Das Fake

Grinsend schaltete Stefan seinen PC an. Wer ihm wohl heute wieder auf den Leim gegangen war? Der Student wusste, was er machte und wie er Frauen manipulieren konnte. Durch Zufall war er auf das Dating Portal für Lesben gestoßen. Eigentlich hatte er einen Seitensprung gesucht. Seine türkische Freundin durfte nicht mit ihm ins Bett.

Aber Yasemins Eltern hatten Kohle und sie war total in ihn verliebt. Also spielte er weiter den zukünftigen Schwiegersohn und nahm sie nach Strich und Faden aus. „Ist ja geil!“, murmelte er, als er die Vorschaubilder der Frauen sah. Ob er eine davon rumkriegen konnte? Die 35 Euro pro Monat waren gut angelegt. Und schon am nächsten Tag schaltete ihn der Admin frei.

Er nannte sich Leyla und stellte ein Bild von Yasemin in sein Profil. Zu dumm, dass er sie bisher nur bekleidet kannte. Aber die Türkin hatte schon eine krasse Figur. Letztes Jahr im Freibad, hatte er mehr davon gesehen. Aber mehr als küssen war nicht drin. Zumindest Bilder im Bikini sollte er noch haben. Die waren Voraussetzung für den erotischen Teil von L-Finder.

Zwei Frauen meldeten sich bereits am nächsten Tag. Aber eine suchte nur nach einer Bettgespielin für ihren Ehemann. Die andere war schon über Fünfzig. Also ging Stefan selbst auf die Suche und was er schon bald zu sehen bekam, ließ seine Hose deutlich enger werden. Schwer atmend starrte er auf die oft nur leicht bekleideten Frauen. Einige waren sogar völlig nackt.

Plötzlich klappte ein Chatfenster auf und eine PantherinXy schrieb ihn an. Bisexuell sei sie, schrieb die Katze und zeigte ihm ein heißes Bild. Nun war Stefan alles andere als doof und die Blonde auf dem US Flitzer sah wenig lesbisch aus. „Blöde Fakes“, murmelte er und klickte die Pantherin weg. Aber eine Brünette mit tollen Augen, hatte es ihm angetan.

Anja hieß sie und war schon 43. Auch sie hatte ein erotisches Bild, das sie oben ohne zeigte. Wenig erotisch fand Stefan ihre unrasierten Achseln und dass sie einen Telefoncheck wollte. Eine Woche, zwei Sabines, eine Doris und eine Tanja später, hatte er dann doch Erfolg. Eine Japanerin meldete sich. Momoka hieß sie, war Studentin und lebte in Düsseldorf.

Ein wenig störte Stefan, dass sie den Schwarzen Gürtel in Karate hatte. Aber er war völlig von sich überzeugt. „Lesben brauchen nur einen richtigen Mann“, hatte ein Freund gesagt. „Ich habe schon zig von denen wieder umgedreht. Kein Ding sag ich dir!“ Also begann die falsche Yasemin mit Momoka zu flirten. Und das machte Stefan richtig gut.

Kurze zwei Tage trieb er das Spiel, dann wollte Momoka mehr. Immerhin trennten Dortmund und Düsseldorf relativ gesehen nur wenige Kilometer. Gut fand Stefan, dass sie auf keinem Telefoncheck bestand. Das hätte ihn in arge Verlegenheit gebracht. Treffen wollte man sich auf neutralem Boden. Der Kölner Hauptbahnhof war dafür wie gemacht.

Grinsend schaltete Stefan seinen PC aus. Er hatte sich richtig chic gemacht. Kondom, Viagra, Intimrasur, das Mädel würde sich wundern! Stefan wartete eine ganze Stunde, aber die einzige Asiatin auf dem Bahnhof, war eine schon ältere Wurstverkäuferin. „Shit!“, fluchte er zum wiederholten Mal und wäre fast gegen einen Japaner gerannt.

Mit einem gemurmelten „Sorry“, wollte Stefan weitergehen, aber der Japaner hielt ihn fest. „Ich hatte mir dich anders vorgestellt“, sagte er und schaute auf ein Blatt Papier, das Yasemins Bild zeigte. Stefans Magen verkrampfte sich und das Blut schoss ihm ins Gesicht. Dunkle Augen bohrten sich in seine Seele. Dann ließ der Japaner ihn los.

Sein Lächeln war so kalt, wie ein frostiger Tag im tiefsten Winter. Als er die Hand zur Kehle hob und mit den Zeigefinger ein Messer andeutete, lief Stefan los. „Nur weg hier“, dachte er, „der Kerl bringt mich sonst um!“ Auf dem Weg nach Hause gingen tausend Gedanken durch seinen Kopf. Wer war der Mann und woher kannte er Yasemin?

Die Antwort stand vor seiner Tür, eine völlig aufgebrachte Yasemin. „Du bist so ein mieser Kerl!“, beschimpfte sie ihn und verpasste Stefan eine schallende Ohrfeige. Er spürte den Schmerz kaum, das Erdbeben in seinem Kopf rüttelte ihn noch immer durch. „Was, aber wieso …“, stammelte Stefan, der sich keinen Reim auf die Sache machen konnte.

„Momoka und Masao sind Freunde von mir“, sagte Yasemin und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Sie hat mich erkannt und sofort angerufen, als du mit ihr zu flirten begannst. Masao ist ihr großer Bruder und passt auf seine Schwester auf. Und um mich kümmert er sich ab sofort auch.“ Mit diesen Worten ging sie zur Haustür und drehte sich dann noch einmal um.

„ich habe ihm verraten wo du wohnst“, sagte sie. „Viel Spaß noch, er wird gleich bei dir sein.“ Stefan fehlten die Worte, seine Welt lag in Trümmern. Wie in Trance schloss er seine Wohnung auf und rannte zu seinem PC. Er kündigte sofort seine L-Finder Mitgliedschaft und löschte das Leyla Profil. Eine mehr als dumme Tat, denn nur fünf Minuten später klingelte es an seiner Tür …

Coming Out, was dann?

Düsseldorf, vor einigen Jahren. Yvonne ist süße 21. Zwar jung, aber nicht naiv. Sie ist neu in unserer Runde. Unsicher und introvertiert. Yvonne studiert Sport in Köln. Und Sport sieht man ihr deutlich an. Sie ist ein Kraftpaket und legt im Judo selbst ihren großen Bruder flach.

Yvonne ist lesbisch, das war sie immer schon. „Schon als ich ganz jung war, habe ich nur Mädchen angestarrt“, erzählt sie leise. Yvonne spricht überraschend sanft. Ihre Stimme passt kaum zu ihrer Figur. Burschikoser Auftritt, kurze Haare. Fast die Klischee-Lesbe bei der die Sensibilität regiert.

„Ich wusste immer, dass ich anders bin“, lässt sie uns wissen. „Egal wo ich war, Männer waren stets nur gute Freunde. Kumpel, mit denen ich Spaß haben konnte. Aber in Mädchen war ich immer verliebt.“ Sie zögert kurz und schüttelt dann den Kopf. „Verliebt in Anführungsstrichen“, sagt sie dann. „Als Kind weißt du nichts davon.“

„Mit 15 habe ich mit Martina geknutscht. Wir waren immer zusammen und irgendwann ist es passiert. Aber 15 Jahre alte Mädchen küssen sich nicht! Zumindest nach Meinung unserer Eltern …“ Yvonne schluckt, ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Mein Vater hat mich grün und blau geschlagen.“

Spontan greife ich nach Yvonnes Hand, die viel größer ist als meine. Aber ihr Ego ist noch klein und verletzlich. So, wie der ganze Mensch. „Erzähl weiter, wenn du magst“, ermuntere ich sie. „Hier bist du sicher. Hier gibt es keinen Schläger.“

„Thomas, mein Bruder hat mich gerettet“, sagt sie und die Tränen fließen. „Er ist 7 Jahre älter und hat damals schon viele Jahre geboxt. Als er nach Hause kam und sah was passierte, hat er meinen Vater vor die Tür gesetzt, die Polizei gerufen und sich um mich gekümmert. Ohne ihn wäre ich tot.“

„Warum hat dein Vater dich geschlagen?“, will ich wissen. „Wegen diesem einen Kuss?“
Yvonne schüttelt den Kopf. „Ich … ich habe ihm gesagt, dass ich Martina liebe und niemals einen Mann. Das werde er mir austreiben, hat er immer wieder geschrien. Die körperlichen Schmerzen waren eine Sache, schlimmer waren die der Seele. Was empfinden Kinder, wenn sie der geliebte Vater derart schlägt?“

Yvonnes ganzer Körper zittert, sie trinkt einen Schluck. Die Erinnerung ist wieder frisch. „Ich habe das alles damals nicht verstanden. Warum alles so kam. Woher weiß ein Kind, was lesbisch ist? Warum muss es falsch sein eine andere Frau zu lieben?“ „Ist es nicht, Süße“, erwidere ich. „Lesbisch zu sein, ist keine Wahl. Wir werden so geboren. Und das ist gut.“

Yvonne nickt. Zögernd zuerst, dann vehement.
„Ja!“, sagt sie mit fester Stimme. „Lesbisch zu sein ist gut. Das sah auch mein Bruder so, der schon immer mein Beschützer war. Er hat unserem Vater angedroht ihm jeden Finger einzeln zu brechen, wenn er noch einmal die Hand gegen mich hebt. Mein Vater zog aus. Ich habe ihn nie wiedergesehen.“
Schicksale, die das Leben schreibt.

Während meine Mädels vor Entsetzen schweigen, habe ich leise gelacht. Nicht wegen der Gewalt. Aber in Thomas erkenne ich einen Geistesbruder. Einige Tage später lerne ich ihn kennen. Er kommt mit seinem Mann. Die beiden sind lieb. Thomas ein Riese mit goldenem Herz. „Aber Judo kann Yvonne besser“, sagt er stolz. „Ich wollte, dass sie es lernt, um sich zu wehren.“

Ich beginne zu verstehen, was den Vater angetrieben haben mag. Aber Gewalt gegen Frauen, ist keine Option für Mann. Schon damals weiß ich welches große Glück ich habe, mit toleranten Eltern gesegnet zu sein. Yvonnes Geschichte hat mich berührt. Und doch zeigt sie mir, wie mutig sie bereits als Mädchen gewesen ist.

Ebenso mutig erweist sich Martina, die immer zu ihrer Freundin hält. Auch sie lerne ich kennen, die Frauen sind seit Jahren ein Liebespaar. Heimlich bisher, damit Martinas Eltern nichts erfahren. Als sie endlich ihr Schweigen bricht und laut „Ich liebe dich, Yvonne“, sagt, geschieht das auf der Geburtstagsfeier ihrer Mutter. Deren Tränen fließen. Danach ist alles klar.

„Coming Out, was dann?“, ist die Frage, die sich viele Homosexuelle stellen. DIE Antwort darauf gibt es noch nicht. Aber vielleicht eine wachsende Akzeptanz. Das zumindest wünsche ich mir.

Die kleine Schwester

„Ich mache dich kaputt!“
Mit jedem Wort traf auch ein Schlag den Kopf des Mannes, der bereits hilflos am Boden lag.
Die Männer lachten, sie hatten ihr Opfer gefunden.
Plötzlich Stimmen, schnelle Schritte. „Stehenbleiben, Polizei!“
In letzter Sekunde konnte der Notarzt den Verletzten retten. Sein Herz stand bereits still.
Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Das Surren des Handys riss Hiko aus dem Schlaf. Nur mühsam fand sie in die Realität zurück.
„Mama“, stand auf dem Display und Hiko lächelte. Aber dies war kein Tag für Fröhlichkeit.
„Yoshi liegt im Krankenhaus“, hörte sie ihre Mutter leise sagen. „Böse Menschen haben ihn fast umgebracht.“
Hiko schloss kurz die Augen. Der Schock saß tief, dann kam die Kälte.
„Ich bin auf dem Weg“, sagte sie knapp. „Gib mir eine Stunde. Dann will ich alles wissen. Alles, hörst du?“
Und ein Wesen schwebt vom Himmel herab, dunkel, kalt und fügelschnell.
Wenn Engel hassen.

Hiko Omura war in Japan geboren, lebte aber seit ihrem fünften Lebensjahr in Deutschland. Japan hatte sie seit Jahren nicht gesehen, das Land interessierte sie nicht mehr. Die Menschen dort waren ihr suspekt. Ewig Gestrige, zu klein und zu traditionell.
Hiko war Japan entwachsen und das drückte sich auch bei ihrer Körpergröße aus. Eine Größe von 1 Meter 78 und 75 Kilo Körpergewicht sind für Japanerinnen beachtlich. Aber nicht, wenn man die Weltmeisterin im Jiu-Jitsu ist.
Ein, zwei, drei, es ist vorbei.

Düsseldorf im Regen ist keine schöne Stadt. Und Düsseldorf hat durchaus Schattenseiten. Hiko kannte sie alle, die Dunkelheit war ihr Revier.
Mit unbewegtem Gesicht stand sie neben ihren Eltern, die noch immer fassungslos auf Yoshi sahen. Oder besser auf ein zerschlagenes Bündel Mensch, das nur noch entfernt an den Erstgeborenen der Familie erinnerte.
„Was ist passiert?“, kam Hikos Frage. Aber ihre Eltern hatten keine Worte.
Ein grauer Mann betrat den Raum. Unscheinbar, nur seine Augen lebten. Und die erkannten Hiko sofort.
„Kriminalhauptkommissar Koprowski“, stellte er sich trotzdem vor. „Ich hätte da einige Fragen, Herr und Frau Omura.“
Aber die Antwort kennt oft nur der Wind.

Hiko musterte den alten Polizisten kühl. Sie waren sich schon begegnet. Damals, als sie noch in Düsseldorf lebte. Damals, als sie allein gegen eine Horde Männer stand. Und niemand da war, sie zu schützen. Damals, als er noch ihr Sensei war. Für die Presse war es ein gefundes Fressen. Die Schlagzeile „Karate-Kämpferin mischt Schlägertruppe auf“, machte sie bekannt. Zwar verstand Hiko nicht viel von Karate, aber gut kicken konnte sie. Das und ihre Würfe, waren den Männern weniger gut bekommen.
Zu Boden mit dir du Schuft!

Yoshi Omura konnte kein Karate, jegliche Gewalt war ihm zuwider. Der junge Mann war ein Computer Nerd. Und Kraft gebrauchte er nur gegen die Tastatur, die seiner Meinung nach immer viel zu langsam reagierte. Yoshi war beliebt, immer gut gelaunt und stets hilfsbereit. Streit war nie sein Ding. Aber Umwelt und Politik. Dafür setzte er sich ein.
Yoshi war nur 1 Meter 70 groß. Und doch neckte er Hiko ständig als „kleine Schwester.“ Geschwisterliebe der besonderen Art.
Und es änderte sich auch nichts als Hiko eines Tages verkündete, dass sie Frauen liebe und lesbisch war.
Auch Frauen können Frauen lieben.

„Manchmal müssen wir kämpfen, un den Frieden zu bewahren“, hatte Koprowski einst gesagt. „Aber niemals um des reinen Kampfes willen, niemals nur für einen Sieg.“
Hiko war mit 18 Jahren erstmals Weltmeisterin geworden. Ein Triumph der besonderen Art. Im Finale hatte sie die langjährige japanische Weltmeisterin geschlagen, die diesen Titel viele Jahre trug. Aber Hikos Weg war nicht nur Sport.
Als Studentin jobbte sie in einem Szene-Club und stand dort als Security ihre Frau im Leben. Bis eines Tages diese Männer kamen.
Zu Fünft verlangten sie Zugang, aber Hiko verstellte ihnen den Weg.
„Nur für Frauen“, hatte sie gesagt. „Männer sind hier unerwünscht.“
Aber der Phallus hat immer das letzte Wort.

Koprowski war damals gerufen worden und sah sich die jammernden Männer an.
Hiko stand unverletzt an der Tür, flankiert von nun einem Dutzend anderer Mädels. Und die schauten alle nicht seht nett.
Koprowski hatte sich unwohl gefühlt, als er seine Fragen stellte. Aber der Fall war klar, die Videoüberwachung konnte nicht lügen.
Notwehr gegen stadtbekannte Schläger stand in seinem Bericht. Das war vor nun zehn Jahren.
Hiko war keine Weltmeisterin mehr, sie hatte den Titel schon vor Jahren abgelegt. Heute war sie Sensei mit eigener Jiu-Jitsu-Schule. Und mit einem blonden Engel liiert.
Aber Veronika spielte in dieser Geschichte keine Rolle.

Koprowski hatte ein ungutes Gefühl, als er Hikos eisige Miene sah. Er wusste wozu diese Frau fähig war.
Hikos Eltern konnten nicht viel sagen. Nur, dass Yoshi auf einen Umweltskandal gestoßen war. Zusammen mit Freunden wollte er an die Presse gehen.
Auch Politiker können unehrlich sein.
„Finden Sie diese Menschen, Herr Kommissar“, bat Hikos Vater. „Finden und bestrafen Sie sie!“
Aber das Gesetz hat oft Lücken und Koprowski wusste das.
Manchmal müssen Menschen kämpfen.

„Reden wir draußen kurz“, sagte Hiko und ging mit dem Beamten auf den Flur. „Geben Sie mir einen Namen, Sensei“, verlangte sie knapp. „Sie wissen doch genau, wer das war.“
„Die Täter kennen wir nicht“, wich Koprowski aus. „Dein Bruder war einer großen Sache auf der Spur. Aber das ging auch durch die Presse. Mehr als den Namen des Umweltministers Lindemann habe ich noch nicht. Und der genießt Immunität, aber das weißt du sehr genau.“
Hiko lächelte. Aber mit Freude hatte das nichts zu tun. Sie hatte auch gelächelt, als sie ihre Gegnerin besiegte und Weltmeisterin geworden war.
Auch Koprowski hatte damals gelacht. Er, der nie Weltmeister gewesen war, hatte es als ihr Trainer geschafft. Aber Zeiten ändern sich, die Rollen waren vertauscht.
Hiko hatte noch immer Respekt vor ihrem alten Meister. Aber die wahre Meisterin war nun sie.
Ein Engel mit kalten Augen.

„Pieter van der Valk“, murmelte Koprowski. „Er ist Lindemanns Bodyguard und war früher Söldner in Afrika. Der Mann ist knallhart und weicht Lindemann kaum von der Seite. Ich vermute er hat die Sache eingefädelt. Selbst beteiligt war der nicht.“
Koprowski sah seine ehemalige Schülerin fast flehend an.
„Gegen den kannst du nicht gewinnen“, sagte er. „Der ist gleich mehrere Nummern zu groß für dich. Überlass das der Polizei …“
„Der die Hände gebunden sind“, unterbrach ihn Hiko ruppig. „Mir aber nicht. Daher überlassen Sie ihn besser mir.“
„Manchmal müssen wir kämpfen“, sagte Koprowski leise. „Wir müssen es für andere tun. Weil sie es nicht mehr können.“
Yoshi Omuras Herz blieb noch zweimal stehen in dieser Nacht. Aber manche Menschen werden von Engeln beschützt.

Pieter van der Valk war Geschäftsmann. Zumindest sah er sich selbst als solchen an. Seine Ware war sein Körper und sein pragmatischer Verstand. Einzelkämpfer bei der Armee, Kampfsport-Experte, Scharfschütze, Söldner. Mit seinen 35 Jahren blickte er auf ein bewegtes Leben zurück. Und er hatte mehr als ein Dutzend Leichen im Keller. Aber der Tod war für ihn nur ein Geschäft. Gefühle hatten nur die anderen.
Pieters Unternehmen boomte, Sicherheit stand hoch im Kurs. Und sein Konto auch.
Umso tiefer kam der Fall, als ihn der Stoß in den Rücken traf.
Mit der Eleganz des Panthers kam er auf die Füße, als er eine kräftige Japanerin sah.
„Yoshi Omura ist mein Bruder“, hörte er sie sagen. „Du hast zehn Sekunden, dann wird es bitter für dich.“
Engel lügen nie.

Pieter wusste, wer Yoshi Omura war. Er kannte auch das Feuerkind.
„Hiko Omura“, dehnte er um Zeit zu gewinnen. „Das wird interessant.“
Seine Hand zuckte gedankenschnell zur Waffe und senkte sich langsam wieder.
Der Grund hieß Werner Koprowski. Und der stand mit gezogener Pistole hinter ihm.
„Du hast noch fünf Sekunden“, sagte der Beamte. „Dann schieße ich dir ins Knie.“
Auch Engel schießen blaue Bohnen.

„Was wollt ihr Leute?“, versuchte van der Valk sein Glück. „Ich bin Geschäftsmann und verkaufe …“
„… den Tod“, unterbrach ihn Hiko kalt. „Aber mein Bruder hat es überlebt. Und damit das so bleibt werde ich ihn beschützen. Jetzt rede, oder ich breche dir alle Knochen.“
Koprowski fischte die Pistole aus Pieters Jacke und trat einen Schritt zurück.
„Dein Zeuge, Hiko“, sagte er. „Ich kümmere mich um den Rest.“
Fäuste liegen schwer im Magen.

Pieter van der Valk war ein ausgebuffter Typ. Aber gegen Hiko hatte er keine Chance. Was immer er auch versuchte ging daneben. Es war wenig sportlich, was Hiko zeigte, aber ihre Griffe saßen. Noch schwieg der Söldner und Hiko verlagerte kuz ihr Gewicht. Mit einem hässlichen Geräusch gab Pieters Schulter nach. Ausgekugelt hing der Arm nach unten.
„Ich … ich kann nicht“, presste Pieter hervor. „Sonst bringen sie mich um!“
Hiko lächelte. Ein Ruck, ein Schrei und Pieters Handgegelenk brach wie ein dürrer Zweig.
„Rede, sonst kommem deine Finger einer nach dem anderen dran,“ versprach die Japanerin.
Angst löst oft die Zunge. Und Worte fließen klar wie Wasser.

Das SEK stürmte noch in der gleichen Nacht eine Wohnung im Düsseldorfer Stadtteil Garath und nahm drei Männer fest. Laut Polizeibericht leisteten die Verhafteten erheblichen Wiederstand. Die Beamten mussten Gewalt anwenden. Die Beteiligung von Werner Koprowski und Hiko Omura verschwieg man. Auch, dass sie die Männer allein überwältigt hatte.
Ja, Engel können hassen.
Pieter van der Valk redete auch nach dieser Nacht weiter und Herbert Lindemann setzte sich ins Ausland ab. Er verlor seine Immunität und wurde in Abwesenheit verurteilt. Gefunden hat man ihn nie.

Yoshi Omura lag 2 Monate im künstlichen Koma. Die Knochenbrüche heilten, das Schädel-Hirn-Trauma blieb.
Yoshi brauchte fast ein Jahr, bis er wieder sprechen konnte.
„Wo … wo ist meine kleine Schwester?“, waren seine ersten Worte.
„Hier“, sagte Hiko und nahm seine Hand.
Ein Engel mit nun warmen Augen.