Doping, Eisen, dicke Muskeln – Geständnisse eines Bodybuilders

Es geht in diesem Artikel nicht darum Bodybuilding als Sport zu diffamieren. Mit Gewichten zu trainieren macht durchaus Spaß. Und diesen Spaß haben weltweit viele Millionen Menschen. Es geht um Doping, leistungssteigernde Substanzen und Lügen.

Doping im Sport zieht sich durch alle Schichten. Egal, ob Hobby- oder Profisport, die „Pille davor“ wird gern genommen. Oder Spritze, Pflaster, Gel. Die Möglichkeiten sind gewaltig. Der Zufall hat mich in Kontakt mit einem Mann gebracht, den ich so nie wahrgenommen hätte. Immerhin ist er Sportler und für einen Mann recht nett. Eisensportler, Bodybuilder, ein Hüne aus Berufung. „120 Kilo wiege ich“, sagt er und lacht. „Das meiste davon Muskeln.“ Aber sind die auch echt? Ich spreche mit einem der wenigen ehrlichen Bodybuilder. Keine geschönten Fakten. Nur seine Warheit der Dinge. Nennen möchte ich ihn Mike. Das ist weit entfernt von seinem Namen. Und den hat er in diesem Sport.

Moment mal, Sport soll Bodybuilding sein? Sind die nicht alle auf Stoff? Mike nickt und schaut mich nachdenklich an. „Natural-Bodybuilder mit 100 Kilo + Muskeln gibt es nicht“, erklärt er mir. „Im Eisensport, den vor allem sogenannte Natural-Youtuber gern bewerben, ist Lügen Pflicht.“ Namen mag er keine nennen. Zumindest nicht im Interview. „Du wirst sofort fündig, wenn du suchst. Dann achtest du auf die trockene Muskelmasse dieser Typen, das übertriebene Selbstbewusstsein und schon weißt du Bescheid.“

Mike hat mit 17 angefangen Gewichte zu stemmen. Dünn war er nie. Aber die Bilder der Veränderung vom eher schmächtigen Teenager zum Muskel-Profi sind krass. „Und ohne Testo wäre das nicht passiert.“ Mit Testo ist natürlich das männliche Sexualhormon Testosteron gemeint, das sich auch Mike regelmäßig spritzt. „Unter ärztlicher Kontrolle und in Kombination mit anderen Präparaten, um Nebenwirkungen abzufangen.“ Und diese Nebenwirkungen sind krass. Sie reichen von Hodenschrumpfung bis zum Haarverlust. Vergrößerte Prostata inklusive.

„Versteh mich nicht falsch“, fügt er dann doch hinzu. „Du kannst (als Mann) auch ohne Stoff Muskeln bekommen. Aber zumindest Nahrungsergänzungen müssen es sein. Protein, Vitamine und Amionsäuren sind Pflicht. Das Märchen von dicken Profi-Muckis durch rein gesunde Ernährung, ist nur eine schöne Legende. Die Weltmeister stoffen alle und sind kein gutes Vorbild für Nachwuchssportler.“ Er macht eine Pause und schüttelt den Kopf. „Jugendliche haben oft keine Geduld“, erzählt er weiter. „Ich arbeite als Personal Trainer und weiß das sehr gut. Am liebsten wollen sie heute mit dem Training beginnen und morgen bereits 55 Zentimeter Armumfang besitzen. Da das nicht möglich ist greifen sie zu Streroiden, runinieren sich Gesundheit und Leben und geben irgendwann auf.“

Mike ist als Teenager eher versehentlich auf Stoff gewesen. „Ich kaufte damals ein Präparat, das verbotene Substanzen enthielt (Anmerkung: Bewusst wird auf den Namen der Substanz verzichtet). Die Fortschritte waren gigantisch, die Nebenwirkungen auch. Akne, hoher Blutdruck, Haarausfall. Aber ich machte trotzdem weiter.“ Er nimmt die Baseballkappe ab und zeigt seine Stirnglatze. „Vermutlich hätte ich heute noch mehr Haare, wenn ich damals bereits aufgeklärt gewesen wäre. Ich stoffte, ohne es zu wissen. Danach kam der Fall ins tiefe Loch.“ Mit dem Loch meint er jene Phase, in der er kein Geld für Nachschub hatte. „Ich habe jeden Job angenommen, aber mir fehlte einfach die Energie um ihn auch durchzuziehen. Und meine Eltern sind nie reich gewesen.“

Mikes erstoffte Muskeln schwinden, wie die blonde Lockenpracht. „Ich hatte keine Erektion mehr“, gesteht er. „Krass gesagt bin ich eine Weile impotent gewesen.“ Kein Wunder, wenn man sich über die Wirkungsweise von Testosteron informiert und dass es extern zugeführt, die körpereigene Produktion unterdrückt. Mike bekommt Depressionen, die immer heftiger werden. „Letztlich hat meine Mutter mich zum Arzt geschleppt. Der hat schnell erkannt, was mir fehlt. Dein Körper muss die eigene Testosteron-Produktion wieder hochfahren, hat er mir gesagt. Dabei geholfen haben Antidepressiva und wieder Eisensport.“

Mike bleibt nur wenige Monate sauber. Im Studio bekommt er Kontakt zu Leuten, die richtig dicke Arme haben, wie er gesteht. Einer kennt einen guten Sportarzt, der kein Pfuscher ist. „Mein Glück“, sagt Mike. „Stell dir nur vor ich hätte ohne Arzt gestofft. Vermutlich wäre ich heute tot.“ Mikes erste Kur ist super, Nebenwirkungen gibt es kaum. „Aber mit einer Kur ist das immer so eine Sache“, erzählt er. „Setzt du ab, bleibt kaum etwa übrig. Zumindest beim Normalbürger, der vielleicht einen 8-Stunden-Tag und Stress im Privatleben hat. Passt alles, bist du nur Schüler, oder Student, hast du genug Geld, so sieht die Sache anders aus.“

Als ich nachfrage, wie er das meint, holt er zur einer besseren Erklärung aus. „Jeder Mensch hat ein Leistungspotenzial, eine genetische Grenze. Im Normalfall erreichst du die nicht im Eisensport. Stoff hilft dir diese Grenze nicht nur zu erreichen. Du überschreitest sie auch! Du lagerst Wasser ein, die Muckis werden dicker. So bewegst du mehr Gewicht, was die Muskeln wieder wachsen lässt. Setze ich dann ab, passen all meine Lebensumstände, trainiere ich möglichst hart weiter, wird ein Teil der Muskeln bleiben. Aber es sind weniger, als 50 Prozent. Viel weniger.“ Als Mike nach den ersten Kuren absetzt, hat er sich mit Supplementen (Eiweiß, Aminosäuren, Vitamine, Kreatin etc.) vollgestopft. Die hat er vom Studio bekommen, in dem er als Aushilfstrainer arbeitet.

Heute ist Mike 36 Jahre alt und wie er meint für Wettkämpfe zu alt. „Diesen Stress, dehydriert auf einer Bühne zu stehen, mag ich nie mehr erleben“, wehrt er ab, als ich ich danach frage. „Du trainierst wie blöd, bist danach auf krassester Diät, total fertig, gereizt und willst doch eigentlich nur etwas essen. Und als Lohn gibt es Applaus und einen mickrigen Pokal. Nur die absoluten Profis sahnen fette Kohle mit Werbeverträgen ab.“ Wie kommt Mike zu Geld, was hat er beruflich geleistet, will ich wissen. Mike lacht. „Du wirst es kaum glauben“, sagt er, „ich habe Sport studiert. Und einen Abschluss, was sagst du nun?“ Ich sage, dass das Gerücht des dummen Eisensportlers bei Mike ein Gerücht bleiben wird. Der „Junge“ ist ein cleverer Mann.

Auf die Natural-Bodybuilder angesprochen wird Mike dann aber laut. „Diese verlogene Bande von geldgeilen Säcken sollte sich was schämen“, wettert er. „Das sind nur Poser, die nie auf einer Bühne standen und ihr Wissen aus Büchern haben. Keiner, aber auch wirklich keiner dieser Typen ist natural! Ich traue mir zu denen das Präparat ins Gesicht zu sagen, mit dem sie stoffen. So schwer ist das nicht. Denen geht es um das schnelle Geld, das sie bevorzugt Jugendlichen aus der Tasche ziehen.“ Mike nickt auf die Frage, ob er ebenfalls etwas nimmt. „Ja,“ sagt er. „Wie sonst sollte ich 120 Kilo trockene Muskelmasse halten?“ Er zieht das T-Shirt hoch und zeigt mir seinen muskulösen Bauch. Und Oberarme, die andere als Beine haben. Er weiß, wie wenig mich Muskeln beeindrucken. Der Mensch ist als Sportler ein Tier. Schwimmen, Radfahren, Bodybuilding und sogar Karate, Mike ist überall zu finden.

„Vermutlich habe ich die Sache deshalb recht gut überstanden“, sagt er leise. „Gut, die Haare sind leider weg. Aber sonst habe ich gute Werte. Kein Leberschaden, kein Krebs. Testo wird zu sehr verteufelt, hat aber auch seine guten Seiten. Vor allem im Bett.“ Wieder lacht er und erhält prompt einen bissigen Kommentar von seiner Frau, die ebenfalls zugegen ist. Sie hat uns in Kontakt gebracht. Kennengelernt habe ich sie im Wing Chun. Das macht sie seit 5 Jahren aus Spaß. „Damit ich meinen Mike im Zaum halten kann“, wie sie schmunzelnd erklärt. Ich nenne ihn lächelnd „Chauvi“, was er geknickt akzeptiert.

„Ich will kein Vorbild für junge Sportler sein“, sagt er. „Gern helfe ich, das Training zu verbessern. Aber Tipps für Kuren gibt’s von mir nicht!“ Eine Botschaft an die „Naturalen“ gibt er mir mit auf den Weg. „Keiner von denen wird das lange machen“, sagt er überzeugt. „Ein paar Jahre Pseudo-Ruhm, dann hat man die vergessen. Aber ich werde mit 50 immer noch Eisen stemmen. Wenn meine Frau mich lässt.“ Womit wir etwas gemeinsam haben. Mit Yuki stemme ich das ganze Leben. Elfendoping nennt man das.

Schneller, höher, weiter!

Immer wieder schockieren Nachrichten von Doping-Fällen im Spitzensport die (naive) Öffentlichkeit. Aber wer sich nur ein wenig für die Fakten interessiert, austrainierte Athleten und ihre fabelhaften Höchstleistungen anschaut, wird schnell die bittere Wahrheit erkennen. Alle Sportler sind gedopt!

Alle, wirklich alle? Gibt es da nicht ein kleines Land in Europa, das vehement gegen Doping ist? Ist Deutschland nicht Vorreiter bei Anti-Doping-Kampagnen und „läuft“ daher dem Sieg stets hinterher? Einspruch, euer Ehren und ein wirklich harter Schnitt des (Lügen)Films. Die Wahrheit sieht anders aus.

Leistungssteigernde Mittelchen, haben schon in der Antike eine Rolle (im Sport) gespielt. Quacksalber erfanden z. B. Wundermittel, die auch die Libido anregen sollten. Schon Ägypter, Chinesen, Griechen und Römer wussten um den Effekt von Mohn auf Menschen und haben Opium hergestellt. Und machen es zum Teil immer noch.

Die Inkas nutzten Koka-Blätter, Mate-Tee und Kaffeebohnen. Ihre Nachkommen das Kokain. Und so geht es weiter bis zur Neuzeit hin. Und zu den Doping-Toten. Das erste nachgewiesene deutsche Doping-Opfer, war 1968 der Boxer Jupp Elze. Elze starb im Koma liegend an einer Hirnblutung. Die Obduktion war erschreckend, der Boxer hatte unter anderem das Aufputschmittel Pervitin genommen, das ihn nicht müde werde ließ.

Deutsche Wissenschaftler zeigen gern mit dem Finger auf den Osten. Die DDR, die UDSSR, waren klare Vorreiter in Sachen Doping. Und auch die angeblich so saubere USA. Der renommierte Wissenschaftler und Doping-Experte Professor Dr. Franke weiß mehr. Vom systematischen Doping in Deutschland (vor der Wende) und Aussagen noch heute lebender PolitikerInnen im Ministeramt.

Ein weiterer, tragischer Fall ist Birgit Dressel. Die Weltklasse-Leichtathletin stirbt am 10. April 1987, kurz vor ihrem 27. Geburtstag, in der Mainzer Uniklinik an einem „toxisch-allergischen“ Schock. Gedopt unter anderem mit Stanozolol. Ihr Körper hat den Missbrauch nicht vertragen. Dr. Franke liegen die Rezepte vor, auf denen auch Stromba (Stanozolol) steht. Und das ist kein Hustensaft!

Doping, der Gebrauch leistungssteigernder Mittel, ist nicht nur unter Sportlern weit verbreitet. Studenten nehmen gern Ritalin, ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung. Er gehört zu den Derivaten des Amphetamins. Methylphenidat findet bei der medikamentösen Therapie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sowie der Narkolepsie Anwendung. (Quelle Wikipedia)

Ja, Ritalin wirkt auch bei normalen Menschen. Und es macht abhängig, der Mensch braucht immer mehr. Bis der Kollaps kommt. Und der kommt, wenn man eine hohe Dosis nimmt. Noch eine Prüfung, noch ein Schein! Und dann noch auf die Party, das Sportfest und und und …

Nein, Deutschland war nie unschuldig, was Doping betrifft. Und wer sich Gewichtheber, Diskuswerfer und andere Schwerathleten betrachtet, wird das sofort sehen. Gleiches gilt für Radrennfahrer. Nicht nur bei der Tour de France. Und die Bundesliga ist genauso schmutzig. Nur werden die Jungs selten erwischt.

Warum? Das ist so einfach wie genial: Mann (Frau leider auch) setzt zum richtigen Zeitpunkt ab und ist dann außen vor. Damit die Öffentlichkeit auch morgen noch über Tore jubeln kann. Von sauberen Sportlern in einem sauberen Land. Lügen, Verleumdung, höre ich die Ungläubigen rufen. Da muss ich leise lachen.

Klassische Testosteron-Produkte sind mehrere Wochen im Körper nachweisbar. Aber die Wissenschaft ist längst weiter und hat Testo-Gel, -Spray und -Pflaster erfunden. Radrennfahrer, wie Lance Armstrong, haben damit erfolgreich gedopt. 2 Stunden „bangen“ und sie werden nicht erwischt. Klar, wenn eine Tour-Etappe deutlich länger dauert. Dann gibt es noch EPO und HGH. Glaubt noch immer wer an Sauberkeit im Sport?

Im Bodybuilding ist es ganz extrem. Dort wird bereits von Normalos nachgeholfen. Mädels und Jungs mit „breitem Kreuz“, sind keine Seltenheit mehr. Und über angebliche „Natural-Bodybuilder“ kann ich nur herzlich lachen. Der einzige Unterschied zu den richtigen Muskelmonstern, sie nehmen weniger Testosteron pro Woche. Damit bauen sie „trocken“ auf, wirken weniger aufgeschwemmt und bleiben definiert.

Schneller, höher, weiter, ist in aller Munde. Im Alltag, wie im (Breiten)Sport. Aber langsamer kommt man auch ans Ziel. Dann dauern 100 Meter wieder 11 Sekunden, wo ist das Problem? Ich will sowieso keine Muskelmonster auf der Bühne sehen. Weder bei Frau noch bei Mann. Lieber ehrliche Athleten.

Doping allein macht noch keinen Sieger. Dazu bedarf es mehr. Ich habe das schon lange erkannt. Obwohl ich durchaus süchtig bein. Ich brauche meine „Droge“ täglich und gestehe hier und jetzt. Mein Dopingmittel ist … meine Elfe! Was habt ihr denn nun gedacht?