Reise

Das Reisefieber hat uns gepackt. Yuki flitzt auf Elfenart durchs Zimmer. Warme Socken, Sport-BH und Slipeinlagen, wohl der Elfe die nie etwas vergisst. Prompt streckt mir meine Süße die Zunge entgegen. Ahnt sie meine frechen Zeilen?

Ein Tor, wer immer stille steht,
drum lebewohl, und reisen wir!
Ich lobe mir, ich lobe mir, die Liebe,
die auf Reisen geht!
Drum säume nicht und träume nicht,
wer meinen Wink versteht.
(August Graf von Platen)

Ich habe einen sechsten Sinn, ein Gespür für Dinge und Personen. Manchmal kann ich ein Stück weit in die Zukunft sehen. Und diese nahe Zukunft ist schneebedeckt.

Hier, wo von Schnee der Berge Gipfel glänzen,
Gedenk ich still vergangner Mißgeschicke,
Zurück nach Deutschland wend ich kaum die Blicke,
Ja, kaum noch vorwärts nach des Nordens Grenzen.
(Frei nach August Graf von Platen)

Yukis Gespür für meinen Humor ist meisterlich. Aber auch das gehört zu unserem vertrauten Spiel. Schweden ruft, die Turbo-Elfen folgen. Das Land der tausend Seen wartet winterlich.

Es scheint, dass das Reisen für mich eigentlich die zuträglichste Lebensart ist.
(August Graf von Platen)

Die dichterischen Worte treffen und meine Seele jubiliert. Zeig mir, oh Welt, diesen, meinen Weg.

Reise Reise Seemann Reise
Jeder tut’s auf seine Weise
(Rammstein)

Wie im vergangenen Jahr, werden wir in Schweden Urlaub mit Arbeit verbinden, um zu driften auf zugefrorenen Seen. Dieser Blog hat daher Pause. Im März gibt es (vielleicht) ein Wiedersehen.

So laß uns noch einmal vereint
Die vollen Gläser schwingen;
Der Abschied werde nicht geweint,
Den Abschied sollt ihr singen
(August Graf von Platen)

Doch soll nicht Trauer nun das Herz erfüllen. Auch wenn sich alles ändert, so bleibt der Elfen heller Schein.

Ein unmoralisches Angebot

Der Arbeitsmarkt ist hart umkämpft, die Wirtschaft boomt wie nie. Manager bekommen Traumgehälter und auch BeraterInnen sind gefragt. Wie sehr, habe ich in den letzten Wochen gesehen. Ohne Werbung, nur durch gute Leistung, bin ich zu mehreren neuen Aufträgen gekommen. Aber die hielten sich alle im Rahmen. Bis es zu dem Kracher kam.

Das Telefon klingelt, eine Männerstimme meldet sich.
„Dr. Carsten Diepholz von der Firma Imperfekt. (Alle Namen in diesem Artikel sind geändert) Spreche ich mit der Unternehmensberatung Landar & Co.?“
Als ich bejahe legt der Anrufer sofort los.
„Es geht um die Sanierung einer Tochterfirma“, erklärt er mir. „Wir haben die Produktpalette gestrafft, aber den Gewinn noch nicht maximiert. Und an der Stelle kommen Sie ins Spiel, Frau Dr. Landar. Wir möchten, dass Sie sich die Zahlen anschauen und ein klares Konzept erstellen. Aber ich sage es gleich, wir möchten auch bei den Personalkosten sparen. Und wenn wir Leute entlassen müssen, so ist das auch legitim. Wir zahlen Ihnen  – Summe zensiert -. Was sagen Sie dazu?“

Nun bringen mich Worte kaum aus der Fassung. Und solche Angebote lehne ich normalerweise ab. Aber jedem Angebot liegt auch ein gewisser Zauber inne. Und die Frage, verdirbt Geld wirklich die Moral? Aber was ist Moral überhaupt? Das werde ich erklären.

Moral bezeichnet zumeist die faktischen Handlungsmuster, -konventionen, -regeln oder -prinzipien bestimmter Individuen, Gruppen oder Kulturen. (Quelle Wikipedia). Moral für mich bedeutet auch, dass sich Menschen nicht auf Kosten anderer Menschen bereichern sollen. Dazu fällt mir eine Formel für den kategorischen Imperativ von Kant ein: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde! Und diese Maxime vertrete ich nicht.

Yuki und mir geht es finanziell gut. Das war nie anders, aber wir haben das niemals ausgenutzt. Weder bin ich früher Sportwagen gefahren, noch hat Yuki jemals Schuhe von Gucci getragen. Wir sind immer normal geblieben. Und unsere Eltern sind das auch. Wir haben uns vorgenommen stets auf dem moralisch einwandfreien Weg zu bleiben und nie auf Kosten anderer Menschen Geld zu verdienen. Zumindest nicht, wenn es dabei um Gehaltskürzungen, oder Entlassungen geht. Und das soll so bleiben.

„Die Deutschen haben sich die Nächstenliebe abgewöhnt“, hat der CDU-Politiker Heiner Geißler gesagt. Und da folgt Deutschland einem weltweiten Trend. Aber zurück zu dem Anruf, zurück zu einem Angebot, das wenig moralisch ist. Dr. Diepholz hat mir eine unverschämt hohe Summe genannt, die mich sofort misstrauisch macht. Wer so viel Geld vergibt, der rechnet mit mehreren Millionen Reingewinn. Das muss ich genauer wissen.

Eine Besprechung vor Ort wird angesetzt. Auch Yuki ist skeptisch, als ich sie informiere. Aber sie kommt natürlich mit. Der Z ist denkbar ungeeignet für ein Meeting dieser Art. Zu allem Überfluss ist der Q3 zur Zeit defekt. Nissan hat Ersatz in Form eines Qashqai, den sie uns zur Verfügung stellen. Turbo, Diesel, aber lahm. Dafür entspanntes Fahren und das hat einen positiven Effekt. Elfchen mag nicht immer rasen. Frau kommt auch gemäßigt an ihr Ziel.

„Willst du den Auftrag wirklich annehmen?“, fragt Yuki auf der Autobahn. Wir haben uns in Schale geworfen und sehen zum anbeißen aus. Sagt Yuki! Ich nasche nicht an mir.
„Das kommt darauf an“, erwidere ich. „Auf keinen Fall, werde ich über Leichen gehen! Ich entlasse keine Menschen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, um irgendwelche fetten Geldsäcke noch reicher zu machen. Aber wenn ich das vermeiden kann und ein anderes Konzept präsentiere, sind wir dem Ziel eigenes Haus ein gutes Stück näher gekommen.“
„Papa sagt, sie wollen uns das Geld geben“, meint Yuki. „Also dein Papa und mein Papa …“
„Hm“, mache ich und hole tief Luft. „Ich weiß, dass die wieder etwas aushecken. Aber ich habe auch meinen Stolz.“
Lasst uns stolz und aufrecht sein!

Nebel und Nieselregen verderben uns die Laune nicht. Entspannt gleiten wir nach zwei Stunden Fahrt auf den Firmenhof und ernten prompt bewundernde Blicke.
Noch im Nissan haben wir die Sneakers mit den Heels getauscht. Das, so wissen wir, kommt bei Mann immer an. Und auch (kurze) Röcke, auf die wir verzichtet haben.
Eine Solariumgebräunte Frau mit Hollywood-Lächeln nimmt uns in Empfang. Wir werden taxiert und eingeschätzt. Aber die Dame findet keinen Makel. Wir schon, ihr linker Absatz ist schief. Und O-Beine hat sie auch. Ja, auch Lesben können Zicken sein.

Dr. Diepholz erweist sich älter, als seine Stimme vermuten lässt. Das Haar ist gefärbt und er hat üblen Mundgeruch. Magenprobleme diagnostiziere ich sofort. Vermutlich auch zu viel Kaffee, wie ein recht frischer Fleck auf der Krawatte zeigt. Wo sind wir hier nur hingeraten?
„Hallo Frau Dr. Landar“, begrüßt er mich mit aufgesetzem Lächeln. „Und wer ist ihre hübsche Begleiterin?“
„Ihr Name ist auch Landar“, erwidere ich trocken. „Sie ist meine Frau.“
Yuki lächelt und sagt „Guten Tag.“
Ich liebe meine Elfe!

Dr. Diepholz zuckt nur leicht zusammen, der Mann hat sich erstaunlich gut im Griff.
„Na, das ist ja mal was,“ sagt er. „Wenn Sie mir dann bitte folgen würden? Oder kann ich sonst noch etwas für sie tun?“
„Grüner Tee wäre gut“, sage ich. „Und wo ist die Toilette bitte?“
Während wir unsere Näschen pudern fängt Yuki an zu lachen.
„Hast du sein Gesicht gesehen?“, fragt sie amüsiert.
„Ja,“, sage ich. „Den habe ich schockiert.“
Spaß muss sein. Das wird fein.

Fünf Männer und die Hollywood-Dame sitzen uns gegenüber. Die Fakten liegen auf dem Tisch.
„Es ist mir egal, wie Sie das machen“, sagt der Firmenchef Dr. Heinrich Großkotz. „Dr. Diepholz sagte, dass sie erstaunlich gut für ihr Alter sind. Man hat sie uns auch wärmstens empfohlen. Überzeugen Sie mich!“
Ich mustere die bereits älteren Männer, deren Anzüge so grau, wie ihre Schläfen sind. Aber würdevoll ist anders, ich bin unter Geier geraten. Aasfresser, um es genauer zu sagen. Und solche Typen mag ich nicht.
„Nun, dann wissen Sie, dass ich anders arbeite“, beginne ich. „Den Gewinn zu optimieren ist leicht. Aber ich werde keinesfalls nur die Gehälter der Manager mehren. Eine gute Firma lebt von zufriedenen Mitarbeitern, die stolz auf ihr Unternehmen sind. Genau da setzt mein Konzept immer an. Mit Entlassungen und Gehaltskürzungen erreichen Sie das genaue Gegenteil. Wir möchten im Gegenteil einen Anreiz für die Beschäftigten schaffen, der ihnen einen Leistungsbonus verspricht. Zufriedende Mitarbeiter machen a. weniger krank und arbeiten b. super motiviert. Wir müssen den Stolz der Menschen wecken, die nur für genau diese Firman arbeiten wollen.“
Unverständnis liegt schwer im Raum. Keiner hat verstanden.

Ich trage meine Punkte vor, die ich nicht detailliert erörtern werde. Zwar hören die Männer zu, aber ihre Skepsis wächst. Klar, sie sehen ihre Tantiemen beschnitten und anders umverteilt. Dass sie damit langfristig mehr Erfolg haben werden, ist ihnen nur schwer zu vermitteln. Es lockt das schnelle Geld.
Dr. Großkotz bittet schließlich zum Mittagessen. Er hat Spezialitäten aus Asien bestellt, die ausgezeichnet schmecken. Und mit Stäbchen essen kann er auch.
Wieder gibt es Tee, der allen mundet. Noch in der Kantine geht die Sitzung weiter und endet dort abrupt.
„Also vielen Dank für diese interessanen Ausführungen, Frau Dr. Landar“, verabschiedet sich der Firmenchef. „Wir besprechen das intern und werden uns bei Ihnen melden. Dr. Diepholz wird ihnen einen Scheck ausstellen. Es hat mich wirklich sehr gefreut.“
Er rauscht davon, den Mann werden wir nie wiedersehen.

„Schwer zu überzeugen, der Alte“, murmelt Dr. Diepholz überraschend offen.
Er reicht mir einen Scheck, bei dessen Anblick Yuki fast schwindelig wird. Aber das verraten (mir) nur ihre Augen.
Ich zeige mich unbeeindruckt und nicke kurz. Für die Summe müssen andere einen Monat schuften.
„Also ich persönlich halte ihre Ideen für gut“, sagt Dr. Diepholz beim Abschied. „Aber bei diesen Betonköpfen läuft man gegen die Wand. Und unter uns gesagt, ich bin auch gegen Entlassungen! Aber ich brauche meinen Job. Was also soll ich machen?“
„Nein zu sagen wäre ein Anfang“, erwidere ich. „Ein kleines Wort, mit großer Wirkung.“
Ob er das verstanden hat?

Auf dem Weg nach Hause fliegen die Heels auf die Rückbank und die Sneakers übernehmen. Das unmoralische Angebot ist vom Tisch. Ich werde keine Beschäftigten wegsanieren. Geld ist nicht alles auf der Welt, was zählt sind Menschen und Moral.

September im Elfenland

Ein typischer Morgen im Hause Yuki und Mayumi. Wie fast immer bin ich vor meiner Elfe wach.
Ausgeruht und voller Ideen kann so der neue Tag beginnen.
Zeilen eines Haikus schwirren durch meine Gedanken und sofort schreibe ich sie auf.
Nachts ist es bereits empfindlich kalt geworden. Bald hat es ein Ende mit dem Sommer.
September im Elfenland.

Während ich nachdenke fängt unser Wecker zu piepsen an. 7 Uhr dreißig, Zeit um aufzustehen.
Neben mir regt sich meine Elfe.
„Mach aus!“, murmelt Yuki und zieht sich die Decke über den Kopf.
Frech zwicke ich sie in den süßen Po und bekomme einen Kissenwurf zum Dank.
Auch Elfen können biestig sein.

Irgendwelche Gremlins haben meine Socken versteckt. Barfuß marschiere ich in die Küche.
Die Sonne winkt durchs Fenster, es wird ein schöner Tag.
Frühstück ist angesagt. Ich decke den Tisch und koche frischen Tee.
„Kommst du, Elfchen?“, rufe ich und höre ein „Gleich!“
Können Elfen immer schlafen?

Kurz darauf steht eine verschlafene Yuki hinter mir und schnuppert den frischen Tee.
„Magst du Toast, soll ich vielleicht Brötchen holen, oder wollen wir japanisch essen?“, frage ich gut gelaunt.
Elfchen murmelt etwas und setzt sich an den Tisch.
Ich interpretiere das Wort als „Toast“ und suche nach der Marmelade.
„Bitteschön meine Süße“, necke ich Yuki und sie lacht.
Aber richtig wach ist sie noch immer nicht.

„Summer has come and passed
The innocent can never last
wake me up when September ends“, klingt es aus dem Radio.
Ich greife nach Yukis kleiner Hand und fühle ein Kribbeln in meinem Bauch.
„Habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“, frage ich.
„Nö“, erwidert sie frech. „Es wird aber auch Zeit dafür. Schließlich bin ich die Mutter deiner zukünftigen Kinder.“
Können Elfen nur das Eine denken?

Ja, das Thema Kind(er) ist wieder auf dem Tisch. Und nicht nur an diesem Morgen.
Falls wir Japan mit Studium und Arbeit unter einen Hut bekommen, wird Yuki schwanger werden. Ken steht schon bereit dafür.
„Endlich Sex mit Frau“, hat er im Scherz gesagt. „Das wollte ich schon immer testen.“
Zur Strafe haben wir ihn so lange gekitzelt, bis er um Gnade gebettelt hat.
Natürlich wird er nicht mit Yuki schlafen. Schwanger werden geht auch anders.
Unser Glück.

Das Telefon klingelt, meine Mama meldet sich.
„Wir sind zu Hause“, lässt sie mich wissen.
Zu Hause, das bedeutet Düsseldorf. Und ich sehe mich schon auf dem Weg.
Yuki nickt sofort, als ich den Vorschlag mache. Wir müssen nur vorher noch bei Wolf vorbei.
Wagentausch ist angesagt, er hat uns eine Überraschung versprochen. Aber davon ein andermal mehr.
Sweet, sweet September blue.

Tee und Toast wecken Yukis Lebensgeister und fröhlich singend verschwindet sie im Bad.
Ich folge und gemeinsam putzen wir die Zähne. Nun kommt das morgendliche Wiegen-Ritual.
„Boah bist du fett!“, neckt sie mich prompt, als die Waage mehr als 53 kg zeigt.
„Ach ja?“, kontere ich. „Hattest du nicht 54 letzte Woche?“
„Ich habe schwere Knochen“, sagt Elfchen mit Unschuldsmiene.
September, i’ll always remember you.

And i can’t fight it
And i can’t choose
The more she wins me
The less i lose (Lyrics by Chris Rea „September Blue“)