Der Flitzer

Als der (getunte Klein)Wagen im Rückspiegel erscheint bin ich sofort gewarnt. Da will es wieder ein Männlein wissen. 180 km/h zeigt der Tacho. Aber hier ist freie Fahrt. Hier, das ist die Autobahn. Irgendwo in der bunten Republik. Der Z faucht leise. Ein unterschätzter Drachen. Der kann Feuer speien und noch viel mehr.

Elfchen hat den Drängler auch gesehen. „Bitte kein Rennen“, sagt sie mir. Ich winke ab. Nach rasen steht mir nicht der Sinn. Aber eine Lektion sollte der Flitzer lernen. Wir kennen die Strecke. Sie ist seit Wochen tägliche Routine. Und wir wissen, wo ein Blitzer steht.

Der Z hat Ausbaustufe 3 erreicht. Statt Kompressor befeuern nun 2 Turbos den Motor. 550 PS + macht das in der Summe. Nur fliegen ist schöner, der Z fühlt sich auch am Boden wohl. Umgebaut hat den Wagen die wölfische Bande. Ihr Grinsen hat mich angesteckt. Der Virus von Geschwindigkeit und Kraft.

„Da geht noch mehr“, hat Wolf stolz verkündet, als er die handgeschmiedeten Rennkolben eingesetzt hat. „600 PS + ist das nächste Ziel. Du bist doch mit dabei?“ Die Frage ist rhetorisch, ich habe bekanntlich Benzin im Blut. Und Elfchen kommt immer mit.

Im normalen Leben ist mir das Wort „Bi“ suspekt. Ich bin lesbisch und das straight. Kommt ihr noch mit? Aber in Autos machen 2 Turbolader Sinn. Der erste nimmt die Anfahrschwäche, Nummer 2 gibt den enormen Schub. Mein Schub ist die Liebe, die Lebenslust. Und Yuki, meine Elfe. Ohne sie wäre ich nur halb so schnell.

„Blitzer in 2,5 (Kilometer)“, lässt mich Yuki wissen. „Du geht jetzt besser vom Gas.“ Ich nicke und strahle sie an. Das dynamische Duo auf Tour. Die Überholspur haben wir schon lange besetzt. In Sachen Liebe, die wir seit Jahren langsam nutzen. Dafür hält sie länger, als bei den Sprintern. Bei uns ist der Weg das Ziel.

Der Z atmet aus. Widerwillig zwar, aber er gehorcht. Die Tachonadel fällt auf schlappe 120 km/h. Mehr geht an der Stelle nicht. Die Polizei ist gnadenlos. Hinter uns droht eine Faust zum Himmel. Lichthupe und Blinker links. Ich muss unwillkürlich lachen. Kein Wunder, dass Mann nicht länger lebt. Bei all der Aufregung, die er immer hat.

Die Blitzer-App schlägt Alarm, wir sind jetzt mitten im Geschehen. Ruckartig ziehe ich auf die freie, rechte Spur … und bremse den Wagen ab. Der Flitzer ist kurz verdattert, das ist deutlich zu sehen. Dann tritt er durch. Oder besser dreht. Hoch. Und die Radarfalle klickt. Das wird teuer, lieber Flitzer-Mann.

Für heute sind wir am Etappenziel einer Reise angekommen, die noch lange nicht zu Ende ist. Bald mehr von „The Beauty and the Beast.“

Wen die Vorgeschichte des Nissan 370Z interessiert, der sollte HIER KLICKEN.

 

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Generation App

Als Orson Welles im Jahr 1938 das Buch „Krieg der Welten“ als Hörspiel im Radio brachte, brach in Teilen der USA Panik aus.
Viele Hörer glaubten an eine Live-Reportage und einen Angriff von Aliens. Wir aufgeklärten Menschen müssen darüber natürlich lächeln.
Aliens? Wie dumm von Orson Welles. Aliens führen keinen Krieg. Sie müssen auch nicht kommen, sie sind schon lange da!

Ihr glaubt mir nicht? Dann schaut euch einfach um.
Schaut auf die Straßen, in die Busse, in die Schulen. Schaut euch die eigenen Häuser an!
Schaut in die Kinderzimmer, in die Küche. Eure Lieben sind nur noch Schatten ihrer selbst.
Ausgetauscht vor Jahr und Tag. Leere Hüllen ohne Seele.

Yuki glaubt mir nicht. Sie fasst sich an den Kopf und lacht.
Ich werde ihr das Gegenteil beweisen!
Der neue SUV erwacht zum Leben und wir fahren in die Stadt. Unterwegs scheint alles normal zu sein, es ist der übliche Wochenendverkehr.
Wir parken und beginnen unsere Runde.
Aber schon die Innenstadt zeigt ein anderes Gesicht.

Eine schweigende Menge marschiert vor uns auf und ab. Sie sind überall!
Den Blick fest auf eine kleine, oft farbige Box gerichtet, die man auch Handy, oder Smartphone nennt.
Auffällig ist, dass es trotz gesenktem Blick keine Zusammenstöße gibt.
Ich erhasche einen Blick auf ein Display. Dort ist wirklich ein Stadtplan zu sehen, der die Besitzerin leitet.
„Stadtplan-App“, sagt Yuki. „Ist doch ein alter Hut.“

Das muss ich genauer wissen und schaue mir auch die anderen Handys an.
Schwer ist das nicht, wir werden von der Menge ignoriert.
Mich gruselt es, als ich die nackte Wahrheit erkenne.
Die Menschen werden gesteuert.
Nur wer sagt, dass das noch Menschen sind?

Die schweigende Menge macht mir Angst. Und Yuki schaut mich komisch an.
Einsilbig gehen wir in einen Shop und schauen uns bunte Oberteile an.
Die Verkäuferin schenkt uns keinen Blick. Apathisch tippt sie Zahlencodes in ein Gerät.
„Das ist die Preis-App“, sagt sie monoton.
Kann sie Gedanken lesen?

„Die Kassen-App ist um die Ecke“, höre ich sie sagen, als wir fündig geworden sind. „Haben Sie einen schönen Tag.“
Panik überkommt mich, ich muss hier raus!
Die Oberteile sind mir plötzlich egal. Ich fühle mich nicht wohl.
Heute bin ich das Alien in einer mir fremden Welt.
Suchen sie vielleicht schon nach mir?

„Lass uns nach Hause fahren“, sage ich zu Yuki und schaue meine Elfe an.
„Nach links“, sagt Yuki mit gesenktem Blick. „Die Ausgang-App ist wirklich toll. Magst du sie mal sehen?“
Mein Herz steht still, ich bin entsetzt.
„Ja“, sagt Yuki leise. „Wir sind alle gut vernetzt. „Wehr dich nicht länger meine Süße. Komm zu uns. Jetzt. Zur Generation App.“
Ich laufe los, die Menge hebt den Blick.
Nur fort von hier, es gibt kein Zurück.
„Die Supermarkt-App hat Sonderangebote angezeigt“, höre ich Yuki hinter mir rufen.

Ihre Stimme verhallt und macht einem Summton Platz, der sich tief in meine Ohren bohrt.
Ich will schreien, um Hilfe rufen. Aber etwas verschließt meinen Mund.
„Guten Morgen Süße“, höre ich eine silberhelle Stimme.
Es duftet nach Yuki und fühlt sich auch so an.
Erleichtert schlage ich die Augen auf.
„Wir könnten mal den Ton der Wecker-App ändern“, sagt Yuki und lacht mich an.
„Da gibt es weitaus bessere Klänge. Erst gestern habe ich dieses neue Generation App Portal gefunden. Da gibt es supertolle Sachen …“