Der Besuch der alten Dame

Als Ursel an diesem Morgen aufstand tat ihr jeder Knochen weh. Mit 60 Jahren ist das Leben oft weniger beschwingt. Barfuß schlich sie ins Badezimmer, sie spürte die kalten Fliesen kaum. Ein Blick in den Spiegel zeigte die Realität, die Jahre waren nicht spurlos vergangen.

„Zum Friseur müsste ich“, murmelte sie. „Ich sehe ja schrecklich aus mit diesen Fransen!“ Sie liebte es, wieder in der alten Heimat zu leben. 40 Jahre war sie weg gewesen. In Kanada, um genau zu sein. Dort hatte sie mit ihrem John gewohnt.

John war vor einem Jahr gestorben. Friedlich eingeschlafen, ohne Grund. Herzversagen meinte der Arzt und hatte die Schultern gezuckt. Vermutlich angeboren, das passiert. Ursels Tochter war schon als Teenager ausgeflogen. Sie hatte nie wieder etwas von ihr gehört. Schuld war John gewesen, der ihr „das lesbisch sein aus dem Leib prügeln wollte.“

Ursel hatte viel geweint in dieser Zeit, der Verlust von Maria traf sie tief. Aber sie liebte John und so verging ihr Leben im fremden Land. Ursel war lange nicht in Deutschland gewesen. Ihr Elternhaus war auf lange Zeit verpachtet. Aber vor einigen Monaten gaben die Mieter auf.

In Ursels Kopf legte sich ein Schalter um. Sie verkaufte Hab und Gut und eilte nach Deutschland zurück. Kaum angekommen überschwemmten sie Erinnerungen an damals, als alles anders war. Erneut schaute Ursel in den Spiegel. Dann rief sie im Friseursalon an. „14:30 Uhr haben wir noch einen Termin frei, Frau McAllister“, hörte sie die Inhaberin sagen. Und natürlich ging Ursel hin.

Besuche beim Friseur sind auf der ganzen Welt die gleiche Prozedur. Schwatzen und Neuigkeiten tauschen. „Aus Kanada kommen Sie! Das ist aber toll! Wie, Sie stammen aus … das ist ja hochinteressant. Meine Schwester lebt in München. Das ist auch irgendwie Ausland, wissen Sie,“ plapperte die Friseurin munter.

„Entschuldigen Sie bitte“, störte eine Frauenstimme den frisierenden Redefluss. Ursel hielt die Luft an, als sie in warme Augen blickte. „Kann es sein, dass wir uns von früher kennen?“, fragte die Frau. Ursels Bauch kribbelte, ihr Herz hüpfte wie verrückt. Und die Schleusen öffneten sich zum Tränenfluss.

„Tinchen …, bis du das?“, flüsterte Ursel. „Was …, wie, ich kann’s nicht fassen!“ Ein herzliches Lachen, eine alte Dame schwebte durch den Raum. Pure Eleganz, die Augen schimmerten feucht. „Guten Tag Frau Dr. Hallstein“, beeilte sich die Friseurin zu sagen und strahlte die alte Dame freundlich an. „Sie kennen sich wohl von früher …“

Ja, Ursel und Martina kannten sich. Sie waren zusammen aufgewachsen. Beste Freundinnen, die alles geteilt hatten. Auch den allerersten Kuss. „Mit 16 weißt du nicht, was Liebe ist“, sagte Martina später. Die Frauen schlenderten durch den Park. Fast so, wie früher.

Ursel nickte und schaute verlegen auf die Zehenspitzen. „Ich habe mich nie wieder mit einer anderen Frau getraut“, gab sie zu. „Und wie war das bei dir?“ Martina lächelte und holte ein Bild aus der Tasche. „Das ist Maria“, sagte sie. „Wir haben 20 glückliche Jahre verbracht. Gegen alle Regeln, gegen Homophobie. Der Tod hat sie mir genommen.“

Ursel taumelte, der Stich ins Herz konnte kaum heftiger sein. Das Bild zeigte das Gesicht ihrer Tochter! Was Ursel nie erfahren hatte, Maria war damals mit 18 nach Deutschland geflohen. In die Heimat ihrer Mutter. Dort lief ihr Martina über den weg. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ein Klischee vielleicht, aber wahr.

„Maria ist an Herzversagen gestorben“, erzählte Martina später, als Ursel im Krankenhaus wieder zu sich kam. „Der Arzt sagte, das sei vermutlich angeboren und passiere irgendwann. „Aber dass sie deine Tochter ist …! Ich wusste deinen neuen Namen nicht, du hattest dich nie wieder gemeldet.“

Ursel brauchte eine Weile, um sich wieder zu erholen. Martina kam jeden Tag nach der Praxis. Sie war Frauenärztin, die beste in der Stadt. „Ich habe eine Menge Mädels aus der Szene“, erzählte Martina stolz. „Sie vertrauen mir und ich kann helfen. Auch mit Adressen von Samenspendern. Kinder wollen die fast alle.“

In Ursels Kopf kreisten die Gedanken. Und immer wieder tauchte jene Szene im Umkleideraum auf, als Martina sie küsste. Nein, mit 16 weißt du nicht, was Liebe ist. Oder war es doch nur Feigheit gewesen? Eine Flucht in die Sicherheit. Unfähig den Zeigefinger der Menschen zu ertragen.

Ursel hatte diesen Kuss niemals vergessen. Auch nicht, wenn sie mit John zusammen war. Sie hatte seine Härte genossen. Aber Zärtlichkeit ist anders. Eines Tages wurde John impotent und Ursel blieb allein.

„Ich habe dir Marzipankugeln mitgebracht“, durchbrachen Martinas Worte die Mauern der Erinnerung. „Die mochtest du doch früher immer gern.“ Schon schmeckte Ursel die Süße in ihrem Mund. „Jetzt oder nie!“, durchzuckte ein Gedanke ihren Kopf. Und ehe sie wieder klar denken konnte, hatte sie Martina marzipansüß geküsst.

„Das fühlt sich gut an“, flüsterte Martina und holte tief Luft. „Ich sollte dich öfter besuchen. Und du mich.“

Wenn der Blogger zweimal klingelt

Ein trüber Tag im Oktober. Wind und Regen wechseln sich mit Sonne ab. Gelangweilt blättere ich durchs Netz. Ein Blick auf meinen Blog macht Hoffnung, die Zahl der Zugriffe explodiert. Kurz flackert mein Interesse auf. Hat mich etwa (die) „BRIGITTE“ entdeckt? Oder ist es doch nur wieder „EMMA?“

Schnell wird klar, dass es nur ein einzelner Leser ist, der meine Beiträge verschlingt. Ein Agent der NSA? Schon dehne ich die Glieder und mache mich zum Kampf bereit. Soll er nur kommen, der „Man in Black“, dem werde ich eine vertwittern! Aber ein Hieb mit der Blogroll(e) täte es vermutlich auch. Das wäre wie ein Schlag ins Gesicht und kribbeln tuts auch.

Die Enttäuschung folgt auf dem Fuß. Ein kleiner Macho steht vor mir. Kein Gegner, der ist noch keinen virtuellen Mittelfinger wert. Ich amüsiere mich königlich, als ich den verlinkten Beitrag „Ohne Mann fehlt dir was“ auf seinem Blog entdecke. Inklusive seiner Sprüche zum Text. Mutig ist anders.

Vermutlich hat das Männlein Angst vor Frau und teilt daher aus zweiter Reihe aus. Diese Spezies ist mir bekannt. Es sind zahnlose Papiertigerchen, die besser im Dschungelcamp geblieben wären. Dort gibt es genug Einheitsbrei und leckere Buchstabensuppe.

Für immerhin einige neue Kommentare zum Text, hat der Besuch gesorgt. Zum Teil typisch Mann. Aber falls das Niveau sinkt, werde ich weitere Ergüsse löschen. Krieg im Internet ist nur verlorene Lebenszeit. Wer sich fetzen will, ist bei mir falsch.

Ja, ich diskutiere gern. Aber Attacken laufen stets bei mir ins Leere. Immerhin bieten sie noch Stoff für einen Text, den ich mit boshafter Freude geschrieben habe. Danke lieber Leser, klingel nur recht bald wieder an meiner Tür. Du fehlst mir jetzt schon sehr.