Von Narren, Eis und Schnee

Wir sind dann mal weg. Auf dem Weg in den hohen Norden der Welt. In eisige Regionen, wo Nacht und Nebel enden. Genauer: Norwegen und Eisdriften ist angesagt. Lange Tage in Eis und Schnee, die nicht nur Spaß bedeuten. Auch weg vom Karneval. Narren waren nie mein Ding.

Der schwere Autounfall hat diese Pläne fast zunichte gemacht. Wie immer bin ich locker weiter nach vorn marschiert und habe nicht über Blessuren geschrieben. Warum auch? Jammern ist nicht mein Ding. Wir hatten keine Knochenbrüche, aber durchaus Prellungen. Und ja, die taten weh.

Warum ich nun doch darüber schreibe? Seht es als virtuellen Mittlelfinger zu jenen Kommentaren, die ich unveröffentlicht ließ. Unworte haben keinen Platz auf meinem Blog. Auch bin ich nicht mit „210 km/h“ in die Leitplanken gekracht, das war nur eine literarische Zahl. Natürlich habe ich den Wagen abgebremst. Aber nur soweit wie irgend möglich, die Auslaufzone war zu kurz.

Laut Wolf haben wir die Leitplanken noch mit ca. 100 km/h touchiert und sind dann durchgebrochen. Ein Bild des kaputten Audi wird es auf diesem Blog nicht geben, Gaffer gab es schon vor Ort genug. Dem LKW-Fahrer bin ich für die Hilfe mehr als dankbar. Er winkte nur ab und meinte „Das ist meine Pflicht.“

Aber nach jeder Pflicht folgt die Kür. Und die werden wir nun in Norwegen zeigen. Nicht ganz allein, nicht so, wie ihr euch das denkt. Aber davon werde ich in einigen Tagen berichten. Seid also brav und bleibt mir treu.

Eure Eisfee Mayumi. Nur echt mit Yuki-onna, meiner Schneekönigin.

Und es hat Bumm Bumm gemacht!

Ein Lied, das kurz nach meiner Geburt entstand und eine Aussage über die Berliner Techno-Kultur, sie prägen heute Thema und Überschrift meines Blogs. Ein Beitrag mit einem ernsten Hintergrund. Ein Beitrag, den ich nur schreiben kann, da ich ihn meiner Reaktion verdanke. Kurz und knapp: Ein Testwagen ist Schrott und wir kommen aus dem Krankenhaus.

Es ist Dienstag, der 27.Januar 2015. Ein Tag an dem Elfchen und ich neu geboren werden. Ein Tag der voll Glück beginnt und in einer Katastrophe endet. 9:30 Uhr, die Straßen sind belebt, aber kein stressiger Berufsverkehr. Der Audi gleitet manierlich über die Autobahn. Rasen, das machen nur die anderen. Unser Ziel ist München, ein Auftrag wartet dort. Gut gelaunt sind wir auf dem Weg.

Wir verbinden stets angenehm und nützlich. Testfahren kann so einfach sein. Bald schon steht Norwegen vor der Tür, ein Ritt auf blankem Eis. „Tausend mal berührt, tausend mal ist nix passiert, tausend und eine Nacht und es hat zoom gemacht“, klingt es aus dem Radio. Klaus Lage heißt der Sänger. Und irgendwann habe ich das Lied bereits gehört.

Gedankenverloren summe ich mit und ernte ein freches Elfenlachen. Yuki weiß, wie sie mich necken kann. Und necken will mich offenbar auch ein Mercedes, der nicht anders, als dicht auffahren kann. Mit einem Blick erfasse ich die Situation. Wenn ich jetzt bremsen muss wars das mit den Ringen der Macht.

Ich schalte einen Gang zurück und schere blitzartig aus. Der V8 brüllt und mehr als 700 getunte PS schieben den Audi voran. Alles gut, der Drängler ist Geschichte. Wir reden über Pläne BaWü zu verlassen. Die alte Heimat ruft und Yuki kommt natürlich mit. Noch ist nichts spruchreif, aber die Tage im Süden scheinen gezählt. Neue Ideen braucht das Land.

Ein Warnlicht im Amaturenbrett, das automatische Getriebe kracht. Ein Motorschaden bei 210 km/h kann niemals gut enden. Der Wagen ist mir egal, ich jage ihn brutal nach vorn. Weg von dem LKW, weg auch von den anderen Rasern.

Der Audi geht ins Notlaufprogramm und mein Programm auf Touren. Yuki erfasst die Lage und wird bleich und still. Nur kurz berührt sie meinen Arm. Ich nicke. Vorsprung durch Technik ist anders.
„Ich liebe dich“, sage ich und versuche den Wagen zu lenken. Aber die Hilfsmittel fallen aus. Ein Auto ohne Servolenkung ist kaum noch zu beherrschen. Vor allem mit einem kaputten Gang.
Per Schaltwippe erzwinge ich die nächste Stufe. Die Leitplanke nähert sich, dann schlägt der Audi ein. Wer schon einmal einen Unfall hatte, der kennt das Geräusch von verformendem Blech. Es ist hässlich, es ist böse. Und es ist sehr laut. Die Stille danach ist bleiern. Hurra, wir leben noch!

Airbags und ausgefeilte Autobaukunst retten unser Leben. Und auch die Erfahrung von tausend Meilen.
Ein Blick zu Yuki. Alles gut. Spontan greife ich nach ihrer Hand.
Die Türen sind blockiert, wir kommen nicht mehr aus dem Wrack. Plan B tritt nun in Aktion. In den Scharnieren haben die Techniker Mini-Sprengsätze verbaut, die per Fernbedienung gezündet werden. Ohren zu und durch. Ich trete den Rest der Tür nach außen. Im Freien holen wir tief Luft.

Ein LKW-Fahrer hat mitgedacht. Er hat gebremst und den Warnblinker eingeschaltet. An ihm kommt keiner mehr vorbei.
Per Handy rufe ich Polizei und Wolf. Während wir warten wird die Unfallstelle gesichert.
Der LKW-Fahrer hilft. Vor allem auch gegen Gaffer. Der Mann ist ein Riese und kann böse schauen. Ich schmunzele. Ein Mensch nach meinem Geschmack.

Wolf mit Team erscheint noch vor der Polizei. Besorgte Blicke und Verständnis von Mann.
„Ist alles in Ordnung bei euch?“
Ich erkläre, was geschehen ist. Die Ingenieure nicken.
Als die Polizei anrückt gibt es Beamtenübereifer. Uns wird sofort mit Strafzettel gedroht.
Wolf wird böse und lässt harte Worte folgen. Technikversagen ist noch nicht unter Strafe gestellt.

Zur Sicherheit werden wir ins Krankenhaus gebracht. Ein Rundum-Check, eine Nacht im Zweibettzimmer. Die Entwarnung kommt am Morgen. Uns fehlt nichts. Nur das Training vom letzten Tag. Aber sind wir ehrlich, was soll Frau mit Elfe schon passieren? Unser Glück kann auch dieser Unfall nicht weiter trüben. Wir sind zusammen. Und das ist alles, was zählt.

Liebe mit Hindernissen

Fernbeziehungen haben ihre ganz eigene Qualität und erfordern das eine oder andere Opfer. Ich weiß wovon ich spreche, Yuki und ich haben genau das praktiziert. Zwei Jahre sind wir gependelt. Düsseldorf – Stuttgart fahre ich nun im Schlaf. An diese Zeit muss ich kurz denken, während der Rallye S1 um die Kurve schießt. Aber das ist kein Autotest Bericht.

„200 – Gerade – Fünf (Eine 200 Meter Gerade, die im 5. Gang gefahren wird)!“, liest Yuki vor und ich trete das Gaspedal voll durch.
Der Audi S1 (A1) stürmt brutal nach vorn, die Beschleunigung presst uns in den Sitz.
Die Autobahn hatte da weniger zu bieten, Und der brave Corolla raste nicht.
Oft saß ich auch entspannt im Zug und habe Musik gehört.
Die Sehnsucht verleiht nicht immer Flügel.

„Bremsen! – 50 – L – 2 (Bremspunkt – In 50 Meter – Linkskurve – 2. Gang)“, höre ich und handele sofort.
„Rechts – 50 – 2 – Gerade – 100 – Wald!“, kommt danach. Und das muss ich nicht übersetzen.
Im Gegensatz zur Autobahn kennt eine Rallyestrecke keinen Stau. Nur schlechte Straßen, oder matschiges Gelände. Und das ist Hindernis genug.
Wolfs Anruf letzte Woche kommt nicht überraschend, die Rallye war schon eine Weile geplant.
„Wir haben den S1 jetzt fertig“, sagt er stolz. „Und das ist ein richtiger Kracher.“
Ich hab‘ Spaß, ich geb‘ Gas.

Rallye Autos haben mit der Serie nicht mehr viel zu tun. Um die brutalen Anforderungen zu überstehen bedarf es so vieler Umbaumaßnahmen, dass ich sie nicht nennen werde. Sonst wird das hier ein Datenblatt. Und das mag keiner lesen.
Es ist heiß, als wir mit dem Z zur Strecke kommen. Baseballkappen schützen vor der prallen Sonne. Der Roadster erntet gierige Blicke. Dann werden wir gemustert.
„Jemand ein Autogramm?“, frage ich in die Runde. „Bilder kosten extra.“
Verlegenes Lachen folgt meinen Worten und Wolf verdreht die Augen.
„Sei friedlich“, sagt er leise. „Hier gibt es keine Gefahr.“
Trau, schau, wem.

Auch im Zug gab es immer wieder Baggerversuche. Witzigerweise auch von Frau. Nun ist auf keiner Stirn das Wort „Lesbe“ tätowiert. Aber ein Gaydar hilft.
Meist kam das Dummgeblubber von Mann. Das liegt in deren Genen. Und nicht immer waren sie jung.
Aber eine scharfe Zunge nimmt Mann meist den Schneid. Und meine schneidet richtig gut.
Yuki hatte zu der Zeit einen Verehrer, der einfach nicht locker lassen wollte. Er war Student und machte gern Bilder von Frauen. Und das nicht immer angezogen.
Nun ist Eifersucht ein Zustand, den ich niemals kannte. Aber was mein ist, ist mein. Und das habe ich dem Kerl gesagt.
„Du bist nicht immer hier“, kam die Antwort im tiefschwäbischen Akzent. „Wir werden ja sehen, wer gewinnt.“
Ich habe ihn ausgelacht.

„100 – R4 (Eine 100 Meter lange Rechtskurve, die im 4. Gang gefahren wird)“, höre ich Yukis Stimme.
Sie liest aus dem Gebetbuch vor und das ist nicht die Bibel. Im Fachjargon werden die Notizen der Fahrer „Gebetbuch“ genannt und vom Co-Pilot vorgelesen. Aufgezeichnet werden sie vorm Start. Wir durften die Strecke zwei mal fahren und ich habe Yuki diktiert. Den Streckenverlauf gab es von Wolf. Daher stammen auch die Meterzahlen.
Es ist schon eine Weile her, dass ich solche Wagen gefahren habe. Aber Hindernisse waren immer mein Ding. Und ich habe sie alle überwunden.
Trotz Allrad stelle ich den Wagen quer und Yuki quietscht vor Schreck. Oder waren es doch die Reifen?
Gib Gummi du As!

Wir haben die Rallye nicht gewonnen. Aber darum ging es nie. Es war ein Test unter extremen Bedingungen, den der Rallye S1 bestanden hat. Bestand(en) hat auch unsere Liebe. Trotz Hindernis und Gegenwind. Wobei ich auf unserer Fahrt durchs Leben nicht immer die Fahrerin bin. Wir fahren gemeinsam ins Glück.