Zwei Frauen und ein Baby

„Da da da!“, kräht Kevin fröhlich und spuckt mir seinen Brei ins Gesicht.
Yuki feixt und fliegt mit Handtuch und Lappen herbei.
„Gewöhn dich dran“, sagt sie frech und mach uns sauber.
Ja, wir haben heute Besuch von einem kleinen Wonneproppen. Vanessas kleiner Sohn, den wir nur zu gern hüten.
Übung macht die Mutter aus.

„Bu bu da da na na“, plappert der Kleine munter und zieht an meinen Haaren. Babysprache, die ich noch nicht näher kenne.
Vanessa hat einen Termin, den sie ungestört wahrnehmen muss. Die Zwillinge sind bei ihren Eltern, wir dürfen uns um Kevin kümmern. Auf eigenen Wunsch, den jeder versteht.
Eltern auf Probe sozusagen. Kevin findet das vermutlich gut.

Das Handy klingelt, ein Auftraggeber nervt.
„Die Zahlen, Frau Dr. Landar, die Zahlen!“
Schweren Herzens überlasse ich Yuki die Mutterrolle, was Kevin mit einem Blubbern quittiert.
Nun wird Yuki vollgesabbert. Sind Kinder nicht allerliebst?

Mit flinken Fingern addiere ich Zahlenkolonnen und tippsele einen Text dazu.
Kevin entwischt Yuki kurz, als sie in die Küche geht. Prompt patscht er mit beiden Händchen auf die Tastatur.
DELETE, ENTER … alles noch mal.
Wie war das mit der Geduld?

Ich kitzele den Kleinen, was er zum Quietschen findet. Fröhlich krähend schmatzt er mich ab. Ich brauche dringend frische Sachen.
Die Zeit fliegt, der Morgen geht zu Ende. Das Konzept steht und muss gegen Mittag in Pforzheim sein.
Ich werfe mich in Schale, Hose, Bluse und Jacket. Frau Dr. in Reinkultur und Mama Yuki kommt auch mit.
Zwei Frauen mit Kind, eilen gar geschwind!

Kevin jauchzt, als der V8-Sound an seine Ohren dringt. Der Kleine mag Autos, das steht für mich fest.
Wir haben Glück und kommen ohne Stau durch den Verkehr. Verwirrte Blicke, als wir den Glaspalast betreten.
„Dr. Landar“, sage ich knapp zur Sekretärin. „Ich habe einen Termin.“
Titel machen Leute. Und meiner zieht (noch) immer.

Die Sekretärin telefoniert noch, als eine blonde Frau das Büro betritt. Sie ist schwanger, das ist deutlich zu sehen.
„Beate Finkenau (Name geändert)“, stellt sie sich vor und kann den Blick kaum von Kevin lösen.
Eine stumme Frage liegt in ihren Augen.
„Nein“, sage ich, „das ist leider noch nicht unser Kind. Wir sind nur Mütter für einen Tag.“
Sie lacht und versteht. „Bei mir ist es in 3 Monaten soweit. Dann habe ich lebenslänglich.“
Ein Satz, der mir gefällt.

Die werdende Mutter bittet uns beide wie selbstverständlich nach oben.
„Mischen wir die Männerunde auf“, sagt sie im Scherz, was Kevin mit einem „ja ja ja!“, quittiert.
Ich tausche einen BLick mit Yuki und Elfchen nickt verhalten.
„Alles im Griff“, heißt das. Aber Kevin hat andere Pläne.
Aus heiterem Himmel plärrt er los. Aufregung pur, das Chaos ist groß.

Gelassen betrete ich das Büro des Chefs, der sichtlich nervös auf mich wartet.
Draußen laufen einige Frauen zusammen, die sich alle um Kevin kümmern.
„Lu lu lu wääääh!“, höre ich noch, dann hat die schalldichte Tür Erbarmen mit dem Mann.
Immerhin findet mein Konzept Gefallen. Und mir gefällt der Scheck.
Ob ich den Job doch nicht sausen lasse?

Mit diesem humorvollen Gedanken geht es auf den Gang zurück, wo Kevin der Star in der Runde ist. Lachend und schmusend verzaubert er die Frauen.
Und Beate Finkenau hat eine Brünette im Arm. Ich liebe meine Sinne.
Apropos Frau. Auf dem Weg nach Hause erreicht uns Vanessa per Handy.
„Alles gut!“, vekündet sie.
„Auch mit Jo?“, will ich wissen und Yuki nickt sofort. Die Anwältin hat sich mit Vanessa angefreundet. Die zögert zwar noch, aber ihre Augen haben sie längst verraten.
Vanessa war nie offen lesbisch. Hat aber nie ein Hehl daraus gemacht, wie sie zu Frauen steht.

Leider müssen wir Kevin dann bei seiner Mama abliefern, die er freudig, aber müde begrüßt.
Jo strahlt, wie ich selten einen Menschen habe strahlen sehen. Da läuft was, mit ihr und Vanessa. Und wenn ich nachhelfen muss!
Im verkuppeln war ich schon immer gut. Spontan lade ich beide zum Abendessen ein.
Yuki schmunzelt und Vanessa wird wirklich rot.
Das wird ein Spaß, das kann nur Liebe sein!

Wer Vanessa ist, ihre (Vor)Geschichte, können Interessierte hier nachlesen:

Teil 1 – Lebe deinen Traum 

Teil 2 – Wenn Frauen hassen 

Teil 3 – Die Akte Vanessa

Die Akte Vanessa

Vanessa strahlt, als wir sie besuchen. Ihr Elternhaus ist zur Babykrippe umfunktioniert.
Die Zwillinge sind völlig aus dem Häuschen, seit sie ein Brüderchen haben.
Kevin ist der Star und wirklich süß. Pausbäckig kräht er in die Runde und lässt die Frauenherzen schmelzen.
Wie machen Kinder das?

Alle meine Mädels sind da, auch Karin mit Frau und Kindern. Volles Haus, volles Programm. Aber Spaß ist anders, das ist ein Arbeitsbesuch.
Ilka, Amelie und Jo(hanna), die Expertin für Familienrecht, besprechen sich in einer Ecke. Und sie wissen was sie tun.
Linda gibt Vanessa ungefragt Tipps zur Babypflege, aber die verdreht nur die Augen und lacht.
„Ich habe schon zwei Kinder“, amüsiert sie sich.
Linda stört das wenig. Einmal in Fahrt ist sie kaum zu bremsen.
„Du bist viel zu schwach, um klar zu denken“, erklärt sie Vanessa.
Das ist Humor, wie ich ihn mag.

Kevin ist 6 Wochen alt, ein süßer Wonneproppen. Jede der Frauen will ihn halten und der Kleine findet das gut.
Auch ich darf und prompt grinst Yuki mich frech an.
„Mama M“, sagt sie leise und ich fühle, wie gut das tut. Aber Gefühle kann ich kontrollieren und nicht sie mich.
Ein eiskalter Engel und das ist kein leerer Spruch.
Kevins blaue Augen scheinen mir in die Seele zu blicken. Er ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Und der ist kein netter Mann.
Morgen Kinder wird’s was geben!

Yuki und Vanessa sprechen lange und meine Elfe hält Kevin im Arm.
Der Kleine kräht und strampelt. Beruhigt wird er dann an Vanessa Brust.
Ich gestatte mir ein Lächeln. Mama Yuki, das steht ihr gut.
Aber wollen wir wirklich Kinder haben?
Selbst Yuki zweifelt noch. Aber ich sehe den Wunsch in ihren Augen.
Ihr Kinderlein kommet.

Vanessa und Bernd haben gesprochen. Mehrfach. Aber es gab keinen Konsens.
Bernd will das Sorgerecht für die Kinder, das hat er Vanessa angedroht.
„Oder du kommst zu mir zurück“, hat er ihr angeboten. „Dann bleibt alles, wie es ist.“
„Ja, du gehst fremd und ich bin dein Frauchen“, kontert Vanessa. „Die Mutter deiner Kinder. Nein danke, das hatten wir schon, damit bin ich durch!“
Als Bernd laut wird, hat Linda ihn freundlich nach draußen geführt. Linda als Bodyguard, das kann sie gut.
Ob Bernds Arm noch immer schmerzt?

Vanessas Eltern werden ihr jegliche Hilfe geben. Was nicht nötig ist, die Juristinnen wollen kein Geld. Selbst die Unkosten will Jo nicht haben. Sie hat nur abgewunken und „Wozu hat man Freunde?“, gesagt. „Der Typ hat keine Chance“, erklärt uns Jo. „Wir sind dabei eine Verfügung zu erwirken, so dass er sich Vanessa nicht mehr nähern darf.“
„Ich hätte große Lust ihn zu besuchen“, sage ich. „Kein Mann greift eine Freundin an! Auch wenn es nur Worte waren.“
Eiskalt, wie das Schweigen.

In meinem Leben habe ich schon einige Dramen erlebt, aber „Die Akte Vanessa“ schlägt dem Fass den Boden aus.
Wie Bernd, haben sich bisher nur wenige Männer benommen.
„Nicht selten verursacht der Rosenkrieg einen markanten Rückgang des Lebensstandards und führt einen oder beide Partner in den finanziellen Ruin“, hat ein Experte gesagt.
Und dann sind da immer noch die Kinder. Die verstehen die Situation noch nicht. Nur, dass Papa „böse“ ist.
(Wie) Lieben Männer ihre Kinder?

Die Zwillinge leiden. Bernd mag alles sein, aber er ist kein wirklich schlechter Vater. Nur wird ihm das kaum helfen.
Gut für Vanessa, wir Frauen halten zusammen. Solidarität und Freundschaft hat nichts mit sexueller Orientierung zu tun. Und nicht alle in unserem Kreis sind Lesben.
Es vergeht kein Tag an dem nicht eine Frau bei Vanessa ist. Einkäufe macht, sie fährt, oder die Zwillinge hütet. Das alles damit Vanessa schlafen kann.
Meist ist es eins von Lindas Mädels, das quasi als Aufpasserin agiert.
Traurig, aber wahr.

Rosenkriege sind nicht schön. Ich muss sie nicht erleben.
Bei dieser Schlacht führe ich kein Kommando und überlasse den Juristinnen das Feld.
Jo ist ein guter General und Linda Frau genug, um für Vanessas Sicherheit zu sorgen.
Aber ich bleibe die Regenbogenkriegerin. Ein falsches Wort von Bernd und ich bin da.
Auf der Heimfahrt habe ich das Thema mit Yuki besprochen und sie gefragt was sie über Scheidung denkt.
„Wenn du mich verlässt kratze ich dir natürlich die Augen aus“, antwortet sie mit sanftem Lächeln. „Und jetzt mach die Akte Vanessa zu und gib mir einen Kuss.“
Elfenakte(n) können so einfach sein.

Wer die Vorgeschichte lesen mag:

Teil 1 – Lebe deinen Traum

Teil 2 – Wenn Frauen hassen