Lichter der Großstadt – Teil 5: Jane got a Gun

Fun Fan (Fan)

Wang Yifan, die jeder nur Fan Fan nennt, ist ein kleiner Wirbelwind. Feng zuliebe hat sie Tai Chi gelernt und ist darin schon recht gut. Aber was für Feng Leidenschaft ist sieht bei ihr (nach)lässig aus. Wir treffen Fan Fan im zweiten Training und verstehen uns sofort.

Mein Talent mit (neuen) Menschen umzugehen, hat mir auch bei diesem Paar geholfen. Vielleicht lag es auch nur daran, dass wir alle Asiaten sind. Zwischen jungen Japanern und Chinesen gibt es kaum Vorurteile. Zumindest soweit es mich betrifft.

„Weißt du wie verrückt es ist, dass man in China verschiedene Sprachen spricht?“, sagt Fan Fan nach dem Training. Wir müssten uns schriftlich (Kanji) verständigen, wenn ich Feng nicht in Los Angeles sondern in Hongkong getroffen hätte und er kein Englisch könnte!“

Ich nicke. Auf diese Weise haben sich früher auch Japaner und Chinesen unterhalten. Und das machen sie heute noch. Zwar haben sich die Kanji in beiden Ländern verändert, aber dafür gibt es DolmetscherInnen. Und schon ist alles gut.

Heimat

Fan Fan stammt ursprünglich aus Hongkong und zieht Feng als „Beutechinesen“ auf. „Der kann nicht mal kantonesich!“, hat sie sich im Spaß empört. Ihr britischer Akzent ist lustig, den hat sie in Hongkong gelernt.

Wir erklären der staunenden Ally, was einzelne Zeichen im jeweils anderen Land bedeuten, was für Lachanfälle und Heiterkeit sorgt. „Asien“, sagt sie, „fand ich neben Deutschland schon immer interessant.“ „Okay“, sage ich, „wann fliegen wir?“

Spontan lade ich sie und Heather ein, uns im Sommer in Fukuoka zu besuchen, was für strahlende Gesichter sorgt. Nur das leidige Thema Geld verhindert ihren Plan für den Moment.

„Deutschland würde ich auch gern besuchen“, sagt Feng. „Berlin soll toll sein! Und dieses Hofbräuhaus in München!“ „Der mag Bier!“, empört sich Fan Fan, „dabei verträgt er absolut nichts!

Erzähl doch mal, wie ich dich nach Hause bringen musste, als du zu viel davon getrunken hast.“ Fengs ganzes Gesicht verwandelt sich in Lachen. Der Mann hat einen riesigen Humor. Und er liebt Fan Fan, das ist klar zu sehen.

„Vermisst ihr eure Heimat?“, will Fan Fan wissen und hält sich erschrocken die Hand vor den Mund. Ich habe verstanden. Die Frage ist, wo unsere Heimat ist. Ich schaue Yuki an und sie nickt zögernd. „Schon“, sagt sie. „Aber ich finde es auch toll in den USA zu sein.“

„Ich bin dort zu Hause, wo Yuki ist“, ist meine Antwort. „Vielleicht kommen wir permanent nach Amerika, vielleicht gehen wir zurück. Und Japan ist auch eine Option. Aber wirklich nur im Notfall. Ich bin zu sehr im Westen sozialisiert.“

Fan Fan und Feng nicken synchron. „Das geht uns beiden auch so“, sagt sie. „Außerdem leben in unserer Heimat zu viele Chinesen“, ergänzt Feng und grinst dabei. Humor der besonderen Art.

Wir sprechen über seine Sorgen, von seinen SchülerInnen leben kann er leider nicht. Es ist kein jammern, er erzählt es ganz gelassen. „In spätestens sechs Monaten ist der Laden dicht.“

Kanji vs. Hanzi

„Ich habe mal vor einer Weile versucht einen japanischen Text zu lesen“, erzählt uns Fan Fan. „Einige Hanzi konnte ich erkennen, aber diese anderen Symbole nicht. Wie ist das bei euch, könnt ihr chinesische Texte verstehen?“

„Wir nennen die Symbole Kanji“, erwidere ich. Die anderen Schriften sind Hiragana und Katakana. Auch wir verstehen nur einen Teil komplexer Texte. Das hat einen besonderen Grund.

Japan benutzt noch die Langzeichen und hat eine Reform gemacht, mit der die Volksrepublik China nicht einverstanden war. Die hat dann die Kurzzeichen eingeführt und wir dürfen nun raten. Das funktioniert zwar, aber dann gibt es wieder die unterschiedlichen Bedeutungen.“

Fan Fan schmunzelt und nickt, als Elfchen das Wort ergreift. „Wir könnten uns zwar Briefe schreiben und sinngemäß die meisten Formulierungen verstehen. Aber eben wirklich nur fast! Missverständnisse inklusive.“

Ich kenne einige der Unterschiede und male sie auf einen Block. Vor allem Feng lacht schallend, als ich das Kanji für Toilettenpapier schreibe, das in Japan Brief bedeutet. Prompt nenne ich ihn „Baka.“ Er kennt das Wort und lacht noch mehr.

The new Deal

Einige Tage vergehen, das Leben plätschert seicht. Die USA warten auf Trump und ich auf Merkels Fenstersturz. Aber während „El Presidente“ bald auftrumpfen darf, wird der Abgang Merkels noch dauern.

Ein kleines Highlight reißt uns aus der Routine von Firmenberatung und Übersetzungen. Allys Dad, der Oberstleutnant, hat eingeladen, die Base hat einen Tag der offenen Tür. Es ist Samstag, Ally und Heather sind dabei und unsere neuen Freunde Feng und Fan Fan.

Überall wimmelt es von Uniformen und Rangabzeichen, die ich bisher nur aus Filmen kannte. Stolz werden uns Ausrüstung und Fahrzeuge gezeigt. Die Sporthalle weckt mehr mein Interesse.

Eine blonde Frau, die mich locker um zwei Köpfe überragt, wirbelt einen jungen Mann über die Matte. Der arme Kerl versucht alles, aber ich erkenne eine Judoka. Feng darf gegen einen Sergeant antreten, der gut ist, aber keine Chance hat. Allys Dad schaut zu und nickt immer wieder anerkennend.

„Jetzt sehen Sie unser Problem“, sagt er zu Feng. „Es fehlt ein guter Trainer!“ Er überlegt kurz und spricht dann mit der Blonden, die er uns als Major Nancy Obermeier vorstellt. „Ja“, sagt sie und lacht, „ich habe deutsches Blut in mir. Leider kann ich nur wenige Worte sprechen.“

Zwei Soldaten  machen Sparring, was einfach nur fürchterlich schlecht aussieht. Nancy bemerkt meinen Blick und seufzt. „Können Sie Karate?“ „Etwas“, erwidere ich. Darf ich?“ Ich korrigiere den Stand der Männer und zeige, was falsch an ihrer Deckung ist.

Nancy nickt. „Sie sind eine Sensei, stimmts?“ „Ja“, sage ich. „Karate liegt mir im Blut.“ Wir sprechen über ihren und meinen Werdegang. Dann muss ich ihr die Unterschiede zwischen Aikido und der alten Form zeigen. „Wow!“, sagt sie. „Das habe ich nicht gewusst.“ Dafür weiß ich längst mehr. Die Frau ist eine Schwester.

„Grob gesagt wird der „Gegner“ im Aikido weich geführt“, erkläre ich. „Es gibt weit ausholende Bewegungen. Im Aikijujutsu ist die Bewegung kurz und hart, was im Ernstfall einen Gegner (für immer) ausschalten wird.“ Yuki und ich machen es vor und Elfchen darf nun auch mich zu Boden werfen. Sanft natürlich, was habt ihr denn nun gedacht!

Achtung Baby!

Später erfahren wir, dass Allys Dad Feng als Trainer anheuern will. Zwar gibt es noch einiges zu klären, aber der Deal ist per Handschlag schon perfekt. Feng wird die Soldaten einige Stunden pro Woche unterrichten. Das bringt Geld und hilft ihm weiter. „Super!“, freut er sich. „Jetzt kann mein kleiner Club weiter bestehen.“

Oberstleutnant John muss noch zu einem anderen Termin, aber Nancy führt uns weiter. Auf dem Schießstand angekommen leuchten Allys Augen auf. „Dad hat mich schon als Mädchen mitgenommen“, erzählt sie uns. „Ich habe sogar eine eigene Pistole.“

„Ob ich das bitte versuchen darf?“, meldet sich überraschend Fan Fan. „Was ist mit euch? Macht ihr mit?“ „Man soll Gegner genau studieren“, erwidere ich und muss an die Abwehrtechniken gegen Waffen denken. „Erklärt mir wer, was zu beachten ist?“

Sergeant Brenda, eine resolute Frau, der die Butch auf der Stirn geschrieben steht, erklärt uns die Regeln und weist uns ein. Mir verpasst sie eine Glock, die ich anerkennend trage. Nun habe ich eine Menge Talente, Schießen gehört (noch) nicht dazu.

Zwar knallt es toll, aber die Scheibe zeigt keine Löcher. Was habe ich falsch gemacht? Brenda kümmert sich mütterlich um mich und erklärt mir Kimme und Korn. „So halten und dann eine Linie bilden lassen, Druck am Abzug verstärken und PENG!“

Immerhin treffe ich im zweiten Durchgang die Scheibe. Ally macht mir vor, wie es wirklich geht. Und Fan Fan ist auch besser als ich. „And the Winner is China!“, verkündet sie und wir müssen alle lachen. Dann gibt sie zu, dass sie schon früher geschossen hat. Feng und Yuki passen, sie schauen lieber zu.

Trotz Ohrschützern dröhnt mir der Kopf, als Brenda eine .44 Magnum schießt. „Desert Eagle“, sagt sie stolz. „Das ist Baby Jane.“ Mir fallen Nancys Blicke auf, die kaum die Augen von Brenda lassen kann.

Ich weiß, wenn ich zwei Liebende sehe. Und die beiden sind definitiv ein Paar. Nancy hat meinen Blick bemerkt. Als ich auffordernd nicke macht sie einen Schritt auf Brenda zu und umarmt sie kurz. „Sie ist mein Baby“, sagt sie leise. Alles klar?“

Don’t ask, don’t tell

„Bis vor einigen Jahren war Homosexualität bei den amerikanischen Streitkräften geächtet“, erklärt Brenda. „Wer sich öffentlich machte, musste mit Konsequenzen rechnen. Don’t ask, don’t tell, war viele Jahre die Devise.

„Wir kennen uns schon lange“, erzählt Nancy. „Brenda war meine Ausbilderin.“ „Und sie die schlechteste Schülerin“, ergänzt Brenda und lacht verschmitzt. „Nein, natürlich war sie gut! Ich habe mich irgendwie gleich in sie verliebt, aber das durfte niemand wissen.“

Brenda ist mit ihren vierzig Jahren sechs Jahre älter als Nancy. Die beiden sind seit 2010 offiziell ein Paar, getroffen haben sie sich schon früher. Und geheiratet haben sie auch. „Ich bin im dritten Monat“, gesteht uns Nancy.

Ein Freund der beiden ist der Vater, künstliche Befruchtung hat das Wunder möglich gemacht. Nancys Augen leuchten. Wenn es um Kinder geht sind alle Frauen gleich. Die Waffen sind längst vergessen und der arme Feng ist abgemeldet. Bis Fan Fan ein Einsehen hat und ihn liebevoll küsst.

Auch ich habe ein Einsehen und beende für heute diesen Artikel. Im nächsten Teil beleuchte ich die dunkle Seite der USA, die viel zu oft aus Drogen und Gewalt besteht.

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Das ist Kenjutsu!

Japan, die Samurai und ihre Schwertkunst, sind vielen Menschen ein Begriff. Die scheinbar unschlagbare Technik der Samurai, hat schon immer fasziniert. Aber was genau ist diese Kunst. Das soll dieser Artikel klären.

Samurai beherrschten die Kunst des Kenjutsu. Aber Kenjutsu ist nur der Oberbegriff aller Formen der japanischen Schwertkunst, insbesondere jener Disziplinen, welche vor der Meiji-Zeit (1868 bis 1912) entstanden sind. Die heutigen Formen des modernen Kendō und Iaidō, die im 20. Jahrhundert entstanden, haben ebenfalls ihren Ursprung zu dieser Zeit. (Quelle Wikipedia)

Schon sehe ich große Fragezeichen in den Augen meiner LeserInnen leuchten. „Ist Kendō keine Kunst?“ Wie schon in meinen Artikeln über Karate und Aikido, gibt es auch beim Schwertkampf den gleichen Unterschied. Kendō ist quasi die Sportvariante des alten Stils.

Wie beim chinesischen Wushu (Kung Fu) und dem Karate, steht Kenjutsu nicht nur für einen Stil. Auf Anhhieb fallen mir locker zwei Dutzend Schulen ein, die miteinander konkurrieren. Keine ist besser oder schlechter als die andere. Jede ist auf ihre Weise gut. Und bei Vergleichen gewinnt immer nur der besser trainierte Kämpfer. Und das kann auch ein HEMA Fechter sein.

HEMA ist der Oberbegriff der Historical European Martial Arts. Aber davon vielleicht ein andermal mehr. Erwähnt habe ich HEMA lediglich, um die immer aufkommenden Diskussionen, wer bei einem Zweikampf (europäischer) Ritter gegen einen Samurai gewinnt, kurz anzusprechen.

Die Antwort ist ganz einfach. In voller Montur (Rüstung) bei gleichen Fähigkeiten, wird der Ritter gewinnen. Im Gegensatz zu anderen Experten sage ich, dass es nicht am Waffenstahl liegt, einzig die bessere Rüstung macht den Unterschied. Bei einem Kampf ohne Rüstung, ist der Sieger nicht vorauszusagen. Vielleicht hätte der Samurai gewonnen, wenn er noch in Aikijujutsu ausgebildet war.

Als ich vor einigen Jahren meinen Blog erstellte, hatte ich bewusst nur meine Ausbildung in Kendō erwähnt. Ich wollte Leser nicht mit Details verwirren. Nun reicht der Stammbaum meiner Familie bis in die Zeit Oda Nobunagas und weiter zurück. Sie war allerdings dem Tokugawa Clan verpflichtet, aus dem der legendäre Shogun Ieyasu Tokugawa hervorgegangen ist.

Vielleicht Schicksal, mit Sicherheit aber ein Glücksfall. Auf der Gegenseite hätten meine Vorfahren nicht überlebt. Aufzeichnungen belegen, dass meine Familie unter anderem im Yagyū Shinkage-ryū Stil unterrichtet worden ist, aber auch andere Schulen kannte. Yagyū Muneyoshi, der Namensgeber, hat diesen Stil am Hof des Shoguns etabliert.

Wenn ich unter anderem schreibe, muss ich auch Miyamoto Musashis Niten ichi-ryu Stil nennen, in dem Kurzschwert Langschwert gleichzeitig zum Einsatz kamen. Zwar wird gern behauptet, dass Musashi diese Form erfunden hat, so ganz richtig ist das aber nicht. Einen ähnlichen Stil gab es schon früher und auch die legendären Ninja haben ihn zum Teil benutzt.

Als Mädchen, habe ich die Zweischwerttechnik gern benutzt.  Der Grund war simpel, ich konnte dabei schummeln. Wenn ich am verlieren war, habe ich einfach das Kurzschwert geworfen. „Wie kannst du nur, Mayumi!“ Ich konnte, das habe ich von Musashi gelernt. Sieger: Ich.

Mein Vater hat mich gern im Schwertkampf unterrichtet. Scherzhaft habe ich als Teenager gesagt, dass er mich da endlich mal verhauen kann. Es fällt schwer meinem Vater aus der Reserve zu locken, aber mit dem Satz habe ich ihn zum Lachen gebracht.

Kann nun, bei gleichen Fähigkeiten, ein Kendō Fechter einen Kenjutsu Meister schlagen? Die Antwort ist ein klares Nein. Im Kendō sind nur noch wenige Angriffe und Formen zugelassen. Kenjutsu ist die komplette Kunst, die bitte nicht wörtlich zu nehmen ist.

Kenjutsu ist eine effektive Art den Gegner zu besiegen. Und das endete meist mit dem Tod. Katanas schlagen schreckliche Wunden. Die Samurai haben das meist an Bambus geübt, der die gleiche Konsistenz wie menschliche Knochen hat. Aber auch an Verbrechern. Und das war nicht besonders nett.

Vergleiche mit anderen Fechtstilen fallen immer schwer. Auch in China gab es gute Kämpfer. So war ein im Wudang Schwertstil ausgebildeter Chinese einem Samurai zumindest ebenbürtig. Und die chinesischen Jian Schwerter sind ebenfalls sehr gut. Ich werde das eines Tages testen.

In verschiedenen Martial Arts Filmen werden gern Kämpfer gezeigt, die mit Kurzwaffen gegen einen Samurai antreten, diesem minutenlang Paroli bieten und letztlich besiegen. Das sollte man besser als das sehen, was es auch ist: ein Film.

Es mag durchaus Menschen gegeben haben, die einen nur mäßig begabten Samurai entwaffnen und besiegen konnten. Allein schon von der Länge der Klinge sollte jedem der Sieger eines solchen Duell klar sein. Der Samurai hätte seinem Gegner die Hand abgehackt und ihn dann lässig aufgeschlitzt.

Eine kurze Erwähnung verdient auch noch Iaidō, das sich aus dem Iaijutsu oder Battōjutsu entwickelt hat. Ich habe so meine Probleme damit, es als eigenen Stil zu sehen. Iaijutsu / Iaidō ist nichts anderes als die Kunst des Schwertziehens und dieses noch in der Bewegung zu nutzen. Japanische Regisseure haben das gern in ihren Werken gezeigt.

Unter anderem wird Iaijutsu auch in den Zatoichi Filmen präsentiert. Der blinde Held zieht dort meist blitzartig sein Schwert und tötet Gegner noch in der Bewegung. Kenjutsu dagegen sind alle Techniken, die mit bereits gezogener Waffe ausgeführt werden.

Ich habe lange auf youtube gesucht und mich dann für ein Video entschieden, das die effektive Art des Kenjutsu auch für Laien deutlich macht. Auf Show wird dabei verzichtet. Was in dem Video gezeigt wird, wäre im Ernstfall tödlich.

 

Das ist Aikido!

Das Interesse an fernöstlichen Kampfkünsten ist ungebrochen. Leider liegt im Westen der Fokus zu stark auf dem körperlichen Aspekt. Hier gilt noch immer viel zu oft „Nur mit Kraft kommt man weiter.“ Und das ist nur selten richtig. Zum Glück gibt es In der Welt der Kampfkunst einen Stil, der die These der Kraft ad absurdum führt, das Aikidō.

Aikidō ist eine betont defensive moderne japanische Kampfkunst. Sie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Ueshiba Morihei als Synthese unterschiedlicher Budō-Disziplinen entwickelt, insbesondere aus dem Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu. (Quelle Wikipedia)

Aikidō enthält neben waffenlosen Techniken auch den Umgang mit dem Langstock und dem japanischen Schwert, wodurch seine Wurzeln deutlich werden. Die zusammengenommene Bedeutung von Aikidō ist rückwärts gelesen „Der Weg durch Lebenskraft zur Harmonie.“ Und das passt wie ich finde wirklich gut.

Leider hat Aikidō keinen guten Ruf. Viele moderne Kampfsportler lehnen es als eine Art graziöser Gymnastik ab. Traditionelle Kampfkünstler wissen das besser. In den traditionellen Kampfkünsten schaltet man Gegner schnell und effektiv aus. Aber wie ist das im Aikidō?

„Funktioniert nicht“, höre ich oft. „Das ist jenseits aller Praxis!“ Und dann steht mir Mann dümmlich grinsend gegenüber und klopft nur Sekunden später ab, wenn ich seine Knochen verbiege. Na mein Junge, tut der Arm noch weh?

Amerikaner und Europäer vergessen gern die lange Entwicklung der alten Budoarten. Sie wollen klüger sein, als die Erfahrung aus vielen hundert Jahren. Vielleicht geht es auch ums schnelle Geld, wenn sie nun eine Art „Power Aikidō“ lehren und das als total effektiv anpreisen.

Aikidō kann auch den geschicktesten Gegner neutralisieren. Was natürlich auch und besonders für (mein) Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu gilt. Und das hat man durchaus bei echten Kämpfen benutzt. Aikidō im Unterschied bleibt stets defensiv und ist reine Selbstverteidigung.

Wo liegt nun der Fehler, woher stammt das Vorurteil vom untauglichen Aikidō? Aikidōka haben gleich zwei, aber essentielle Probleme. Im Training kämpft man einfach nicht. Es gibt lediglich Partnerübungen und der Partner wird immer als Freund gesehen.

Aber was wenn der nicht mitspielen will? Dann funktioniert die Technik nicht. Und schon höre ich das Lachen der BesserwisserInnen. „Das haben wir doch schon immer gewusst!“ Falsch, liebe LeserInnen. Der Fehler steckt im Detail.

Wenn ein trainierter Aikidōka einem anderen widersteht, so liegt das am eigenen Geschick. Beide blockieren sich also selbst mit ihrem Können. Der zweite Kritikpunkt „Du machst ja was ich will!“, richtet sich an die mühelosen Hebel und Würfe, durch die der Partner zu Boden geht.

Natürlich macht er das. Er will sich nicht verletzen und zeigt dabei doch, was im Aikidō möglich ist. Ein unvorbereiteter Angreifer wird natürlich auch vermeiden wollen, dass ihm Arm oder Finger gebrochen werden. Also fügt er sich und geht zu Boden. Widersteht er, wird es übelst knacken.

Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu, die Urform des Aikidō, geht aber noch einen Schritt weiter. Ein möglicher Gegner wird durchaus unsanft zu Boden gebracht und erhält dort noch den finalen Schlag. So haben Samurai gekämpft, wenn sie kein Schwert mehr hatten. Und die Shinobi (Ninja) sowieso.

Aikidō funktioniert. Andernfalls wären seine Techniken schon lange in Vergessenheit geraten. Aikidō funktioniert auch und besonders für Frauen, die körperlich schwächer als Männer sind. Das Hauptproblem dabei: Aikidōka haben nie gelernt Schmerzen zu ertragen.

Wird eine Frau am Kopf getroffen dreht sie sich oft um und weint. So geschehen bei der Deutschen Taekwon-Do Meisteschaft vor einigen Jahren. Das ist der Grund warum ich  meine SchülerInnen im Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu miteinander sparren lasse.

Aber selbst reine Aikidōka können Sieger bei einer Auseinandersetzung sein. Ihre Reflexe werden ihnen helfen, sie werden instinktiv richtig handeln. An jeweils zwei Beispielen möchte ich Aikidō und das von mir praktizierte Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu zeigen. Die Unterschiede mögen für Laien kaum erkennbar sein. Aber glaubt mir bitte, sie sind absolut vorhanden.

Noch ein letztes Wort zu Aikidō und Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu. Beide sind keine Gewalt- oder Kampfsportarten sondern klare Selbstverteidigung und im Notfall äußerst effektiv.

Hier ein Video vom Deutschen Aikido-Bund e.V.:

Video 2 ist mir sympathischer:

Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu Videos zu finden ist leicht. Leider sind einige davon sehr lang und oft auf japanisch. Daher zwei Beispiele, die selbsterklärend sind:

Die Effektivität von Daitō-Ryū Aiki-Jūjutsu wird in diesem Video besonders deutlich:

Die Herausforderung

Hideko Matsuyama lächelte, als sie das Dojo betrat. Eingeladen hatte sie der Ju-Jutsu Verband von Deutschland, um eine Rede zu halten. Und so nebenbei sollte es auch Werbung für ihren neuen Film sein, den die Japanerin vor wenigen Wochen abgedreht hatte.

Der wahre Grund waren ihre umfassenden Kenntnisse des japanischen Budo. Seit Kindertagen, hatte sie mit ihrem Bruder trainiert. „Gosuke ist immer mein Vorbild gewesen“, erzählte sie. „Ohne ihn hätte ich niemals damit angefangen.“

Und wirklich war Gosuke Matsuyama kein Unbekannter in der Kampfsport Welt. Mehrere Jahre lang, hatte er die japanischen Karate Meisterschaften gewonnen und sich einen Ruf als Drehbuchautor aufgebaut. Und was lag näher, als auch für seine Schwester zu schreiben.

Hidekos Ruf als Kämpferin, war noch besser als ihr unbestrittenes Filmtalent. Während ihr Bruder bei den Männern dominierte, schlug sie alle guten Frauen dieser Welt. Als ein großer Filmkonzern dann nach Schauspielerinnen mit Kampfsport Erfahrung suchte, war Hidekos Zeit gekommen.

Sie brauchte kein Double und Stuntmänner die mir ihr drehten, taten sich oft selbst sehr leid. Zu der Rede war Hideko in einem traditionellen Karate-Gi gekommen, der Schwarze Gürtel wirkte bereits seltsam verblasst. „Den hat schon mein Vater getragen“, sagte sie und lächelte wieder. „Eigentlich habe ich zwei davon.“

„Ich halte Karate für völlig antiquiert“, meldete sich eine junge Frau zu Wort. Funkelnde Augen musterten die Japanerin, die den Blick sanft erwiderte. „Was ihr da zeigt, hat noch nie wirklich funktioniert. Ein Bodenkampf ist gleich viel ehrlicher.“

Natürlich verstand Hideko kein einziges Wort, aber ihr Blick blieb so sanft wie ihr Lächeln, als man es ihr übersetzte. „Was stört Sie?“, ließ sie fragen, „könnten Sie mir das bitte genau erklären, Frau …?“

„Susanne Langer, Deutsche Meisterin und Europameisterin im Ju-Jutsu“, war die Antwort. Aber ihr blauer Blick hielt dem von Hidekos dunklen Augen nicht sehr lange stand. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie zum nächsten verbalen Rundumschlag ausholte.

„Es gibt doch so gut wie keinen Nahkampf im Karate“, sagte Susanne. „Das ist doch hilfloses Kittelreißen, was ihr da zeigt. Am Boden habt ihr null Chancen. Oder trauen Sie sich etwa zu eine Judoka zu schlagen?“

Hidekos Lächeln wurde noch breiter. Schon oft war sie Menschen wie Susanne begegnet, die wenig vom wahren Geist des Karate begriffen hatten. „Karate dient der Selbstverteidigung und wird niemals für einen Angriff genutzt“, erwiderte sie daher sanft und schaute sich ihr Gegenüber nun genauer an.

Schwarzer Gürtel, massive Statur. Im Hintergrund standen Pokale und ein Bild von Susanne hing an der Wand. Hideko begriff, dass Susanne hier die Meisterschülerin sein musste. Was wenig beeindruckend war. In ihrem Haus in Japan häuften sich die Pokale auch.

„Aber ihr habt doch auch Weltmeisterschaften!“, echauffierte sich Susanne. „Und was ich da gesehen habe, ist einfach lächerlich. Da passiert nie etwas! Die hüpfen auf der Stelle und schreien sich nur an. Das kann meine kleine Nichte besser.“

„Sie sprechen von Sportkarate“, erklärte Hideko. „Und ja, im Gegensatz zum koreanischen Taekwon-Do, ist das für Zuschauer oft wenig attraktiv. Was einer der Gründe ist, um Karate noch nicht olympisch zu machen. Aber im Taekwon-Do wird meist nur gekickt. Im Karate bringt oft ein Schlag den Sieg.“

„Das ist doch völliger Käse!“, erwiderte Susanne. „Sobald ein Karateka in meiner Nähe bist, habe ich den am Boden. Und was macht derjenige dann?“ „Ihnen ins Bein beißen“, erwiderte Hideko und hatte die Lacher auf ihrer Seite. „Entschuldigung, aber ich als Karateka würde kaum nach Ju-Jutsu Regeln kämpfen.“

Susannes Mundwinkel zuckten, mit dieser Antwort hatte sie kaum gerechnet. Aber sie hatte noch weitere Argumente. Sie holte ihr Handy und zeigte Hideko einen kurzen Film. Dort stolperten ältere Schwarzgurte umher. Die beleibten Herren waren alle außer Form. Vermutlich trugen sie den Gürtel seit Kindertagen.

„Das ist Taekwon-Do“, sagte Hideko und zeigte auf die Jacke mit V-Ausschnitt. „Vielleicht haben die Männer körperliche Probleme, die hohe Tritte verhindern. Ich kenne einen sehr erfahrenen Trainer, der einen schrecklichen Verkehrsunfall hatte und nun nach seiner Genesung wieder unterrichtet.

Jeder seiner Schüler könnte ihn im Kumite besiegen. Aber das macht natürlich keiner, warum auch? Er ist mein Vater und Sensei und kann noch immer die normalen Techniken zeigen. Und das macht er wirklich gut.“

Vehement schüttelt die Blonde den Kopf. „Typen wie die gibt es viele“, erklärte sie. „Jeder Ju-Jutsu Kämpfer in diesem Alter, wird die locker schlagen. So wie ich Sie problemlos auf die Matte schicken kann. Ist nicht böse gemeint, aber Sie hätten keine Chance gegen mich.“

Die entstehende Unruhe im Publikum sprach Bände. Die Offiziellen bemühten sich um eine Deeskalation, aber die Anwesenden witterten eine kleine Sensation. Hideko blieb auch weiterhin gelassen. Sie schickte einen ihrer Begleiter nach draußen, der mit zwei stumpfen Übungskatana zu ihr eilte.

„Meine Vorfahren waren Samurai aus dem Clan der Takeda“, sagte Hideko und bedeutete ihrem Assistenten sich ihr gegenüber zu stellen. „Vielleicht darf ich  Ihnen zeigen, was Kenjutsu und Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist.“

Susanne rang um ihre Fassung, als die beiden Japaner mit den Katana aufeinander trafen. Ihre Augen konnten die Hiebe kaum erkennen. Plötzlich ließ Hideko ihre Waffe absichtlich fallen und ihr Begleiter lief schreiend auf sie zu. Hidekos blitzartiger Konter ließ ihn hilflos am Boden zurück.

„Altmodischer Quatsch“, murmelte Susanne, „und völlig nutzlos heutzutage. Sie holte tief Luft, als sie der Teufel ritt. „Ich fordere Sie ganz offiziell heraus, Frau Matsuyama! Hier und jetzt ein echter Kampf! Dann werden wir ja sehen, wer und was besser ist.“

„Stop!“, unterbrach ihr Trainer nun. „Frau Matsuyama ist Gast hier und …“ „Ich akzeptiere“, ließ Hideko übersetzen. Sie lächelte schon wieder und verbeugte sich. „Entschuldigung, wie unhöflich von mir Sie nicht ausreden zu lassen.“

„Was ist dieses Daitō-ryū Aiki-jūjutsu überhaupt?“, fragte Susanne in die Runde und ernetete nur Schulterzucken. „Die harte Urform von Aikido“, sagte ein älterer Ju-Jutsu Offizieller. „Und Sie haben sich und uns soeben einen Bärendienst erwiesen!“

„Blödsinn“, grummelte Susanne, „Aikido ist Show und taugt nur als Bewegungstherapie. Und natürlich werden wir ohne diese Schwerter kämpfen. Die Nummer will ich sehen, wie die mich im Bodenkampf schlagen kann!“

„Es wird zu keinem Bodenkampf kommen“, hörte Susanne und sah wieder den älteren Herrn neben sich. „Karl-Josef Wagenbauer“, stellte er sich vor. „Ich habe Ewigkeiten in Japan gelebt und weiß, was diese Menschen können. „Und Sie, Susanne, haben keine Chance.

Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist kein Wettkampfsport! Die Samurai haben das auf dem Schlachtfeld benutzt, wenn sie die Waffe verloren hatten. Das ist kein weiches Aikido, da geht es richtig hart zur Sache. Ein Schlag, ein Tritt, vielleicht ein Haltegriff und der Gegner war am Ende tot.“

Susanne ließ sich nicht beirren. Sie war deutlich größer und schwerer, als ihre Kontrahentin und völlig von ihrer eigenen Technik überzeugt. Und sie hatte einen Plan, der genau in dem Moment scheiterte, als ihr Hideko zum ersten Mal brutal die Hand verbog.

Schreiend ging Susanne zu Boden. Solche Schmerzen hatte sie noch nie gehabt. Die nur angedeutete Handkante zu ihrem Hals, das wusste sie, hätten im Ernstfall und zur Zeit der Samurai den Tod gebracht.

Völlig konsterniert kam Susanne wieder auf die Beine. Die Hand schmerzte höllisch, aber funktionierte noch. „Vermutlich Bänderdehnung“, sagte ein Sanitäter, der sich um sie kümmerte. „Ende, der Tag ist gelaufen.“ „Mach mir einen Verband!“, zischte Susanne. „So einfach gebe ich nicht auf.“

In Runde 2 lief es scheinbar besser und sie konnte Hideko mit einem Hüftwurf zu Boden werfen. Nur um sich selbst ausgekontert und in einem schmerzhaften Armhebel zu finden. Ein Ruck noch und der Ellbogen würde brechen. „Verdammt!“, fluchte Susanne und klopfte ab. Wie hatte die Japanerin das nur gemacht?

„Das war Absicht!“, fauchte sie böse. „Sie … Sie kämpfen unfair!“ „Sie kämpfen“, ließ Hideko erwidern und verbeugte sich schon wieder. „Ich wehre mich bisher nur. Aber vielleicht möchten Sie aufhören?“

In Susannes Augen blitzte die Wut. Aber Wut hat noch nie zum Sieg geführt. Ihr schneller Kick erstarb in einem knallharten Tritt gegen die Innenseite ihres Oberschenkels, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Den Tritt in ihren Bauch, der sie zu Boden schickte, bemerkte sie kaum noch.

„Entschuldigung“, sagte Hideko und verbeugte sich, „wollen wir jetzt bitte aufhören? Das ist zu gefährlich für Frau Langer. Ich möchte sie auf keinen Fall ernstlich verletzen. Darf ich ihr bitte helfen?“

Unter dem Beifall des Publikums half Hideko einer noch immer weinenden Susanne auf die Beine und brachte das Häufchen Elend in die Umkleidekabine. Dort zog Susanne ihre Hose aus. „Eis, rasch!“, rief die Japanerin, als sie den riesigen blauen Fleck sah.

Sie scheuchte den Sanitäter weg und versorgte Susanne selbst, die sich sichtlich geborgen fühlte. „Don’t you worry“, sagte Hideko plötzlich in akzentfreiem Englisch. „Everything will be fine. Can we be friends maybe?“

Hideko Matsuyama lächelte, als sie einige Monate später das Haus betrat. Eingeladen hatte sie Susanne Langer, die neue Weltmeisterin im Ju-Jutsu. Aber nicht, um eine Rede zu halten. Es ging mehr um den Austausch von Küssen. Aber geredet haben die beiden danach immer noch.

All about Anna – Teil 2

Als ich vor fast einem Jahr über Anna schrieb – KLICK MICH, ODER LASS ES  -, war das Mitgefühl groß. Wird Anna es schaffen, werden sie und Corinna wieder ein Paar? Es hat nicht sein sollen, die beiden sehen sich nicht mehr.

Was passiert ist, warum kein Funke mehr übersprang, wird nur Anna wissen. Sie war vermutlich viel zu tief verletzt. Aber manche Menschen bekommen ihre zweite Chance. Und das ganz ohne (Ver)Kupplerin.

Als das Telefon am Freitag klingelt, ist Anna total aufgeregt! „Yumi, Yumi, ich muss dir was erzählen!“ Wir reden mehr als eine halbe Stunde und ich erfahre Neuigkeiten, die ich kaum vermutet hätte. „Das war so“, erzählt Anna. „Also ich gehe zu diesem Konzert und neben mir steht das süßeste Lachen, das die ich je gesehen habe.“

„Anna!“, unterbreche ich, „du kannst doch ein Mädel nicht Lachen nennen.“ „Und ob ich kann!“, bekomme ich zu hören. „Warte, ich schicke dir ein Bild, du wirst schon sehen.“ Als das Bild auf dem Handy erscheint, höre ich neben mir einen Pfiff. „Heiße Braut“, lästert Yuki, als wir Meli sehen. Meli, das ist Melanie im richtigen Leben. Nun der Hammer, sie ist Lehrerin! Wie Corinna, Annas Ex.

„Eine Kopie von Corinna?“, kann ich mir nicht verkneifen und Anna schnauft empört. Yuki schüttelt den Kopf und nennt mich wieder Baka. Frechheit, dabei bin ich so nett! „Halt mal die Luft an“, sagt Anna. „Hör gefälligst zu!“ Auch Yuki lauscht gebannt, wie sich Anna und Meli trafen. Und dass Anna den ersten Schritt gemacht hat, was positiv ist.

Wer Annas Augen gesehen hat, die eisige Kälte, wird verstehen wovon ich schreibe. Anna war emotional tot, ihre Seele gefroren, das Herz erstarrt zu Eis. Wir haben öfter telefoniert, aber es gab nie Neuigkeiten. Noch nicht einmal den bei Trennungen oft üblichen One Night Stand.

„Es hat total gefunkt bei mir“, sprudeln Annas Worte. „Und ich glaube bei ihr auch.“ „Wie, du glaubst das nur?“, hake ich nach. „Hallo, das musst du doch wissen!“ „Ach du bist voll doof!“, sagt sie, was mich nur lachen lässt. Ich bin das Biest. Aber das habt ihr und Anna schon gewusst.

„Ja, also wir haben uns total gut unterhalten“, erzählt Anna weiter. „Und nach dem Konzert waren wir noch tanzen.“ Als Anna schweigt hole ich tief Luft und prompt hält Yuki mir die Hand vor den Mund. „Sei lieb!“, flüstert sie und ich beiße ihr spielerisch in die Finger. Prompt haut sie mir auf den Hintern. Gewalt in der Ehe, das schreit nach … Küssen!

„Gibt es da noch etwas, was du mir erzählen möchtest meine Süße?“, flöte ich honigsüß ins Mikrofon. „Ja gibt es“, erwidert Anna. „Ich, also wir … ja wir waren danach noch im Bett.“ „Na geht doch“, sage ich trocken. „Ich vermute mal, dass es super war. Aber was bitte lässt dich nun schon wieder zweifeln? Oder war es nur die eine Nacht?“

„Nee Keule, dit waren schon mehr“, berlinert Anna frech, was mich schon wieder grinsen lässt. „Details!“, verlange ich aus Spaß. Aber nun ist es Anna die lacht. „Dit kannste knicken“, höre ich. „Habt ihr vielleicht Lust uns zu besuchen?“ „Uns?“, kommt die Frage aus Yukis und meinem Mund synchron. „Jetzt wird es aber wirklich interessant!“

Wir verabreden uns spontan fürs Wochenende und fahren gut gelaunt ins Training. Am nächsten Morgen faucht der Z. Frankfurt ist nur ein Katzensprung. Aber der Verkehr nervt und für manche Fahrer scheint Autofahren schwer. Eine strahlende Anna empfängt uns an der Tür. „Kommt rein ihr zwei Süßen“, begrüßt sie uns. „Meli ist auch schon da.“

Ich bezweifle, dass Meli je weg gewesen ist. Zumindest nicht besonders lange. Etwas verlegen und doch sichtlich aufgeregt tritt sie uns entgegen. „Ich bin die Meli“, sagt sie. „Anna hat mir schon viel von euch erzählt.“ „Nur Gutes hoffe ich“, und zwinkere Anna zu, die mir prompt den Mittelfinger zeigt. Das ist die alte Anna live!

Melis Herzlichkeit, ihr Lachen, die kurzen, braunen Wuschelhaare und ihr verliebter Blick, machen sie mir sofort sympathisch. Ich schaue Yuki an, die fast unmerklich nickt. Hier haben sich zwei Menschen gefunden. Und Meli wirkt authentisch auf mich.

Anna und Meli tragen fast identische Kleidung. Nur die Socken unterscheiden sie. Regenbogen bei Meli, Schwarz bei Anna. Aber die Cargohosen und T-Shirts sind fast gleich. „Wie lange kennt ihr euch jetzt?“, frage ich. „Fast 2 Monate“, erwidert Anna.“ „Genau 56 Tage“, präzisiert Meli und Anna nickt. „Sie weiß das einfach besser.“

„Anna hat mir erzählt, dass ihr Karate macht“, sagt Meli. „Ich finde das total spannend! Sie hat mich schon mit ins Training genommen. Wir wollen später noch hin, ihr kommt doch mit?“ Ich nicke, das war so abgemacht mit Anna. Krav Maga habe ich schon lange vermisst.

Anna als Trainerin zu sehen ist beeindruckend. Sie hat die Gruppe total im Griff. Wir fallen auf mit unseren bunten Karate Gi. Mein 3. Dan wird argwöhnisch betrachtet. „Das sind meine Freundinnen Mayumi und Yuki“, stellt sie uns vor. „Yumi hat Schwarze Gürtel in Aikijujutsu und Karate. Sie wird uns einige Sachen zeigen, die wir so nicht kennen.“

Meli ist die Schwächste in der Gruppe. Aber sie hat sichtlich Spaß und trainiert tapfer mit. Leider muss beim abschließenden Sparring, der einzige Mann der Gruppe den Macho spielen. Er will unbedingt mit mir kämpfen und Anna schaut mich warnend an.

„Ich habe mal Kung Fu gemacht“, erklärt er mir und geht in eine absurd tiefe Stellung. Die, so weiß ich, hat ihm kein Meister beigebracht. Mein eher harmloser Kick bringt ihn bereits aus dem Gleichgewicht. Als er nach mir schlagen will beende ich die Show mit einem Wurf.

„Weniger reden und mehr trainieren sage ich“, und schaue mitleidlos zu, wie er sich am Boden krümmt. Kreidebleich kommt er wieder auf die Beine. „Was … was war das?“, stammelt er. „Einfaches Aikido“, erwidere ich. „Aber wenn du es härter magst?“ Thema durch, will noch einer was?

Annas breites Grinsen belohnt mich für die Show. Und Yukis gespielt theatralischer Blick. Meli steht mit offenem Mund daneben. „Das habe ich noch nie gesehen!“, sagt sie. „Gewöhn dich dran“, sagt Anna leise und legt den Arm um sie. „Yumi haut sie alle um. Nur mich nicht … weil ich schneller laufen kann!“ All about Anna, wir haben herzlich gelacht.

Krieg der Welten

Krieg der Welten ist ein Film. Und kein schlechter seiner Art. Auch die Menschen streiten oft über ihre „Welten,“ über Politik und Religion. Vehement und zur Not mit Gewalt, wird die eigene Meinung durchgesetzt. Faire Diskussionen Fehlanzeige. Sogar in Blogs wird oft heftigst getritten.

Fanatiker und Besserwisser zwingen uns ihre Sicht der Dinge auf. Und wehe ein Kommentator widerspricht! Sofort werden die Messer gewetzt. Aber fair ist anders. (Verbale) Tritte in den Unterleib haben bei Diskussionen keinen Platz. Auch im Sport-Karate sind die verboten. Ein Straßenkampf sieht völlig anders aus.

Vor einigen Tagen gibt es auch in unserem Dojo Krieg. Zumindest aber eine Schlacht. Zwei Welten begegnen sich. Thailand, durch einen jungen Mann vertreten. Und Deutschland, mit Wing Chun. Verstärkt durch japanisches Karate, also mich.

Als ich Anuphab (Thai für „Der Kräftige“) sehe, mag ich kaum meinen Augen trauen. Vor mir steht eine 1:1 Kopie der Muay Thai Legende Buakaw! Und mit dem will keiner wirklich in den Ring. Aber Anuphab ist anders, ein großer Junge mit viel Spaß am Sport.

Der junge Thai ist ein kleiner Star in seiner Stadt und hat schon viele Kämpfe in Ring gewonnen. Auf die Idee ihn nach Deutschland einzuladen, ist unser Sifu gekommen. Er traf Anuphab, als er im Thailand Urlaub war. Er finanziert den Flug und gibt dem Thai auch Unterkunft. Der freut sich sichtlich. Wir uns auch.

Mit 24 Jahren ist Anuphab auf dem Höhepunkt seines Könnens. Im Ring steht er seit er ein Junge ist. Den Wing Chun Schülern soll er helfen, den Blick über den Tellerand zu lenken, den viele leider niemals wagen. Unbesiegbar ist niemand. Das glauben viele nur.

Anuphab spricht Thai und ein wirklich exzellentes Englisch. Als er mich sieht stutzt er kurz. Und verbeugt sich prompt, als der Sifu erklärt wer ich bin. Auch Karate hat in Thailand Stellenwert. Meister ehrt Meisterin, auch ich verbeuge mich. Weniger tief. Dafür ist es mein Lächeln.

Muay Thai ist ein harter Sport. Die schnellen Kicks zum Oberschenkel können schmerzhaft sein. Und ein Knie im Bauch ist oft das Ende eines Kampfes. Anuphab zeigt Dinge, die fast alle staunen lassen. Muay Thai Boran, die Urform des heutigen Sports, ist noch eine Spur effektiver. Und auch die kann der „kräftige Mann.“

Anuphab ist keine Spur arrogant. Er hat sichtlich Freude am Training, lacht viel und korrigiert, wenn die Schüler etwas nicht verstehen. Er mag Wing Chun und auch Karate. „Ich habe alles schon probiert“, verrät er uns. Auf die Ähnlichkeit mit Buakaw angesprochen winkt er nur ab. „Thais sehen doch alle gleich aus“, sagt er locker und zwinkert dabei. „Den Rest macht die Frisur.“ Humor, wie ich ihn mag.

Im Gegensatz zu anderen Wing Chun-Clubs gibt es bei uns regelmäßig Sparring. Heute mixen wir die Stile. Aber schnell wird klar, dass kein Schüler dem jungen Thai das Wasser reichen kann. Der ist viel zu gut. Nur das Trainer-Duo hat Chancen gegen den Dynamiker. Ich halte mich vorerst zurück.

Genau das scheint Anuphabs Neugier zu wecken. „Darf ich dir meine Kunst zeigen?“, fragt er und verbeugt sich wieder. Buddha hilf, ist nun mein Ende nah? Nun mögen viele LeserInnen glauben, dass ich den Burschen locker weghauen kann. Das gilt für den Alltagsmenschen, der meist unsportlich ist. Und auch für überhebliche Typen, die viel zu langsam für mich sind.

Gegen einen echten Thai Boxer sehen die meisten anderen Kampfsportler mehr als nur dämlich aus. Nämlich immer dann, wenn sie nach deren Regeln kämpfen. Gleiches gilt für Thai Boxer, wenn sie z. B. Judo machen. Dort werden auch sie vorgeführt. Bei einem „Kampf“ gewinnt kein Stil. Es gewinnt der Mensch, der besser ist.

Außerdem sprechen wir von Sport, von Regeln. Und auf Muay Thai-Regeln lasse ich mich kaum ein. Ein brutaler Tritt von Mann auf meinen Oberschenkel, wäre das Aus für mich als Frau. Und ein hohes Knie mein Ende. R.I.P. Mayumi-San!

Kneife ich, bin ich nur eine Papiertigerin? Ich nehme an. Lächelnd. Japans Sonne geht im Dojo auf. Und die Thailands unter, als ich Anuphab mit einem gesprungenen Drehkick-Konter von den Beinen hole. Taekwon-Do in Reinkultur und mein Blick über den Tellerrand.

Ich bin das, was man eine „Konterboxerin“ nennen kann. Wer die Hand gegen mich hebt, hat schon verloren. Und Hemmungen sind mir fremd. Vor allem, wenn ich Männer hauen darf. Denen bin ich darin überlegen. Was ich auszunutzen weiß. Und Angst hatte ich noch nie.

Anuphab bleibt länger liegen als nötig. Sein Grinsen ist filmreif. Wirklich hart habe ich ihn nicht getroffen, es war mehr ein „Wischer“, aber gut. Er kommt auf die Beine und applaudiert. Kein Hass, kein Zorn, er nimmt die Niederlage an. Aber es geht noch weiter in Runde 2.

Er tänzelt, täuscht und feuert seine Linke blitzschnell ab. Träfe sie, ich wäre KO. Aber wie schon Buakaw in seinem Kampf gegen Yi-Long weiche ich dem Jap mühelos aus, der ohnehin nur angedeutet war. Statt selbst zu schlagen drehe ich mich in den Mann, greife seinen Arm und lasse eine kleine Bewegung folgen. Anuphab fliegt über meinen Rücken und landet krachend auf den Hosenboden.

Sein herzliches Lachen ist ansteckend. „Das hat schon lange keiner mehr mit mir gemacht“, verrät er mir. „Mein älterer Bru …“ Anuphab unterbricht sich und holt tief Luft. „Meine ältere Schwester schon“, fährt er dann fort und schaut mich an. „Sie war eine Meisterin des Sports. So, wie du.“

Ich ahne die Wahrheit mehr, als ich sie zu diesem Zeitpunkt weiß. Anuphabs Schwester war eine Kathoey, eine Transsexuelle, die vor einigen Jahren bei einem Unfall starb. „Sie hat mich unterrichtet“, erzählt er später“, als er begreift, dass ich lesbisch bin. „Ohne sie, wäre ich nie so weit in diesem Sport gekommen.“

Im Verlauf des Abends taut er noch weiter auf. „Gay means happy, right?“, sagt er und lacht schon wieder. Krieg der Welten führt er nicht. Wir haben längst aufgehört zu sparren. Anuphab hat breit grinsend erklärt, dass er Frauen niemals schlagen kann. Ein Schlitzohr, das Wortspiele kennt.

Das Interview

Interviews mit Freunden zu führen, hat immer einen besonderen Reiz. Noch interessanter, wenn die eigene Frau die Fragen stellt. Und nicht nur Yuki hat mich in der Mangel. Meine beste Freundin Karin ist auch mit von der Partie. Hier nun, was sie dem Biest an Fragen stellten. Um nicht alle privaten Dinge zu verraten, haben wir einige Details ausgeklammert oder nur oberflächlich angesprochen. Ich bitte um Verständnis dafür.

Yuki und Karin: Ob Deutschland reif für einen Wirbelsturm wie Mayumi war kann niemand sagen. Aus der Heimat Japan und dem Freundeskreis gerissen, war sie es zumindest nicht. „Ich habe keine bewussten Erinnerungen an die ersten Tage in Deutschland“, verrät sie. „Nur vage Bilder und ein Gefühl der Verlorenheit. Was machst du, wenn du als kleines Mädchen in einem dir völlig fremden Land, so komischen Menschen gegenüber stehst?“ Sie zwinkert bei diesen Worten und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Und dieses Gesicht ist so japanisch, wie aus einem Bilderbuch. Edel, aristokratisch und wunderschön.

Humor ist, neben Disziplin und einem unbeugsamen Willen, Mayumis Markenzeichen. Aber hinter dieser Albernheit steckt oft auch eiskaltes Kalkül. Mit ihrem unvergleichlichen Charme gewinnt sie schnell neue Freundinnen in dem für sie fremden Land. Jungs gehören keine dazu. „Die fand ich schon immer komisch“, sagt sie leise. „Es gibt nur wenige Männer, die einen Platz in meinem Herzen haben.“ Zu diesen Männern gehören ihr Cousin Ken und ihr Vater. Ein Vater, der auch ihr Trainer ist. Und ein ziemlich weiser Mann.

„Meine Eltern haben sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut“, erzählt sie. „Mein Vater hat schon in Japan Immobilien verkauft, vermittelt, oder vermietet. Von seinen Eltern hat er mehrere Objekte geerbt. Sie haben uns den Start in eine neue Existenz erleichtert.“ Mayumis eher vage Formulierung kann die Tatsache kaum verbergen, dass ihre Eltern vermögend sind. „Geld hat mir nie viel bedeutet“, wehrt Mayumi ab. „Ich hatte nie große Ansprüche. „Jeans, oder Cargohosen, weite Pullover und Baseballkappen, das war lange mein Stil. Ich brauchte keine goldene Uhr, oder Diamanten als Schmuck. Und Make-Up trugen immer nur die anderen. Ich habe lieber Karate trainiert.“

Bei diesen Worten lächelt sie verschmitzt. Kein Wunder, hat sie doch den 3. Dan im Karate und ist selbst Karate-Lehrerin. „Ich weiß, dass mein Leben eine Kontroverse ist“, sagt sie auf Ausbildung, Sport und Privatleben angesprochen. „Ich war schon als Kind sehr kreativ und habe Haiku und kleine Geschichten geschrieben. Wer mich verträumt Musik hörend in meinem Zimmer sitzen sah, konnte kaum glauben, dass ich von einem Moment auf den nächsten einfach explodiere. Der Grund waren meist Hänseleien von Jungs oder offen vorgetragene Gewalt gegen andere Kinder. Ungerechtigkeit jeglicher Art ist mir ein Gräuel. Aber ich trat auch für Jungs ein, wenn sie Hilfe brauchten.“

Mayumi spricht dabei einen Vorfall an, den sie selbst „Wer die Nachtigall stört“ betitelt hat. Sie selbst sieht sich als Regenbogen-Kriegerin, ganz in der Tradition der alten Samurai. Stolz erzählt sie von ihren Vorfahren und spricht auch Iga an und die mit ihrer Familie verwandten Ninja. „Schwertkunst und Aikijujutsu haben seit Jahrhunderten ihren Platz bei uns. Aber erst mein Großvater, den ich leider nie kennenlernte, hat auch das Goju-Ryu Karate quasi dazu addiert.“ Sie lacht und kickt spielerisch nach unseren Köpfen. Ganz Kind und doch eine hellwache Kriegerin. Aber diesen Unterschied können nur die beiden Interviewerinnen sehen.

Auf BWL und Logik angesprochen winkt sie nur ab. „Ich kann jeden Humor unterdrücken und mich in eine emotionslose Denk- und Kampfmaschine verwandeln“, sagt sie locker. Und wer sie erlebt hat weiß, dass das nicht gelogen ist. Egal ob hochkomplizierte Strategien, oder eine gefährliche Situation, mit ihr an der Seite wird diese jeder überstehen. „BWL war und ist Sicherheit für mich“, erzählt sie weiter. „Disziplin und Formeln mit Kreativität gemischt, haben mich zur Frau Dr. gemacht. Aber nach 3 Jahren als Assistentin war der Spaß vorbei. Ich bin innerlich gestorben, die Vorgaben waren einfach viel zu eng.“

Ihre Selbstständigkeit 2014 schien die logische Konsequenz gewesen zu sein. Und doch ist auch das nur ein weiterer Schritt. „Als Unternehmensberaterin musst du oft Dinge tun, die sich gegen Menschen richten. Du vernichtest Existenzen. Und genau das mache ich nicht!“ Mayumis Augen scheinen zu glühen, als sie diese Worte spricht. Dunkle, kalte Schwärze, die Angst machen kann. Zumindest aber Respekt. Und leider zeigen den viele Menschen nicht, wenn sie eine nur 1,62 Meter große Japanerin vor sich sehen. „Es sind nicht nur Männer, die sich für überlegen halten“, fährt sie fort. „Auch wenn ich mittlerweile Deutsche bin, haben mich manche Menschen wegen meines Aussehens nie akzeptiert. Manchmal kam ich mir wie ein Tier mit zwei Köpfen vor, wenn sie mich angestarrt haben. Im Gegensatz zu den meisten Frauen, hat mich das aber nicht gestört. Starrt mich wer an, starre ich zurück. Und zwinge den Blick zu Boden. Das klappt immer.“ Was wir bestätigen können.

Anders zu sein, hat sich bei Mayumi auch in Sachen Liebe ausgedrückt. „Ich bin nun mal lesbisch“, sagt sie. „Männer haben mich noch nie interessiert. Mein erster Kuss war mit einer Frau. Das ist selbst für Mädels eher selten. Viele Lesben stehen nicht zu sich. Aber woher weiß ein junges Mädchen, dass es auf andere Mädchen steht?“ Sie zwinkert Karin verschwörerisch zu und meint dann „Sag du doch auch mal was dazu.“ Da dies aber nicht mein (Karin) Interview ist, wird nur auf den entsprechen Artikel verwiesen, den jeder selbst nachlesen kann.Und zwar HIER.

„Ich habe mich nie absichtlich geprügelt“, erwidert sie auf die entsprechende Frage. „Mit 7 Jahren hat mich dieser fette Typ einfach umgestoßen und ich bin hart zu Boden gefallen. Außer im Dojo hatte ich bis dahin noch nie Karate, oder Aikido angewandt. Meine Reaktion war instinktiv und dann ging er zu Boden.“ Nachzulesen ist das HIER, wenn es wer lesen mag. „Leider war das nicht der einzige Vorfall. Vielleicht hat mich dieser dumme Streich auch verändert. Oder aber die Wildheit in mir geweckt, die schon vorher in mir war. Zorn, Wut brauchten ein Ventil. Karate hat mich vor Schlimmerem bewahrt.“

Ihre Familie bedeutet Mayumi alles. „Familie ist wichtig!“, sagt sie einmal mehr. Aber als Teenager hat sie nur kurz gezögert und ihre Eltern dann mit dem Coming Out als Lesbe geschockt. „Warum sollte ich das auch verbergen?“, fragt sie. „Wem hätte das helfen sollen? Klar waren sie anfangs nicht begeistert. Aber sie haben es schon lange geahnt. Wenn auch nicht in Worte gefasst. In Japan ignoriert man Homosexualität bei Frauen einfach. Sie ist dort nicht gern gesehen. Wir haben dann lange und oft geredet. Meine Mama hat viel geweint. Klar, sie gab sich die Schuld an etwas, wofür es keine Schuldfrage gibt. Lesbisch wirst du geboren. Du wirst das nicht mal eben so.“

Mayumi engagiert sich seit Jahren für die Rechte lesbischer Frauen. Nicht auf der ganz großen Bühne. Aber auch Kleinvieh macht Mist. Und es gibt genügend Fälle, zwischen Stuttgart und Düsseldorf, bei denen sie Hand angelegt hat. Inklusive Tritten in den Hintern. Zumindest bildlich gesprochen. Worte können die besseren Waffen sein. Dieses selbstbewusste Auftreten gepaart mit Aggressivität, haben ihr den Ruf als Biest eingebracht. Oder Akademikerin mit Samurai-Genen, wie einer ihrer Blog-Leser schrieb.

Auf ihre Pläne und den weiteren Lebensweg angesprochen überlegt Mayumi kurz. „Eine eigene Karate-Schule, die doppelte Staatsbürgerschaft (Japan + Deutschland), 2 Kinder (Mädchen!) und eine tolle Frau an meiner Seite.“ Sie zieht bei diesen Worten Yuki in ihre Arme, die lächelnd nun Karin das weitere Interview überlässt. Was kein Problem ist. Ich kenne die beiden Turteltauben schon lange genug. „Ach ja, eins noch“, fügt Mayumi hinzu. „Ein Buch mit meinen gesammelten Werken (Gedichte) werde ich noch schreiben. Und wenn ich viel Lust habe einen Kriminalroman. Oder Horror …“ An dieser Stelle hält ihr Yuki den Mund zu und sagt energisch „Liebesroman bitte!“ Und Karin Sommer unterschreibt.

Das Interview führten besagte Karin und Mayumis Ehefrau Yuki.

Sei stark!

Immer wieder wird mir gesagt, wie stark ich sei. Nun hatte ich nie das Pippi Langstrumpf Syndrom und als Supergirl sehe ich mich nicht. Aber schwach, das sind immer nur die anderen. Ich bin immer ich.

Durch Zufall habe ich Robert wieder getroffen – KLICK MICH, ODER LASS ES –. Auch ein „starker Mann“. Der junge Kickboxer arbeitet nun als Security. (S)Ein Traum? Wir werden sehen.

Er erkennt mich sofort und verbeugt sich leicht. Respekt, den ich erwidere.
„Hallo Sensei“, begrüßt er mich. „Ich habe nun doch einen Job gefunden.“
Der „Job“, wie er ihn nennt, ist Türsteher in einer Nobel-Disco. Robert ist einer von mehreren „Men in Black“, die den Eingangsbereich bewachen. Leider notwendig in diesen Tagen. Die Querulanten werden immer mehr.
„Wie läuft es so, was macht die kämpfende Kunst?“, frage ich. „Was hast du dazugelernt?“
Er zögert mit der Antwort. Nicht jeder wird ein Samurai.

Robert schaut sich schnell um und wechselt einen Blick mit Manfred, seinem Chef. Der winkt nur ab. Wir kennen uns gut.
„Verhau mir nur nicht die Leute“, neckt er mich. „Wenn ihr rein wollt …? Ihr seid drin, okay?“
„Alles gut“, erwidere ich. „Und vielen Dank. Das erspart dir nämlich Ärger mit deiner Frau.“
Manfred lacht, ich muss an unsere erste Begegnung denken. 5 Jahre ist es her, dass ich seiner Frau geholfen habe. Details sind irrelevant, aber es war eine durchaus brenzlige Situation. Seit diesem Tag habe ich einen Stein bei ihm im Brett und nie Probleme, wenn er vor einer Disco steht.
Aber Security sind keine Samurai.

Robert erzählt mir von einer Asien-Reise und dass er dort „Kung Fu“ studiert habe. Das habe er nun mit Kickboxen kombiniert und er sei richtig „powerful.“
„Ich habe sogar ein Turnier gewonnen“, sagt er mit vor Stolz geschwellter Brust. „Und nächsten Monat geht es weiter. Mein Ziel sind die Deutschen Meisterschaften …“
„… im Straßenkampf?“, unterbreche ich. „Ich wusste nicht, dass es die gibt.“
„Was meinst du damit?“, will Robert wissen. Sichtlich verwirrt und nun ohne (Sprach)Konzept.
„Ich meinte, dass Sport-Karate fernab jeglicher Realität ist. Es ist ein sportlicher Wettkampf mit einem Punktesystem. Aber es gibt keine Punkte, wenn dich ein Betrunkener anpöbelt. Oder ein Experte. Was machst du dann?“
Wer nicht fragt bleibt dumm.

Robert versteht (noch immer) nicht, was ich ihm sagen möchte. Er setzt nach wie vor auf körperliche Stärke und vergisst (erneut) den geistigen Aspekt. Seine Welt ist Kraft und Kampf. Aber pure Stärke macht noch keinen Sieger. Normalerweise unterrichte ich keine Männer. Und das hat seinen Grund. Aber Robert braucht noch eine zweite Lektion. Und die will ich ihm geben. Weniger um zu glänzen. Es ist Hilfe, die er braucht. Einsicht ebenfalls. Und so mancher Tritt bringt Mann auf den richtigen Weg.

Ich lade Robert in Lindas kleines Dojo ein. Er kennt das schon und beißt sich auf die Lippen. Ahnt er, was geschehen wird?
Sein Verhalten ist pure Unsicherheit. Das hat auch Manfred erkannt.
„Tu ihm bitte nicht allzu weh“, raunt er, als wir in die Disco gehen. „Der Junge ist okay.“
Und gut wird auch der Abend. Hoch das Bein, Olé!

Zwei Tage später, Manfred begleitet einen bleichen Robert. Linda und er arbeiten oft zusammen und helfen sich gegenseitig aus. Freunde über sexuelle Grenzen. Was zählt ist der Respekt. Ich analysiere Robert. Er ist schwerer geworden, was ihn aber noch langsamer macht. Ein Bündel purer Kraft, die er kaum einsetzen kann. Genau das will ich ihm zeigen.

KritikerInnen werden nun sofort den Finger heben und kopfschüttelnd diese Zeilen lesen.
„Frauen können Männer nicht besiegen“, höre ich. „Ein Mann ist viel stärker als du!“
Ja, das ist er. Aber nur, wenn ich mich auf sein Terrain begebe. Nur, was soll ich da?
Robert kickt und er ist gut. Ich reagiere und er fällt. Jeden Angriff kontere ich aus, bis er keuchend am Boden bleibt.
„Das … das gibts doch nicht“, schnauft er. „Wie hast du das nur gemacht?“
Das Wissen um die eigene Stärke ist die wahre Macht.

Ich rufe Manfred, den 2 Meter Mann.
„Och menno, Mayumi“, stöhnt er sofort. „Immer auf die Großen!“
Manfred ist ein Berg von Mann. 110 kg Muskeln. Da hast du keine Chance. Und doch bringe ich ihn locker auf die Matte. (Klein)Robert ist verblüfft.
„Nicht pure Kraft gewinnt den Kampf“, erkläre ich. „Nutze die Kraft des anderen aus. Erkenne den Schwachpunkt. Und dann sei stark.“
Wann wird Mann je verstehen?

 

Engel im Faltenrock

Schuluniformen haben in Japan Tradition. Viele (junge) Frauen mögen den Look und tragen sie auch im Alltag nach der Schule. Wer Asiatinnen kennt weiß, dass wir meist 10 – 15 Jahre jünger wirken, als unser europäisches Pendant. Falten, die haben nur die anderen. Wir haben die im Rock.

Auch Yuki und ich sehen deutlich jünger aus. Und mit etwas Nachhilfe gehen wir als Teenager durch. Es ist Yukis Idee sich quasi zu verkleiden, als wir beruflich in Nürnberg sind. Der Termin ist erledigt, wir haben nun Zeit. Weg mit Heels und Hose.

Das Ergebnis ist bombastisch, wir sehen zum anbeißen sexy aus. Auch unser Verhalten ändert sich. Ebenso die Sprache. Nun sehe ich bereits ein Lächeln auf den Gesichtern meiner LeserInnen. „Ja, das ist einfach für euch, als Japanerinnen.“ Und genau das ist es nicht!

Junge Japanerinnen haben ihre ganz eigene Sprache, einen eigenen Dialekt. Kein Erwachsener wird so jemals sprechen. Wir imitieren auch das perfekt und spielen die albernen Touristinnen. Kichernd Hand in Hand. Und das Biest führt die Regie.

Wir fallen kaum auf. Die Menschen genießen die Sonne und eilen blicklos vorbei. Dann werden wir entdeckt. Ein perlenweißes Lächeln schwebt uns entgegen. Braungebrannt ist der Hünenmann. Das Spiel beginnt, der Vorhang öffnet sich. Bühne frei, wer wird gewinnen? Es folgt des Dramas erster Akt.

Wir werden abgeschätzt, ich kann die Bicke fühlen. Der Strahlemann spricht Yuki an. Sofort erkenne ich den Amerikaner, das ist eindeutig kalifornischer Dialekt. Und Pick-Up-Artist ist er auch, das steht sofort fest. Ich wechsle einen schnellen Blick mich Elfchen. Lasset die Spiele nun beginnen.

„Excuse me, Madam“, startet der Hüne. „Do you speak English? I am lost in this City, if you could help me …?“
„Only little English“, piepst Yuki und mimt die Touristin perfekt. „Sorry, we only Tourists in Germany.“
Natürlich verwechselt sie absichtlich „l“ und „r“ und spricht die Buchstaben als Mischlaut aus. Ich lächele immer nur. Die Sphinx wäre stolz auf mich.
„Okay, never mind“, erwidert unser Strahlemann und schaut auf seine Uhr. Plötzlich verzerrt Panik sein Gesicht. „Oh my God! I … i will miss my train!“

Kurz zur Erklärung, was hier passiert:
Der Typ ist ein Profi, ein „Pick-Uo-Artist.“ Absichtlich hat er mich ignoriert und Yuki angesprochen. Der Grund: sie wirkt (noch) mädchenhafter als ich. Indem er mich ignoriert will er mein Interesse wecken. Dumm nur, dass ich die Tricks besser kann als er. Die „Ich habe mich verlaufen“ Methode ist auch ein alter Hut. Ebenso der Blick auf die Uhr und die gespielte Panik. Sie soll das vielen Frauen eigene Helfersyndrom erreichen. Das habe ich. Aber anders, als er glaubt.

„Trainstation over there“, radebreche ich und zeige in Richtung Bahnhof. „We also go train.“
Die Sonne geht im Gesicht des Typen auf. Innerlich sabbernd steht er vor mir. Vermutlich glaubt er sich auf der Gewinnerstraße. Aber Sieger sehen anders aus.
„You saved my life!“, erklärt er mir und schaut sich suchend um. Wieder ist er (fast) perfekt und Elfchen lacht mit den Augen.
„We show you way“, sage ich. „Come please?“
Gemeinsam geht es Richtung Bahnhof. Und George erklärt sich uns.

25 Jahre ist der Bursche. Footballspieler, ist doch klar. Und Germany findet er so toll! Vor allem das deutsche Bier. Dass wir aus Japan sind findet er awesome!
„It’s so nice to meet you“, wiederholt er immer wieder. Er flirtet gezielt und wir flirten kichernd mit.
Ich kann das gut, es ist kaum zu glauben. Und das ganz ohne jeden Dan.
Bei unseren Namen mogeln wir und nennen uns Yoko und Yuko Okamoto, zwei Schwestern aus Osaka. Japan-Kennern wird der erste Name ein breites Grinsen entlocken. Es handelt sich dabei um Okamoto Sensei, eine wirkliche Superfrau des Aikido. Aber woher soll der tumpe Bursche das nun wissen. Oder das ein „Yuko“ auch eine Wertung im Kampfsport ist.
Ist Japanisch nicht supertoll?

Er liebe Japan, verkündet George und geht zum verbalen Angriff über. Japanerinnen seien so supernice. Viel netter, als die US-Bitches. Und außerdem sähen wir auch besser aus.
Es folgen Komplimente, der Schleim tropft literweise. Fast wird mir ein wenig schlecht. Aber die Rolle sitzt. Mein Lächeln auch.
Ich zeige mich fasziniert von seiner stattlichen Figur.
„We also do make Sport“, erkläre ich. „Tameshigiri. It is good to stay in shape.“
George hört kaum zu und zeigt uns lieber seinen Bizeps.
Mann im Muskelrausch. Ob man mehr Hirnmasse auch trainieren kann?

Natürlich bewundern wir seinen Arm gebührend. Albern kichernd, das Klischee lässt grüßen.
Zentimeter, die (nicht!) die Welt bedeuten.
Tameshigiri ist in Wirklichkeit ein Schnitttest mit dem Schwert (Katana). Und eine üble Sache am lebenden Objekt. Aber die alten Samurai haben Klingen auch an Verurteilten getestet. Japan war grausam zu dieser Zeit.
Grausam wird es auch für George, als er uns umarmen möchte. Vorausgegangen sind noch weitere Komplimente und wie gern er uns wiedersehen will.
„I am Single“, lässt er uns wissen und zwinkert dabei. „Maybe we can meet again …“

Abwechselnd lässt er die Blicke schweifen, er zieht uns mit den Augen aus. Plötzlich ist von Abfahrt keine Rede mehr. „Spontan“ lädt er uns zum Essen ein. Yuki und ich tauschen schnelle Blicke. Ist das nun schon der zweite Akt? George blubbert weiter, der Junge will es wissen. Als wir (gespielt) zögern folgt der Handy-Trick, die Einladung zu einer Party. „I gotta go“, lässt er uns nach dem Anruf wissen. „Some friends are having a real good time. Drinks, fun … But wait, why don’t you join us? We will have such a good time!“

Übersetzt ist das nichts anderes, als die Einladung zu einer Orgie. Vermutlich ist George der Jäger und wir sollen die Beute sein. Aber im Drehbuch steht ein anderes Ende. Ob er es lesen mag? Alle Zweifel schwinden, als der Strahlemann von (s)einem Auto spricht. Er parke nur um die Ecke und es seien nur 5 Minuten bis zum Fest. Plötzlich hat er es eilig. Samenstau im Unterhaus? Er macht den gleichen Fehler, den Mann (bei mir) nur einmal macht.

Georges Lügenstory geht noch weiter. Er fällt aus der Rolle. Wir bleiben drin. Aber als seine Hände uns berühren, greifen wir wie auf Kommando zu.
Georges Schrei ist echt. Alle Kraft ist vergebens. Aikido zwingt ihn auf die Knie.
Passanten bleiben stehen und schauen interessiert. Bühne frei, Japan ist zu Gast.
„Listen asshole“, sage ich laut. „Any wrong move and your wrist is history. Do you copy?“
Yuki Kommentar später: „Du siehst zu viele US-Filme. Du hast wie eine Soldatin geklungen.“
Aber genau das bin ich doch. Eine Kriegerin des Regenbogens.

„What do you want?“, presst George hervor. Sein Gesicht ist kreidebleich. „You want money? Take it! Just don’t hurt me!“
„I don’t need your fucking money“, erwidere ich kalt. „I am gonna teach you a lesson. Look at me! Now!“
George dreht den Kopf. Angst glimmt in seinen Augen. Er mag ein Hüne sein, aber kämpfen kann der nicht.
„I am sick of you guys“, sage ich. „You fucking Pick-Up-Artists are a sickness like the Pest once was. You remember what happened to the Pest, don’t you?“
George presst die Lippen zusammen und nickt.
„We should wipe you out as well“, sage ich und überdehne sein Handgelenk noch mehr. „Any last words?“
Es folgt der finale Akt.

George schluchzt wie ein Kind. Ein feuchter Fleck erscheint in seiner Hose. Wenn Mannes Selbstbewusstsein bricht. Wir lassen George los, einige Jugendliche spenden uns Applaus. Bühne frei nun für den Narren. Unser Vorhang aber fällt. Hand in Hand verlassen wir die Szene. Zwei (eiskalte) Engel im Faltenrock. Mag jemand mit uns fliegen?

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Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben keinen Streit gesucht. Meiner Frau und mir ging es lediglich um etwas Spaß, zwei „Touristinnen“ in Deutschland. Wir machen das ab und an gern. Incognito im eigenen Land. Menschen wie George (Name geändert) braucht niemand. Vielleicht hat er die Lektion gelernt. Der Ippon zumindest ging an uns.

 

 

Das zornige Mädchen

Eine Zeitreise bringt mich ins Jahr 1987 zurück. Dem Jahr, als Düsseldorf meine neue Heimat wird. Ein kleines, blasses Mädchen, verloren in der Zeit. Alles ist fremd und doch aufregend und neu. Mit großen Augen gehe ich meist schweigend durch die Welt. Niemand sieht meine Einsamkeit, die Maske sitzt perfekt.

Angst ist ein Gefühl, das ich nicht kenne. Selbstbewusst erkunde ich Düsseldorf. Ich bin anders, das wissen meine Eltern bereits. Unruhig, still zu sitzen fällt mir schwer. Sport rettet mich, als der Zorn in mir erwacht. Jeden Tag übe ich im Keller-Dojo meines Vaters Karate und Aikido. Budo und Zen als Ventil. Andere nehmen Drogen.

Meine Eltern sagen, dass ich nicht viel, aber sehr bestimmend geredet habe. „Ich will“ und „Nein“, gehören zu meinen Lieblingsworten. Meine Mutter ist entsetzt, mein Papa schmunzelt. Er findet das vermutlich komisch. Eher die Ausnahme bei Japanern.

Wenn ich japanische Filme sehe und Japan besuche fallen mir oft die Kinder auf. Diszipliniert, reglementiert, höflich und angepasst. Nur Außenseiter werden Yakuza. All das konnte ich nur in Maßen sein. Und einen Dieb habe ich als Teenager verprügelt. Die Polizei hat sich bedankt.

Die Energie in mir wird immer stärker. Sie treibt mich stets voran. Ein kleiner Star in der Gemeinde. Hübsch, lächelnd und etwas verrückt. Jungs meide ich instinktiv. Sie sind laut, dumm und ungehobelt. Mädchen mag ich lieber. Sie riechen auch viel besser. Und das ist noch immer so.

Wenn ich heute darüber nachdenke sind das erste Hinweise gewesen. Aber welches kleine Mädchen spielt eigentlich mit Jungs? Einige mag es geben. Auch bei Lesben. Die haben nämlich durchaus Brüder, die sie lieben. Ich habe keinen. Ich habe nur … Ken!

Cousin Ken lerne ich bewusst erst ein Jahr später in Japan kennen. Er ist quasi die männliche Ausgabe von mir. Ähnlichkeiten inklusive. Meine Erinnerungen sind verschwommen, aber manche Bilder sonnenklar. Japan im Sommer 1988. Ein lachender Junge mit dem ich ein Herz und eine Seele bin.

Tante Kazumi ist anders als meine Mutter. Energischer, sehr selbstbewusst. Und doch ganz Japanerin. Aber der Onkel hört auf sie. Öffentlich würde sie ihn aber nie brüskieren.
„Dass Ken auf Jungs steht, habe ich schon lange gewusst“, hat sie mir einmal erzählt. „Für seinen Vater war es schwer zu akzeptieren. Aber wir haben ihn dann überzeugt.“ Kens Coming Out kam erst nach meinem. Er hat sich lange nicht getraut.

Die deutsche Sprache lerne ich sehr schnell. 1989 tritt Natalie in mein Leben. Wie bei Yuki und mir ist es Liebe auf den ersten Blick. Aber anders. Die beste Freundin wird immer ein Teil des Lebens sein. Und auch wenn Natalie vor einigen Jahren starb bleibt sie mein Engel. Und Yuki meine Elfe. Alles klar?

Wie hart das Leben ist, habe ich mit 7 Jahren erfahren, als mich ein dummer Jungenstreich zu Boden schickt. Der Instinkt übernimmt, die Raubkatze erwacht. Keine Tränen, aber ein hohes Knie. Die Rache ist mein, der Junge fiel. Von diesem Tag an, hat mich Mann respektiert. Und wenn nicht ließ ich ihn leiden. Aber angefangen habe ich nie. Aber wie meine Freundin Karin einst sagte: „Du bist der Grund.“ Sucht jemand Streit?

Die Wildheit in mir gibt es immer noch. Niemand sollte mein Lächeln falsch verstehen. Aber ich kann meine Energie lenken und nutzen. Zum Wohl anderer, als Regenbogenkriegerin.