Der Held

Jack war aufgeregt, als er an diesem Morgen nach Braxton fuhr. Immerhin würde er den größten Helden des letzten Krieges treffen. Er, Jack, der kleine Reporter und nicht Paul oder John, die vor Neid fast platzten.

Bill, der Chefredakteur hatte Jack am Vortag ins Büro gebeten und ihm die Offerte gemacht. „Ich will, dass du da hin fährst und dir alles, aber auch wirklich alles anhörst, was dieser Mann zu sagen hat“, gab er ihm mit auf den Weg. „Wir haben nur diese eine Chance. Es hat jetzt Monate gedauert, um diesen Termin zu bekommen.“

„Warum ich?“, fragte Jack und hätte sich selbst dafür ohrfeigen können. „Weil du, mein Junge, die Unschuld dafür hast. Diese abgewrackten Typen, die sich Reporter nennen und heimlich saufen oder Schmiergeld von der Mafia nehmen, die will ich auf keinen Fall bei Colonel Sharp sehen. Aber wenn du keine Lust hast kannst du gleich nach Hause gehen.“

Jack schluckte, als er begriff was Bill meinte. „Ich mache es ja! Keine Angst, ich bekomme das hin!“ „Das rate ich dir auch!“, knurrte Bill und schlug heimlich drei Kreuze. Endlich hatte wer zugestimmt. Colonel Ben Sharp war nämlich alles andere als einfach. Manche behaupteten, er sei ein Ekelpaket.

Egal was Paul und John nun sagten, sie hatten den Job vorher abgelehnt. Aus gutem Grund, der Colonel hatte Paul vor einem Jahr die Nase gebrochen, als er ihn am Flughafen interviewen wollte. Auch Jack wusste das und er hatte Angst. Aber nicht genug, um Nein zu sagen.

The Shootist

Ben Sharp war 42 Jahre alt und seit genau 22 Jahren Soldat. Er war bei der Infanterie gewesen und später bei einer Scharfschützenkompanie. Erst als normaler Soldat. Durch seine Leistungen kam schnell seine erste Beförderung. Leistung hieß in diesem Fall Feinde zu töten. Und Ben Sharp war darin richtig gut.

Niemand kannte die genaue Zahl der Toten, die auf sein Konto gingen. Aber es waren mehr als hundert. Entsprechend gefürchtet war dieser Mann, der angeblich kein Gewissen hatte. Jenes Wrack, das Jack an diesem Morgen die Tür öffnete, sah wenig gewissenlos aus. Einen Helden hatte Jack sich anders vorgestellt.

„Sie müssen Jack sein“, begrüßte ihn der Colonel. „Kommen Sie nur rein und erschrecken Sie nicht, wenn sie irgendwelche Stimmen hören. Das sind nur die Gespenster der Vergangenheit.“ Er lachte bitter und Jack bekam eine erste Idee, dass dies kein normales Interview war. Worauf hatte er sich eingelassen?

Colonel Sharps Haus war alt aber sauber und sehr spartanisch eingerichtet. Im Wohnzimmer gab es nur einen Sessel, der zwischen Tisch und Wandschrank stand. „Ich habe nie Gäste“, erklärte der Colonel, als er Jacks Blick bemerkte. „Also wozu Möbel kaufen? Die verstauben nur und werden von Motten zerfressen. Gehen wir in die Küche, dort gibt es zwei Stühle.“

Bei Tee und Gebäck stellte Jack die ersten Fragen, aber die Antworten fielen sehr einsilbig aus. Plötzlich stand Ben Sharp ruckartig auf und sein Stuhl fiel um. „So wird das nichts, junger Mann“, erklärte er. „Wir machen das anders. Ich erzähle Ihnen meine Geschichte und Sie schreiben einfach mit. Wenn Sie Fragen haben, dann fragen sie auch!“

Anfang

„Soldat zu werden war immer mein Traum“, begann Ben Sharp. „Ich bin mit Waffen augewachsen. Mein Vater und Großvater waren auch beim Militär.“ Er deutete auf zwei verblasste Bilder an der Wand. „Genereal Dwight B. Sharp, mein Großvater und General Trevor B. Sharp, mein Vater.

Das „B“ steht dabei immer für Benjamin. Ich habe mit der Tradition gebrochen. Mein erster Name lautet nämlich Hank. Aber ich wollte kein H. B. Sharp sein und Ben hat man mich immer schon gerufen. Auch wenn ich kaum wie Ben der Bär aussehe.

Meinen ersten Menschen habe ich mit 22 getötet“, fuhr der Colonel fort. „Das war bei diesem Terrorakt in New York. Ich war damals zur Nationalgarde abkommandiert. Wir sind rein, ich habe diesen Kerl mit Sturmgewehr gesehen und ohne zu zögern geschossen.“

Jack machte sich Notizen, das Gespräch selbst zeichnete er mit dem Handy auf. „Das war doch bestimmt ein einschneidendes Erlebnis, Sir“, sagte er. „Wie haben Sie sich danach gefühlt?“ Dunkle Augen musterten Jack. Augen, in denen der Wahnsinn brannte.

„Ich habe mir die Seele aus dem Leib gekotzt“, stellte der Colonel klar. „Danach war ich eine Woche krank. Sie haben mir Medikamente und einen Orden gegeben. Und plötzlich war ich Sergeant.“ Er holte tief Luft. „Danach war alles anders. Die Drogen haben gewirkt und mich ruhig gestellt. Ein Jahr später kam Buffalo.“

Der Vorfall in Buffalo galt lange als blutigster Tag des Landes. Zwei Dutzend Terroristen, hatten eine Schule gestürmt und mehrere Dutzend Kinder abgeschlachtet. Bei dem folgenden Feuergefecht, mit Spezialkräften der Polizei, kamen fünf der Täter um, aber auch acht Polizisten. Danach wurde Jacks Truppe angefordert und sein Stern ging auf.

A Star is born

„Ich habe mir von einem Polizisten ein Gewehr mit Zielfernrohr geliehen, das ich an diesem Tag meisterhaft benutzte“, fuhr der Colonel fort. „Nachdem ich die Hälfte von den Kerlen erledigt hatte, gaben die anderen auf. An diesem Tag wurde ich zum Held.“

Jack war verwirrt. Irgendetwas passte nicht zusammen. Wo war der strahlende Held seiner Kindheit, den die Medien immer wieder präsentierten? Dieser Mann war nur ein Gespenst, das den Menschen Sharp schon lange auf dem Gewissen hatte.

„So ging es weiter, Jahr für Jahr“, fuhr der Colonel fort. „Eines Tages war ich Lieutenant. Und als ich das entführte Schiff aus den Klauen der Piraten rettete, haben sie mich zum Captain gemacht. Dann kam der Krieg. Der hat mich umgebracht.“

„Aber Sir“, unterbrach ihn Jack, „Sie können doch stolz auf sich  und ihre Leistungen sein! Ohne Sie hätte dieses Land nicht überlebt!“ „Ist das so, glauben Sie das wirklich?“ Colonel Sharp verließ kurz die Küche und kam mit einer Armeepistole wieder, die er vor dem erschrockenen Jack auf dem Tisch platzierte.

„So sieht der Tod aus“, sagte er. „Schau ihn dir gut an! Mit dieser Waffe habe ich sieben Menschen erschossen. Mit dem Gewehr 110. All diese Gespenster hausen hier.“

Plötzlich packte er Jack am Kragen und schüttelte ihn durch. „Und jetzt sag noch einmal, dass ich stolz darauf sein könnte und ich blase dir den Schädel weg!“

Gespenster

Jack verstand keinen Ton, aber als der Colonel weiter erzählte, brach nach und nach seine Welt zusammen. „Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren auf Beruhigungsmitteln“, stellte der Colonel klar. „Ohne die, hätte ich was ich tat niemals geschafft. Aber der Held ist Geschichte, sie brauchen ihn nicht mehr.“

Er hielt Jack die Hand vors Gesicht. „Schau genau hin, siehst du es? Sie zittert! Ich zittere! Ich kann nicht mehr. Und ohne Tabletten kommen wieder die Gespenster. Willst du sie sehen?“

„Sir, ich …“, stotterte Jack, dem es immer unbehaglicher wurde. Was hatte der Mann für ein Problem? Wieso war er nicht stolz auf sich? Da musste man doch irgendetwas machen! „Du kapierst es nicht“, murmelte der Colonel. „Keiner will oder kann mich verstehen. Weißt du überhaupt wie das da draußen ist? Hast du jemals Menschen sterben sehen?“

Als Jack den Kopf schüttelte nahm Colonel Sharp die Pistole und schoss ihm eine Kugel ins Bein. Danach versorgte er den vor Schmerzen stöhnenden Reporter und gab ihm ein Dosis Morphium. „Jetzt weißt du, wie sich der Tod anfühlt“, sagte der Colonel. „Das was du durchmachst, habe ich jeden Tag!

Glaubst du es ist cool Menschen zu töten? Glaubst du, das sei irgend so ein Ballerspiel?“ Er leerte das Magazin, die Schüsse rissen Löcher in den Boden. Jack schrie vor Angst, aber langsam begann er zu begreifen. Durch den Morphiumnebel dämmerte in ihm die Erkenntnis, dass Krieg Scheiße war und nicht heldenhaft bunt.

„Schreie und Schmerzen, das hatte ich über Jahre“, sagte Colonel Sharp. Im Kino gibt es tolle Musik, wenn die Helden den Feind besiegen. Die einzige Musik für mich waren Schüsse und Granaten. Das, mein Junge, das ist die Realität!“

Der Preis

Jack erzählte niemand, woher die Verletzung wirklich kam. Als der Colonel den Notarzt rief, log Jack für ihn. Er habe den Colonel um die Waffe gebeten und sich selbst verletzt.

Bei dieser Aussage blieb er auch, als man den Colonel ein Jahr später in die geschlossene Psychiatrie einlieferte, wo er einige Monate später starb. Überdosis hieß es. Er habe sie sich illegal beschafft.

Jack schrieb nie diesen Artikel. Stattdessen aber ein Buch, das ein Zeugnis gegen Krieg und Terror war. Dafür bekam er einen Preis. Er hat ihn nie abgeholt.

Die Herausforderung

Hideko Matsuyama lächelte, als sie das Dojo betrat. Eingeladen hatte sie der Ju-Jutsu Verband von Deutschland, um eine Rede zu halten. Und so nebenbei sollte es auch Werbung für ihren neuen Film sein, den die Japanerin vor wenigen Wochen abgedreht hatte.

Der wahre Grund waren ihre umfassenden Kenntnisse des japanischen Budo. Seit Kindertagen, hatte sie mit ihrem Bruder trainiert. „Gosuke ist immer mein Vorbild gewesen“, erzählte sie. „Ohne ihn hätte ich niemals damit angefangen.“

Und wirklich war Gosuke Matsuyama kein Unbekannter in der Kampfsport Welt. Mehrere Jahre lang, hatte er die japanischen Karate Meisterschaften gewonnen und sich einen Ruf als Drehbuchautor aufgebaut. Und was lag näher, als auch für seine Schwester zu schreiben.

Hidekos Ruf als Kämpferin, war noch besser als ihr unbestrittenes Filmtalent. Während ihr Bruder bei den Männern dominierte, schlug sie alle guten Frauen dieser Welt. Als ein großer Filmkonzern dann nach Schauspielerinnen mit Kampfsport Erfahrung suchte, war Hidekos Zeit gekommen.

Sie brauchte kein Double und Stuntmänner die mir ihr drehten, taten sich oft selbst sehr leid. Zu der Rede war Hideko in einem traditionellen Karate-Gi gekommen, der Schwarze Gürtel wirkte bereits seltsam verblasst. „Den hat schon mein Vater getragen“, sagte sie und lächelte wieder. „Eigentlich habe ich zwei davon.“

„Ich halte Karate für völlig antiquiert“, meldete sich eine junge Frau zu Wort. Funkelnde Augen musterten die Japanerin, die den Blick sanft erwiderte. „Was ihr da zeigt, hat noch nie wirklich funktioniert. Ein Bodenkampf ist gleich viel ehrlicher.“

Natürlich verstand Hideko kein einziges Wort, aber ihr Blick blieb so sanft wie ihr Lächeln, als man es ihr übersetzte. „Was stört Sie?“, ließ sie fragen, „könnten Sie mir das bitte genau erklären, Frau …?“

„Susanne Langer, Deutsche Meisterin und Europameisterin im Ju-Jutsu“, war die Antwort. Aber ihr blauer Blick hielt dem von Hidekos dunklen Augen nicht sehr lange stand. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie zum nächsten verbalen Rundumschlag ausholte.

„Es gibt doch so gut wie keinen Nahkampf im Karate“, sagte Susanne. „Das ist doch hilfloses Kittelreißen, was ihr da zeigt. Am Boden habt ihr null Chancen. Oder trauen Sie sich etwa zu eine Judoka zu schlagen?“

Hidekos Lächeln wurde noch breiter. Schon oft war sie Menschen wie Susanne begegnet, die wenig vom wahren Geist des Karate begriffen hatten. „Karate dient der Selbstverteidigung und wird niemals für einen Angriff genutzt“, erwiderte sie daher sanft und schaute sich ihr Gegenüber nun genauer an.

Schwarzer Gürtel, massive Statur. Im Hintergrund standen Pokale und ein Bild von Susanne hing an der Wand. Hideko begriff, dass Susanne hier die Meisterschülerin sein musste. Was wenig beeindruckend war. In ihrem Haus in Japan häuften sich die Pokale auch.

„Aber ihr habt doch auch Weltmeisterschaften!“, echauffierte sich Susanne. „Und was ich da gesehen habe, ist einfach lächerlich. Da passiert nie etwas! Die hüpfen auf der Stelle und schreien sich nur an. Das kann meine kleine Nichte besser.“

„Sie sprechen von Sportkarate“, erklärte Hideko. „Und ja, im Gegensatz zum koreanischen Taekwon-Do, ist das für Zuschauer oft wenig attraktiv. Was einer der Gründe ist, um Karate noch nicht olympisch zu machen. Aber im Taekwon-Do wird meist nur gekickt. Im Karate bringt oft ein Schlag den Sieg.“

„Das ist doch völliger Käse!“, erwiderte Susanne. „Sobald ein Karateka in meiner Nähe bist, habe ich den am Boden. Und was macht derjenige dann?“ „Ihnen ins Bein beißen“, erwiderte Hideko und hatte die Lacher auf ihrer Seite. „Entschuldigung, aber ich als Karateka würde kaum nach Ju-Jutsu Regeln kämpfen.“

Susannes Mundwinkel zuckten, mit dieser Antwort hatte sie kaum gerechnet. Aber sie hatte noch weitere Argumente. Sie holte ihr Handy und zeigte Hideko einen kurzen Film. Dort stolperten ältere Schwarzgurte umher. Die beleibten Herren waren alle außer Form. Vermutlich trugen sie den Gürtel seit Kindertagen.

„Das ist Taekwon-Do“, sagte Hideko und zeigte auf die Jacke mit V-Ausschnitt. „Vielleicht haben die Männer körperliche Probleme, die hohe Tritte verhindern. Ich kenne einen sehr erfahrenen Trainer, der einen schrecklichen Verkehrsunfall hatte und nun nach seiner Genesung wieder unterrichtet.

Jeder seiner Schüler könnte ihn im Kumite besiegen. Aber das macht natürlich keiner, warum auch? Er ist mein Vater und Sensei und kann noch immer die normalen Techniken zeigen. Und das macht er wirklich gut.“

Vehement schüttelt die Blonde den Kopf. „Typen wie die gibt es viele“, erklärte sie. „Jeder Ju-Jutsu Kämpfer in diesem Alter, wird die locker schlagen. So wie ich Sie problemlos auf die Matte schicken kann. Ist nicht böse gemeint, aber Sie hätten keine Chance gegen mich.“

Die entstehende Unruhe im Publikum sprach Bände. Die Offiziellen bemühten sich um eine Deeskalation, aber die Anwesenden witterten eine kleine Sensation. Hideko blieb auch weiterhin gelassen. Sie schickte einen ihrer Begleiter nach draußen, der mit zwei stumpfen Übungskatana zu ihr eilte.

„Meine Vorfahren waren Samurai aus dem Clan der Takeda“, sagte Hideko und bedeutete ihrem Assistenten sich ihr gegenüber zu stellen. „Vielleicht darf ich  Ihnen zeigen, was Kenjutsu und Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist.“

Susanne rang um ihre Fassung, als die beiden Japaner mit den Katana aufeinander trafen. Ihre Augen konnten die Hiebe kaum erkennen. Plötzlich ließ Hideko ihre Waffe absichtlich fallen und ihr Begleiter lief schreiend auf sie zu. Hidekos blitzartiger Konter ließ ihn hilflos am Boden zurück.

„Altmodischer Quatsch“, murmelte Susanne, „und völlig nutzlos heutzutage. Sie holte tief Luft, als sie der Teufel ritt. „Ich fordere Sie ganz offiziell heraus, Frau Matsuyama! Hier und jetzt ein echter Kampf! Dann werden wir ja sehen, wer und was besser ist.“

„Stop!“, unterbrach ihr Trainer nun. „Frau Matsuyama ist Gast hier und …“ „Ich akzeptiere“, ließ Hideko übersetzen. Sie lächelte schon wieder und verbeugte sich. „Entschuldigung, wie unhöflich von mir Sie nicht ausreden zu lassen.“

„Was ist dieses Daitō-ryū Aiki-jūjutsu überhaupt?“, fragte Susanne in die Runde und ernetete nur Schulterzucken. „Die harte Urform von Aikido“, sagte ein älterer Ju-Jutsu Offizieller. „Und Sie haben sich und uns soeben einen Bärendienst erwiesen!“

„Blödsinn“, grummelte Susanne, „Aikido ist Show und taugt nur als Bewegungstherapie. Und natürlich werden wir ohne diese Schwerter kämpfen. Die Nummer will ich sehen, wie die mich im Bodenkampf schlagen kann!“

„Es wird zu keinem Bodenkampf kommen“, hörte Susanne und sah wieder den älteren Herrn neben sich. „Karl-Josef Wagenbauer“, stellte er sich vor. „Ich habe Ewigkeiten in Japan gelebt und weiß, was diese Menschen können. „Und Sie, Susanne, haben keine Chance.

Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist kein Wettkampfsport! Die Samurai haben das auf dem Schlachtfeld benutzt, wenn sie die Waffe verloren hatten. Das ist kein weiches Aikido, da geht es richtig hart zur Sache. Ein Schlag, ein Tritt, vielleicht ein Haltegriff und der Gegner war am Ende tot.“

Susanne ließ sich nicht beirren. Sie war deutlich größer und schwerer, als ihre Kontrahentin und völlig von ihrer eigenen Technik überzeugt. Und sie hatte einen Plan, der genau in dem Moment scheiterte, als ihr Hideko zum ersten Mal brutal die Hand verbog.

Schreiend ging Susanne zu Boden. Solche Schmerzen hatte sie noch nie gehabt. Die nur angedeutete Handkante zu ihrem Hals, das wusste sie, hätten im Ernstfall und zur Zeit der Samurai den Tod gebracht.

Völlig konsterniert kam Susanne wieder auf die Beine. Die Hand schmerzte höllisch, aber funktionierte noch. „Vermutlich Bänderdehnung“, sagte ein Sanitäter, der sich um sie kümmerte. „Ende, der Tag ist gelaufen.“ „Mach mir einen Verband!“, zischte Susanne. „So einfach gebe ich nicht auf.“

In Runde 2 lief es scheinbar besser und sie konnte Hideko mit einem Hüftwurf zu Boden werfen. Nur um sich selbst ausgekontert und in einem schmerzhaften Armhebel zu finden. Ein Ruck noch und der Ellbogen würde brechen. „Verdammt!“, fluchte Susanne und klopfte ab. Wie hatte die Japanerin das nur gemacht?

„Das war Absicht!“, fauchte sie böse. „Sie … Sie kämpfen unfair!“ „Sie kämpfen“, ließ Hideko erwidern und verbeugte sich schon wieder. „Ich wehre mich bisher nur. Aber vielleicht möchten Sie aufhören?“

In Susannes Augen blitzte die Wut. Aber Wut hat noch nie zum Sieg geführt. Ihr schneller Kick erstarb in einem knallharten Tritt gegen die Innenseite ihres Oberschenkels, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Den Tritt in ihren Bauch, der sie zu Boden schickte, bemerkte sie kaum noch.

„Entschuldigung“, sagte Hideko und verbeugte sich, „wollen wir jetzt bitte aufhören? Das ist zu gefährlich für Frau Langer. Ich möchte sie auf keinen Fall ernstlich verletzen. Darf ich ihr bitte helfen?“

Unter dem Beifall des Publikums half Hideko einer noch immer weinenden Susanne auf die Beine und brachte das Häufchen Elend in die Umkleidekabine. Dort zog Susanne ihre Hose aus. „Eis, rasch!“, rief die Japanerin, als sie den riesigen blauen Fleck sah.

Sie scheuchte den Sanitäter weg und versorgte Susanne selbst, die sich sichtlich geborgen fühlte. „Don’t you worry“, sagte Hideko plötzlich in akzentfreiem Englisch. „Everything will be fine. Can we be friends maybe?“

Hideko Matsuyama lächelte, als sie einige Monate später das Haus betrat. Eingeladen hatte sie Susanne Langer, die neue Weltmeisterin im Ju-Jutsu. Aber nicht, um eine Rede zu halten. Es ging mehr um den Austausch von Küssen. Aber geredet haben die beiden danach immer noch.

Das Fake

Grinsend schaltete Stefan seinen PC an. Wer ihm wohl heute wieder auf den Leim gegangen war? Der Student wusste, was er machte und wie er Frauen manipulieren konnte. Durch Zufall war er auf das Dating Portal für Lesben gestoßen. Eigentlich hatte er einen Seitensprung gesucht. Seine türkische Freundin durfte nicht mit ihm ins Bett.

Aber Yasemins Eltern hatten Kohle und sie war total in ihn verliebt. Also spielte er weiter den zukünftigen Schwiegersohn und nahm sie nach Strich und Faden aus. „Ist ja geil!“, murmelte er, als er die Vorschaubilder der Frauen sah. Ob er eine davon rumkriegen konnte? Die 35 Euro pro Monat waren gut angelegt. Und schon am nächsten Tag schaltete ihn der Admin frei.

Er nannte sich Leyla und stellte ein Bild von Yasemin in sein Profil. Zu dumm, dass er sie bisher nur bekleidet kannte. Aber die Türkin hatte schon eine krasse Figur. Letztes Jahr im Freibad, hatte er mehr davon gesehen. Aber mehr als küssen war nicht drin. Zumindest Bilder im Bikini sollte er noch haben. Die waren Voraussetzung für den erotischen Teil von L-Finder.

Zwei Frauen meldeten sich bereits am nächsten Tag. Aber eine suchte nur nach einer Bettgespielin für ihren Ehemann. Die andere war schon über Fünfzig. Also ging Stefan selbst auf die Suche und was er schon bald zu sehen bekam, ließ seine Hose deutlich enger werden. Schwer atmend starrte er auf die oft nur leicht bekleideten Frauen. Einige waren sogar völlig nackt.

Plötzlich klappte ein Chatfenster auf und eine PantherinXy schrieb ihn an. Bisexuell sei sie, schrieb die Katze und zeigte ihm ein heißes Bild. Nun war Stefan alles andere als doof und die Blonde auf dem US Flitzer sah wenig lesbisch aus. „Blöde Fakes“, murmelte er und klickte die Pantherin weg. Aber eine Brünette mit tollen Augen, hatte es ihm angetan.

Anja hieß sie und war schon 43. Auch sie hatte ein erotisches Bild, das sie oben ohne zeigte. Wenig erotisch fand Stefan ihre unrasierten Achseln und dass sie einen Telefoncheck wollte. Eine Woche, zwei Sabines, eine Doris und eine Tanja später, hatte er dann doch Erfolg. Eine Japanerin meldete sich. Momoka hieß sie, war Studentin und lebte in Düsseldorf.

Ein wenig störte Stefan, dass sie den Schwarzen Gürtel in Karate hatte. Aber er war völlig von sich überzeugt. „Lesben brauchen nur einen richtigen Mann“, hatte ein Freund gesagt. „Ich habe schon zig von denen wieder umgedreht. Kein Ding sag ich dir!“ Also begann die falsche Yasemin mit Momoka zu flirten. Und das machte Stefan richtig gut.

Kurze zwei Tage trieb er das Spiel, dann wollte Momoka mehr. Immerhin trennten Dortmund und Düsseldorf relativ gesehen nur wenige Kilometer. Gut fand Stefan, dass sie auf keinem Telefoncheck bestand. Das hätte ihn in arge Verlegenheit gebracht. Treffen wollte man sich auf neutralem Boden. Der Kölner Hauptbahnhof war dafür wie gemacht.

Grinsend schaltete Stefan seinen PC aus. Er hatte sich richtig chic gemacht. Kondom, Viagra, Intimrasur, das Mädel würde sich wundern! Stefan wartete eine ganze Stunde, aber die einzige Asiatin auf dem Bahnhof, war eine schon ältere Wurstverkäuferin. „Shit!“, fluchte er zum wiederholten Mal und wäre fast gegen einen Japaner gerannt.

Mit einem gemurmelten „Sorry“, wollte Stefan weitergehen, aber der Japaner hielt ihn fest. „Ich hatte mir dich anders vorgestellt“, sagte er und schaute auf ein Blatt Papier, das Yasemins Bild zeigte. Stefans Magen verkrampfte sich und das Blut schoss ihm ins Gesicht. Dunkle Augen bohrten sich in seine Seele. Dann ließ der Japaner ihn los.

Sein Lächeln war so kalt, wie ein frostiger Tag im tiefsten Winter. Als er die Hand zur Kehle hob und mit den Zeigefinger ein Messer andeutete, lief Stefan los. „Nur weg hier“, dachte er, „der Kerl bringt mich sonst um!“ Auf dem Weg nach Hause gingen tausend Gedanken durch seinen Kopf. Wer war der Mann und woher kannte er Yasemin?

Die Antwort stand vor seiner Tür, eine völlig aufgebrachte Yasemin. „Du bist so ein mieser Kerl!“, beschimpfte sie ihn und verpasste Stefan eine schallende Ohrfeige. Er spürte den Schmerz kaum, das Erdbeben in seinem Kopf rüttelte ihn noch immer durch. „Was, aber wieso …“, stammelte Stefan, der sich keinen Reim auf die Sache machen konnte.

„Momoka und Masao sind Freunde von mir“, sagte Yasemin und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Sie hat mich erkannt und sofort angerufen, als du mit ihr zu flirten begannst. Masao ist ihr großer Bruder und passt auf seine Schwester auf. Und um mich kümmert er sich ab sofort auch.“ Mit diesen Worten ging sie zur Haustür und drehte sich dann noch einmal um.

„ich habe ihm verraten wo du wohnst“, sagte sie. „Viel Spaß noch, er wird gleich bei dir sein.“ Stefan fehlten die Worte, seine Welt lag in Trümmern. Wie in Trance schloss er seine Wohnung auf und rannte zu seinem PC. Er kündigte sofort seine L-Finder Mitgliedschaft und löschte das Leyla Profil. Eine mehr als dumme Tat, denn nur fünf Minuten später klingelte es an seiner Tür …

Killerehre

Mikke atmete tief durch. Es war getan und es war gut. Der Tote, hatte keine Bedeutung mehr. Nur ein lebloser Körper, eine Hülle. Mikke ging in die Hocke und sah in die gebrochenen Augen. Tote hatten ihre eigene Faszination.

„Ich brauche einen Beweis“, hatte die Stimme am Telefon gesagt. „Bringen Sie ein Souvenir mit. Dann gibt es das restliche Geld.“ Mikke steckte die Pistole ins Holster und zog ein Messer aus der Tasche. Er überlegte kurz und schnitt dem Toten den Ringfinger ab.

Zwei Tage früher …

„Ja, ja, besorgs mir!“, verlangte der Blonde, als Mikke ihn hart von hinten stieß. Er war die Art Callboy, den Mikke mochte. Keine Fragen und immer ein guter Fick. Das summende Handy nervte, aber Mikke kam noch zum Schuss.
„Fuck!“, fluchte er und drückte eine Taste. „Mikke  hier, was gibts?“
„Musst du schon gehen?“, wollte der Blonde wissen und entsorgte Mikkes Kondom. Er lachte, als er das viele Sperma sah. „Du musst es echt nötig …“
Mit einem Schritt war Mikke neben ihm und stoppte das Geplapper mit einem gezielten Schlag. Der Anruf war zu wichtig.
Wenn das Schweigen regiert.

Wer auch immer Mikke unter dieser Nummer anrief, wollte spezielle Dienste in Anspruch nehmen. Mord meist, das war Mikkes Spezialität. Seit zwanzig Jahren war er der Beste in seinem Fach. Viele Leichen gab es auf seinem langen Weg.
„Ich habe einen Auftrag für Sie“, sagte die Männerstimme. Etwas heiser, das musste ein ehemaliger Boxer sein.
Mikke konnte Menschen perfekt analysieren. Ein Talent, das einzigartig war.
„Sie müssten einen Mann für mich erledigen, sind Sie interessiert?“
Fragen, die das Leben stellt.

Der Callboy kauerte verstört auf dem Boden. Tränen liefen über sein Gesicht. Aber er schwieg, er kannte Mikke. Der würde gut für den Schlag bezahlen. Das tat er immer so. Aber an diesem Tag waren zwei Kugeln der einzige Lohn. „Sorry Süßer, aber du weißt einfach zu viel.“
Ohne Regung verließ Mikke den Toten. Niemand hatte ihn kommen sehen.
„Ich will, dass sie Lars Overbeck für mich töten“, hatte die heisere Stimme gesagt. „Lars Overbeck, den Chef der Norge Pharma GmbH.“
Schon der Gedanke war Selbstmord auf Raten. Aber Mikke lachte nur.
Der Tod kommt stets auf leisen Sohlen.

Lars „Lasse“ Overbeck, war kein angenehmer Mensch. Seine Karriere war auf Leichen erbaut. Schlächter hatten böse Zungen, den ehemaligen Armeearzt genannt. Durch eine reiche Heirat war er zu Geld und Macht gekommen. Dann hatte er seinen Schwiegervater beerbt. Tierversuche und umstrittene Medikamente gegen Aids, hatten Lasse Overbeck zum Multimilliardär gemacht. Der Mann war reicher, als Bill Gates.
Verdirbt Geld auch den Charakter?

„Wer sind Sie?“, hatte Mikke den Anrufer gefragt. „Sie kennen meine Regeln. Ihr Geheimnis ist sicher bei mir.
„Ich bin Ole Svensson“, kam die Antwort sofort. „Sie wissen wer ich bin.“
Mikke pfiff leise durch die Zähne. Ja, den Namen kannte er gut. Ole war genau 10 Jahre der Weltmeister im Mittelgewicht gewesen. Nie hatte Mikke jemand härter schlagen sehen. Bis eine positive Dopingprobe seine Karriere zerstörte.
„Lasse hat mich über die Klinge springen lassen“, erzählte der Boxer leise. „Ich war in seine Frau verliebt … wir haben uns geliebt! Aber mein Halbbruder duldet keine Konkurrenten!“
Deine Wahrheit, meine Wahrheit.

„Ist Loisa nicht bei einem Autounfall …?“
„Quatsch, Unfall!“, unterbrach Ole Mikkes Frage. „Er hat sie umgebracht! Und unser Kind, Loisa war im vierten Monat von mir schwanger.“
Mikke nickte. Die Gründe waren ihm egal. Was zählte war ein gutes Motiv. Und Oles klang für ihn okay.
„Ich mache es“, sagte er. „50.000 Dollar sofort und weitere 50.000 …“
„Wenn ich einen Beweis habe“, unterbrach Ole wieder. „Bringen Sie ein Souvenir mit. Dann gibt es das restliche Geld.“
Trau, schau wem!

Mikke traf Ole in dessen Haus. Den Plastikbeutel mit dem Finger hatte er dabei.
Ole, mittlerweile Anfang Vierzig, sah stark gealtert aus. Keine Spur mehr von dem durchtrainierten Boxer früherer Tage. Dieser Mann war nur noch fett.
„Danke“, sagte er und musterte den Finger. „Wie haben Sie es getan?“
„So“, sagte Mikke und schoss Ole zwei Kugeln in den Kopf.
Geld regiert die Welt.

Mikke atmete tief durch. Es war getan und es war gut. Der Tote, hatte keine Bedeutung mehr. Nur ein lebloser Körper, eine Hülle. Mikke ging in die Hocke und sah in die gebrochenen Augen. Tote hatten ihre eigene Faszination.
So auch der tote Callboy, dessen Finger in der Tüte war. Mit dem Ring von Lasse, der stets besser zahlte.
Killerehre. Was will Mann mehr?

Zum Teufel mit dem Himmel

Es gibt Tage an denen alles gelingt. Mein Kopf ist voller Ideen, die ich sofort verwirklichen muss. Ein neues Buch soll es werden, um die Euronen im Fluss zu halten. Beim Titel hadere ich noch. Aber wie klingt „Die Rückkehr der Superschnitte.“

Prompt wird mein Scheibfluss unterbrochen, mein Handy summt penetrant. „Ey hömma du Frau Dr. Landar“, säuselt mir eine bekannte Stimme ins japanische Ohr. „Teufelchen hier, ich hätte da mal ein Problem.“ Wer sich erinnern mag, Herrn Teufel habe ich schon persönlich getroffen und mit ihm den Himmel besucht.

Da oben war es durchaus lustig und der Teufel ein kleiner Star. Von wegen Stress und Streit! Als himmlischer Verwalter ist er der Chef für alle Ewigkeit. Aber heute klingt er betrübt. „Die haben mir meine Playstation abgenommen!“, erklärt er mir. Die, das sind die Erzengel, die immer alles regeln.

„Mensch Alder“, versuche ich ihn zu beruhigen, „nimm ihnen als Revanche den Heiligenschein weg!“ „Ey spinnste?“, faucht Teufelchen los. „Du kannst mich doch nicht menschlich machen! Hilfste mir jetzt, oder was? Du kannst doch Karate, das habe ich auf deinem Blog gelesen.“

„Soll ich die Engel etwa verprügeln?“, hake ich sofort nach. „Aber nein“, wehrt Teufelchen schnell ab. „Vielleicht so ein bisschen, das fände ich ganz toll. Die kann man aber besser mit Argumenten überzeugen. Und in der Kunst hast du doch mindestens den 10. Dan.“

„Ich habe keine Zeit“, wehre ich ab. „Mein neues Buch ist längst schon überfällig. „Och Frau Landar,“ bettelt er. „Wenn du mir hilfst zeige ich dir auch den streng geheimen Lesbenhimmel. Und ich mag ja viele Fehler haben, aber ein Versprechen habe ich noch nie gebrochen.“

Seufzend mache ich mich auf den Weg in den Heizungskeller. Klar, den Blick in den Lesbenhimmel lasse ich mir nicht entgehen. Teufelchen wartet unten schon auf mich. Sein Schmollmund spricht Bände. „Ist ja gut“, beruhige ich den Kleinen. Dann lass uns mal nach oben gehen.“

Die Reise ist ziemlich übersinnlich. Das muss man dem Teufel lassen, schnell zu sein, das hat er drauf. Mir fällt etwas ein, wie ich ihn aufmuntern kann. „Kennst du die neue TV-Serie „Lucifer?“ frage ich. Und schon geht in seinem Gesicht die Sonne auf.

„Also Frau Landar das sach ich dir, der Darsteller hat’s echt drauf!“, schwärmt Teufelchen. „Super gekleidet ist der immer. Nur wenn er sich verwandelt ist das doof. So sieht kein Teufel aus. Aber dieser coole britische Akzent. Splendid, as I would say!“

„Ist die Serie wenigstens halbwegs realistisch?“, will ich wissen. „Alles Käse Marke Hollywood“, wehrt Teufelchen ab. „Als ob ich wem irgendwelche Gefallen täte. Er lacht verschmitzt bei diesen Worten. „Aber wir sind da, lass uns später weiter reden.“

Im Bernsteinzimmer wartet schon das Erzengel Kabinett. Alles  würdige Gestalten, die keine Miene verziehen.“Ach nee“, sage ich und schaue mich um. „Hier ist das Teil also abgeblieben.“ Teufelchen grinst. „Ja“, sagt er. „Ich habe das Zimmer damals in Sicherheit gebracht.“

„Frau Landar“, höre ich eine sonore Stimme. Ein Engel steht auf und stellt sich mir als Gabriel vor. Zuständig für Wirtschaft und Finanzen. Ich stutze kurz. Ob der auf der Erde Verwandte hat? „Was können wir für Sie tun?“, fragt er mich. Und mein Auftritt im Himmel beginnt.

„Dem Kleinen sein Spielzeug wieder geben“, antworte ich. „Warum habt ihr das konfisziert?“ „Himmmelsregel 13, Absatz 7“, erwidert Gabriel und schaut ganz streng. „Spiele während der Dienstzeit sind ausgeschlossen.“

Ich schaue mir den Erzengel genauer an. Er sieht wirklich fast so aus, wie auf diversen Bildern. Nur die Flügel fehlen. Oder sind die einfach unsichtbar? Allerdings ist er weniger modisch gekleidet, als sein irdisches Pendant. Aber im Himmel ticken die Uhren immer anders.

„Kann es sein, dass ihr ein Problem mit Teufelchen habt?“, will ich wissen. „Immerhin hat ihn euer Chef zum Stellvertreter ernannt. Wie ich mittlerweile weiß, hat er noch nie etwas Böses getan. Und ihr schaut doch auch nur tatenlos zu, wenn auf der Erde Kriege herrschen.“

„Darum geht es nicht“, sagt ein anderer Engel. „Michael“, flüstert mir Teufelchen zu, „der Oberkrieger.“ „Der da macht schon immer was er will. Auf Regeln hat er stets gepfiffen. Wir dürfen richten, was er an Schabernack anstellt. Und sind wir doch mal ehrlich, ein Spiel mit dem Namen „Zum Teufel mit dem Himmel“ muss es doch nun wirklich nicht sein!“

Mit japanischer Disziplin verkneife ich mir ein Lachen. „Worum bitte geht es in dem Spiel?“, will ich wissen und ahne die Antwort schon. „Darum Engel zu schießen“, sagt Michael und schaut Teufelchen böse an. „Das ist so was wie Moorhuhn. Nur viel höllischer.“

„Das hast du mir aber verschwiegen“, sage ich zu meinem Begleiter. „Kein Wunder, dass die sauer auf dich sind. „Vor allem ist der Hersteller interessant“, höre ich Gabriel erzählen. „Es ist die Hells Bells GmbH & Co. KG, die Teufelchen selbst gegründet hat. In Panama versteht sich! Und nun raten Sie, wer der Chef dort ist!“

Fragend schau ich den Engel an, der sichtlich erbost zu sein scheint. „Das Schlitzohr hat seinen besten Kumpel Beelzebub eingesetzt. Den Sie gut kennen, wie mir zu Ohren gekommen ist. Nun muss ich doch kurz grinsen, als ich an das entsprechende Telefongespräch denke.

Aber zuerst muss ich mich um meinen Begleiter kümmern, der Anstalten macht im Boden zu versinken. Prompt packe ich ihn am Ohr. „Aua, das tut weh!“, jammert er. Von wegen Superpower, Teufelchen ist auch nur ein großes Kind. „Okay, ich gebe es zu“, sagt er, „ich habe das verbrochen. Aber nur, weil die Spießer hier oben so langweilig sind!“

Plötzlich grinst er triumphierend. „Außerdem sind die total neidisch, dass ich schon Level 666 erreicht habe und sie noch nicht mal bei Level 100 sind.“ „Weil er geschummelt hat“, ergänzt Michael. „Er benutzt einen höllischen Hack.“

„Hinzu kommt noch ein anderes Problem“, sagt Gabriel. „Als himmlischer Finanzminister muss ich die Rechnungen bezahlen. Und es geht nun mal nicht an, dass wir uns nun noch um seine Schulden kümmern. Der Himmel finanziert die Hölle, wo kämen wir da hin?“

Streng schaue ich Teufelchen ins höllische Lausbubengesicht. „Hast du dazu was zu sagen?“, will ich wissen. Verlegen tritt er auf der Stelle und seufzt dann abgrundtief. „Also meine Firma, die ist leider schon pleite. Ob du mich da mal beraten kannst?“

Teufel und Engel schauen mich an. „Ihr Schlitzohren!“, sage ich, als ich die Wahrheit ahne. „Ihr wollt, dass ich euch die Bücher mache!“ „Das wäre lieb“, höre ich im Chor. „Über die Belohnung haben wir ja schon gesprochen“, fügt Teufelchen hinzu. „Und wenn du magst gibt es als Bonus noch etwas Biestigkeit.“

„Lucifer auf DVD wäre mir lieber“, erwidere ich. „Und kannst du schon was zu den neuen Sherlock Folgen sagen?“ Teufelchen grinst frech und nickt. „Wir haben einen Deal, Frau Landar“, sagt er und will mir die Hand darauf geben.

„Nee“, erwidere ich und lache. „Ich habe je nun wirklich keine Angst, aber mit dir schließe ich lieber keinen Pakt. Du kannst das gern mit Buddha regeln, wenn du dich traust. Nur haben seine Worte etwas mehr Gewicht.“

 ENDE

Wen die Vorgeschichte interessiert darf sich gern darüber informieren, wie ich damals auf Herrn Teufel traf. Und mit Petrus habe ich auch schon telefoniert.

Zur Hölle mit mir – Interview mit Herrn Teufel

Warum Gott (nicht!) gegen die Homo-Ehe ist

Der Schlangenbiss

Der Schüler eines großen Samurai ging nach dem Training nach Hause. Es war schon spät und der Junge müde. Also beschloss er, die Abkürzung durch den Wald zu gehen. Seine kleine Laterne spendete nur wenig Licht. Bevor er sich versah trat er auf eine Schlange, die ihn prompt biss.

Voller Panik lief der Schüler zu seinem Meister zurück. „Hilf mir, Sensei“, rief er schon von draußen, „eine Schlange hat mich im Wald gebissen!“ Der Samurai sah sich die Wunde an, die zwar schmerzhaft, aber harmlos war. Keine Spur von Gift.

Er behandelte seinen Schüler und gab ihm Medizin. Sofort fühlte der Junge sich besser. Aber die Angst blieb. „Sensei“, bat er, „kannst du mich nicht nach Hause bringen? Ich habe Angst, dass mich die Schlange wieder beißt.“

Der Samurai ging in die Küche und kochte Tee, den er in aller Seelenruhe trank. Als die Tasse leer war sah er seinen Schüler lange an. „Es gibt immer mehrere Wege, die uns ans Ziel führen“, sagte er. Ist es weise in der Finsternis durch den Wald zu gehen?“

Der Schüler schämte sich, als er die Worte hörte und ging den längeren Weg nach Hause. Dort gab es Fackeln und in vielen Häusern brannte noch Licht. Freudestrahlend kam er am nächsten Tag zum Training. „Danke, Sensei“, sagte er und verbeugte sich. „Du hast mein Leben gerettet.“

Aber nach dem Training kam seine Angst zurück und als die anderen Schüler gegangen waren, bat er den Samurai erneut um Rat. „Sensei“, sagte er, „was mache ich, wenn ich noch einmal einer Schlange begegne und die vielleicht giftig ist?“

„Wenn du ihr nicht aus dem Weg gehen kannst“, erwiderte der Samurai, „schlägst du ihr ohne zu zögern den Kopf ab. Aber entscheiden musst du, was besser für dich ist.“

Die Füchsin und das Mädchen – Ein Wintermärchen

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, können seltsame Dinge geschehen. Kasumi wusste das. Ihre Großmutter hatte ihr von den Geistern erzählt und wie sie Menschen foppen. Aber das Mädchen kannte keine Angst. Im Gegenteil hoffte sie immer darauf Geister zu sehen. Und eines Tages hat sich dieser Wunsch erfüllt.

In einer bitterkalten Nacht vor einigen Jahren, hatte es zaghaft an ihr Fenster geklopft. Und auch ein achtjähriges Mädchen wusste, wie unwahrscheinlich das war. Lag ihr Zimmer doch direkt unter dem Dach. Im erstem Reflex zog Kasumi die Bettdecke über den Kopf. Aber das Klopfen wiederholte sich. Fordernder wie es schien. Dann hörte Kasumi die Stimme. Was sie sagte konnte das Mädchen nicht verstehen. Die Neugier siegte und auf Zehenspitzen huschte Kasumi durchs Zimmer.

Eine winzige Füchsin saß auf der Fensterbank, die großen Augen schauten Kasumi flehend an.
„Hilf mir“, flüsterte die Kitsune, „sie jagen mich und wollen mir ein Leid antun!“
Ohne nachzudenken öffnete Kasumi das Fenster und die Füchsin schlüpfte ins warme Zimmer.
Das Tier war viel kleiner als alle Füchse, die Kasumi bisher gesehen hatte. Schneeweiß mit einem ungewöhnlichen Schweif. Fast sah er so aus, als ob es mehrere wären.

„Wer bist du?“, wollte Kasumi wissen. „Und wieso kannst du sprechen?“
„Du sprichst doch auch“, erwiderte die Kitsune keck und sprang mit einem Satz auf Kasumis Arm.
„Bist du eine Yokai?“, wollte Kasumi wissen, als die Füchsin sie mit ihrem Köpfchen kitzelte.
„Aber nein“, erwiderte die Kitsune fast beleidigt. „Yokai sind dumme Geister. Ich bin so viel mehr als das.“
„Frech bist du“, stellte Kasumi fest und lachte. „Aber das macht nichts, das bin ich oft auch.“

Ein plötzlicher Windstoß rüttelte am Fenster und erschrocken wich Kasumi zurück.
„Geh vom Fenster weg“, bat die Kitsune. „Der wind darf nicht ins Zimmer. Wenn er kommt holen sie mich fort.“
Kasumi war kein ängstliches Kind, aber die Worte lösten eine Gänsehaut bei ihr aus.
Was war dort draußen außer Eis und Schnee?
Kasumi fröstelte und lief zum Bett zurück.

Mit der Füchsin auf dem Arm schlüpfte das Mädchen unter die warme Decke. Daran, dass die Kitsune böse sein könnte, verschwendete sie keinen Gedanken.
„Danke für die Hilfe“, flüsterte die Füchsin. „Ich werde mich dafür bedanken. Eines Tages, wenn die Dunkelheit dich befällt.“
„Ach schon gut“, wehrte Kasumi verlegen ab. „Ich helfe gern und du bis doch auch so klein.“
Die Füchsin lachte leise und schmiegte sich noch enger in Kasumis Arm.
„Ja, klein sind wir beide. Aber Größe muss kein Vorteil sein. Auch wir Kleinen können Großes vollbringen. Warte nur, du wirst schon sehen.“

„Magst du mir erzählen wer du bist?“, fragte Kasumi. „Ich heiße übrigens Kasumi und bin schon acht Jahre alt!“
„Ich weiß sehr genau wer du bist“, sagte die Kitsune. „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Und ich bin auch viel älter als du. Ich kannte schon deine Großmutter als Kind.“
Nun war Kasumi doch erstaunt. Älter als Großmutter sollte diese kleine Füchsin sein? Das war kaum zu glauben. Und doch wusste das Mädchen, dass die Kitsune die Wahrheit sprach.
„Dann bist du doch eine Yokai!“, stellte Kasumi fest. „Großmutter sagt immer, Yokai leben viel länger als wir. Wie alt bist du denn?“
„Ich habe das Licht der ersten Sterne erglühen sehen“, erwiderte die Füchsin rätselhaft. „Meine Augen haben geweint, als die Himmel brannten und sie sahen auch die Dunkelheit ewiger Nacht. So alt bin ich und noch viel älter. Hast du das etwa nicht gewusst?“

Sie stupste Kasumi mit ihrer feuchten Nase an und leckte ihr über den Arm.
„Das kitzelt!“, quiekte Kasumi. „Aber ich mag dich, du machst mir Spaß.“
„Spaß sollst du haben, kleine Lebensretterin“, sagte die Füchsin und kitzelte Kasumi erneut. „Und jetzt lass uns schlafen, es ist schon spät.“
„Na gut“, sagte das Mädchen und fühlte, wie ihr die Gedanken entglitten.
Der Schlaf bleibt immer Sieger.

Als Kasumi am nächsten Morgen erwachte, war die Füchsin fort. Verwirrt rieb sich das Mädchen die Augen. Hatte sie alles nur geträumt?
Kasumi lief zum Fenster, das fest verschlossen war. Draußen auf der Fensterbank konnte sie die Pfotenabdrücke der Kitsune sehen. Unmöglich eigentlich. Aber wahr.
Beim Frühstück überlegte sie kurz, ob sie ihren Eltern von der Füchsin erzählen sollte. Aber ihr Vater glaubte nicht an Geister. Und selbst Religion war ihm suspekt. Er war Wissenschafler, Geologe. Ein nüchtern denkender, aber herzensguter Mensch, der Kasumi jeden Wunsch erfüllte. Geld hilft, wenn man genug hat.
Kasumis Mutter war enpfänglicher für die Geschichten, die das Mädchen immer erfand.
„Du bist meine kleine Schriftstellerin“, sagte sie immer, wenn ihr Kasumi neue Zeilen zeigte.

Kasumis Großmutter lebte nur einige Straßen weiter. Und da Wochenende war, lief das Mädchen flugs dorthin. Natürlich dick vermummt gegen Kälte und Wind. Und mit den mahnenden Worten ihrer Mutter versehen, die immer viel zu viel Angst um ihre Tochter hatte.
„Oma, Oma!“, rief Kasumi schon an der Tür. „Du glaubst nicht, was heute Nacht geschehen ist!“
Mit der Macht eines Wasserfalls sprudelten die Worte aus ihr heraus und überschwemmten die Ohren der alten Frau.
„Eine Kitsune sagst du Kind? Eine Kitsune mit komischem Schwanz …? Kann es denn sein? Ist sie wirklich zurück?“
Verblüfft sah Kasumi ihre Großmutter an. „Du kennst sie?“, wollte sie wissen. „Du hast sie also auch gesehen? Aber wie ist das möglich? Bitte, bitte, erzähl mir davon!“
Die Wahrheit liegt in alten Geschichten.

Die Großmutter nahm Kasumis Hand und setzte sich mit ihr an den Kamin.
„Vor langer Zeit habe ich einer kleinen weißen Füchsin das Leben gerettet“, erzählte sie. „Ich muss damals so alt gewesen sein wie du. Die Kitsune war in eine Falle gelaufen und sehr schwer verletzt. Ich glaubte sie würde eine Pfote verlieren. Aber als ich sie befreite, heilte diese über Nacht. Wir haben lange in meinem Zimmer geredet. Das gleiche Zimmer, das nun du bewohnst. Ja, die Füchsin konnte sprechen. Und sie hat meinen Namen gewusst. Du weißt doch, dass ich wie du Kasumi heiße.“
„Wer ist sie?“, fragte Kasumi mit wild klopfendem Herz. „Und wieso ist sie so alt? Und wovor hat sie so große Angst?“
Die Großmutter schmunzelte. „Nicht immer ist alles, wie es scheint. Aber wer sie wirklich ist, weiß ich bis heute nicht.“
Legenden haben viele Namen.

In der kommenden Nacht klopfte es erneut an Kasumis Fenster. Wieder schlüpfte die Füchsin ins warme Mädchenbett. Und so ging es Nacht für Nacht.
Mehr als zwanzig Jahre zogen ins Land, Kasumi war längst eine junge Frau. Die Füchsin war eines Tages fortgeblieben. Was blieb war die Erinnerung, ein Schatten in der Nacht. Mensch und Fuchs hatten lange und oft geredet und die Kitsune hatte ihrer Retterin viel beigebracht. Dinge, die Menschen sonst nicht wissen. Dinge zwischen Morgen und Mitternacht.

In einer bitterkalten Winternacht ging Kasumi allein nach Haus. Die Straßen waren tief verschneit, es gab nur wenig Verkehr.
Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit, aber das Licht berührte kaum ihr bleiches Gesicht.
Kasumi erschrak, als ihre Augen sie musterten. Kälter noch als Eis, stechend der Blick. Auch, wenn sie die Frau nie zuvor gesehen hatte, so erkannte sie doch die Gefahr. Was hier vor ihr stand, war kein Mensch. Schon griff grausame Kälte nach ihr.
Wenn der Tod vorüber geht.

Pfeilschnell jagte ein Schatten durch die Nacht. Kleine Pfoten berührten kaum den Schnee.
„Fang mich auf!“, rief die Kitsune mit heller Stimme. „Fang mich kleine Kasumi, diesmal rette ich dich!“
Instinktiv breitete Kasumi ihre Arme aus. So, wie sie es als Mädchen immer tat.
Die Frau wich zurück, als sie die Kitsune sah. Die rieb ihren Kopf kurz an Kasumis Arm. Dann sprang sie auf die Fremde zu.
Wenn Göttinnen kämpfen.

Was geschehen war hat Kasumi nie erfahren. Nur, dass eine Frau sie ins Krankenhaus brachte. Stark unterkühlt und mit einem Schock.
„Die Frau war wunderschön“, erzählte eine Schwester. „Sie trug einen langen weißen Mantel. Fast hat sie mich an die Yuki-onna erinnert, deren Bild ich als Mädchen sah.“
Kasumi lächelte bei diesen Worten. Sie hat es sehr viel besser gewusst.

ENDE

Der nette Herr Nakamoto

Herr Nakamoto lächelte und strich Yvonne über den Kopf. Dann streckte er seinen hageren Körper und holte ihren Ball vom Dach des Gartenhauses. „Dankeschön, Onkel Satoshi!“, rief Yvonne begeistert und kickte wieder los. Prompt landete der Ball in einer Regentonne und Herr Nakamoto holte ihn auch dort heraus. Die Kinder liebten ihn. Satoshi Nakamoto war immer freundlich und hatte ein großes Herz für sie. Egal ob Süßigkeiten oder Worte, er war der nette Onkel von nebenan.

Herr Nakamoto war Buchhalter gewesen und 1980 nach Deutschland gekommen. Damals war er ein junger Mann, aber eine Frau hatte er niemals gefunden. Es gab Menschen die sagten er sei schwul. Aber das war eine Lüge. 2014 war er in Pension gegangen. Er war jetzt 65 und hielt sich noch für jung. „Das Leben“, sagte er, „das Leben fängt doch jetzt erst richtig an.“ Von diesem Tag an sah man ihn in seinem kleinen Garten, den er liebevoll pflegte.

Herr Nakamoto war Perfektionist. Das fing schon bei der Morgenroutine an. Alles an seinem Tag war wohl durchdacht. Akribisch geplant, so musste es sein. Auch, wenn seine Haare nun grau waren, Herr Nakamoto sah wirklich viel jünger aus. Und er trieb Sport. Oft sah man ihn laufen, außer Atem war er nie.

Es gab Menschen die sagten, Herr Nakamoto sei ein Pädophiler. Aber auch das war falsch. Er liebte einfach Kinder. Sie waren seine Welt. Selbst nach vielen Jahren grüßten ihn jene Erwachsenen freundlich, die er schon aus dem Kindergarten kannte. Herr Nakamoto war ein liebenswerter Mann.

Als die Bremsen quietschten, der Lieferwagen hielt und große Hände Yvonne ins Auto zerrten, da kam er zu spät. „Entschuldigung“, sagte er später immer wieder und verbeugte sich tief. „Entschuldigung Sie bitte, es war mein Fehler. Das kommt nie wieder vor.“

Aber niemand machte ihm einen Vorwurf. Im Gegenteil war die Polizei hellauf begeistert, als er den Wagen im Detail beschrieb und sogar das Kennzeichen wusste. Das leider gestohlen war. Wie der Wagen auch. Yvonnes Eltern waren völlig verzweifelt. „Warum nur?“, fragte ihre Mutter. „Warum mein kleines Mädchen?“

Aber auf manche Fragen gibt es keine Antwort, die ausgesprochen werden sollte. Herr Nakamoto wusste das. Aber niemand wusste, wer er wirklich war. Niemand kannte sein Geheimnis. Noch am gleichen Tag machte er sich auf die Suche nach Yvonne. Ein älterer Herr mit großer Brille, die fast wie ein Anachronismus wirkte.

Paul Huber war eine Ratte. Ein Dieb, Betrüger, Heiratsschwindler. Aber er verpiff auch Menschen für Geld. Oder unter Schmerzen. Und die hatte Paul zur Zeit. Herr Nakamoto hatte auf ihn gewartet und ihm ein Ohr abgeschnitten. Niemand hörte die Schreie der Ratte, in dieser Gegend hielt man sich bedeckt.

„Ich weiß, dass du für Mädchenhändler arbeitest“, sagte Herr Nakamoto. Er lächelte mit Augen schwarz wie Kohle. „Ich frage nur ein einziges Mal. Für jede Lüge schneide ich dir etwas ab. Die Nase vielleicht, oder einen Finger. Wirst du mit mir reden?“

Pauls Schmerzen raubten ihm fast den Verstand. Aber sein Instinkt sagte ihm besser nicht zu lügen. Die Russen würden ihn umbringen, das war klar. Aber das ging schnell und vielleicht konnte er vorher fliehen. Aber Herr Nakamoto war ein anderes Kaliber. Mit dem Japaner hatte noch jeder geredet. Das war Paul bekannt.

„Was wollen Sie wissen?“, keuchte er. „Fragen Sie, ich muss zu einem Arzt!“ Herr Nakamoto zeigte Paul ein Foto von Yvonne. Er hatte es selbst vor einem Jahr gemacht. Damals, als er den Clown spielte. Damals, als alle Kinder Torten nach ihm werfen durften. Herr Nakamoto hatte es so gewollt.

Paul sah zu Boden. Er wusste, wer das Mädchen war. Und auch wo sie war und wer sie hatte. Es ging um viel Geld und eine Adoption nach Asien. Wiedersehen würde Yvonne Deutschland nie. Vielleicht hätte Herr Nakamoto Paul am Leben gelassen. Aber Verbrechen an Kindern verzieh er nie. Er war kein Engel, aber er hatte ein Herz, das für Kinder schlug.

Fast beiläufig schnitt Herr Nakamoto Paul die Kehle durch, als er alle Informationen hatte. Röchelnd starb die Ratte. Die Polizei ging später von einem Raubüberfall aus. Das kommt auch bei Kriminellen vor. Herr Nakamoto stieg in seinen kleinen Wagen, den er schon viele Jahre fuhr. Zwei Stunden später erreichte er sein Ziel, ein Bauernhof bei Gießen. Dort war der Japaner dann nicht sehr nett.

Herr Nakamoto lächelte und strich Yvonne über den Kopf. Das Mädchen weinte und hatte die Arme um ihren Retter geschlungen. „Ich möchte, dass du die Augen schließt“, sagte Herr Nakamoto leise. „Versprichst du mir das?“ Yvonne nickte und schluchzte, dann hob er sie fast spielerisch hoch. Ohne die Leichen der Entführer zu beachten ging er zum Auto zurück. Yvonne sah nichts.

Der Polizei würde er später erzählen, er habe zufällig einen der Täter in der Stadt gesehen, sei ihm gefolgt und als die Männer das Haus verließen, habe er die kleine Yvonne befreit. „Das musste ich doch tun, die Entführung war doch meine Schuld!“ Danach verbeugter er sich lächelnd.

Herr Nakamoto lebt noch immer in seiner Stadt und jeder mag den netten Mann. Vor allem die Kinder, die er niemals hatte.

Wie ein Schatten in der Nacht

Der Wille zum Bösen, ist oft die treibende Kraft in Menschen. Eri Kisaki hatte genau diesen Weg gewählt. Sie war eine Killerin, ein Monster in Menschengestalt. So zumindest sahen das die Behörden, die die Yakuza seit Jahren suchten.

Saya Kisaki war egal, was andere über ihre große Schwester sagten. Sie hatte Eri immer geliebt und kein Wort von dem geglaubt, was die Polizei ihr sagte. Saya war ein einfaches Mädchen und vom Leben aus der Bahn geworfen. Sie arbeitete als Stripperin und Hure und doch reichte das Geld fast nie.

Sayas Kapital war ihr makelloser Körper. Mit zweiundzwanzig bist du nicht wirklich alt. Aber die Stöße der Männer verletzten ihre Seele. Jeden Tag tiefer, jeden Tag ein bisschen mehr. Saya wollte weg! Nur raus aus diesem Leben. Viele Freier schlugen sie und wollten ungeschützten Sex. Aber wer schützt eine Frauenseele.

Eines Tages schien ihre Chance gekommen. Ein Fremder kam in den Club, ein Europäer. Schwede sollte er angeblich sein, aber das war Saya ganz egal. Nicht egal war ihr sein Angebot sie für einen Film zu engagieren. „Es ist ein besonderer Film“, sagte er. „Aber einer ohne Happy End.“

Die Gage stimmte und das war noch untertrieben. 10.000 US Dollar waren für Saya das Tor zur Welt. Sie unterschrieb den Vertrag, den sie kaum lesen konnte. Zu lange waren die Englischstunden in der Schule her. Aber wer fragt schon nach Details, wenn eine solche Summe lockt.

Saya hatte wenig, aber doch regelmäßig Kontakt zu ihrer Schwester. Eri konnte nicht viel für Saya tun. Ihr Leben war viel zu gefährlich. Und doch wachte sie heimlich über sie. Aber was kannst du tun, wenn du im Schatten lebst? Saya schickte Eri eine SMS. „Ich werde Filmstar“, schrieb sie. „Eine schwedische Firma hat mich engagiert. Du wirst schon sehen, ich werde berühmt!“

„Bestimmt ein Porno“, erzählte Saya einer Freundin und beide lachten. „Pass nur auf, sonst wirst du noch schwanger!“ Und wirklich musste Saya sich nackt ausziehen, aber die Männer hatten kein Interesse an Sex. Kalte Augen musterten ihren Körper. „Kamera läuft, es geht los!“

Ein junger Mann trat vor. Kalte Augen und sehr gut gekleidet. Verunsichert blickte Saya auf das Messer in seiner Hand. Wer schützt Frauen vor wilden Tieren. Der Schitt war tief, dann kam der Schmerz. Saya schrie, sie kämpfte, aber keine Frau kann sich gegen ein halbes Dutzend Männer wehren.

Als Eri die SMS las erwachte sofort das Misstrauen in ihr. Mit dem Instinkt des Raubtiers witterte sie Gefahr. Sofort rief sie Saya an, aber ihre Schwester schwieg. Der Motor des BMW brüllte, als Eri regelrecht über die Straßen flog. Noch im Auto rief sie eine Nummer an, die ihr Auskunft über die dubiose Filmfirma gab. „Snuff-Videos“, sagte die Stimme. „Wenn deine Schwester da mitmacht, ist sie tot.“

Die Männer töteten Saya nicht, es waren immer nur recht harmlose Schnitte. Aber je mehr sie schrie, umso tiefer schnitten sie. Saya weinte, das Blut floss in Strömen. Schwitzende Gesichter, in denen pure Mordlust flackerte, brannten sich in ihren Verstand. „Aufhören, bitte!“, rief sie in purer Verzweiflung. „Eri, so hilf mir doch …!“

„Stop!“, die harte Stimme eines Mannes ließ Sayas Peiniger erstarren. Eisgraue Haare und Augen dominierten nicht nur sein Gesicht. „Wen meinst du mit Eri?“, fragt er und packte Saya hart an den Haaren. „Mei … meine Schwester“, stammelte Saya. „Wer ist deine Schwester, rede!“, forderte der Mann. „Eri … Eri Kisaki!“, flüsterte Saya mit letzter Kraft. „Sie wird euch alle töten!“

„Fuck!“ Der Mann ließ sie los, Panik grub sich tief in sein Gesicht. „Raus hier, alles abbrechen, sofort! Das …“ Weiter kam er nicht. Die Tür des Raumes flog krachend auf. Plopp machte es, als die erste Kugel sein Hirn zerfetzte. Die zweite Kugel traf sein Herz. Wie ein Schatten in der Nacht kam der Tod über die Männer. „Ihr tötet niemand mehr!“

Eri schoß und alle Kugeln trafen ihr Ziel. 7 Männer lagen tot am Boden. Eri hatte keine Blicke mehr für sie. Mit einem Schritt war sie bei ihrer Schwester. Keine Wunde war tödlich, es würden nur kleine Narben bleiben. Eri versorgte ihre Schwester und brachte sie in ein Krankenhaus. An diesem Tag wurde Saya neu geboren.

„Wer hat dich engagiert?“, wollte Eri von Saya wissen, als die Ärzte Entwarnung gaben. „Nenn mir einen Namen, er wird nie wieder Frauen töten!“ „Der Vertrag“, flüsterte Saya. „Er liegt in meiner Wohnung auf dem Küchentisch.“ Wieder glitt ein Schatten durch die Nacht. Ein Engel der Rache stieg vom Himmel herab.

Der Wille zum Bösen, ist oft die treibende Kraft in Menschen. Carl Janson war besessen von dieser Kraft. Er wartete auf Eri. Bewaffnet und entschlossen. Aber wie fängst du die Dunkelheit. Als Eri vor ihm stand, hatte sie 4 weitere Männer getötet. Kurz und schmerzlos. So, wie sie es immer tat. Aber Carl ließ sie leiden. Eine Stunde lang ritzte sie das Kanji für „Schwein“ in seine Haut. Dann schnitt sie ihm die Hoden ab.

PS: Das ist die harmlose Version dieser Geschichte. Für Yuki und alle zarten Seelen. Bedenkt bitte, das ist nur ein Text. Ohne Wertung, ohne Hass.

 

Eine Reise in den Themenwald

Auf der Suche nach einem bestimmten Artikel, bin ich heute im Themenwald gewesen. Spannend ist es dort und wunderbar bunt. Findige Themenhüter, haben Schneisen ins Dickicht geschlagen. Und Schilder aufgestellt. Damit Wanderer die Richtung finden. Und den Artikel auch.

Ich wähle einen Weg. der sich „Zur Regenbogenpresse“ nennt. Am Ende, so weiß ich, wird dort in einer alten Windmühle kalter Kaffee serviert. Natürlich mit einem Häubchen (Lügen)Sahne und dem (Doppel)Korn Wahrheit. Zum Wohl, meine Damen und Herren!

Der Themenwald ist der älteste Wald der Erde. Er hat vom Anbeginn der Zeiten existiert. Allerlei seltsame Gewächse stehen am Wegesrand. Tief verwurzelt? Fehlanzeige! Die sind eher oberflächlich. Und oft sieht man sie vor lauter Unkraut nicht.

In der Mitte des Themenwaldes liegt die Gerüchtehütte. Müde Wanderer treffen sich dort zum Stelldichein. Der Hüttenwirt, Herr Bert Gröhlemeier, begrüßt mich mit „Holladidudeldö!“ und gibt gleich noch einen gesprungenen Doppelaxel. Leider fällt er dabei aufs Hinterteil. Was für ein Bild, das tut bestimmt weh!

Heute ist Live-Musik auf der Hütten angesagt. Gregorianische Gesänge weisen mir den Weg. Gabe Riel ist der Sänger. Unterstützt von seiner Band „Die Roten Socken.“ Der Hit „Braindead, but happy“, erschallt ein ums andere Mal.

Gleich nebenan gibt es die Aufforstung „Stimmungsmache.“ Zarte Pflänzchen gedeihen dort prächtig und gut. Leider nur die auf der rechten Seite. Links ist es zu dunkel dafür. Auch die Mitte ist recht kahl geworden. Wo nur sind die ganzen Indianer?

Eine (Spott)Drossel fliegt schimpfend an mir vorbei und flattert gegen einen Spiegel. Den hatte sie vermutlich nicht im Fokus. Auf einer Lichtung kann ich eine Schar Schmierfinken erkennen. Die essen Einheitsbrei und hüpfen wild um einen Kessel Buntes.

Plötzlich raschelt es im grünen Wortgestrüpp. Ein Weißblauer Pfau bahnt sich keck seinen Weg ins Licht und lässt einige Zeilen fallen. Ötzi hieße er und sein Sozialer Horst sei voll, erklärt er mir. Daher müsse er nun zu Mutti ins Kloster fliegen. Angelika! Mir grauts vor dir.