Engel im Faltenrock

Schuluniformen haben in Japan Tradition. Viele (junge) Frauen mögen den Look und tragen sie auch im Alltag nach der Schule. Wer Asiatinnen kennt weiß, dass wir meist 10 – 15 Jahre jünger wirken, als unser europäisches Pendant. Falten, die haben nur die anderen. Wir haben die im Rock.

Auch Yuki und ich sehen deutlich jünger aus. Und mit etwas Nachhilfe gehen wir als Teenager durch. Es ist Yukis Idee sich quasi zu verkleiden, als wir beruflich in Nürnberg sind. Der Termin ist erledigt, wir haben nun Zeit. Weg mit Heels und Hose.

Das Ergebnis ist bombastisch, wir sehen zum anbeißen sexy aus. Auch unser Verhalten ändert sich. Ebenso die Sprache. Nun sehe ich bereits ein Lächeln auf den Gesichtern meiner LeserInnen. „Ja, das ist einfach für euch, als Japanerinnen.“ Und genau das ist es nicht!

Junge Japanerinnen haben ihre ganz eigene Sprache, einen eigenen Dialekt. Kein Erwachsener wird so jemals sprechen. Wir imitieren auch das perfekt und spielen die albernen Touristinnen. Kichernd Hand in Hand. Und das Biest führt die Regie.

Wir fallen kaum auf. Die Menschen genießen die Sonne und eilen blicklos vorbei. Dann werden wir entdeckt. Ein perlenweißes Lächeln schwebt uns entgegen. Braungebrannt ist der Hünenmann. Das Spiel beginnt, der Vorhang öffnet sich. Bühne frei, wer wird gewinnen? Es folgt des Dramas erster Akt.

Wir werden abgeschätzt, ich kann die Bicke fühlen. Der Strahlemann spricht Yuki an. Sofort erkenne ich den Amerikaner, das ist eindeutig kalifornischer Dialekt. Und Pick-Up-Artist ist er auch, das steht sofort fest. Ich wechsle einen schnellen Blick mich Elfchen. Lasset die Spiele nun beginnen.

„Excuse me, Madam“, startet der Hüne. „Do you speak English? I am lost in this City, if you could help me …?“
„Only little English“, piepst Yuki und mimt die Touristin perfekt. „Sorry, we only Tourists in Germany.“
Natürlich verwechselt sie absichtlich „l“ und „r“ und spricht die Buchstaben als Mischlaut aus. Ich lächele immer nur. Die Sphinx wäre stolz auf mich.
„Okay, never mind“, erwidert unser Strahlemann und schaut auf seine Uhr. Plötzlich verzerrt Panik sein Gesicht. „Oh my God! I … i will miss my train!“

Kurz zur Erklärung, was hier passiert:
Der Typ ist ein Profi, ein „Pick-Uo-Artist.“ Absichtlich hat er mich ignoriert und Yuki angesprochen. Der Grund: sie wirkt (noch) mädchenhafter als ich. Indem er mich ignoriert will er mein Interesse wecken. Dumm nur, dass ich die Tricks besser kann als er. Die „Ich habe mich verlaufen“ Methode ist auch ein alter Hut. Ebenso der Blick auf die Uhr und die gespielte Panik. Sie soll das vielen Frauen eigene Helfersyndrom erreichen. Das habe ich. Aber anders, als er glaubt.

„Trainstation over there“, radebreche ich und zeige in Richtung Bahnhof. „We also go train.“
Die Sonne geht im Gesicht des Typen auf. Innerlich sabbernd steht er vor mir. Vermutlich glaubt er sich auf der Gewinnerstraße. Aber Sieger sehen anders aus.
„You saved my life!“, erklärt er mir und schaut sich suchend um. Wieder ist er (fast) perfekt und Elfchen lacht mit den Augen.
„We show you way“, sage ich. „Come please?“
Gemeinsam geht es Richtung Bahnhof. Und George erklärt sich uns.

25 Jahre ist der Bursche. Footballspieler, ist doch klar. Und Germany findet er so toll! Vor allem das deutsche Bier. Dass wir aus Japan sind findet er awesome!
„It’s so nice to meet you“, wiederholt er immer wieder. Er flirtet gezielt und wir flirten kichernd mit.
Ich kann das gut, es ist kaum zu glauben. Und das ganz ohne jeden Dan.
Bei unseren Namen mogeln wir und nennen uns Yoko und Yuko Okamoto, zwei Schwestern aus Osaka. Japan-Kennern wird der erste Name ein breites Grinsen entlocken. Es handelt sich dabei um Okamoto Sensei, eine wirkliche Superfrau des Aikido. Aber woher soll der tumpe Bursche das nun wissen. Oder das ein „Yuko“ auch eine Wertung im Kampfsport ist.
Ist Japanisch nicht supertoll?

Er liebe Japan, verkündet George und geht zum verbalen Angriff über. Japanerinnen seien so supernice. Viel netter, als die US-Bitches. Und außerdem sähen wir auch besser aus.
Es folgen Komplimente, der Schleim tropft literweise. Fast wird mir ein wenig schlecht. Aber die Rolle sitzt. Mein Lächeln auch.
Ich zeige mich fasziniert von seiner stattlichen Figur.
„We also do make Sport“, erkläre ich. „Tameshigiri. It is good to stay in shape.“
George hört kaum zu und zeigt uns lieber seinen Bizeps.
Mann im Muskelrausch. Ob man mehr Hirnmasse auch trainieren kann?

Natürlich bewundern wir seinen Arm gebührend. Albern kichernd, das Klischee lässt grüßen.
Zentimeter, die (nicht!) die Welt bedeuten.
Tameshigiri ist in Wirklichkeit ein Schnitttest mit dem Schwert (Katana). Und eine üble Sache am lebenden Objekt. Aber die alten Samurai haben Klingen auch an Verurteilten getestet. Japan war grausam zu dieser Zeit.
Grausam wird es auch für George, als er uns umarmen möchte. Vorausgegangen sind noch weitere Komplimente und wie gern er uns wiedersehen will.
„I am Single“, lässt er uns wissen und zwinkert dabei. „Maybe we can meet again …“

Abwechselnd lässt er die Blicke schweifen, er zieht uns mit den Augen aus. Plötzlich ist von Abfahrt keine Rede mehr. „Spontan“ lädt er uns zum Essen ein. Yuki und ich tauschen schnelle Blicke. Ist das nun schon der zweite Akt? George blubbert weiter, der Junge will es wissen. Als wir (gespielt) zögern folgt der Handy-Trick, die Einladung zu einer Party. „I gotta go“, lässt er uns nach dem Anruf wissen. „Some friends are having a real good time. Drinks, fun … But wait, why don’t you join us? We will have such a good time!“

Übersetzt ist das nichts anderes, als die Einladung zu einer Orgie. Vermutlich ist George der Jäger und wir sollen die Beute sein. Aber im Drehbuch steht ein anderes Ende. Ob er es lesen mag? Alle Zweifel schwinden, als der Strahlemann von (s)einem Auto spricht. Er parke nur um die Ecke und es seien nur 5 Minuten bis zum Fest. Plötzlich hat er es eilig. Samenstau im Unterhaus? Er macht den gleichen Fehler, den Mann (bei mir) nur einmal macht.

Georges Lügenstory geht noch weiter. Er fällt aus der Rolle. Wir bleiben drin. Aber als seine Hände uns berühren, greifen wir wie auf Kommando zu.
Georges Schrei ist echt. Alle Kraft ist vergebens. Aikido zwingt ihn auf die Knie.
Passanten bleiben stehen und schauen interessiert. Bühne frei, Japan ist zu Gast.
„Listen asshole“, sage ich laut. „Any wrong move and your wrist is history. Do you copy?“
Yuki Kommentar später: „Du siehst zu viele US-Filme. Du hast wie eine Soldatin geklungen.“
Aber genau das bin ich doch. Eine Kriegerin des Regenbogens.

„What do you want?“, presst George hervor. Sein Gesicht ist kreidebleich. „You want money? Take it! Just don’t hurt me!“
„I don’t need your fucking money“, erwidere ich kalt. „I am gonna teach you a lesson. Look at me! Now!“
George dreht den Kopf. Angst glimmt in seinen Augen. Er mag ein Hüne sein, aber kämpfen kann der nicht.
„I am sick of you guys“, sage ich. „You fucking Pick-Up-Artists are a sickness like the Pest once was. You remember what happened to the Pest, don’t you?“
George presst die Lippen zusammen und nickt.
„We should wipe you out as well“, sage ich und überdehne sein Handgelenk noch mehr. „Any last words?“
Es folgt der finale Akt.

George schluchzt wie ein Kind. Ein feuchter Fleck erscheint in seiner Hose. Wenn Mannes Selbstbewusstsein bricht. Wir lassen George los, einige Jugendliche spenden uns Applaus. Bühne frei nun für den Narren. Unser Vorhang aber fällt. Hand in Hand verlassen wir die Szene. Zwei (eiskalte) Engel im Faltenrock. Mag jemand mit uns fliegen?

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Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben keinen Streit gesucht. Meiner Frau und mir ging es lediglich um etwas Spaß, zwei „Touristinnen“ in Deutschland. Wir machen das ab und an gern. Incognito im eigenen Land. Menschen wie George (Name geändert) braucht niemand. Vielleicht hat er die Lektion gelernt. Der Ippon zumindest ging an uns.

 

 

Bühne der Eitelkeiten

Es ist Premierenabend im Theater. Weltbühne hat es der Gründer einst genannt. Vorzugsweise Dramen spielt man hier.
Der Intendant betritt die Bühne, das Publikum wartet schon gespannt.
„Guten Abend meine Damen, guten Abend meine Herren!“, ruft er und lächelt in die Runde. „Mein Name ist Brown Thrasher Mockingbird. Ich habe heute Abend die große Ehre ein besonderes Glanzstück der Schauspielkunst zu präsentieren. Die Weltpresse hat schon im Vorfeld darüber berichtet. Und vermutlich sind Sie deshalb alle hier.“
Er macht eine kurze Pause und schaut in erwartungsvolle Gesichter.

„Unser Stück trägt den klangvollen Namen Selbstdarstellung und Eitelkeiten“, fährt er fort. „Wir werden die ungeschminkte Wahrheit präsentieren. Die Autoren haben lange daran geschrieben. Und glauben Sie mir, es war nicht leicht! Die richtigen Darsteller zu finden hat Jahre gedauert. Aber nun ist es soweit. Vorhang auf und Bühne frei für „The Worlds finest Drama Queens.“

Verschmitzt lächelnd verlässt der Intendant die Bühne und die Schauspieler treten auf. Sie sind alle mehr oder weniger nackt, ein mittlerer Skandal bahnt sich an.
Pressevertreter schießen sofort Fotos. Ein Hängebusen auf der Titelseite verkauft sich immer gut.

Die Zuschauer sind schnell wieder versöhnt, als das launige Spiel der Damen beginnt. Mit- und gegeneinander tragen sie ihre Zeilen vor. Die entblößten Körper sind schnell vergessen, die nackte Seele tritt ins Rampenlicht. Und was wird den Zuschauern nicht alles geboten! Einblicke in die Abgründe menschlicher Tiefen, Ausblicke auf einstürzende Neubauten und andere Abrissbirnen. Und den einen oder anderen Apfelpo.

„Freundinnen müsste man sein“, rezitiert eine Rothaarige und wendet sich an ihre dunkelhaarige Nachbarin. „Sag, wie geht’s eigentlich deinem Göttergatten? Geht er immer noch mit seiner Sekretärin fremd?“
„Nicht mehr, seit du gekündigt hast“, gibt die Angsprochene mit zuckersüßem Lächeln zurück. „Er hat jetzt einen Sekretär.“
„Ach er ist jetzt schwul?“, flötet die Rote und lacht. „Besonders standhaft war er ja nie. Das liegt vielleicht auch an seinem Alter. Junge Kerle können einfach mehr.“
„Der Sekretär ist aus Holz und schon über hundert Jahre alt“, giftet die Dunkelhaarige. „Aber sag, was macht dein Mann eigentlich jetzt? Stimmt es, dass er in einem Call-Center arbeitet und Hausfrauen beglückt?“

Erste Lacher aus dem Publikum zeugen vom Erfolg des munteren Spiels. Und verspielt geht es weiter, die Damen bitten zum Tanz. Flugs eilen nackte Bengel herbei. Aber in Ermangelung blauer Pillen bleiben die Flaggenmaste ganz schlaff. Glanz und Glorie ist anders. Und Schlachten werden heute mit Worten geschlagen.

„Der Ton macht die Musik“, ertönt plötzlich eine Stimme. Schon stürmt der Star des entblößten Ensembles herbei. Standesgemäß im heiße Luft Ballon.
„Wie meinst du das?“, will eine kleine Dicke wissen? „Ich kann dich einfach nicht verstehen!“
„Bei deinem Verstand kein Kunststück“, gibt Diva zurück. „Sag, hast du abgenommen?“

Pointe reiht sich an Pointe, Gag folgt auf Gag. Das Publikum lacht Tränen, selbst eingefleischte Kritiker sind hin und weg. Die Weltbühne hat einen vollen Erfolg zu vermelden. Besser waren die Darsteller noch nie. „Zickenkrieg im Theater“, lautet die Überschrift am nächsten Tag. Und „Mockingbird ist König.“ „Auf dass das Theater niemals endet!“, wird geschrieben. Und abschließend noch „Selbstdarstellung, wie ich sie mag.“