigene gemacht. Nur in Taiwan, Korea und Hongkong blieb die Langschrift Maß aller Dinge, was für weitere Verwirrung sorgt. Und im Lauf der Zeit haben sich auch Bedeutungen verändert, wie ich noch zeigen werde.

Ein Wort zu Koreanern, die nun wirklich Probleme mit Chinesen haben. Dort hat man sogar eine eigene Schrift erfunden, um den Kanji zu entgehen. Was ich schade finde und mittlerweile viele Koreaner auch. Daher ist es verständlich, wenn das Interesse an Kanji neu erwacht.

Und dann gibt es noch die Kokuji-Zeichen, die eigens für Japan geschaffen worden sind. Auf den ersten Blick sind das auch nur normale Kanji. Nur bezweifle ich stark, dass die in China jemand lesen kann. Ebenso habe ich meine Probleme mit Zeichen, die eine völlig andere Bedeutung haben. Aber beim Schwein – 猪 – ist es fast kein Problem. Wir sagen Wildschwein / Wildsau dazu. Aber Wild mag ich nicht essen. Das bin ich lieber, wenn auch gezähmt durch meine Elfe.

Das Zeichen 手紙 ist ein perfektes Beispiel für einen großen Unterschied. Ulrike vom bambooblog wird nun vermutlich lachen und das „Klopapier / Toilettenpapier“ erkennen. Aber in Japan heißt das auch Brief. Gut, aus Papier sind die beide. Und mit so manchem Brief kann Frau sich den Hintern wischen. Witzig ist das Zeichen auf jeden Fall.

Chinesen und Japaner können sich durchaus noch mit Kanji unterhalten. Auch, wenn es zunehmend schwieriger wird. Das liegt mit daran, dass nicht alle Japaner alle Kanji lesen können. Und auch ich bin nicht perfekt. Trotzdem traue ich mir zu in China meine Frau zu stehen und zumindest den Sinn von Worten zu erkennen. Und einige Mandarin-Worte kann ich schon. China, wir kommen! Zumindest irgendwann.

Die ganz alten Kanji sind kaum noch in Gebrauch. Die braucht keiner mehr und niemand mag sie nutzen. Aber mein Papa hat darauf geachtet, dass ich sehr viele neue Kanji lesen kann. Aber noch besser kann ich die beiden Kana. Vielleicht sollte ich den Blog doch auf Japanisch …? Ich meine ja nur, das wäre Fun.

Nein, in Japan kann man kein Chinesisch. Daher hat man auch die eigene Schrift erschaffen. Wo käme der stolze Japaner da auch hin, wenn die chinesischen Schwestern und Brüder, die auch noch erfunden hätten. Dass die Kana auch nur reduzierte Kanji sind, das haben viele vergessen.

Die Gesichter der Welt

Schon oft hat man mich nach den Unterscheidungsmerkmalen von Asiaten gefragt und ob es die überhaupt gibt. Für Europäer ist es schwer aisatische Gesichter zu erkennen. Dabei kann das so einfach sein! Als kleiner Tipp für Ratewillige sei noch gesagt, dass es den typischen Asiaten nicht gibt. Wie hilft das der Frage weiter?

Ich, als geborene Expertin für Japan und Japaner, bin zu einer umfassenden Aufklärung natürlich prädestiniert. Einmal mehr erklärt Frau Dr. Landar Japan und Japaner. Und China und Korea gleich mit. Nur Thais sehen dann doch etwas anders aus. Es sei denn, dass es dort lebende Chinesen sind. Alles klar?

Was unterscheidet nun den typischen Japaner vom Koreaner und was macht einen Chinesen aus? Ist die Hautfarbe anders, die Nasenform? Sind es noch schmalere Augen, noch höhere Wangenknochen? Von sogenannten Experten wird behauptet, dass Japaner am kleinsten sind. Unsere Hautfarbe sei heller und unsere Augen runder. Aber dieses Gerücht stammt vermutlich aus der Manga-Ecke. Da gibt es Kulleraugen zuhauf.

Koreaner sind angeblich alle dünn und groß. Und die Augen sind ganz schmal. Vermutlich weil sie stets übers Meer blicken, ob nicht Japans Flotte wieder kommt. Chinesen wird eine „gelbliche“ Hautfarbe angedichtet. Im Westen spricht man gern von der „gelben Gefahr.“ Dabei ist auch das nur Blödsinn pur.

Was ist nun Wahrheit und was Legende? Und essen alle Deutschen wirklich Sauerkraut? Tragen die Franzosen alle noch Schnauzer und sind Italiener alle 1 Meter 50 groß? All das ist so großer Quatsch, wie die Legenden über Asien. Aber das habt ihr bestimmt alles schon gewusst.

Speziell in China gibt es eine ganze Reihe verschiedener Völker, die sich durchaus unterscheiden. Und auch in Japan gibt es Unterschiede. So, wie in Deutschland auch. Und warum sollte es in Korea anders sein? Kleidung, Sprache und Frisuren können die Unterschiede viel deutlicher machen, als es Gesichter tun.

Ich für mein Teil kann Unterschiede durchaus erkennen. Aber auch völlig daneben liegen. Wie bei einer in Japan lebenden Koreanerin, die chinesische Wurzeln hat. Aber sie spricht die drei Sprachen fließend. Und das ist voll gemein! Die Gesichter der Welt unterscheiden sich durchaus. Aber letztlich sind alle Menschen Brüder. Oder Schwestern, weil mir die weibliche Form einfach besser gefällt. Aber auch das habt ihr schon gewusst.

Japan, deine Religionen!

Japaner sind Buddhisten, das weiß doch jedes Kind. Weit über 80 Prozent der Bevölkerung gehören diesem Glauben an. Japaner sind aber auch Shintoisten. Und auch diese Zahl liegt bei weit über 80 Prozent. Ein Widerspruch, gar eine Lüge? Nein! Frau Dr. Landar erklärt, wie Religion in Japan funktioniert.

Aber zurück zu den Prozenten, die eine statistische Unmöglichkeit sind. Auch in Japan gibt es keine Sonderrechnung, wenn man die beiden Zahlen addiert. Aber zu 100 Prozent steht fest, dass Japaner sehr pragmatisch sind. Und das gilt auch bei Religion. Als Mädchen habe ich den Buddhismus erfahren und wie die alten Weisen ticken. Und dass der Shintoismus über allem steht.

Im Westen ist man meist Christ und wird im Sinn der Bibel erzogen. Dass die christliche Kirche heidnische Wurzeln hat, wird gern übersehen. Ich will hier nur das Osterfest, den Weihnachtsbaum und Allerheiligen nennen. Und, dass Kirchen oft auf heidnischen Kultplätzen stehen. Alles kein Problem, wenn man ehrlich ist.

Der Japaner hat kein Problem damit, sich aus dem (Über)Angebot der Religionen das zu herauszuholen, was ihm passt. Beispiel gefällig? Kinder werden shintoistisch getauft, wobei Taufe nur ein Vergleichswort zur Beschreibung der Zeremonie ist. Geheiratet wird in Japan gern nach christlichem Vorbild und gestorben buddhistisch. Alles klar?

Ich selbst bin mit Hausgöttern, Yokai und Geistern aufgewachsen, die für mich selbstverständlich sind. Und Buddha ist und war kein Gott. Für einen Mann, war er recht weise. Und Fehler hatte er natürlich auch. Als Vertreterin des Zen-Buddhismus bin ich bekanntlich sehr kämpferisch unterwegs. Mein Weg, nicht der des Buddha.

Was Japaner nicht kennen, ist die im Westen vorherrschende Trauerkultur, diese viele Menschen lähmende Angst vor Teufel, Tod und Sündenfall. Das hat die unreformierte Kirche damals nur erfunden, um ihre Schäfchen besser zu kontrollieren. Wer in Angst lebt, der braucht einen Erlöser. Wer in Angst lebt, der zahlt. Und Rom bleibt an der Macht.

Japaner verehren ihre Ahnen in einer Weise, wie es auch Chinesen tun. Selbst japanische Christen haben kein Problem damit, diese Sitte weiter zu pflegen. Aber Christen sind und bleiben die Minderheit in Japan, das waren sie immer schon. Sie mixen munter die Sitten und werden dafür gern kritisiert. Aber wo ist das Problem?

Man kann sagen, dass sich in Japan viele Religionen vermischen und so eine eigene Form des Glaubens erschaffen haben. Shintoismus und Buddhismus ebenso, wie der Taoismus und Konfuzius Lehren. Ein weiser Mensch hat einmal Synkretismus dazu gesagt, was es vermutlich trifft. Aber die Menschen glauben. Und das ist alles was zählt.

„Japan, deine Religionen!“, habe ich bewusst als Überschrift gewählt. Aber sie spiegelt kaum wieder, wie Japan wirklich ist. Faszinierend auf alle Fälle, egal ob Buddhist, oder Shintoist über den Köpfen der Menschen steht. Ich bete übrigens meine Elfe an. Und das mindestens zu 1000 Prozent. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

Die Nebel von Iga – Teil 2

Unsere Reise führt zum Schildkrötenberg, dem übersetzten Namen der Stadt Kameyama in der Präfektur Mie. Ein alter Mann wartet auf uns, den wir Großvater Satoshi nennen. Satoshi hat viele Kanji-Bedeutungen, wird aber meist in Zuammenhang mit Weisheit benutzt. Und weise ist der alte Mann. Das bemerken wir sehr schnell.

Mein Vater hat seinen Besuch schon lange angekündigt und nur Ken und mich als Angehörige mitgebracht. Krieger unter sich. Meine Mutter und Yuki sind im Hotel geblieben. Das war besser so. Satoshi lebt in einem Haus am Stadtrand, in dem die Zeit keine Rolle spielt. Er ist erfreut uns zu sehen. Bisher hat er nichts von unserer Existenz gewusst. Sagt er zumindest. Aber er ist schwer zu durchschauen.

Bei dem Namen des Ahnen winkt er ab.
„Er war nur ein Bauer“, sagt er, „der in Iga Geschäfte machte.“
„Ein kluger Bauer, der das Massaker überlebte“, fügt mein Vater hinzu.
Satoshi nickt und schaut mich dabei an.
Nie zuvor habe ich solche Augen gesehen, der Blick geht bis in die Tiefen meiner Seele.
„Ninja-Frauen hat man man Kunoichi genannt“, sagt er leise. „Sie waren so gut, wie die Männer. Vielleicht sogar noch besser.“
„Kunoichi“, murmele ich. „Das Wort hat man aus dem Kanji für „Onna (Frau)“ gebildet und dafür alle drei Schriften benutzt.“
Satoshi nickt und ich habe verstanden.

Kurz zur Erklärung. Das Kanji für Frau ist 女. Zerlegt man das Zeichen, so ensteht die Hiragana-Silbe ku: く, die Katakana-Silbo no: ノ und das Kanji ichi: 一. Daraus ist Kunoichi gebildet worden. Ist Japanisch nicht einfach toll?

Wir trinken Tee und reden. Aber mehr als ein Austausch von Höflichkeiten scheint es nicht zu sein. Großvater Satoshi ist ein wahrer Meister, das wird mir mit jeder Minute klar. Das Haus ist fast ein Museum, überall Bilder und Schriften. Satoshi war Lehrer und ein geachteter Mann. Seine Frau ist lange tot, seine Söhne sind über das Land verstreut.
„Meine Enkel besuchen mich jedes Jahr“, erzählt er. „Dann berichten sie mir von der Welt. Von fremden Ländern und deren Menschen. Und, wie diese uns Japaner sehen.“
Er schmunzelt bei diesen Worten und mein Vater schaut mich an.
„Die Menschen kämpfen gern“, sagt Satoshi unvermittelt. „Aber sie wissen nicht gegen wen. Sich selbst zu besiegen ist die größte Kunst.“
„Karate ist ein Weg zu Selbstvertrauen und seinem eigenen Ich“, ergreife ich das Wort.
„Ach ja, Karate“, murmelt Satoshi. „Das ist doch dieser China-Stil, der über Okinawa nach Japan kam.“
Und wieder schaut mich mein Vater an. Wir verstehen uns schon immer blind..

Großvater Satoshi hat in seiner Jugend Judo trainiert.
„Eine Hüftverletzung hat mich aber behindert“, sagt er. „Aber Judo als Sport wird überbewertet finde ich.“
Aber es interessiert ihn doch, als die Rede auf unsere Kampfkunst kommt.
„Ja“, sagt er. „Kämpfen ist wohl bei uns Familientradition. Ich würde gern Deutschland besuchen, aber dazu bin ich schon zu alt. Aber einer meiner Enkel war schon dort. Vielleicht kann er euch ja dort mal besuchen.“
„Er ist stets willkommen“, sagt mein Vater.
Satoshi nickt. Familie ist ihm wichtig.

Wir bleiben fast zwei Stunden. Der alte Mann zeigt uns das Haus. Aber wirkliche Informationen bekommen wir keine. Die Nebel von Iga lüften sich nicht völlig an diesem Tag.
Auf dem Weg zum Hotel gibt sich Ken enttäuscht.
„Das war Zeitverschwendung“, findet er.
„Satoshi hat eine ganze Menge gesagt. Frag deine Cousine“, erwidert mein Vater und überlässt mir das Wort.
„Der Ahn hat sich als Frau verkleidet“, erkläre ich, „Nur so gelang es ihm zu überleben. Ein alter Trick der Ninja. Wobei Frauen natürlich wirklich besser sind.“
Ken schnauft gespielt empört. Endlich hat er verstanden. Auch meinen Kommentar.

„Wenn seine Enkel kommen trainiert er sie natürlich“, führe ich die Ausführungen fort. „Sie haben andere Kampfkünste gelernt und mit Ninjutsu kombiniert. Satoshi ist daran zwar interessiert, aber hält wenig davon. Das hat er klar gesagt.“
„Du meinst die Andeutung der Hüftprobleme?“, will Ken wissen.
„Ja“, erwidere ich. „Judo war nur eine Ablenkung. Vermutlich hat er sich heimlich über die Judoka amüsiert. Tritte mag er nicht, aber ich bin überzeugt davon, dass er sie kann. Und er hält absolut nichts von sportlichen Wettkämpfen. Auch das hat er gesagt.“
„Und die Sache mit dem Enkel?“, will Ken wissen. „Soll das heißen, dass ein Ninja nach Deutschland kommt?“
„So in etwa“, erwidere ich amüsiert. Aber ein klassicher Ninja wird er kaum sein. Ich bin gespannt, wie lange es dauert. Aber glaub mir, er wird sich melden.“
Und genau das ist im November geschehen.

Von einem überraschenden Besuch und einem Blick in die Vergangenheit erzählt Teil 3. Auch, wer die Ninja wirklich waren.