Von Großmeistern und Geschäften – Teil 2

Von Großmeistern und Geschäften – Teil 2

Vor mehr als 6 Jahren, am 07. Mai 2014, habe ich den Beitrag „Von Großmeistern und Geschäften“ geschrieben. Darin ging es um Wing Chun, das Verfechter dieser simplen Kampfkunst für das Nonplusultra halten. Immer wieder ist in diversen Foren zu lesen, wie überlegen sie anderen Stilen ist. Auch Videos haben Sifu (Lehrer) darüber gemacht. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Wie sieht heute meine Meinung aus?

Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich einen Blick auf die Zugriffe dieses Beitrags werfen. Er rangiert seit Jahren ganz oben auf meiner Liste. Offensichtlich ist das Interesse an Wing Chun noch immer hoch. Auf keinen Fall ist das ein Fehler, Wing Chun ist ein durchaus brauchbares System zur Selbstverteidigung. Wer aber Wettkämpfe bestreiten möchte, ist dort fehl am Platz. Jede Form von (Sport!)Karate, Thai- oder Kickboxen ist dafür besser geeignet. Auch das koreanische Taekwondo.

Meine Kritik, die ich bereits 2014 gegenüber den beiden Verbänden EWTO und EVTF äußerte, bleibt weiter bestehen. Nachzulesen im 1. Teil. Wer sich für reine Selbstverteidigung interessiert, ist mit Krav Maga, dem israelischen „Kontaktkampf“, auf der wesentlich besseren Seite. Krav Maga ist schnell und einfach zu erlernen. Dazu noch sehr effektiv. Wing Chun, das ich (nur für mich persönlich) für einfach halte, braucht bis zur „Meisterklasse“ viel mehr Zeit. Das gilt auch für Karate. Bis zum 5. Dan gilt man dort als besserer Schüler.

Kritiker, die es immer geben wird und soll, sehen das vielleicht anders. Aber aus einer Fliege wird nun mal kein Elefant. Hinzu kommt noch, dass diese Kritiker den Fokus stets auf die körperliche Auseinandersetzung richten. Was sie vergessen: Das ursprüngliche Karate kennt keinen Erstangriff. Man hat sich damit auf Okinawa verteidigt und den Angreifer „umgebracht.“ Auch heute kämpfen Karateka auf Okinawa kaum auf Turnieren. Ursprüngliches Karate ist für viele eine Lebenseinstellung und Philosophie. Sportkarate hat damit nichts zu tun.

2014 schrieb ich: „Ein System kämpft nicht, wenn man in einer dunklen Gasse angegriffen wird. Das macht einzig und allein der Mensch. Wing Chun wird kein magischer Helfer in der Not sein und auch keinen Notarztwagen rufen.“ Genau das ist der Fehler den viele machen, wenn sie ihren Sport, ihre Kampfkunst, als das Maß aller Dinge sehen.

Noch einmal: Es gibt kein „bestes System!“ Den Beweis dafür kann man ab und an in den Nachrichten sehen, wenn Weltmeister von normalen Menschen auf die Mütze bekommen. Es wird immer jemand geben, der einem anderen in irgendetwas überlegen ist. Das ist auch in Ordnung so. Dazu kann ich gern eine kleine Anekdote erzählen, bei der ich in Deutschland zugegen war.

Vor etwas mehr als 20 Jahren war ich mit meinem Vater in einem Dojo zu Gast. Soweit ich mich erinnere, war das kurz vor dem Ende meiner ohnehin nur kurzen Wettkampfkarriere. Der (deutsche) Sensei hatte den 2. Dan im Shotokan-Karate, unterrichtete aber auch Kickboxen. Einer seiner Schüler war ein aufstrebendes Talent. Sehr beweglich, dynamisch, kurz gesagt ein guter Sportler. Während ich mit einigen Mädels trainierte, mein Vater sich mit dem Sensei unterhielt, gab es zum Abschluss des Trainings das unvermeidliche Kumite (Sparring).

Der Sportler, nennen wir ihn Tom, wurde einem Jungen mit dem (von mir geänderten) Namen Mike zugewiesen, der offenbar ein Neuling war. Ein Braungurt stand also einem Weißgurt gegenüber. Der Ausgang des Sparrings schien klar, war doch Tom ein erfahrener Wettkämpfer, der schon Turniere für sich entschieden hatte. Entsprechend arrogant trat er auf.

Als sein erster Tritt mit einem Konter abgefangen wurde und Mikes Fuß klatschend an seinem Kopf landete, herrschte plötzlich Totenstille Entsetzte oder belustigte Blicke waren zu sehen. Tom murmelte etwas wie „… nicht aufgepasst …“ Er riss sich zusammen, ging in Kampfstellung und kassierte den gleichen Tritt, der blitzschnell über seine Deckung ging. Sein Gesicht rötete sich. Vor Wut und durch die Treffer. Ich wusste in diesem Moment, dass er verloren hatte und tauschte einen Blick mit meinem Vater aus.

Papa und ich verstehen uns in Sachen Karate blind. Das war schon damals so. Toms nächster Angriff ging ins Leere, Mike verpasste ihm zum dritten Mal den gleichen Tritt. Diesmal ging Tom zu Boden. Aber mehr aus Schock, wirklich hart durchgezogen werden solche Treffer nicht. „Ich bin heute nicht so gut drauf“, hörte ich. Dann stand Tom auf und verzog sich in eine Ecke.

Mike blieb ziemlich verlegen zurück. Weder triumphierte er, noch hatte er das gewollt. „Was habe ich denn falsch gemacht?“, fragte er den Trainer, der ihm aufmunternd auf die Schulter schlug. „Alles in Ordnung“, sagte er. „Wie wäre es, wenn du mit jemand anderem weiter trainierst?“ Das hat Tom dann gemacht. Ich habe ihn beobachtet. Er konnte, woher auch immer, nur diesen einen Tritt und hatte nie zuvor etwas mit Karate zu tun. Vielleicht hatte er sich die sogenannten „China Filme“ angeschaut.

Was aus den beiden Kontrahenten wurde weiß ich nicht. Vielleicht war Mike ein unentdecktes Talent, vielleicht auch nur eine Eintagsfliege. Dieser kleine Vorfall zeigt aber, dass ein System niemals überlegen ist. Es ist immer der entsprechende Mensch. Das sollte sich jeder auf die Fahne schreiben, der seinen Sport, seine Kunst, für unschlagbar hält. Unschlagbar gut ist ohnehin nur meine Yuki. Aber einen Gewinner oder einen Verlierer gibt es bei uns nicht. Nur Gemeinsamkeit macht stark.

Karate, Kicks und Kumite

Karate, Kicks und Kumite

Dieser Beitrag ist zum größten Teil zwischen dem Herbst 2019 und Frühling 2020 entstanden. Durch „Corona“ und unseren Aufenthalt in Schweden, hatte sich die Fertigstellung verzögert. Aktuell trainiere ich natürlich wieder mit meinem Vater. Ohne Maske versteht sich, um unsere finsteren Blicke zu sehen. Das war natürlich Spaß. Aber Papa behauptet stets, dass ich unlautere Mittel anwende und ihn zum Schmunzeln bringen kann. Meine Schilderung mag scheinbar disziplinlos sein, das Gegenteil ist der Fall. Karate ist Disziplin in Vollendung.

Mein Vater war sieben Jahre alt, als sein Vater begann ihn in Gōjū-Ryū-Karate zu unterrichten. Gōjū-Ryū ist ein Karate-Stil mit lang zurückreichender Tradition, der besonders viele Elemente des ursprünglichen chinesischen Boxens des 17. bis 19. Jahrhunderts enthält und auf den sogenannten Kranich-Stil aus China zurückgeht. (Daitō-ryū) Aikijūjutsu, die Urform des Aikido, lernte er einige Jahre später. Ebenso Kenjutsu, den Schwertkampf. Wie mein Vater mich, hat auch mein Großvater ihn in Zen unterrichtet. Aber still zu sitzen und zu meditieren, war schwierig für mich. Musik half. Papa hatte mich unruhigen Geist „besiegt.“ Zumindest für einige Minuten. Danach soll ich ihm angeblich wieder Löcher in den Bauch gefragt haben.

Aikijūjutsu diente als waffenlose Selbstverteidigung der Samurai und war für das Schlachtfeld gedacht. Entsprechend hart sind seine Techniken. Verlor der Samurai sein Katana, wurde er durch einen Schlag entwaffnet, hat er sich natürlich zu verteidigen versucht. Dafür war Aikijūjutsu gedacht. Wie sinnvoll oder effektiv es ist sich unbewaffnet gegen einen Schwertkämpfer zu stellen, steht auf einem anderen Blatt. In Filmen geht das, in der Realität verliert man mindestens die Finger oder Hand.

Mein Vater hat mir viel von meinem Großvater erzählt, der leider viel zu früh gestorben ist. Das Schicksal geht oft eigene Wege, aber vermutlich hätte ich den Mann gemocht. „Dich nicht zu mögen ist schwer“, hat mein Vater mir einmal gesagt. „Auch wenn du alles dafür tust.“ Meine Antwort ist wenig druckreif, aber Papa hat auf sehr japanische Art gelacht. Für Japaner ist Karate viel mehr als „Prügel“ und „Gewalt.“ Leider scheint man das im Westen kaum zu verstehen. Viele verschwenden ihr Leben mit einer Suche, um die allerletzte Weisheit im (Stil der eigenen Wahl einsetzen) zu erlangen. Sie suchen den Zweikampf, die Auseinandersetzung und glauben, dass der „Sieg“ über einen Kontrahenten Ruhm und Ehre bringt.

Das Gegenteil ist der Fall. Ich lehne Gewalt ab und wollte mich als Kind niemals prügeln. Und doch habe ich die eine oder andere Auseinandersetzung gehabt. Eine ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, der ich den Titel „Wer die Nachtigall stört“ gab. Vielleicht zeigt diese Szene ansatzweise, wie ich wirklich bin. Teenager zu sein, hat mich zum Agent Provocateur werden lassen. Ich habe keinen Streit gesucht, aber auch keinen vermieden. Heiße Ohren hatte ich stets im Sonderangebot. Meist blieb es bei scharfen Worten, die auch heute noch hilfreich sein.

Mein Vater hat mich in einer Mischform aus Karate und Aikido unterrichtet hat. Anfangs spielerisch sind die Techniken im Lauf der Zeit härter und komplexer geworden. Aus dem eher sanften Aikido, das lediglich freundschaftliche Partnerübungen kennt, ging es nahtlos in die zum Teil schmerzhaften Techniken des Aikijūjutsu über. Wer nun glaubt mein Vater habe mir Schmerzen zugefügt, der kennt ihn schlecht. Andererseits bin ich wenig empfindlich, wenn es im Training zu Kontakten kommt. Schon als Kind habe ich dadurch meinen Körper abgehärtet. Mein Vater ist ein Vertreter des klassischen Karate. Er lebt und atmet diese Kunst. Trotzdem wagt er den Blick über den Tellerrand, hat aber, im Gegensatz zu mir, keine anderen Kampfkünste aktiv trainiert. Überrascht bin ich immer, wenn er doch Antworten auf Techniken anderer Stile kennt. Auch mit fast Sechzig, ist er immer noch sehr gut und ein ausgezeichneter Lehrer.

Leider erinnere ich mich nicht mehr an die unzähligen Stunden in Keller-Dojo. Lediglich Einzelheiten tauchen aus dem Nebel der Erinnerung auf. Ab und zu waren auch andere Kinder zu Besuch, dann wurden wir gemeinsam unterrichtet. Es muss wohl durchaus spaßig gewesen sein, wenn wir mit einem Schaumstoff-Katana aufeinander losgegangen sind. Eine Szene ist mir im Gedächtnis geblieben, als wir Kinder meinen Vater „verprügeln“ durften. Wir haben so laut gelacht, dass auch meine Mutter in den Keller kam und ihn vor uns „gerettet“ hat. Hinterher gab es leckeren Kuchen. Läuft das eigentlich unter Bestechung?

Im Normalfall wird Aikido erst ab dem 14. Lebensjahr gelehrt, was durchaus sinnvoll ist. Mein Karate kennt Nah- und Bodenkampf. Das habe ich mit Aikijūjutsu kombiniert und meinen eigenen Stil entwickelt. Kyokushin-Karate, Taekwondo, Tai Chi, Hung Gar und Wing Chun, habe ich später gelernt. Ein Ausflug in den Kranich-Stil wird folgen. Um jedem Missverständnis vorzubeugen und die Frage zu beantworten, ob es einen „besten Stil“ gibt, werde ich es noch einmal erklären. Jeder Stil ist gut. In jedem Stil wird es hervorragende Kampfkünstler oder -sportler geben.

Im Schwertkampf ist mir mein Vater ab und zu noch überlegen. Als Kind hatte ich so meine Probleme damit. Ich erinnere mich an eine Szene, als wir die Zweischwert-Techniken übten. Ich hatte zwei Plastikschwerter, auf die ich mächtig stolz gewesen bin. Aber mein Vater schlug sie mir stets aus der Hand. Mayumi „wütend“ ist kein Spaß. Mit einem lauten Schrei habe ich das kürzere Schwert nach ihm geworfen. Miyamoto Musashi, Japans größter Samurai, hat das bei einem seiner legendären Zweikämpfe ebenfalls gemacht. Papa war überrascht und mir tat es sofort wieder leid. Ich habe mich danach doppelt angestrengt.

Aikijujutsu kennt kein Sparring. Wie in dem daraus entstandenen Aikido, werden dort lediglich Partnerübungen ausgeführt. Alles andere wäre viel zu gefährlich. Statt der weit ausholenden Aikido-Bewegung, wird eine Aktion im Aikijujutsu „kurz“ ausgeführt, was im Ernstfall zu Verletzungen bei einem Angreifer führt. Spaßig wird es, wenn wir eine Mischung aus Judo und JiuJitsu trainieren. Dabei geht es nie darum wer gewinnt oder verliert. Allerdings ärgert er mich gern, was meine Gegenreaktion provoziert. Aber egal wer zum Schluss am Boden liegt, im Endeffekt gewinnen wir beide.

Außenstehende verwechseln oft Kampfkunst und -sport. Im Sport geht es um Punkte, um den Sieg, um Preisgelder und Medaillen. Ein Sieg in der Auseinandersetzung zweier Kampfkünstler wäre eine Niederlage für beide. Der Gewinner würde sein Gesicht verlieren, der Verlierer wäre „tot.“ Sich aber auf freundschaftlicher Ebene auszutauschen, dem anderen Respekt zu zollen, ist legitim. Es sollte niemals so enden, wie das Erlebnis mit einem Karateka aus Okinawa zeigt.

Dazu noch ein Hinweis. Wer ursprüngliches Karate lernen möchte, der geht ohnehin nach Okinawa. Die dortigen Meister sind eine Klasse für sich, haben aber manchmal auch verschrobene Ideen. Wir hatten ein solches Exemplar vor einigen Monaten zu Gast. Der Mann ist über 70 Jahre alt und lehrt seinen eigenen Stil, den er vermutlich mit ins Grab nehmen wird. „Karate sollte man erst mit zwanzig Jahren lernen“, sagt er im Brustton der Überzeugung, als er uns mit Aiko trainieren sieht. „Sollten nicht schon Kinder Disziplin und Ausdauer lernen?“, kontere ich. „Genau dafür bietet sich Karate an.“

Der Meister, den ich Sensei Masada nennen möchte, schaut mich mit ausdruckslosen Augen an. In Aikos Gesicht lese ich Widerwillen. Tapfer bringt sie das Training zu Ende und geht dann mit Yuki nach Hause. Europäische Kinder hätten dem Sensei zum Abschied vielleicht die Zunge gezeigt, Aiko belässt es bei ihrem finstersten Blick. Mein Vater erzählt Sensei Masada stolz von meinen sportlichen Erfolgen und warum ich den 5. Dan bekommen habe. „Sportkarate verwässert die Tradition“, meint der alte Mann. Er deutet auf ein Bild von mir, das mich bei einem gesprungenen Drehkick zeigt.

„Ohne Kickboxen und Sportkarate, wäre das klassische Karate längst tot“, erwidere ich. „Vielleicht nicht ausgestorben, aber es hätte sich nie weltweit verbreitet.“ „Ist es erstrebenswert, dass die ganze Welt nun falsches Karate kann?“, will der Sensei wissen. „Sportkarate hat doch erst die Neugier auf die Tradition geweckt“, gebe ich zu bedenken. Japan, die ganze Karate-Welt besinnt sich zurück, der alte Weg wird wiederkommen. Ich stimme jedoch zu, dass klassisches Karate einer gewissen geistigen Reife bedarf. Wenn es an der Zeit ist, werden wir Aiko auch in Zen unterrichten.“

„Karate ist für Kinder zu gefährlich“, widerspricht der Sensei. „Sie haben noch keine Kontrolle über sich, wie leicht könnten sie andere verletzen. Ihnen fehlt der eiserne Wille, der zur Meisterung von Karate wichtig ist. Die Gefahr, dass sie das Erlernte falsch einsetzen ist groß.“ „Was wäre die Alternative?“, frage ich.Judo wäre für Kinder die bessere Wahl“, höre ich. Womit Sensei Masada durchaus recht hat. Was er nicht weiß, dass wir auch Würfe unterrichten. Noch weniger weiß er allerdings, dass unser Frechdachs jeden Wurf perfekt ausführen kann. Einige Jungs haben das schon am eigenen Leib erlebt.

Der Sensei hat einen Schüler mitgebracht, den ich Sasuke nennen möchte. Seine überhebliche Art weckt sofort meinen Widerwillen. Wir laufen einige Kata, es folgt das unvermeidliche Kumite. Sasuke ist größer und schwerer als ich. Ich ahne mehr als ich weiß, dass er seine körperliche Überlegenheit ausspielen will. Wir beginnen mit Sport Kumite. Dort werden Treffer lediglich angedeutet. Aber Sasuke will davon nichts wissen und sucht absichtlich den Kontakt.

Einen Zweikampf nur mit Worten zu beschreiben kann schwierig sein. Selbst im Video sieht er wesentlich schlechter aus, als in diversen Filmen. Dort wird ohnehin nur eine Art „Ballett“ gezeigt. Auf der Straße entscheiden etwa 9 Sekunden über „Leben und Tod“, um es salopp auszudrücken. Sasuke erweist sich als regelrechte Kampfmaschine. Unaufhörlich marschiert er nach vorn, es hagelt Tritte und Schläge, denen ich kaum ausweichen kann.

Als Frau bin ich gegenüber der Physis eines Mannes natürlich im Nachteil. Pure Kraft kann ich nur mit Schnelligkeit ausgleichen. Trifft mich ein harter Tritt, gehe ich zu Boden und / oder bin (schwer) verletzt. Hollywood- oder sogenannte „China-Filme“ zeigen nicht die Realität, wenn weibliche Hauptdarstellerinnen brutale Schläge von Männern verkraften können. Allerdings kann man durch Körperkontrolle, die Wucht eines Treffers abmildern.

Sasukes Grinsen verstärkt sich, als ein zu harter Tritt meine Bauchmuskeln trifft. Als Antwort kicke ich im Reflex ebenso hart in die Innenseite seines Oberschenkels, was ihm überhaupt nicht gefällt. Das versteinerte Gesicht meines Vaters spricht Bände. Ich sehe, wie sich seine Hände zu Fäusten ballen. Fast unmerklich schüttele ich den Kopf und provoziere Sasuke mit Worten. Seine Antwort ist ein sogenannter „Roundhouse-Kick“, der jedem anderen vermutlich die Rippen gebrochen hätte. Dieser Mann ist nicht reif für Karate, das beweise ich ihm sofort.

Ich bin im (Sport)Karate, was man beim Boxen eine Konterboxerin nennt. Meine Antwort auf Sasukes Tritt, ist ein gesprungener (Kyokoshin)Drehkick zu seinem Kopf, der das Duell abrupt beendet. Sasuke liegt benommen am Boden, Sensei Masadas Lippen werden schmal. Er ringt mit sich, der Vorfall ist ihm sichtlich unangenehm. „Das hätte auf keinen Fall geschehen dürfen“, sagt er. Wortlos geht er auf den noch immer benommenen Sasuke zu und hilft ihm auf die Beine zu kommen. Dann verlässt er mit ihm den Raum.

Sensei Masada hat meinem Vater später einen langen Brief geschrieben und sich in aller Form entschuldigt. Auch bei mir. „Geistige Reife“, schrieb er, „hat offensichtlich doch weniger mit dem Alter zu tun, als ich bisher angenommen habe. Das Verhalten meines ehemaligen Schülers fällt auf mich zurück, ich habe als Lehrer versagt.“ Soweit ich informiert bin, hat der Sensei sein Dojo mittlerweile geschlossen. Sasuke hat er noch am Tag des Vorfalls verstoßen.

Um ansatzweise deutlich zu machen wovon ich schrieb, habe ich ein Video aus dem Netz gesucht, das Kyokushin-Kicks in Vollendung zeigt. Diese Tritte habe ich vor Jahren beim Training mit meinem Cousin gelernt. Zarte Gemüter seien gewarnt. Solche Treffer können schmerzhaft für Leib und Seele sein.

 

 

Gegen jede Regel

Schon mehrfach habe ich über das (gute) Verhältnis zu meinem Vater geschrieben. Von ihm habe ich die eiserne Disziplin geerbt. Dafür redet er weniger und ich umso mehr. Darin bin ich ihm überlegen. Aber das habt ihr bestimmt gewusst.

Dezember 2017. Wir sind im Dojo und trainieren, als mein Vater erwähnt, dass im Januar 2018 ein kleines Karate-Turnier auf dem Programm stehe und er mich gern als Teilnehmerin sähe.

„Das wäre unfair“, wehre ich auf Deutsch ab und sehe ihn schmunzeln. „Was hast du vor?“, will ich sofort wissen, „deine eigene Tochter als Fallobst präsentieren?“

Jedem anderen wäre mein Vater nun vermutlich böse, aber ich konnte schon immer mit ihm machen was ich will. Was sich auch beim Training äußert. Alle tragen den klassischen Karate-Gi nur Yuki und ich sind bunt.

Unsere farbigen Kampfsportjackem stammen aus dem Taekwon-Do und sind sogenannte Schlupfjacken mit V-Auschnitt. Der Vorteil beim Training oder Kumite, sie können sich nicht öffnen.

Väterchens Mundwinkel zucken verräterisch, nur Yuki und er haben mich verstanden. Ich analysiere die Lage und schaue mir die TeilnehmerInnen an. Wir haben einige riesige Talente, die deutlich jünger als meine Biestigkeit sind. Können die mich schlagen?

Mit Ausdauer

Wer die Vorbereitung auf einen Boxkampf kennt weiß, wie hart ein Sportler dafür trainieren muss. Ohne Ausdauer hat man keine Chance. Das gilt auch für Sportkarate, Kickboxen oder Taekwon-Do.

Drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche, jeden Tag dehnen, ab und zu Fitness Studio oder Kendo (Schwertkampf), vielleicht auch leichtes Joggen, ist unser Normalprogramm. Aber das ist noch immer zu wenig für ein wirkliches Turnier.

Hinzu kommt der Faktor Zeit,  der Berufstätigen oft als Hindernis im Wege steht. Nicht umsonst sind oft StudentInnen die besten SportlerInnen der Welt.

„Macht dich das Alter langsamer?“, höre ich die Frage kommen. Anfälliger für Verletzungen, wäre eine mögliche Antwort. Wobei ich in dieser Hinsicht keine Probleme habe. Aufwärmen ist bei mir Pflicht.

Alter schützt vor Torheit nicht

Bin ich schon zu alt für Turniere? Für die Olympischen Spiele auf jeden Fall, aber das sehe ich ganz gelassen. Sportkarate war lediglich eine kurze Phase in meinem Leben.

Verloren habe ich nie. Lediglich eine Disqualifikation habe ich zu vermelden. Was darf ich, wie weit kann ich gehen innerhalb der Regeln. Genau da liegt nun auch aktuell mein Problem.

Ich lasse mich überreden und auch Yuki macht mit. Das wird spannend! „Wehe du verhaust mich!“, sagt sie im Scherz, „das wäre Gewalt in der Ehe.“ „Ist klar“, erwidere ich trocken, „wie war das noch mit deiner Hand auf meinem Po?“

Elfchen und ich necken uns bekanntlich gern, aber keine schlägt die andere wirklich. Nur Außenstehende könnten eine Balgerei zwischen uns wirklich falsch verstehen. Noch echter wirkt allerdings ein (gespielter!) Fight mit Cousin Ken, der regelmäßig in Lachanfällen endet.

Kunst gegen Sport

Nun bin ich seit mehr als 10 Jahren ohne Praxis, was sportliche Wettkämpfe betrifft. Wird meine Kunst helfen, wenn es um punktgenaue Treffer geht? Aber ich habe einen Plan und der hat noch immer funktioniert.

Zum besseren Verständnis erkläre ich noch einmal den Unterschied  von Kampfkunst und -sport. Klassisches Karate kennt keinen Erstangriff und dient ausschließlich der Selbstverteidigung. Block, Schlag / Tritt, Gegner tot (besiegt!), um es salopp auszudrücken.

Im Sportkarate werden Treffer gesetzt, die unterschiedlich gewertet werden. SportlerInnen müssen also angreifen lernen. Ich habe meist abgewartet und meine GegnerInnen ausgekontert. Das hat immer funktioniert.

Die Tage vergehen, in jedem Training wird nun fleißig Kumite geübt. Ich zeige wenig und weiche meist nur aus. Tai Chi gegen Karate, das macht mir Spaß. Oder ich überrasche mit hohen Taekwon-Do Kicks, die unerfahrene Karateka oft vor Probleme stellen.

Siebzehn Jahr, dunkles Haar …

Ein siebzehnjähriges Mädchen, das ich Yuna nennen möchte, ist der heimliche Star der kleinen Truppe. Sie stammt aus Okinawa und hat dort Shitō-Ryū Karate trainiert. Ihren Wunsch an Turnieren teilzunehmen, haben ihre Eltern respektiert. Nun trainiert sie bei meinem Vater.

Schnelligkeit und Aggressivität zeichnen Yuna aus, sie ist wirklich gut! Meist trainiert sie mit einem Jungen, der ihr hoffnungslos verfallen ist. Mein Kennerblick kann das sofort sehen. Auch der Teenager ist gut, hat aber keine Chance (bei ihr). Ob ich ihm helfen soll?

„Untersteh dich!“, flüstert Yuki, „die beiden machen das schon.“ „Na gut“, erwidere ich, „dann lege ich eben beide flach.“ Rein sportlich versteht sich! Yuki zuliebe und um niemand zu blamieren, habe ich darauf verzichtet. Bis zum Turnier.

Gegen jede Regel

Yuki schlägt sich tapfer, aber ihr fehlt jede sportliche Kampferfahrung. Daher scheidet sie schon in der ersten Runde aus. „Zum Glück!“, gesteht sie mir später, „Sportkarate ist überhaupt nicht mein Ding!“

Mein Blick über den Tellerrand von Karate, hat mir den Weg zu einem Stil geöffnet, der intuitiv, blitzschnell und hochdynamisch ist. Gegen Kicker gehe ich in den Nahkampf oder hole reine Faustkämpfer von den Beinen.

Auch Yuna gewinnt und kickt im letzten Kampf ihren Verehrer von der Matte. Das Mädel ist wirklich gut! Wer wird die neue Königin?

Yuna hat zwar den 1. Dan, aber keinerlei Wettkampferfahrung. Zwar ist ihr Shitō-Ryū ein guter Stil, aber Zweikämpfe werden von Menschen entschieden.

Mein selbstbewusstes Lächeln ist der erste Punkt (m)ein nicht regelkonformer Wurf das frühe Aus für mich. Aber so ist das Leben, manchmal muss Frau gegen jede Regel sein.

Mein Vater verdreht die Augen und Yuna verbeugt sich noch vor der Siegerehrung vor mir. Keine Ahnung, was das nun wieder bedeuten soll.

Karate heute – Zurück zu den Wurzeln

Vor mehr als einem Jahr, habe ich den Beitrag „Das ist Karate!“ verfasst. Dort habe ich auf die Unterschiede zwischen der Kampfkunst und dem daraus entstandenen Sport hingewiesen.

Aber noch immer herrscht großes Unverständnis darüber, was Karate wirklich ist. Kickboxer und muskelbepackte Mixed Martial Arts (MMA) Fighter rühmen sich, die besten auf der Welt zu sein.

Aussagen wie diese zeigen nur wieder, dass man(n) wie so oft nichts versteht. MMA ist ein Sport, bei dem es feste Regeln gibt. Traditionelles (Okinawa) Karate dient nur der Selbstverteidigung.

Wieder sind es die beiden Sensei aus dem damaligen Video, die „Karate für die Straße“ zeigen. Und das wie ich finde richtig gut! Vermutlich werden nun einige LeserInnen verblüfft die Köpfe schütteln und sagen „Das habe ich schon anderswo gesehen!“

Ja, das haben sie wirklich, andere Kampfsportarten haben sich nämlich kräftig beim Original bedient. Auch und ganz besonders, das angeblich so tolle MMA, das lediglich die niederen Instinkte der Massen anspricht.

Aber bis auf das damals noch unbekannte Boxen, hat man so schon vor Jahrhunderten auf Okinawa trainiert. Mit allerdings erheblichen Konsequenzen für Angreifer, wenn es den Ernstfall gab.

Immer mehr Sensei besinnen sich auf die Wurzeln des Karate und wollen diese entweder selbst lernen, oder an ihre Schüler weitergeben. Vielleicht hat dieses neue Interesse an (m)einer Kunst etwas mit den Olympischen Spielen in Japan zu tun und bietet die einmalige Chance, den Wettkampfsport Taekwon-Do abzulösen.

 

 

Und Macheath, der hat ein Messer …

Dieser Beitrag stellt keinen Aufruf zur Gewalt dar. Er richtet sich an interessierte LeserInnen, die mehr über Selbstverteidigung erfahren möchten und vielleicht einen kleinen Einblick in meine Welt gewinnen wollen. Entstanden ist er bereits vor meinem Urlaub. Ein Grund war mein blankes Entsetzen darüber, was von angeblichen „Experten“ in Sachen Selbstverteidigung angeboten und gelehrt wird. 

Juli 2017. Der Ort: Das Dojo eines Karate-Clubs. Das Land: Deutschland. Der Anlass: Ein Seminar für Selbstverteidigung. Die Zielgruppe: Frauen. SeminarleiterIn: Ich

In Deutschland ist das Interesse an Selbstverteidigung neu erwacht. Seit „Köln I“ haben Frauen meine Kurse überrannt. Aber kann ich ihnen wirklich Sicherheit bieten?

Zusammen mit meiner Freundin Linda, gebe ich Kurse in verschiedenen Städten. Die folgenden Szenen sind wirklich so passiert und ähneln sich immer wieder. Der Inhalt des Artikels bildet lediglich jene Ausschnitte ab, die zum besseren Verständnis der Thematik beitragen sollen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Mir geht es nicht darum, bestimmte Kampfkünste oder -techniken schlecht zu reden. Aber die Abwehr gegen ein Messer funktioniert meist nur im Dojo.

Der Grund ist einfach: Angreifer führen keine starre Technik aus. Abwehrtechniken dienen als Grundgerüst, um sich zu verteidigen. Das muss der Schüler wissen. Und der Lehrer auch.

Der (Dis)Kurs

Mehr als ein Dutzend Mädchen und Frauen stehen vor mir, die meisten sind völlig unerfahren und haben noch nie Selbstverteidigung praktiziert. Aber alle vereint sie der Wunsch nach Hilfe und wie Frau sich besser schützen kann.

Frauen müssen lernen, die eigene Angst zu kontrollieren. Hilflos kreischende Mäuschen braucht in diesen Tagen niemand. Selbst ist die Frau. Viele deutsche Männer kämpfen nur am Tresen. Hoch die Tassen, Prost!

Ich spreche allgemeine Dinge an, die Praxis kommt später. „Selbstverteidigung beginnt primär im Kopf“, beginne ich. „Ein aufrechter Gang, Blickkontakt mit einem möglichen Aggressor, vor allem die Vermeidung einer gefährlichen Situation sind nur einige Regeln, um sich als Frau zu schützen.“

„Aber bedeutet das nicht, auf liebgewordene Freiheiten zu verzichten?“, will eine Teilnehmerin wissen. „Ich gehe nun mal gern Party machen und ich habe keinen Freund.“ „Wo ist das Problem mit mehreren Frauen zu gehen, von denen eine fährt und nüchtern bleibt?“, ist meine Gegenfrage. „Man wechselt sich dabei ab, so hat jede ihren Spaß.“

„Und wenn uns wer mit der Waffe bedroht?“, kommt schon die nächste Frage, die typisch für das klischeehafte Denken mancher Menschen ist. „Die Chancen in Deutschland auf einen Bewaffneten zu treffen sind eher gering“, erwidere ich. „Eventuell wird ein Messer benutzt, aber meist damit nur gedroht. Die wenigsten Kriminellen haben Waffen.“

„Ja, aber was wenn doch?“, wird nachgehakt. „Wie schützt Frau sich dann?“ „Gegen einen Messerstecher gibt es fast keinen Schutz“, erwidere ich wahrheitsgemäß. „Gebt ihm was er verlangt, es ist in den meisten Fällen nur Geld!“ Aber die Frau will es wissen. „Und wenn er mehr will, also vergewaltigen und so?“, fragt sie.

Und Macheath, der hat ein Messer …

„Ich habe Dinge gesehen, die Ihr Menschen niemals glauben würdet … (Teilzitat aus dem Film „Blade Runner“)

Auch ich habe auf youtube Dinge gesehen, die mir die Tränen in die Augen trieben. Ich spreche von Abwehrtechniken gegen Messerstecher, die blanker Unsinn sind. Keine Kampfkunst, weder Karate noch Wushu (Kung Fu) oder Krav Maga, kann gegen ein Messer bestehen. Gibt es daran Zweifel? Dann bitte weiter lesen.

Schlimm dabei, der Messerstecher muss über keinerlei (Kampfkunst)Erfahrung verfügen. Ein Messer ist und bleibt tödlich. Wer etwas anderes verkauft, der lügt. Es mag es auf der Welt eine Handvoll Menschen geben, die gegen einen Messerstecher bestehen können. Ein reiner Kampfsportler kann das meist nicht.

Und damit könnte ich diesen Beitrag schließen und zur Tagesordnung übergehen. Aber es geht natürlich weiter. Ich hole ein Plastikmesser, stelle mich hinter Yuki und halte es an ihren hübschen Hals. „Was macht man dagegen?“, frage ich und schaue in die Runde. Hilflose Blicke. Es herrscht Ratlosigkeit, keine weiß ein Gegenmittel.

Wehrlos

„Yuki?“, frage ich, „weißt du etwas?“ „Ja“, erwidert Elfchen, „ich mache nichts! Bewege ich mich jetzt, ende ich mit durchschnittener Halsschlagader und verblute in weniger als zwei Minuten.“

„Aber wozu sind wir dann hier, wenn es keine Abwehr gibt?“, will die Frau wissen, die es noch immer nicht verstanden hat. „Du bist hier um zu lernen, wie du diese Situationen vermeidest,“ erwidere ich. „Und was du doch tun kannst, wenn jemand wirklich etwas Böses von dir will. Mit und ohne Messer.“

Ich löse mich von Yuki und trete einen Schritt zurück. „Spielen wir die Szene real durch. Das hier ist eine dunkle Straße, ich bin ein Finsterling und sie auf dem Weg nach Hause. Ich komme ihr entgegen, sie sieht mich und handelt.“

Wir gehen aufeinander zu, Yuki hält Blickkontakt mit mir und lässt mich keinen Moment aus den Augen. „Hey Süße“, sage ich und bleibe stehen. „Was machst du hier so allein?“ „Lass mich in Ruhe!“, erwidert Yuki mit lauter Stimme. Sie hält Blickkontakt und beobachtet dabei kurz die Umgebung, aber ich bin allein.

„Ach jetzt hab dich doch nicht so, Schätzchen“, gebe ich den Bösewicht. „Ich will doch nur etwas Spaß mit dir!“ Yuki läuft los, die Mädels schauen perplex. „Weglaufen, meine Damen!“, sage ich, „immer weglaufen, wenn das möglich ist!“

„Und wenn ich meine hohen Schuhe trage?“, will eine andere Frau wissen. „Dann ziehst du sie aus“, sage ich. „Und zur Not kannst du sie noch als Waffe benutzen.“ Die Frauen sind nicht überzeugt. Die Angst vor einem Vergewaltiger sitzt tief. Leider auch die Hemmungen sich wirklich zu wehren.

Gestochen scharf

Ich reiche das Plastikmesser in die Runde. „Schaut euch das genau an“, sage ich. „Im Gegensatz zu den meisten Küchenmessern, hat dieses hier zwei Schneiden und wäre real noch gefährlicher. Angeblich funktionierende Abwehrtechniken sehen meist nur im Dojo gut aus und bringen dem Anbieter eines Kurses viel Geld. Aber sie sind so gut wie immer nutzlos, wie ich euch zeigen werde.“

Linda, die einen schwarzen Pullover trägt, stellt sich in Positur. Ich hole ein mit einem Kreidestück präpariertes Plastikmesser und gebe erneut den Bösewicht. Aggressiv „steche“ ich auf Linda ein, die weder meine Angriffe abwehren noch ihnen ausweichen kann. Schnell füllt sich der Pullover mit weißen Strichen.

Wir zählen nach und kommen auf 17 Treffer, die Frauen schweigen betroffen. „Der Fehler, der in solchen Kursen gemacht wird, es wird davon ausgegangen, dass der Angreifer den Arm stehen lässt. Aber selbst ein ungeübter Messerstecher wird genau so nicht handeln und mehrfach zustechen oder schneiden. Das Ergebnis könnt ihr bei Linda sehen.“

„Und es gibt wirklich überhaupt keine Möglichkeit der Abwehr?“, will eine Frau wissen, die sichtlich verängstigt wirkt. „Doch“, erwidere ich, „aber die wirst du als Ungeübte nicht überleben. Ich zeige euch etwas anderes. Linda?“

Linda nickt und gibt nun die Angreiferin. Ich habe ein Handtuch gegriffen, dass (m)eine Jacke darstellen soll und werfe es ihr ins Gesicht. Während sie abgelenkt ist laufe ich weg. Gefahr gebannt. Punkt.

„Auf Distanz bleiben, ist die oberste Regel,“, sage ich. „Werft etwas nach ihm. Ein Feuerzeug vielleicht eine Zigarette, eine Jacke die ihr auf den Arm tragt oder greift in einem Raum nach egal was! Es spielt keine Rolle, ob es ein Aschenbecher, eine Flasche oder ein Teller ist. Werfen und dann weg!“

Komm mir (nicht!) zu nahe!

„Im Fernsehen habe ich mal gesehen, wie ein Experte einen Messerstecher entwaffnet hat“, meldet sich eine Frau zu Wort. „Er hat gesagt, man solle in den Angreifer gehen. Ist das denn falsch?“

„Vielleicht ist er ein Ausnahmetalent“, erwidere ich, „oder er kann Gedanken lesen. Man kann die Distanz verkürzen, wenn man eine Chance sieht. Aber im Normalfall bist du dann tot oder schwer verletzt. Also lass es.“

Ich warne an dieser Stelle ausdrücklich davor, mit bloßen Händen gegen Messerstecher vorzugehen. Und ich warne eindringlich vor sogenannten „youtube-Meistern,“ die diesen Schwachsinn verkaufen. Es gibt mehrere Beispiele, die ich auf keinen Fall bewerben will. Diese Menschen handeln grob fahrlässig.

Ihnen geht es vermutlich um „Klicks“, sprich Geld, das sie mit Werbung auf ihrem Kanal oder mit ihren Kursen verdienen. Noch unsinniger ist übrigens die Abwehr gegen eine Pistole. Auch die funktioniert meist nur im Film.

Es gibt Ausnahmen im militärischen Bereich. Aber dann muss ich wissen was ich mache, wie ich einen Aggressor ablenken kann, um eine eigene Aktion zu starten. Für die meisten Menschen gilt: Finger weg von solchen Abwehrtechniken.

Hol das Stöckchen!

In vielen Kursen wird gelehrt, wie man sich gegen Messer mit einem (Teleskop)Schlagstock verteidigt. Das funktioniert schon, aber …! Wer hat in der Realität einen Stock dabei? Wo liegt in einer U-Bahn oder dunklen Seitenstraße ein abgebrochener Ast?

Davon abgesehen gilt ein Teleskopschlagstock als Waffe und darf in der Öffentlichkeit von Privatpersonen nicht mitgeführt werden. Im Dojo sieht das anders aus. Hier darf ich ihn zu sportlichen Zwecken benutzen.

Ich zeige meinen staunenden Teilnehmerinnen, wie einfach Frau sich mit einem  Teleskopschlagstock wehren kann. „Aber das“, füge ich hinzu, „erfordert Übung. Und von euch hat keine einen solchen Stock dabei. Das ist sicher.“ Die Verwirrung bei den Frauen wächst, bin ich zu weit gegangen?

„Vielleicht habt ihr einen Regenschirm“, sage ich und Elfchen stellt sich in Positur. „Mit einem Regenschirm kann man einen Gegner auf Distanz halten, ihn entwaffnen und auch zu Fall bringen. 

Wichtig dabei, schnell und effektiv zu handeln. Ein Schlag auf die Finger, den Oberschenkel oder zwischen die Beine, ein Stich in den Bauch, all das wirkt wahre Wunder. Wir üben das jetzt.“

Die Frauen sind erleichtert und das Seminar nimmt seinen Lauf. Einige beweisen Talent, andere Hemmungen. Wie kann ich ihnen helfen? „Alltägliche Gebrauchsgegenstände sind effektive Mittel zur Selbstverteidigung“, gebe ich den Frauen mit. „Und was ist, wenn wer den Schirm greift?“, kommt die ebenfalls erwartete Frage.

„Dann lässt du los“, erwidere ich. „Schaut her.“ Yuki greift nach meinem Schirm, den ich zur Abwehr nutzen will. Ich lasse ihn einfach los und sie kassiert zwei (angedeutete) Ohrfeigen. Dann laufe ich weg. So einfach kann das sein. Möglichkeiten gibt es immer.

„Greift er den Schirm, sind seine Hände blockiert und ich kann gegen sein Knie oder Schienbein treten“, fügt Yuki hinzu. „Ein Angreifer hat dann schlechte Karten und ich erneut die Kontrolle.“ Elfchen hat viel gelernt. Ich bin stolz auf sie.

Es geht eine Träne auf Reisen

„Und was ist mit Pfefferspray?“, kommt eine ebenfalls erwartete Frage, die mir in allen Seminaren begegnet. „Grundsätzlich müssen wir zwischen Pfefferspray und CS-Gas unterscheiden“, erwidere ich. „Zum Einsatz gegen Menschen ist in Deutschland nur CS-Verteidigungs-Spray zugelassen.

CS-Gas ist relativ harmlos und kann bei falscher Anwendung mehr Probleme verursachen als lösen. Pfefferspray ist in Deutschland für die Tierabwehr gedacht und darf nur in einer wirklichen Notsituation gegen einen Aggressor eingesetzt werden.“ 

Ich demonstriere das mit einer leeren Dose, die Yuki in einer Handtasche hat. Als ich sie belästige versucht sie danach zu greifen, was ihr aber nicht gelingt.

„Solche Sprays sind in der Handtasche völlig nutzlos“, sage ich. „Wenn es mitgeführt wird, sollte die Dose stets in der Hand gehalten werden, wenn Frau sich vielleicht in einer dunklen Tiefgarage aufhält.

Beim Einsatz im Freien ist auf den Wind zu achten. Weht der von vorn, werde ich auf keinen Fall sprühen. Sonst gehen meine eigenen Tränen auf Reisen.“ Alles lacht, der Spruch war gut.

Und es geht doch

„Ich möchte euch zeigen, wie ein Messerkampf aussieht“, sage ich. „Das heißt, wenn beide ein Messer haben und es auch zu benutzen wissen.“ Weder Linda noch Yuki können mir dabei helfen. Für diese Demonstration habe ich Anna mitgebracht, die uns mit Ehefrau Meli auf der Tour begleitet.

Anna, die Krav Maga unterrichtet, versteht sich auch auf Messerkampf. Und prompt gehen wir mit Plastikmessern aufeinander los. Nun wäre es eine Illusion zu glauben, dass Frau hier unverletzt bliebe. Ein Messerkampf läuft anders ab. Hinterher weisen unsere Unterarme rote Streifen auf und im Ernstfall wären wir nun übelst verletzt.

Zusammen mit Anna demonstriere ich danach Abwehrtechniken, die funktionieren können. Aber selbst mir ist klar, dass ich im Ernstfall die eine oder andere Schramme abbekomme. Nachahmung nicht empfohlen. Mein Rat bleibt: „Lauft weg, vermeidet den Kampf!“

Falls weglaufen unmöglich ist, die Jacke um den Arm wickeln, die Handtasche als Schutz benutzen und zur Not den eigenen Unterarm vor den Körper halten. Mit der Außenseite natürlich! Ein paar zerschnittene Muskeln heilen, die Pulsader(n) nicht.

Kampfsport

„Und was ist, wenn wir auf wen treffen, der vielleicht Karate kann?“, wird die Frage gestellt. Dafür habe ich den Kickboxer Robert dabei, der sich meist dezent im Hintergrund hält.

Robert hilft oft aus, wenn ich Seminare gebe. „Ich stehe auf Schmerzen“, hat er augenzwinkernd gesagt. Aber es macht ihm Spaß. Und er hat so einiges von mir gelernt. Außerdem mag er Frauen und das kann ich gut verstehen.

„Die Chance auf einen bösartigen Kampfsportler zu treffen sind gering“, sage ich.  „Aber falls ihr nun auf so einen Verrückten trefft, müsst ihr einfach unfair werden. Ich zeige euch, wie das geht.“

Robert gibt nun den Finsterling und belästigt mich verbal. Er packt mich am Arm und kassiert eine (angedeutete!) Ohrfeige dafür. Gespielt wütend will er mir einen Kick verpassen, den ich mit einem Tritt zwischen seine Beine kontere.

Theatralisch geht er zu Boden. Dabei habe ich den Kick nur angedeutet. „Das“, sage ich, „dient nur der Demonstration, ist aber eine effektive Methode, um sich zu wehren. Und eigentlich gegen jeden Aggressor“, füge ich hinzu und muss an die unschöne Szene in Fukuoka mit der Koreanerin denken. „Jeder Mensch hat Schwachpunkte“, erkläre ich, „niemand ist unbesiegbar.“

Notwehr

Yuki und ich spielen weiter. Ich bedrohe sie mit dem Plastikmesser in einer neuen Szene. „Geld her, los mach!“, sage ich und fuchtele ungeschickt mit dem Messer. Brav händigt sie mir ihren Geldbeutel aus. „Klug zu sein, ist ebenfalls Selbstverteidigung“, sage ich.

In der nächsten Szene soll Yuki mir das Messer aus der Hand kicken und bekommt dafür einen angedeuteten Stich ins Bein. „Und bevor ich den wegen einiger Euro riskiere, werde ich lieber das Geld hergeben. Das ist ersetzbar, mein Leben nicht.“

Auch ein scheinbar harmlos wirkender Stich ins Bein kann tödlich enden. Wird die Schlagader getroffen war es das mit diesem Leben. Erneut spielen wir die Szene mit dem Messer am Hals von Yuki. „Du machst mich total an“, sage ich. „Los, da ans Auto, wir haben jetzt gleich Spaß!“ Ein kleiner Tisch soll das Auto simulieren.

Ich dränge Yuki nach vorn und fummelte an ihrer und meiner Hose. Dabei muss ich aber das Messer von ihrem Hals nehmen. Yukis Reaktion kommt sofort, wobei ich nicht näher darauf eingehen möchte. Der Lerneffekt soll sein, dass wenn Frau sich in einer derart bedrohlichen Situation befindet, sie trotzdem einen kühlen Kopf bewahren soll. Ein harter Tritt auf den Fuß soll nur als ein mögliches Beispiel gelten.

Ein Angreifer wird immer Fehler machen, die es zu erkennen und auszunutzen gilt. Er kann weder eine Pistole noch ein Messer permanent am Kopf des Opfers halten, wenn er wirklich böse Absichten hat. Mit allen Mitteln zu reagieren, die Frau zur Verfügung stehen, ist dabei durch den Notwehrparagraph gedeckt.

§32 StGB: Notwehr ist diejenige Verteidigung welche erforderlich ist, einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwehren. Eine versuchte Vergewaltigung in Tateinheit mit einem Messer durch einen Tritt in den Unterleib abzuwehren, ist in meinen Augen legitim. Wobei das eine eher harmlose Abwehr ist. Ich kenne härtere Methoden.

Härte

„Und was, wenn zwei Männer kommen?“, kommt die nächste Frage. „Einer hält mich vielleicht fest und der andere …“ Schweigen befällt die Runde, die Frauen schauen bedrückt. „Im Endeffekt gilt das Gleiche wie bisher. Nie allein durch dunkle Straßen gehen, Distanz zu einem möglichen Aggressor halten, laut und bestimmt mit Worten sein und alle, wirklich alle Maßnahmen treffen, um einer Vergewaltigung zu entgehen.“

„Fast jede hat ein Handy“, füge ich hinzu. „Frau kann das auch als Waffe nutzen. Auch einen Kugelschreiber oder eine Haarbürste. Ihr habt mehr Möglichkeiten in der Handtasche, als ihr vielleicht glaubt.“

„Ja, aber ist das denn legal?“, fragt eine Frau, „damit kann ich doch wen böse verletzen!“ Ich gehe einen Schritt auf sie zu und prompt weicht sie zurück. „Mäuschen“, sage ich zu der deutlich größeren und älteren Frau, „wir sprechen von einem Mann, der dich vergewaltigen will! Warum also willst du Rücksicht nehmen?“

Keine Rücksicht

Ich schaue in die verunsicherte Runde. „Mädels“, sage ich, „trennt euch von euren rosa Filterblasen! Wer glaubt einen Angreifer schützen zu müssen, wer falsche Rücksicht auf dessen Wohlbefinden nimmt, wer einen Vergewaltiger noch entschuldigt, der sollte jetzt nach Hause gehen!“

Ich winke Yuki und Linda zu mir. Sie sollen die Angreifer spielen. „Los,“ sage ich, „ihr beiden Süßen seit jetzt die Bösen und ich wehre mich. Fangt an.“ Wir spielen „dunkle Straße“ und „Wortgefecht.“

„Stopp, bleibt zurück!“, rufe ich und weiche nach hinten aus. Aber dort ist die Wand, Endstation für mich. Linda und Yuki haben mir den Weg versperrt, ich kann nicht weg.

Linda, die deutlich größer und kräftiger ist als ich, packt überraschend zu und schlingt die Arme um mich. Ich kann mich nicht bewegen, meine Arme sind blockiert. Lindas Kinn schwebt über meinem Kopf den ich angedeutet nach oben ziehe.

Egal ob ich richtig treffe, der Schock wird den Griff automatisch lösen. Treffe ich richtig, ist der Bösewicht KO. Aber vermutlich beißt er sich auf die Zunge, löst den Griff, weicht zurück und schafft damit den nötigen Platz für den finalen Kick in die Kronjuwelen. Spiel, Satz, Sieg! Will jemand mehr?

Was ist mit Bösewicht Zwei? In den meisten Fällen wird der das Weite suchen, wenn er harten Widerstand bemerkt. Fall er doch angreift, was Yuki demonstriert, benutze ich vielleicht mein Handy, den Auto- oder Haustürschlüssel als Waffe. Egal wo ich damit treffe, das tut höllisch weh.

Absichtlich habe ich auf Aikido und Karate-Techniken verzichtet. Die kann ich perfekt, aber diese Mädels nicht. „Tritte auf den Fuß, in die Hoden, durchs Gesicht kratzen, beißen, Kniestöße, alles ist erlaubt, wenn es um unser Leben geht!“, gebe ich der Gruppe mit.

„Auch zum Schein nachgeben, den Täter in Sicherheit wiegen und dann so hart wie möglich zuschlagen. Danach weglaufen und die Polizei bzw. Passanten, Autofahrer zu Hilfe rufen.“

Noch ein Hinweis an meine LeserInnen, die vielleicht selbst Kampfsport betreiben und an Abwehrtechniken gegen ein Messer glauben: Nehmt einen Filzstift oder ein mit Kreide präpariertes Plastikmesser und testet es selbst. Dann reden wir weiter.