Der Mann in mir – Lesben in der Genderkrise?

Lesbische Frauen haben viele Gesichter. Gern wird als Stereotyp die maskuline Frau mit Kurzhaarfrisur genommen. Ja, die gibt es. Aber meine Mädels sehen anders aus. Die meisten haben längere Haare, die wenigsten Tattoos, noch weniger sind gepierced.

Was mich trotzdem zu den Butches bringt, die ich natürlich ebenfalls kenne. Trotz femininem Aussehens, wird meine Persönlichkeit von Freunden mit der einer Butch gleichgesetzt. Ich bin die Alpha, die große Schwester und habe meist Hosen an. Selbstbewusstsein inklusive.

Ja, auch ich habe meine Person hinterfragt und ob ich vielleicht ein Transgender bin. Aber weder schlummern verborgene Hoden in mir, noch brauche ich zur Liebe einen Penis. Ich bin schon immer gern Frau gewesen, das wird niemals anders sein. Aber im nächsten Leben dann bitte größer. Mit 10 Zentimeter mehr kickt es sich noch besser.

Aber wie ist das mit der Genderkrise bei Lesben? Gibt es die wirklich, oder bilde ich mir die nur ein? Auffällig für mich, dass Butches in den letzten Jahren vereinzelt zum Mann mutieren. Nicht per Kleidung, von Hormonen ist die Rede.

Mich hat das nachdenklich gemacht. Hat die LGBT-Community versagt? Wählen Frauen den für sie scheinbar einfacheren Weg, wenn sie nun Transmänner sind? Transmänner, die andere Männer lieben. Queer, der anderen Art.

In einer von Männern dominierten Gesellschaft, haben selbst schwule Männer mehr vom Leben. Ihre Stimme wird gehört. Frauen weiterhin nicht ernst genommen. Ist es also reine Taktik? Haben diese Frauen sich selbst aufgegeben?

Transmänner outen sich zuerst als Lesben. Butches meist. Es ist ein schwieriger Prozess für diese Menschen, den andere kaum nachvollziehen können. Selbst ich, die ich lässig mein Coming Out präsentierte, habe keine Idee wie das ist. Eingesperrt im falschen Körper? Das muss blanker Horror sein.

Ich habe geforscht, gelesen und mich unterhalten. Und verstanden, was geschehen ist. Im Zeichen langsam wachsender Toleranz für Homosexuelle, hat sich das Weltbild dieser Menschen geändert. Sie haben erkannt, was sie wirklich sind: Männer im Frauenkörper. Statt lebenslang zu leiden, haben sie Mut bewiesen und den letzten Schritt gemacht.

Hormone und mehrere Operationen können den Mann in der Frau erwecken. Der Penis wird aus einem Muskel gemacht. Aufpumpbar, wie Balian Buschbaum einst verriet. Diesen Schritt gehen nicht alle Transmänner. Einige behalten die Vagina.

Ich zolle Menschen, wie Balian Buschbaum großen Respekt. Er zeigt ein Bild von Mann, das mir sympathisch ist. Und er kann uns Frauen noch immer besser verstehen, als seine neuen Artgenossen. Nur wenn sie zicken, das mag er nicht.

Lesben in der Genderkrise? Fehlanzeige muss das Fazit lauten. Butches, die ich kenne, sind und bleiben Frau. Gern, auch wenn sie lässig Autoreifen wechseln. Bevorzugt meine. Aber das haben meine LeserInnen bestimmt gewusst.

50 Shades of Gay

Wenn die Gesellschaft über Lesben spricht, hat sie sofort ein Bild vor Augen. Maskuline Frauen mit kurzen Haaren, die wie Männer wirken. Natürlich rauchen und trinken die alle und sind absolut gegen Mann. Aber stimmt die alte Formel noch, je kürzer die Haare, umso mehr homo ist der Mensch?

Kurze Pause, harter Schnitt. Zeit um ganz tief Luft zu holen. Nein, liebe LeserInnen, DIE typische Lesbe gibt es nicht. Aus Amerika sind Stereotypen über den großen Teich geschwappt, die uns Lesben gern klassifizieren. Da gibt es die Butches, die Lipstick Lesbians, die Femmes, um nur einige zu nennen. Und es gibt Yuki und mich.

Nach lesbischen Maßstäben bin ich eine Butch, Top, oder Alpha-Frau. Nur meine langen Haare passen nicht zum Klischee. Yuki klassifiziert die typische Femme. Aber in Wirklichkeit sind die Grenzen fließend. Yuki gegenüber bin ich niemals dominant. Wir entscheiden immer gemeinsam. Aber sie bekommt die Kinder. Und die Mama-Butch bin ich.

Lesbisch / schwul zu sein, war lange Zeit geächtet. Homophobie gibt es noch immer, die Gesellschaft denkt nur langsam um. Aber tun das auch die Lesben, die ich stellvertretend für beide Geschlechter nennen will. Die lesbische Kurzhaarfrisur war eine Weile durchaus in. Bewusst hat Frau sich abgegrenzt und auf ihre Orientierung hingewiesen.

Aber Tomboy-Look, Piercings, Tattoos und kurze Haare, haben längst ihren Platz bei allen Frauen gefunden. Selbst Heten haben (wieder) kurze Fingernägel und Lesben lassen die Haare wachsen. Die lesbische Community hat sich verändert. Auch wir sind modebewusst, ist doch klar.

Und doch gibt es Unterschiede, die zum Teil gewaltig sind. Aber gibts die nicht bei allen Menschen? Auch wenn alle Menschen gleich sind, so sind doch alle verschieden, was Denkweise und Aussehen betrifft. Und so ist das auch bei Lesben. Da gibt es wirklich mehr als „50 Shades of Gay.“

Die Baby-Dykes – Neue Lesben braucht das Land

Als „Baby-Dyke“ bezeichnen Lesben gern frisch geoutete (junge) Frauen, die meist einen „Tomboy-Look“ oder „Butch-Charakter“ haben. Die Fachbegriffe finden sich bei google, oder Wikipedia. Aber muss ich die wirklich noch erklären?

In letzter Zeit fallen mir zunehmend junge Frauen „Baby-Dykes“ auf, die „lesbische Erfahrungen“ machen wollen. In Queer-Clubs, Foren und bei Tumblr gibt es sie zuhauf. Dazu ein Wort von mir. Lesbisch sein ist keine Wahl. Frau ist es oder eben nicht. Dass Frauen weniger Berührungsängste mit dem gleichen Geschlecht haben, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Bisexualität ist weiter verbreitet, als bisher angenommen. Vor allem bei Frauen, die einen eigenen Weg gehen wollen. Prinzipiell bin ich für die Selbstverwirklichung von Frau(en). Sie sollte machen können, was sie will. Aber als geborene Lesbe, die nie mit einem Mann zusammen war, sind mir diese „Baby-Dykes“ suspekt.

Baby-Dykes kleiden sich nicht nur lesbischer als jede Lesbe, ihr ganzes Verhalten ist laut und viel zu schrill. Für mich sind diese Mädels reine Spielerinnen, die nur Herzen brechen. Die wenigsten werden lesbisch bleiben und flüchten nach einer Phase (wieder) in die Arme von Mann. Zurück bleiben gebrochene Herzen.

Schon sehe ich die KritikerInnen mit dem Finger auf mich zeigen. „Du hast doch auch schon Heten verführt, Mayumi!“ Ja, das habe ich. Aber dazu gehören immer Zwei. Ich habe nie Liebe geheuchelt oder Ehen zerstört. Es war Spiel, Spaß, auf beiden Seiten. Und es war immer gut.

„Warst du nicht auch mal eine „Baby-Dyke?“, mag die nächste Frage sein. Und da muss ich leise lachen. Ich bin eine Alpha und keine Butch. Lange Haare, wenig Schminke, aber meist ein Tomboy-Look. Und maskulin habe ich noch nie gewirkt. Immer japanisch, frech und hübsch.

In einer sich wandelnden Gesellschaft zeigt diese neue Lust von Frau, wo wir wirklich stehen. Und obwohl ich einerseits froh darüber bin, dass Homosexualität sichtbarer wird, so stehe ich dieser Hype auch skeptisch gegenüber. Und da bin ich nicht allein.

In meinem Bekanntenkreis sehen die Mädels das ähnlich. Zwar nehmen manche das „Frischfleisch“ gern mit, aber langfristiger Spaß ist anders. Plötzlich entstehen wieder Lager, die bereits halb in Vergessenheit geraten waren. „Echte Lesben“ gegen „Baby-Dykes.“ Und das ist ein ziemlich schlechter Film.

Die Butch

Bevor wir in unsere jetzige Wohnung zogen, hat Yuki in einem kleinen Apartement gewohnt. Unitechnisch. Das war schnuckelig, aber auf Dauer zu klein. Aber es geht weniger um eine Wohnung, als vielmehr um eine Frau. Und bei der ich einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ganz Nandalya, die Alpha-Frau.

Yukis Wohnung ist klein, aber fein. Und vor allen Dingen ist sie ruhig. Bis eben in jenen Sommer, als ein lesbisches Paar in das Haus gegenüber zieht. Die Mieter dürfen dort den Garten nutzen, was sie aber kaum tun. Bis auf jene beiden Frauen. Kurz nach dem Einzug beginnen sommerliche Partys, Grillabende mit lauter Musik und viel Gelächter. Mit dem Paar zu reden ist vergeblich, wie Yuki mir erzählt.

Ich schaue mir die beiden Frauen an. Eine hagere, sehr maskuline Blonde mit Kurzhaarfrisur, der die Butch auf der Stirn geschrieben steht und eine schon etwas ältere leicht füllige Frau, bilden das sehr ungleiche Paar.
Die Butch, Petra genannt, scheint die treibende Kraft zu sein. Meist alkoholisiert schlägt sie gern über die Stränge. Zu ihrem Freundeskreis gehören auch Männer, die sich laut Yuki ständig bei den Lesben treffen.

An einem Samstag bin ich bei Yuki zu Besuch und wir kommen Nachts von Freunden aus der Stadt. Schon als wir das Auto abstellen hören wir die laute Musik. Eine weitere Party ist im Gang. Yukis ältere Nachbarin steht zitternd auf der Straße. Sie hat die Polizei gerufen. Als die Beamten kommen herrscht Ruhe. Erst, als sie wieder fahren beginnt der Lärm erneut.
Dumm ist anders. Nur wirklich schlau ist die Bande nicht.

„Ich erledige das“, sage ich und marschiere los. Aber Yuki hält mich fest.
„Sei vorsichtig“, sagt sie zu mir. „Da sind oft Männer und die sehen ziemlich kräftig aus.“
Nun habe ich alles, aber keinerlei Angst vor Mann. Oder Hemmungen mich in Schwierigkeiten zu bringen.
„Ruft die Polizei wieder an“, erwidere ich. „Und lasst sie den Lärm übers Telefon hören. Dann glauben sie das und kommen wieder. Und ich kümmere mich um den Rest.“

So einfach ein fremdes Grundstück zu betreten ist vermutlich bereits Hausfriedensbruch. Aber das ist mir ziemlich egal.
Ich will für Ruhe sorgen. Und das kann ich gut.
Mir bietet sich ein Bild, wie aus einem schlechten Film: Ein halbes Dutzend Betrunkene, Bierflaschen auf der Wiese, Essensreste und Müll. Ein Radio plärrt „Hey Macarena.“
Als sie mich sehen verstummt das Gelächter.
„Was willsu hier?“, blafft die Butch. „Dassis mein Gadden, du hasshier nixsusuchen.“
Starke Sprüche braucht das Land.

„Die Musik ist zu laut, die Nachbarn können nicht schlafen“, sage ich ruhig aber bestimmt.
„Mach dich vom Acker!“, sagt ein dickbäuchiger Kerl und schaut mich drohend an.
Er wuchtet sich aus dem Gartenstuhl, als ich nicht reagiere und präsentiert mir seine beleibte Pracht.
Fett, Schwabbel und große Worte. Keine Gefahr.

„Noch einmal“, sagte ich etwas lauter. „Es ist nach 1 Uhr und wir möchten schlafen. Die Musik wird jetzt ausgemacht und Sie beenden bitte diese Versammlung.“
„Hassu ’ne Meise Alde?“, lallt die Butch. „Isch trede dir innen Arsch. Hau nur ab!“
Ich schenke ihr ein eisiges Lächeln und gehe auf sie  zu.
„Nur zu“, fordere ich sie auf. „Worauf wartest du?“
Vor Schreck, oder Überraschung fällt ihr die Kippe aus dem Mund.
Ihre Partnerin sieht mich ängstlich an.
Frauenpower ist anders.

Die Butch steht auf und fällt kraftlos in den Gartenstuhl zurück.
Alkohol macht Birne hohl.
„Versieh dich“, lallt sie weiter und greift nach ihrem Bier.
Mir wird es zu bunt und ich schenke ihr zwei Ohrfeigen ein.
Die Flasche fällt, die Butch starrt mich entgeistert an. Damit hat sie nicht gerechnet.
„Noch jemand?“, frage ich bewusst provokativ.
Ich muss Zeit gewinnen, um der Polizei ein richtiges Bild zu geben. Und die wird hoffentlich bald kommen.

Der Dicke greift nach meinem Arm. Tappsig und ungeschickt.
Ich nutze den Schwung, um ihn zu seinen sitzenden Freunden zu befördern. Das Knäuel aus Leibern macht mir Spaß. Noch mehr, die wüsten Worte.
Die Butch ist aufgestanden und reibt sich das rote Gesicht. Mit glasigen Augen geht sie auf mich los, was ihr zwei weitere Ohrfreigen beschert.
Das reicht, sie ist bedient und bricht in Tränen aus.
Der Dicke will es noch einmal wissen und geht wieder auf mich los.

Mehrere Gegner zu haben, ist immer so eine Sache. Das kann sehr gefährlich werden und locker ins Auge gehen. Auch, wenn es Betrunkene sind.
In diesem Fall ist es recht einfach. Ich bin einfach nur ausgewichen und habe den Dicken immer wieder zu Boden befördert. Die anderen rühren sich nicht.
„Halt Polizei!“, ertönt endlich der erlösende Ruf, während aus dem Radio „Lives in the Balance“ von Jackson Browne klingt.
Und irgendwie passt der Song zu mir als Regenbogenkriegerin.

Ein Schrank von einem Beamten packt den Dicken und verdreht ihm hart den Arm.
Seine Kollegin hat einen Schlagstock in der Hand und ist neben mich getreten.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, will sie wissen. „Sind Sie verletzt?“
Ich zeige ihr mein beherrschtes, japanisches Lächeln.
Meine Rechnung ist aufgegangen.
„Mir geht es gut“, sage ich.
Sie nickt mir zu und macht das Radio aus.
Treffer. Versenkt.

„Was ist hier los?“, herrscht der Beamte den Dicken an. „Ich hatte Sie bereits gewarnt, die Musik nicht aufzudrehen und sich ruhig zu verhalten. Nun auch noch einen tätlichen Angriff zu starten, war keine gute Idee. Versuchen Sie nicht sich herauszureden, wir haben gesehen, wie Sie die junge Frau attackiert haben.“
Natürlich ist das ein Bluff. Es gibt keine Körperverletzung, sondern nur den von mir ausgekonterten Versuch. Und eigentlich habe ich angefangen.
Aber wer glaubt das schon?

Die Beamtin ist völlig auf meiner Seite. Ich kann in ihr lesen, wie in einem offenen Buch.
Sie nimmt meine Aussage zu Protokoll und unterdrückt mehrfach ein Schmunzeln.
So leise, dass niemand sonst es hören kann, flüstert sie mir zu: „Das haben Sie gut gemacht!“
Das Lesbenpaar, als Veranstalterinnen der Party, bekommt eine Anzeige wegen Ruhestörung. Der Dicke eine Geldstrafe. Und die Nachbarn ab sofort die ersehnte Ruhe.
Eigentlich wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber nicht in diesem Fall.

Petra, die Butch, ist von ihrer Freundin kurz darauf verlassen worden.
Und plötzlich wird klar, dass sie zwar ein krasses Auftreten hat, aber eine ganz Liebe ist.
Die treibende Kraft, ist ihre Freundin gewesen. Und Petras Alkoholproblem.
Das bekommt sie in den Griff und ihr Verhalten ändert sich.

Wir haben uns mit Petra angefreundet. Die Ohrfeigen hat sie mir längst verziehen.
„Die haben mich wach gemacht“, gesteht sie mir eines Tages verlegen. „So, ist noch kein Mensch mit mir umgegangen.“
Petra ist heute mit Beate zusammen. Und sie sind das ideale Paar. Beate hat die Wilde gezähmt und wieder eine Frau aus ihr gemacht.
Und Petra liest ihrer Süßen jeden Wunsch von den Augen ab. Nur bei den Haaren lässt sie nicht mit sich reden. Die bleiben kurz.
„Imagepflege, ihr versteht?“, hat sie gesagt. „Sonst wäre ich ja keine Butch.“
Dumm nur, dass ihr das keiner glaubt.