Die Butch

Bevor wir in unsere jetzige Wohnung zogen, hat Yuki in einem kleinen Apartement gewohnt. Unitechnisch. Das war schnuckelig, aber auf Dauer zu klein. Aber es geht weniger um eine Wohnung, als vielmehr um eine Frau. Und bei der ich einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ganz Nandalya, die Alpha-Frau.

Yukis Wohnung ist klein, aber fein. Und vor allen Dingen ist sie ruhig. Bis eben in jenen Sommer, als ein lesbisches Paar in das Haus gegenüber zieht. Die Mieter dürfen dort den Garten nutzen, was sie aber kaum tun. Bis auf jene beiden Frauen. Kurz nach dem Einzug beginnen sommerliche Partys, Grillabende mit lauter Musik und viel Gelächter. Mit dem Paar zu reden ist vergeblich, wie Yuki mir erzählt.

Ich schaue mir die beiden Frauen an. Eine hagere, sehr maskuline Blonde mit Kurzhaarfrisur, der die Butch auf der Stirn geschrieben steht und eine schon etwas ältere leicht füllige Frau, bilden das sehr ungleiche Paar.
Die Butch, Petra genannt, scheint die treibende Kraft zu sein. Meist alkoholisiert schlägt sie gern über die Stränge. Zu ihrem Freundeskreis gehören auch Männer, die sich laut Yuki ständig bei den Lesben treffen.

An einem Samstag bin ich bei Yuki zu Besuch und wir kommen Nachts von Freunden aus der Stadt. Schon als wir das Auto abstellen hören wir die laute Musik. Eine weitere Party ist im Gang. Yukis ältere Nachbarin steht zitternd auf der Straße. Sie hat die Polizei gerufen. Als die Beamten kommen herrscht Ruhe. Erst, als sie wieder fahren beginnt der Lärm erneut.
Dumm ist anders. Nur wirklich schlau ist die Bande nicht.

„Ich erledige das“, sage ich und marschiere los. Aber Yuki hält mich fest.
„Sei vorsichtig“, sagt sie zu mir. „Da sind oft Männer und die sehen ziemlich kräftig aus.“
Nun habe ich alles, aber keinerlei Angst vor Mann. Oder Hemmungen mich in Schwierigkeiten zu bringen.
„Ruft die Polizei wieder an“, erwidere ich. „Und lasst sie den Lärm übers Telefon hören. Dann glauben sie das und kommen wieder. Und ich kümmere mich um den Rest.“

So einfach ein fremdes Grundstück zu betreten ist vermutlich bereits Hausfriedensbruch. Aber das ist mir ziemlich egal.
Ich will für Ruhe sorgen. Und das kann ich gut.
Mir bietet sich ein Bild, wie aus einem schlechten Film: Ein halbes Dutzend Betrunkene, Bierflaschen auf der Wiese, Essensreste und Müll. Ein Radio plärrt „Hey Macarena.“
Als sie mich sehen verstummt das Gelächter.
„Was willsu hier?“, blafft die Butch. „Dassis mein Gadden, du hasshier nixsusuchen.“
Starke Sprüche braucht das Land.

„Die Musik ist zu laut, die Nachbarn können nicht schlafen“, sage ich ruhig aber bestimmt.
„Mach dich vom Acker!“, sagt ein dickbäuchiger Kerl und schaut mich drohend an.
Er wuchtet sich aus dem Gartenstuhl, als ich nicht reagiere und präsentiert mir seine beleibte Pracht.
Fett, Schwabbel und große Worte. Keine Gefahr.

„Noch einmal“, sagte ich etwas lauter. „Es ist nach 1 Uhr und wir möchten schlafen. Die Musik wird jetzt ausgemacht und Sie beenden bitte diese Versammlung.“
„Hassu ’ne Meise Alde?“, lallt die Butch. „Isch trede dir innen Arsch. Hau nur ab!“
Ich schenke ihr ein eisiges Lächeln und gehe auf sie  zu.
„Nur zu“, fordere ich sie auf. „Worauf wartest du?“
Vor Schreck, oder Überraschung fällt ihr die Kippe aus dem Mund.
Ihre Partnerin sieht mich ängstlich an.
Frauenpower ist anders.

Die Butch steht auf und fällt kraftlos in den Gartenstuhl zurück.
Alkohol macht Birne hohl.
„Versieh dich“, lallt sie weiter und greift nach ihrem Bier.
Mir wird es zu bunt und ich schenke ihr zwei Ohrfeigen ein.
Die Flasche fällt, die Butch starrt mich entgeistert an. Damit hat sie nicht gerechnet.
„Noch jemand?“, frage ich bewusst provokativ.
Ich muss Zeit gewinnen, um der Polizei ein richtiges Bild zu geben. Und die wird hoffentlich bald kommen.

Der Dicke greift nach meinem Arm. Tappsig und ungeschickt.
Ich nutze den Schwung, um ihn zu seinen sitzenden Freunden zu befördern. Das Knäuel aus Leibern macht mir Spaß. Noch mehr, die wüsten Worte.
Die Butch ist aufgestanden und reibt sich das rote Gesicht. Mit glasigen Augen geht sie auf mich los, was ihr zwei weitere Ohrfreigen beschert.
Das reicht, sie ist bedient und bricht in Tränen aus.
Der Dicke will es noch einmal wissen und geht wieder auf mich los.

Mehrere Gegner zu haben, ist immer so eine Sache. Das kann sehr gefährlich werden und locker ins Auge gehen. Auch, wenn es Betrunkene sind.
In diesem Fall ist es recht einfach. Ich bin einfach nur ausgewichen und habe den Dicken immer wieder zu Boden befördert. Die anderen rühren sich nicht.
„Halt Polizei!“, ertönt endlich der erlösende Ruf, während aus dem Radio „Lives in the Balance“ von Jackson Browne klingt.
Und irgendwie passt der Song zu mir als Regenbogenkriegerin.

Ein Schrank von einem Beamten packt den Dicken und verdreht ihm hart den Arm.
Seine Kollegin hat einen Schlagstock in der Hand und ist neben mich getreten.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“, will sie wissen. „Sind Sie verletzt?“
Ich zeige ihr mein beherrschtes, japanisches Lächeln.
Meine Rechnung ist aufgegangen.
„Mir geht es gut“, sage ich.
Sie nickt mir zu und macht das Radio aus.
Treffer. Versenkt.

„Was ist hier los?“, herrscht der Beamte den Dicken an. „Ich hatte Sie bereits gewarnt, die Musik nicht aufzudrehen und sich ruhig zu verhalten. Nun auch noch einen tätlichen Angriff zu starten, war keine gute Idee. Versuchen Sie nicht sich herauszureden, wir haben gesehen, wie Sie die junge Frau attackiert haben.“
Natürlich ist das ein Bluff. Es gibt keine Körperverletzung, sondern nur den von mir ausgekonterten Versuch. Und eigentlich habe ich angefangen.
Aber wer glaubt das schon?

Die Beamtin ist völlig auf meiner Seite. Ich kann in ihr lesen, wie in einem offenen Buch.
Sie nimmt meine Aussage zu Protokoll und unterdrückt mehrfach ein Schmunzeln.
So leise, dass niemand sonst es hören kann, flüstert sie mir zu: „Das haben Sie gut gemacht!“
Das Lesbenpaar, als Veranstalterinnen der Party, bekommt eine Anzeige wegen Ruhestörung. Der Dicke eine Geldstrafe. Und die Nachbarn ab sofort die ersehnte Ruhe.
Eigentlich wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber nicht in diesem Fall.

Petra, die Butch, ist von ihrer Freundin kurz darauf verlassen worden.
Und plötzlich wird klar, dass sie zwar ein krasses Auftreten hat, aber eine ganz Liebe ist.
Die treibende Kraft, ist ihre Freundin gewesen. Und Petras Alkoholproblem.
Das bekommt sie in den Griff und ihr Verhalten ändert sich.

Wir haben uns mit Petra angefreundet. Die Ohrfeigen hat sie mir längst verziehen.
„Die haben mich wach gemacht“, gesteht sie mir eines Tages verlegen. „So, ist noch kein Mensch mit mir umgegangen.“
Petra ist heute mit Beate zusammen. Und sie sind das ideale Paar. Beate hat die Wilde gezähmt und wieder eine Frau aus ihr gemacht.
Und Petra liest ihrer Süßen jeden Wunsch von den Augen ab. Nur bei den Haaren lässt sie nicht mit sich reden. Die bleiben kurz.
„Imagepflege, ihr versteht?“, hat sie gesagt. „Sonst wäre ich ja keine Butch.“
Dumm nur, dass ihr das keiner glaubt.

Fest der Liebe – Fest der Einsamkeit?

Weihnachten ist vorbei und damit hoffentlich so manche trübe Stimmung. Und in diesem Jahr fiel mir die besonders auf. Die Welt, die Menschen sind alle trübselig geworden. Und ich frage mich warum. Aber noch etwas fällt mir immer wieder auf, der Hang zur Gewalt. Das ausgerechnet von mir, der „Karate-Chick“ zu hören, muss so manchem Leser seltsam erscheinen. Aber weder bin ich aggressiv, noch selbstzerstörerisch. Ich lasse mir lediglich wenig gefallen und mische mich gern ein.

Das ist nun kein Blogeintrag über Gewalt. Nur über die Einsamkeit von Menschen. Und was daraus entsteht. Um es gleich zu sagen: Blogs sind großartig! Ich mag diese Form der Kommunikation sehr. Wie sich mein Blog entwickelt hat dagegen nicht. Aber das ist eine andere Sache über die ich noch referieren werde.

Mir als Buddhistin gibt dieses Fest schon immer sehr viel. Und auch meinen Eltern. Wir mögen diese Tradition und pflegen sie seit vielen Jahren. Intensiv und fröhlich. So, wie es sich gehört. Aber damit stehen wir oft allein auf weiter Flur. Der oft trübe, sonnenlose Herbst überzieht die Menschen mit dem „Blues.“ Ohne Sonne werden sie melancholisch, bissig, gereizt. Und dann kommt noch dieses Weihnachten …

Viele schreien nun ihre Einsamkeit in die Foren und Blogs dieser Welt. Suhlen sich im Selbstmitleid und heischen nach Zuwendung ihrer Online-Freunde. Jeden Tag werden die Einträge düsterer, trauriger. Und das Meer der Tränen tiefer. Ist es nicht toll, wie so mancher darin baden kann? Der Mangel an Liebe, Sex, Gefühlen macht die Leute wirr. Mann und Frau greift zur Pille, oder dem Alkohol. Oder einer Kombination. Zugedröhnt bis über beide Ohren wird die Welt erträglicher.

Dann gibt es die Clowns. Die, die (scheinbar) immer lustig sind.
„Schaut, wie gut ich drauf bin!“, schreiben sie. „Mir geht es prima, alles ist supergut.“
Bullshit, sage ich. Dieser Typ ist der wahre Künstler. Alles nur Lüge, alles nur Fassade. Denn immer macht der (Grund)Ton auch die Musik. Und ich kann zwischen den Zeilen lesen.
Warum auch immer, haben sie die Hölle der Einsamkeit gewählt und verlernt, sich sinnvoll zu beschäftigen. Statt den Kontakt mit der Außenwelt zu suchen sitzen sie nur vor dem Computer. Tippen wirre Zeilen.

Einsamkeit ist ein selbst gemachtes Mangelgefühl. Die Menschen verharren in Agonie. Unfähig sich zu bewegen. Und ich frage mich warum?
Das ist nur jammern auf hohem Niveau!
„Geht raus in die Welt“, möchte ich rufen. „Helft denen, die wirklich Hilfe brauchen!“
Egal ob Obdachlose, oder Waisenkinder. Das sind die wirklich Bedürftigen dieser Welt. Nicht vor Selbstmitleid triefende Egozentriker.

Die Menschen sollten nicht immer danach fragen, was sie brauchen. Fragt nach, was andere Menschen brauchen! Bringt euch ein. Bewegt euren Hintern weg von der Couch. Wer Zuwendung möchte sollte vor allem lernen, sie auch selbst zu geben. GEBEN! Okay? Denn wer gibt, der wird bekommen. Und wenn es nur das strahlende Lächeln eines Kindes ist. Aber ist das nicht schon genug?

Ich weiß, das waren harte, aber ehrliche Worte. Gewöhnt euch besser daran. Fangt 2014 mit einem Lächeln an. Das wünsche ich mir. Guten Rutsch ihr da draußen. GUT, hört ihr?