Und Andreas ging zum Regenbogen

Die LGBT-Gemeinde in BaWü jubelt. Getreu dem Motto „Was lange währt, wird endlich gut“, hat der noch amtierende sozialdemokratische Kultusminister Andreas Stoch, den von der CDU heftig kritisierten Bildungsplan, Homo- und Transsexuelle im Schulunterricht als gleichwertige Menschen darzustellen, unterschrieben.

Aber war diese letzte Amsthandlung nun ein Sieg? Man muss nur an die homophob geprägten Demonstrationen denken, die vor zwei Jahren das Ländle erschütterten. Gegner und Befürworter des Plans, haben sich heftige Wortgefechte geliefert. Vermutlich hätten einige die „dreckigen Homos“ gern eingesperrt.

Auch ich war dabei und habe einmal mehr in die Fratze der Intoleranz geblickt. Und auf eine Front von Leibern, die Streit provozieren wollten. Es waren (bezahlte) Schläger mit Akzent. Dummköpfe, egal aus welchem politischen Lager sie stammten.

Die Landesregierung in BaWü ist danach leider eingeknickt und hat den Bildungsplan auf die lange Bank geschoben. Das ist auch Herrn Kretschmanns Schuld, das sage ich ganz offen. Und die nun abgewählte SPD, hat das mit verbockt.

Die Unterzeichnung des Gesetzes, so kurz vor der Grün-Schwarzen Koalitionsgesprächen, ist ein politischer Schachzug. Er soll die CDU  dort treffen, wo sie es ganz wenig mag. Das ist absolut durchschaubar. Aber zumindest haben wir nun das Gesetz.

Lesben und Schwule in BaWü stehen nun vor schweren Zeiten, das ist allen klar. Die CDU hat andere Ideen, wenn es um die Gleichstellung Homosexueller geht. Man kann davon ausgehen, dass die Uhren dort bald wieder anders ticken und man Änderungen am Bildungsplan vornehmen will.

Im Gegensatz dazu, wird in Holland gefeiert. Dort hat man vor 15 Jahren Schwule und Lesben im Ehe-Recht gleichgestellt. Und in den gesamten USA gilt das Adoptionsrecht nun uneingeschränkt auch für Homo-Paare. Ein Bundesrichter hat das entschieden.

Deutschland lebt in dieser Beziehung noch im Mittelalter. Es darf bezweifelt werden, dass die Berliner Loge daran viel ändert. Ich zumindest möchte mich an dieser Stelle bei Andreas Stoch bedanken. Seine Motive sind mir herzlich egal. Wichtig ist nur sein Gang zum Regenbogen. Dessen Schein war in BaWü schon leicht verblasst.

Sexuelle Einfalt hat gesiegt – Das Frohlocken der Homo-Gegner

Die Homo-Gegner in Stuttgart jubeln. Sie tanzen einen homophoben Reigen. Vor ihren scheinheiligen Argumenten ist die Grün-Rote Regierung eingeknickt. Der umstrittene baden-württembergische Bildungsplan soll nun erst nach der Landtagswahl 2016 in Kraft treten. Und das wird dann aus meiner Sicht niemals sein. Denn Grün-Rot ist damit erledigt.

Der Kampf für Aufklärung scheint vergeblich gewesen zu sein. Rechte Hetze und sogenannte „Christliche Fundamentalisten“ machen Homosexuelle einmal mehr zu minderwertigen Menschen. „Pädagogik statt Pädo-Logik“ stand auf dem selbstgemachten Plakat eines älteren Herrn. Freundlich lächelnd präsentierte er es den Fotografen. Ein lieber Opa, wie es scheint. Nur leider homophob und in meinen Augen dumm.

Und dumm ist auch der Landesvater. Kretschmann hat sich sein Grab geschaufelt. Aber das glaubt er offenbar noch nicht. Die LGBT-Gemeinde ist entsetzt und das bin ich auch. Unsere Rechte werden einmal mehr mit Füßen getreten und vielleicht noch mehr als das. Die Hoffnung vieler, auf eine bessere Zeit, sie ist hiermit gestorben. Und sterben werden wieder Jugendliche, die von homophoben Schwachmaten in den Freitod getrieben werden. Wer das nicht glaubt sollte sich besser informieren. Es ist die grausame Wirklichkeit.

Genau das möchte ich dem freundlich lächelnden Opa ins Gesicht schleudern. So lange bis ihm sein Lachen vergeht. Und allen Homophoben, die sich für eines Gottes Stellvertreter halten. „Du sollst nicht töten“, ist ein Gebot der Bibel. Und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, ein weit verbreitetes Zitat. Davon kann ich wenig spüren, wenn ich in hassverzerrte Gesichter der „wahrhaft Gläubigen“ sehe. Sie halten sich für das Maß aller Dinge. Lesben und Schwule sind nicht gern gesehen.

Wir sollen wieder in den Untergrund und nie mehr unsere Stimme erheben. Vielleicht möchte man uns auch umerziehen, auspeitschen und mit Elektroschocks behandeln. Oder mit Gottes Wort berieseln, bis wir unsere Gesinnung ändern. So lange bis wir unsere Liebe veleugnen und im Gleichschritt gehen. Wieder. Wie damals, als Braune Horden über Deutschland kamen.

Ein Argument der Homo-Gegner war stets, dass die Akzeptanz von Homo- oder Transsexuellen auch dazu führe, in Kürze Kinderschänder zu tolerieren. Und darüber kann ich nur vehement den Kopf schütteln. Wer sich an Kindern vergreift, der darf sich der Ablehnung der kompletten LGBT-Gemeinde sicher sein. Ich liebe Kinder. Und jeder, der ihnen Böses tut, hat ein Problem mit mir.

Und ein Problem hat nun auch Grün-Rot. Mein Krieg ist an dieser Stelle nicht zu Ende. Aber ich werde ihn nicht mit Waffen führen. Mein Leben soll und wird Vorbild für all jene sein, die anders sind. Die ihren Weg gehen und Hilfe suchen. Für alle jene bin ich da. Für immer eine Regenbogenkriegerin.

Deutschlands blöde Richter

Warum ich Konservative und die CDU/CSU nicht mag, hat nichts mit meiner sexuellen Neigung zu tun. Die geht niemand etwas an. Es ist allein der muffig-spießige Kleingeist, der mich stets aufs Neue anwidert. Aber was Lesben und Schwule wirklich von der Union zu halten haben, das hat deren Fraktionschef Volker Kauder erneut gezeigt. Die Medien berichten bereits über seinen neuen Streich. So plant die Fraktionsführung der Union, die Rechte der Richter des Bundesverfassungsgerichts zu beschneiden.

Genau an dieser Stelle müssten bei jedem Leser die Alarmglocken läuten. Denn mit Lesben und Schwulen hat dieser Vorstoß nicht unbedingt etwas zu tun. Auch, wenn dessen Entscheidungen für homosexuelle Paare, den Konservativen ein Dorn im Auge sind. Hier soll eine Institution entmachtet und dem totalitären Staat Vorschub geleistet werden. Das ist für mich der wahre Hintergrund. Notstandsgesetze werden folgen und Aufstockung von Polizei und Bundeswehr. Es ist ein offenes Geheimnis, dass eine Heimatschutztruppe kommen soll. Nur wird die im Endeffekt nicht dem Bürger dienen. Verschwörungstheorien? Informiert euch besser und dann redet mit.

Einige CDU/CSU Abgeordnete beklagen einem Bericht des SPIEGEL zufolge, die Karlsruhe Richter trieben mit ihren Entscheidungen die Liberalisierung der Gesellschaft voran. Und davor haben sie Angst. Vor mündigen Bürgern, die zivilen Ungehorsam leisten und vielleicht anders wählen gehen. Und vor Fremden. Vor allem vor bösen Lesben und Schwulen. Siehe ein Plakat bei der letzten Demo gegen den Stuttgarter Bildungsplan. „Erneuter Schritt zur Legalisierung der Pädophilie“ hat dort gestanden. Homophobe Fundamentalisten und ihre bereits verblödeten Kinder übten den Schulterschluss mit rechten Kreisen, um gegen die LGBT-Community zu hetzen. Dumm nur, dass das nicht funktioniert.

Aber Kauder ist gefährlich. Der Mann ist ein In­qui­si­tor, der Lesben und Schwule nicht mag. Und seine Gefolgschaft wird täglich größer. Geifernd deuten sie mit dem Finger auf „andere Menschen“ und stempeln sie in die Zweite Klasse ab. Auch das hat es alles schon gegeben. Wiederholt sich die Geschichte? Ist Deutschland auf dem Weg zurück in finstere Zeiten? Bundesinnenminister Thomas de Maizère hat prüfen lassen, ob eine Einschränkung der Rechte der Richter möglich sei. Auch die Verkürzung der zwölfjährigen Amtszeit wurde angedacht. Das ist eine versteckte Drohung des Innenministers an die „blöden Richter.“

„Wer als Politiker ernsthaft solche Gedanken hegt, ist auf einem gefährlichen Weg, sich von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verabschieden“, erklärte der Thüringer Rechtspolitiker Dirk Bergner zu Kauders Plänen. Auch von der Opposition im Bundestag, der FDP, den Piraten kommt Gegenwind. Und von mir. Und vielen anderen aufgeklärten Menschen, die im 21. Jahrhundert angekommen sind. Herr Kauder lebt im Mittelalter und hat finsterste Fantasien. Aber die sehe ich bei der ganzen Union und auch bei Mutti Merkel. Kann ja nicht sein, dass die Deutschen ihr nicht folgen, hat doch Mutti immer recht.

Jeder Mensch darf seine Meinung sagen. Auch dafür kämpfe ich. Aber Herrn Kauder mag ich nicht. Er ist gegen mich und meine Familie und gegen meine Freunde. Der Mann ist ein schlimmer Volksverhetzer, ein Produkt homophober Spießbürgerlichkeit. Er gehört weg aus diesem Amt und aus dem Bundestag. Und vielleicht wird einer der blöden Richter für seinen Fall sorgen und ihn zum Teufel jagen. Wer das höchste deutsche Gericht nicht mehr respektiert, hat auch von mir keinerlei Respekt zu erwarten. Aber genau den wünsche ich mir. Für alle Menschen.

Kann denn Liebe Sünde sein?

Stuttgart kommt nicht zur Ruhe und auch in Köln wird demonstriert. Für Gott und gegen die anderen. Die anderen, das sind wir. Lesben und Schwule und ein Entwurf für einen Bildungsplan. Im April soll es wieder eine Demo in Stuttgart geben. Aber schon im Vorfeld wird diskutiert. Zeit für mich einen kurzen Rückblick zu machen, der das wahre Gesicht der Demonstranten zeigt.

„Gott liebt dich, aber er mag Sünde nicht“, stand auf einem Plakat. Dieser Spruch soll betroffen machen, aber er verfehlt sein Ziel. Wer sich die Demonstranten gegen den Stuttgarter Bildungsplan genau anschaut weiß schnell wessen Geistes Kind sie sind. Ja, es sind auch christliche Fundamentalisten für die ich aber jeden Respekt verloren habe. Zumindest für jene Biedermänner, die als Brandstifter durch die Straßen ziehen.

Brandstifter nun nicht im Sinn von Feuer legen, das kann man auch mit Worten tun. Allein schon die Forderung den Begriff „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im Bildungsplan durch „Toleranz von Schwulen und Lesben“ zu ersetzen, zeigt klar wohin der Weg uns führt. Isolation statt Integration. Ausgrenzung statt friedliches Miteinander. Und das rechte Lager jubelt.

Die Protestbewegung ist ganz klar von Faschisten unterwandert, die sowieso gegen jeden und alles sind. Einmal mehr sind sie die Volksverhetzer und haben aus der Vergangenheit nichts gelernt. Dumm nur, dass die Rechten schon immer schwule Führer in den eigenen Reihen hatten. Der 1991 an AIDS gestorbene Michael Kühnen gehörte dazu.

Auffällig sind vor allem junge Menschen, wie schon bei der missglückten Kampagne des AfD. Statt Toleranz zu üben, statt für eine buntere Welt zu sein, wird mit Plakaten „zum Schutz der eigenen und meist noch ungeborenen Kinder“ demonstriert. Nichts weiter als Fanatiker, die sich einmal mehr als besorgte Gutmenschen tarnen, um über andere zu hetzen.

Die folgende Szene ist nicht erfunden. Sie geschah zwischen den Reden und der Boxernase und zeigt wie Menschen denken, wofür sie stehen. Und sie zeigt ein anderes Gesicht. Voller Angst und Intoleranz. Daher möchte ich sie im Vorfeld der neuen Demo bringen. Um aufzuklären.

Ein alter Mann weit über achtzig Jahre alt, tritt einer Gruppe von Demonstranten entgegen. Er ist Pfarrer im Ruhestand und will es nun genauer wissen.
„Was verstehen Sie unter Sünde?“, fragt er eine junge Frau. „Was ist an der Liebe falsch? Gott liebt alle Menschen. Auch jene, die unter dem Deckmantel der Religion mit solchen Plakaten durch die Gegend laufen.“
Die junge Frau wird rot, die Sache ist ihr unangenehm. Aber sie weiß nicht viel zu sagen.
Mehr Leute bleiben stehen, der alte Mann spricht weiter.
„Die menschenverachtende Haltung, die hier an den Tag gelegt wird, widerspricht allen christlichen Geboten. Sie grenzen andere Menschen aus, die wie Sie an Gott und die Kirche glauben.“

„Aber in der Bibel steht, dass Gott keine Homosexuellen will“, beginnt ein Eiferer.
Die Menge nickt und der Pfarrer holt tief Luft.
„Womit Sie nun ihr wahres Gesicht zeigen“, sagt er. „Ihnen geht es nicht um den Bildungsplan und Kinder, Sie wollen gegen Homosexuelle hetzen. Und da ist jedes Mittel recht.“

Worte fliegen, ein Disput entbrennt. Aber außer rechter Hetze und falschen Bibelsprüchen kommt von den Gegnern nichts.
Die junge Frau verschwindet schließlich in der Menge und die Gruppe löst sich auf. Gegen den alten Mann ist kein Kraut gewachsen. Und lächelnd schaut er uns an.
„Geben Sie den Menschen Zeit“, sagt er leise. „Sie haben einfach nur Angst. „Aber hüten Sie sich vor den Rechten! Ich habe einige bekannte Neo-Nazis gesehen. Und das macht mich wirklich traurig. Wissen Sie, ich bin 1932 geboren und habe als Kind den Terror erlebt. Das, was Menschen mit anderen Menschen machen. Und das darf nie mehr geschehen!“

Wir unterhalten uns, er sagt uns wer er ist.
„Buddhismus ist cool“, benutzt er die Worte seiner Enkelin, wie er uns augenzwinkernd erzählt.
„Und wir gehen auch in Kirchen“, erzähle ich. „Auch, wenn wir unseren eigenen Glauben haben, der eben etwas anders ist. So, wie wir.“
Der alte Pfarrer nickt und findet das gut.
Wo wäre auch das Problem?

Ein Mann um die Vierzig tritt auf uns zu, er hat die Diskussion verfolgt. Ohrring, Drei-Tage-Bart, freundliches Gesicht.
„Ich finde es immer witzig, wenn diese angeblichen Gegner der Bildungsreform sich ganz schnell als das outen, was sie wirklich sind“, sagt er. „Ich kann die Bedenken durchaus verstehen, keine Frage. Unser Problem liegt auch nicht auf Landesebene, es zieht sich durch die Gesellschaft fort. Und aus Berlin kommen keine klaren Zeichen.“

„Schwule Sau!“, erklingt eine Stimme und eine Gruppe junger Männer lacht. Halbe Kinder noch, keine Gefahr.
Und dann wieder doch. In diesem Alter wird die Meinung geprägt. Und die zeugt von wenig Toleranz.
„Ich glaube nicht, dass Schweine schwul sind“, erwidert der Mann und lacht dem Sprecher ins Gesicht. „Und wenn doch, wo ist das Problem?“
„Schwul sein ist unmoralisch!“, ruft der Jugendliche und die ganze Gruppe nickt.

„Ich glaube die größte Unmoral liegt in deinem verwerflichen Verhalten“, erwidert der Mann. „Wer hat dir das beigebracht? Du dir selbst, oder rechte Kreise?“
„Ich bin doch kein Nazi!“, empört sich der Junge. „Aber mein Papa sagt, dass die Schwulen nicht bestimmen dürfen, was in den Schulen geschieht. Und dass die gefälligst weg von uns bleiben sollen.“
„Und was ist mit den Lesben?“, frage ich und lächele ihn an. „Müssen wir auch draußen bleiben?“
„Was …, wie jetzt?“, stottert der junge Mann. „Nee ich … ich muss jetzt gehen.“
Auch dumme Sprüche sind eine Gefahr.

Der Drei-Tage-Bart macht eine umfassende Geste.
„Ich halte diese Demonstrationen für höchst bedenklich. Viele sind nur um zu hetzen hier. Sie zeigen aber auch eine höchst pathologische Gestörtheit, oder einen abgrundtief bösartigen Charakter. Vor solchen negativen Vorbildern sollten Kinder dringend geschützt werden.“

Der alte Pfarrer wiegt den Kopf. So ganz ist er nicht einverstanden.
„Ich sehe das nicht so radikal“, sagt er. „Aber Sie haben in gewisser Weise auch recht. Wir brauchen Vielfalt, Aufklärung, Toleranz. Wir brauchen keine Ausgrenzung anderer.
Für mich sind alle Menschen gleich. Gott liebt alle Menschen. Und Liebe kann niemals Sünde sein.“

Friede sei mit euch – Von Toleranz und Akzeptanz

Die Demonstration ist vorbei, die Reihen lichten sich. Gegner und Befürworter des umstrittenen Bildungsplans gehen nach Hause.
Dazwischen liegen Stunden geprägt von wenig Toleranz. Meine Mädels beruhigen sich nur mit Mühe, die Provokationen waren fast zuviel. Wir durften Zeuge eines massiven Polizeiaufgebots werden, das am Stuttgarter Schlossplatz eine größere Anzahl von Gegendemonstranten einkesselte und abführte.

Dabei hatte der Morgen so schön und friedlich begonnen. Frühstück der Frauen, mit Spaß und und frohen Gesichtern. Ilka und Amelie waren ebenso da, wie meine Freundin Linda mit ihrer Frau. Und noch ein halbes Dutzend mehr. Friedlich gestimmt machen wir uns auf den Weg und werden schon am Bahnhof Zeuge von Kontrollen. Da wir keine Schilder tragen ernten wir lediglich schräge Blicke, aber die Beamten lassen uns in Ruhe. Wir machen uns auf den Weg zum Marktplatz, noch immer gut gelaunt.

Auffällig viele Menschen sind heute unterwegs, Anhänger beider Lager. Bunte Schals und Plakate weisen die Befürworter des Bildungsplans aus. Alles ist friedlich, so muss das sein.
„Dreckslebsen!“, ertönt plötzlich eine Stimme, der männliches Gelächter folgt.
Eine Gruppe junger Männer macht obszöne Gesten.
Randalierer, das ist sofort klar. Das sind keine Aktivisten.
Ich tausche einen Blick mit Linda. Sie nickt, sie weiß Bescheid.

Die Männer bleiben stehen und versperren uns den Weg. Kapuzenpullis, kurze Haare, Springerstiefel. Alle wirken durchtrainiert und schauen uns herausfordernd an.
„Für Lesben ist der Durchgang gesperrt“, höre ich den Anführer sagen.
Er mag Mitte Zwanzig sein. Boxernase. Ich bin gewarnt.
„Lassen Sie uns bitte durch“, sagt Linda höflich und geht auf ihn zu.
„Sonst was?“, höhnt der Boxer und lässt die Finger knacken. „Aber ich sag dir was Lesbe, du gibst mir ’nen Kuss und ihr dürft vorbei.“
Wieder lachen seine Kumpels und machen Front gegen uns.
Als Polizei auftaucht entspannt sich die Lage. Die Männer spritzen auseinander.
„Das war knapp“, sagt Linda. „Wir müssen aufpassen, die suchen Streit.“

Wir gehen weiter, ernster als zuvor. Immer wieder sehen wir Bekannte.
Die Unterstützung für den Bildungsplan ist hoch. Auch heterosexuelle Familien sind auf unserer Seite. Und es sind überraschend viele.
Unsere Stimmung wird wieder besser, als die Redner kommen.
Vertreter von Landeselternbeirat, Landesschülersprecherbeirat und der Bildungsgewerkschaft GEW sprechen sich für den Bildungsplan aus. Jubel brandet für den schwulen CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann und die grüne Landtagsvizepräsidentin Brigitte Lösch auf. Seltene Einigkeit. Aber so ist es gut.

Alles bleibt friedlich.
Wir diskutieren mit den Menschen. Einige Gegner haben zögernd das Gespräch gesucht.
Eine Mutter mit zwei kleinen Kindern legt ihre Ängste dar.
Yuki geht in die Hocke und lächelt.
„Darf ich den Kindern ein Stück Schokolade geben?“, fragt sie leise.
Die Mutter ist verblüfft und nickt. Ihr Mann will etwas sagen, aber sie schüttelt nur den Kopf.
„Wo kommst du her Tante?“, will das Mädchen wissen. „Du siehst so anders aus.“
„Wir sind in Japan geboren“, erwidert Yuki. Sie deutet auf mich. „Und schau, das da ist meine Ehefrau.“
Ich winke dem blonden Mädchen zu und sie winkt freundlich zurück.
Verständnis kann so einfach sein.

„Sie sind … veheiratet?“, dehnt der Mann und schluckt. Er bemüht sich, das erkenne ich an.
„Mehr oder weniger“, erwidere ich. „Eingetragene Lebenspartnerschaft wird das genannt, mehr lässt das Gesetz nicht zu.“
„Werden Sie auch Kinder haben?“, will er wissen. „Und wie soll das gehen?“
„Sie haben Angst davor, dass wir Kinder für uns gewinnen wollen?“, will ich wissen. „Davor brauchen Sie keine Angst zu haben, die wenigsten Kinder aus gleichgeschlechtlichen Ehen werden jemals homosexuell.“
„Wir wollen uns eigentlich nur informieren“, lässt die Frau uns wissen. „Wir haben keine Probleme mit …“
Sie beißt sich auf die Unterlippe und wird rot.
„Wir sind so normal, wie sie auch“, erkläre ich ihr. „Auch wir wollen nur das Recht auf Liebe. Und wir werben für Toleranz. Umd mehr geht es nicht.“
Der Tag scheint friedlich zu enden, wir haben neue Freunde gewonnen. Und das finde ich gut.

Auf dem Weg zum Bahnhof kommt es zum Eklat.
Scheinbar aus dem Nichts ist der Boxer mit seiner Gruppe wieder da.
„Die Lesben“, sagt er und mustert uns von Kopf bis Fuß. „Na wie wärs, wollt ihr nicht mal richtige Männer sehen?“
„Wenn wir das wollen besuchen wir unsere Eltern“, sage ich.
„Was hast du gesagt Schlitzauge?“, zischt der Boxer.
Drohend macht er einen Schritt auf mich zu.
Aber ich muss nichts tun, Linda ist schneller.

Der Boxer wird abwechselnd rot und blass, als sie zwischen seine Beine greift.
Linda hat Kraft und sie weiß, was sie macht.
„Wenn ich jetzt zudrücke wars das“, sagt sie leise. „Dann bist du nur noch ein Eunuch.“
„Ihr lasst uns besser in Ruhe“, ergreife ich das Wort. „Wir suchen keinen Streit und ihr wollt uns nicht testen.“
Leider bleiben meine Worte ungehört, einer der Männer geht auf mich los.
Ich bin milde gestimmt und stelle ihm lediglich ein Bein.
Er kracht zu Boden und bleibt ächzend liegen.
„Lass es“, warne ich und fühle Yuki hinter mir. Sie passt auf.
Die Männer zögern. Ohne Anführer wissen sie nicht weiter.

„Aufhören“, stöhnt der Boxer in Richtung seiner Leute. Und zu Linda gewandt: „Lass mich los, wir gehen ja schon.“
Sie öffnet die Hand und der Mann atmet tief durch.
Er hilft seinem Kumpel auf die Beine und zögert kurz.
Ich schüttele den Kopf.
„Versuchs nicht“, formen meine Lippen und er versteht.
Wenn es nur immer so einfach wäre.

Linda lädt uns alle ein und es wird noch ein toller Frauenabend.
Aber der Boxer mit seinen Leuten geht uns nicht aus dem Sinn. Der Dialekt war nicht schwäbisch sondern aus dem Osten.
„Rechte Provokateure“, vermutet Linda.
Ich schüttele den Kopf.
„Bezahlte Schläger“, sage ich. „Die machen für einige Euro alles.“
„Und von wem kommt das Geld?“, will Ilka wissen. „Etwa von der NSA?“
Wir müssen trotz des ernsten Themas lachen. Aber wir wissen es nicht.

Was ich weiß und wofür ich stehe: Für mehr Toleranz. Für Aufklärung und gegen Hass. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen.

Ein kurzes Video des SWR zeigt die Demonstration. Wer es sehen mag: KLICK