Die Rückkehr des (Erl)Königs – Teil 1

Das Biest

Das Biest

Es ist Rosenmontag, Tag der Narren, freie Zeit. Für mich ist Arbeit angesagt und auch jede Menge Spaß. Ein neuer (Neben)Job, aber davon später mehr.
Yuki schläft noch, als ich in den Toyota steige. Eine Stunde später bin ich wieder da. Gut gelaunt und voller Tatendrang. Aber nicht allein.
Es gibt Frühstück, meine Elfe weiß Bescheid. Sie freut sich auf unser neues Abenteuer, auf einen schnellen Tag.

Der Bolide ist zurück!
Geduckt steht er vor unserer Tür. Rot und fast schon diabolisch lächelnd.
Ich darf endlich sagen, um welchen Wagen es sich handelt. Nur zu kaufen ist er nicht.
Vier Ringe der Macht zieren den Kühlergrill. Das „RS“ ist dabei Nebensache und gelogen ist es auch. Was vor mir steht ist ein Wolf im Schafspelz, ein schlafendes Ungetüm.

An diesem Audi RS 6 ist fast nichts mehr original.
Um Gewicht zu sparen, hat man Motorhaube, Kotflügel und Heckklappe aus Kunststoff verbaut. Im Dezember war er noch ein Prototyp. Ein erster Test. Nun ist der Wagen gereift, erwachsen geworden. Die Leistung des V8 ist nicht mehr nur durch einfache Manipulation des Steuergerätes verändert worden.
Unter der Haube werkeln nun auch verstärkte Kolben, ein neuer Bi-Turbo und andere Leckereien. Stichwort Downpipe mit Edelstahlkatalaysatoren. Aber wer kennt das schon.
Satte 750 PS bringt der Wagen auf die Straße. Und das ist schon ziemlich verrückt.
Und nein, es ist kein „Roter Abt.“

Straßenjet hat den Boliden ein deutsches Revolverblatt genannt. Und das ist nicht gelogen.
Schon der normale RS 6 ist der König der Kombis. Und auf Augenhöhe mit dem Porsche 911.
In unserer Version nichts weiter als ein aboluter Überflieger.
Tuning per Excellence, Feinschliff für eine mögliche (Klein)Serie.
Der Erlkönig ruft.

Erstmalig bekomme ich Geld fürs Fahren, ein familiärer Deal.
Wir können es gut gebrauchen, das Stdentenleben ist teuer.
Die Autobahn zu nutzen ist tabu. Ich darf sie lediglich zur Anreise auf eine stillgelegte Landebahn befahren. Und nur nicht auffallen, hat man mir eingeschärft. Keine auffälligen Überholmanöver, kein Wettrennen mehr.
In Sportschuhen, Cargohosen und Sweatshirts steigen wir in den Wagen. Elegant ist anders. Heute sind wir leger.
Yuki hat natürlich gepackt und vorgesorgt.
„Alles dabei“, sagt sie und stopft mir Schokolade in den Mund.
Wisst ihr jetzt warum sie mich „Dicke“ nennt?

Die Bestie erwacht und zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Selbst der Golf R klang nicht so schön. Der V8 ist Musik in meinen Ohren, ich bin in meinem Element.
Der Postbote dreht sich nach dem Wagen um. Fassungslos starrt er uns an.
Der Audi zischt an ihm vorbei. Noch träge und unausgeschlafen. Wach sein ist anders.
Auf der Autobahn bin ich ungewohnt brav unterwegs. Mittel- und Oberklassewagen ziehen locker an uns vorbei.
„Schnecke“, hänselt mich Yuki.
Wie sie das wohl meint?

Ein tiefschwarzer Mercedes setzt sich hinter uns. Autobahnpolizei! Ich kann sie riechen.
Wie aufs Stichwort geht das Blaulicht des Wagens an. Ungewohnt im Innenraum, auf dem Amaturenbrett.
Der Wagen zieht vorbei und setzt sich vor uns. Der Beifahrer hält eine Kelle mit der Aufschrift „Polizei“ aus dem Fenster und lotst uns zum nächsten Rastplatz.

Yuki ist besorgt.
„Was wollen die von uns? Wir waren nicht zu schnell!“
„Keine Ahnung, Elfchen“, sage ich. „Aber wir werden es gleich sehen.“
Angst habe ich keine, was soll mir schon passieren?
Auf dem Rastplatz steigen die Beamten aus und kommen auf uns zu.
Einer ist schon älter, der väterliche Typ.
Sein Kollege ist deutlich jünger. Wache Augen mustern uns.
Ich stoppe den Motor und lasse die Scheibe nach unten gleiten. Meine Hände bleiben am Lenkrad und deutlich sichtbar.
Der Tatort lässt grüßen.
„Allgemeine Verkehrskontrolle“, sagt der ältere Beamte. „Ihre Papiere bitte.“

Ohne Hast reiche ich Führerschein und Fahrzeugschein aus dem Fenster und fühle die Blicke des jungen Beamten auf mir.
Unverhohlenes Interesse spricht aus diesen Augen, die Gier nach der exotischen Frau.
Das bin ich gewohnt. Neu ist anders.
Problemlos halte ich seinen Blicken stand und zwinge seine Augen nieder.
„Verloren, Herr Polizist“, denke ich und zeige ihm ein leichtes Lächeln.
Ich schätze ihn auf Ende Zwanzig. Generation Handy, gegeltes Haar.
Gefahr geht von ihm aus. Auf ihn muss ich besondes achten.

Der Vatertyp ist mittlerweile am Funkgerät und wird dort vermutlich einen Abgleich der Daten machen.
Nach einigen Minuten ist er zurück.
„Sie sind nicht die Besitzerin des Wagens, Frau Landar“, stellt der Beamte fest. „Darf ich fragen wohin Sie damit wollen?“
„Ich bin Testfahrerin“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Wir sind auf dem Weg, um Leistungsdaten auszuwerten.“
„Aber nicht auf der Autobahn!“, blafft mich der junge Beamte an.
Er will noch etwas sagen, aber sein Kollege hebt mahnend die Hand.
„Im Handschuhfach liegen entsprechende Papiere“, fahre ich fort. „Möchten Sie die sehen?“

Synchronnicken der Beamten. Olympisch gäbe das die Goldmedaille.
Yuki reicht mir die Papiere, die ich dem Beamten gebe.
„Wir müssen die Angaben im Fahrzeugschein überprüfen“, erklärt er mir. „Reifengröße, Felgen usw.“
„Nur zu“, sage ich und grinse innerlich.
Zum Glück hat der Wagen jetzt Winterreifen. Ohne wollte man ihn nicht mehr auf die Straße lassen.
Wie schnüffelnde Hunde schleichen die Beamten um den RS 6. Fehlt nur noch, dass sie das Beinchen heben.
„Öffnen Sie bitte noch die Motorhaube“, fordert mich der Vatertyp auf. „Wir müssen auch dort nachsehen. Und steigen Sie bitte aus und stellen sich neben den Wagen.“
Mein Widerwille ist längst erwacht, aber ich kann mich gut beherrschen. Streit mit der Polizei führt zu nichts.

Mehr als zehn Minuten vergleichen die Beamten Daten, die sie von einem Netbook ziehen.
„An dem Wagen ist ja nicht mehr viel Serie“, stellt der Gegelte fest. „Sie können von Glück sagen, dass da alles eingetragen ist.“
„Ich teste ihn nur“, erwidere ich. „Und bringe ihn von A nach B.“
„Wie schnell ist der Wagen?“, fragt der Vatertyp wie beiläufig. Ein Trick, den ich sofort durchschaue.
Mein japanisches Lächeln verwirrt ihn.
„Um das herauszufinden sind wir zu dem Testgelände unterwegs“, sage ich. „Dort wird der Wagen auf Spezialreifen umgerüstet und die Geschwindigkeit gemessen.“
Der Gegelte giert Yuki an.
„Und wer sind Sie“, will er von ihr wissen. „Sind Sie auch Testfahrerin?“
Yukis Blick spricht Bände.
„Nein“, sagt sie leise. „Ich bin Frau Landars Ehefrau.“
Yuki, meine Heldin!

Die Beamten sind verblüfft, Schweigen breitet sich aus.
Der Vatertyp räuspert sich, er ist deutlich verlegen.
„Na ja, alles in Ordnung soweit“, brummelt er. „Aber lassen Sie sich bitte nicht zum Rasen verleiten. Ich weiß, dass solche Wagen gern dafür genommen werden.“
Er zögert kurz, während der Gegelte uns mit verächtlichen Blicken straft.
Wieder zwinge ich seine Augen nieder.
„Mein Sohn fährt einen Audi TT“, erzählt mir der Vatertyp stolz. „Aber der ist mit diesem Teil nicht zu vergleichen. Gute Fahrt und frohen Karneval.“
„Vielen Dank“, sage ich. „Haben auch Sie einen angenehmen Tag.“

Die Fahrt geht weiter. Diesmal ohne Vollgas, dafür mit Bedacht. Aber davon beim nächsten Mal mehr.

Mit Vollgas durch die Nacht

Ich habe das Glück Beziehungen zur Automobilbranche zu haben. Familienbedingt. Daher darf ich ab und an einen sogenannten Boliden fahren. Das macht mir durchaus Spaß. Nur darüber schreiben darf ich eigentlich nicht. Zumindest wenn es die Marke, technische Details, oder den Motor betrifft. Was bleibt mir also übrig, als von einem Flitzer zu sprechen? In Rot versteht sich! Und wie lange ich von unserer Wohnung bis nach Düsseldorf brauche. Vielleicht könnte ich noch von der Höchstgeschwindigkeit sprechen, die jenseits der 300 km/h liegt. Und das ist richig schnell!

Samstag, 14.Dezember 2013, 2:30 Uhr in der Nacht. Es ist recht kalt, als wir zu dem ausgeliehenen Flitzer gehen.
„Hat der auch eine Sitzheizung?“, will Yuki wissen.
„Logisch“, erwidere ich. „Das Teil hat alle Extras.“
Wir verstauen zwei kleine Reisetaschen im Kofferraum und nehmen Platz. Und über genügend Platz verfügt dieser Bolide wirklich. Zwei kleine Mädels wirken recht verloren darin.
Ich drücke verschiedene Knöpfe am ultraergonomiaschen Ledersitz. Leise summend passt er sich mir an.
Als ich den Motor starte bleibt mir fast die Luft weg.
Yuki schaut mich entgeistert an, als das blubbernde Dröhnen an unsere Ohren dringt.
„Irre!“, sagt sie.
Der Wagen hat kein Schaltgetriebe, sondern eine Automatik. Und Allrad. Und trotzdem verrate ich die Marke nicht.
Xenon Licht zeigt mir den Weg, als ich den Automatikhebel auf S, wie Sport stelle. Wenn schon, dann richtig!
Als ich Gas gebe macht der Wagen einen Satz nach vorn und presst uns in die Sitze.
„Uff“, entfährt es Yuki. „Mein Bauch!“
Ich muss lachen und genieße das Gefühl. Der Bolide schießt die Straße entlang und ich muss mich und das Fahrzeug bremsen. Noch sind wir nicht auf der Autobahn.
„Braucht der viel Benzin?“, will Yuki wissen.
„Ja“, sage ich. „Aber wir müssen das ja nicht zahlen.“
Mit dem Wagen habe ich nämlich eine spezielle Tankkarte bekommen. Extra auf meinen Namen ausgestellt. Volltanken also kein Problem.
Etwas mehr als 400 km liegen vor uns. Die sind mit dem Auto normalerweise nicht unter 4 Stunden zu schaffen. Aber das ist kein normales Auto mehr. Das ist Wahnsinn pur. Mehr als 500 PS, über 300 Spitze. Ob ich die ausfahren kann? Ich bin gespannt.

Es ist wenig Verkehr um diese Zeit. Schnell entwickele ich ein Gefühl für den Boliden, der Kraft satt sein eigen nennt. Vermutlich lassen wir momentan etliche Männerherzen höher schlagen. Was nicht nur an unserem exotischen Aussehen liegt. Diesmal ist es der rote Wagen. Und der ist ultradeutsch.
Auf der Autobahnauffart beginnt der Spaß erst richtig.
Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Mit weit über 200 Sachen schieße ich über den Asphalt. Ein BMW will nicht zur Seite weichen. Mir ist das egal. Ich überhole ihn noch auf der Auffahrt. Schade nur, dass ich das Gesicht des Fahrers nicht sehen kann. Vermutlich wird er seinen Wagen morgen verschrotten vor lauter Frust.
Die Federung des Boliden ist kaum als solche zu bezeichnen. Wie ich weiß, sind daran auch die dicken Reifen schuld. Trotz der kalten Jahreszeit hat der Wagen noch immer den Sommerlook. Ein Risiko. Aber Bußgeld zahlen muss ich nicht.
Yuki ist aufgeregt. Wie eigentlich immer, wenn wir Autos testen. Selbst fahren will sie das rote Technikwunder nicht.
„Mach du“, hat sie gesagt. „Ich schaue nach dem Weg.“
Aber das muss sie nicht. Selbst ohne Navigationsgerät kenne ich den im Schlaf. Aber ich habe es eingeschaltet und freue mich über den Komfort. Warum auch nicht?

Deutschland bei Nacht ist schön, auch wenn wir kaum viel davon sehen. Nur ab und an eine Nebelbank und den bleichen Mond. Und einige andere Wagen. Aber die huschen wie Schatten nach hinten vorbei. Der Tacho zeigt 240. Und da geht noch mehr.
Ökonomisch ist ein Fremdwort für den Wagen. Er ist auch viel zu teuer. Mehr als 100.000 Euro ohne Extras. Superlative pur. Niemand kauft den, hat man mir gesagt. Solche Wagen werden geleased.
Plötzlich tauchen Scheinwerfer im Rückspiegel auf, der sofort automatisch abblendet. Ich schaue nach links. Ein Porsche zieht vorbei. Kölner Nummernschild.
„Oh, oh“, entfährt es Yuki. „Mach das bloß nicht!“
Sie kennt mich eben. Und sie weiß, was jezt geschieht. Der ahnungslose Porschefahrer wird es gleich erleben.
Kickdown! Der Bolide brüllt auf und stürmt los. Blinker links und Lässig am Porsche vorbei. Warum ist nur die Autobahn so schmal geworden?
280 km/h und da geht noch mehr! Angst habe ich keine.
Der Porsche hält dagegen. Soll er, der wird sich noch wundern.
290 km/h.
Yuki hält sich die Augen zu.
300 km/h. Der Porsche ist noch immer neben mir.
Viel mehr kann der Bolide eigentlich nicht. Dieses spezielle Modell dann schon. Bei dem ist nämlich erst bei 320 km/h Schluss. Aber woher soll das der Porschefahrer wissen?
Adrenalin pur, als die Tachonadel auf 310 klettert. 315 … 320.
Der Porsche gibt auf und fällt zurück, verabschiedet sich mit einem kurzen Lichthupensignal.
Ich lache, die Anspannung fällt leicht ab.
Der Verbrauch des Wagens hat die 20 Liter Marke weit überschritten. Auch das eine Superlative.

In dieser Nacht breche ich vermutlich ein Dutzend Gesetze, was ohne Folgen bleibt. Die Radar App im Smartphone warnt uns vor Radarfallen. Alles geht gut. Während die Tanknadel rapide fällt, bleibe ich meist jenseits der 250 km/h.
Wir unterhalten uns, oder hören Musik.
„Weißt du, dass wir verrückt sind“, sagt Yuki. „Wir fahren hier mit Vollgas durch die Nacht, während alle Leute schlafen.“
„Andere düsen mit Vollgas durchs Leben“, erwidere ich. „Wir nur ab und zu.“
Yuki nickt und holt tief Luft. Sie wirkt müde, aber bleibt tapfer wach.
Nach 2 Stunden und 40 Minuten kommen wir an. Der Tank ist fast leer.
Das Haus meiner Eltern liegt im Dunkeln. Sie schlafen und ahnen nichts von ihrem Glück.
Ich habe natürlich meinen Schlüssel. Im Flur ziehen wir die Schuhe aus und schleichen in mein altes Zimmer. Die Heizung läuft. Auf dem Bett liegt ein Blatt Papier.
„Schön, dass ihr da seid“, hat meine Mama geschrieben. „Wir freuen uns auf euch.“
„Deine Mama ist eine solche Petze“, sage ich gespielt empört und Yuki lacht.
„Komm lieber ins Bett“, sagt sie. „Sonst petze ich dich.“
Ich muss lachen und gebe ihr einen Kuss.
Wer das Wort „petzen“ in dem Zusammenhang nicht kennt: Es wird in einigen Teilen Deutschlands statt zwicken gebraucht. Und meine Frau darf selbst das mit mir machen.
Yuki schläft fast sofort in meinen Armen ein. Ich liege noch eine Weile wach. Mit meiner Frau in meinem Kinderzimmer. Zu Hause.
Morgen wird mein Papa mich in sein Dojo zitieren, um meine Fortschritte zu testen. Ich habe ihn vermisst.
Yuki wird bei meiner Mama bleiben und beim kochen helfen. Angeblich kann ich das ja nicht.
Bruder Schlaf nähert sich im roten Flitzer, meine Augen fallen zu.
„Nicht so schnell“, murmele ich. „Ich mag nicht mehr mit Vollgas durch die Nacht.“