And Emily plays

Based on a True Story. Der Titel ist dem Lied „And Emily plays“ von Pink Floyd geschuldet. 

Es waren nur vier kurze Worte, die Emilys Welt auf den Kopf stellten. „Vero ist tot!“, stand auf dem Display des Handys. Eine zweite SMS, abgehackte Worte, die von purer Verzweiflung zeugten. Emily las. Plötzlich war dort wo ihr Herz sein sollte nur noch ein Schwarzes Loch. Ein Laut entwich Emilys Kehle, wie ihn sonst nur waidwunde Tiere ausstoßen. „Vero ist tot!“, hämmerte es in ihrem Kopf.

„Was ist passiert?“, wollte ihre Freundin wissen, die sofort Unheil ahnte. Wortlos reichte ihr Emily das Handy und ging ins Schlafzimmer. Ohne nachzudenken, aber doch mit einem klaren Ziel, wühlte sie im Kleiderschrank. Als sie den Teleskopschlagstock fand lächelte sie. „Time to play“, murmelte sie und ihre Augen blickten kalt.

Ihre Freundin weinte. Auch sie hatte Vero gut gekannt. „Was … was ist denn passiert? Warum nur …? Emilys Lächeln war eisig, als sie den Schlagstock durch die Finger wirbeln ließ. „Lass uns fahren“, sagte sie. „Ich muss etwas tun.“

Etwas zu tun war normal für Emily. Sie mischte sich stets ein, wenn es Probleme gab. Meist für Frauen, vor denen sie schützend stand. Der Schwarze Gürtel in Karate war durchaus hilfreich dabei. Mit Emily war nicht zu spaßen, wenn sie der Zorn überkam. Und zornig war sie oft, wenn auch stets eiskalt kontrolliert.

Einige Menschen hatten das nicht ernst genommen und ihren Fehler bitter bereut. Einem Mann hatte sie die Finger gebrochen, als er ihr an den Hintern fasste. Und eine stadtbekannte Lesbe ging ihr auch nach Jahren noch aus dem Weg. Die Ohrfeigen hatte sie nie vergessen.

Emilys Clique wartete schon. Ein halbes Dutzend Frauen und alle hatten Vero gut gekannt. Trauer lag in der Luft. Eine Stadt weint, wenn ein Engel geht. Emily schaute in die Runde. Ihr kaltes Lächeln verwirrte alle. „Klärt mich vielleicht mal jemand auf?“, fragte sie.

„Sie hatte wieder Streit mit ihrem Lover“, meldete sich Kim. „Und ich hatte ihr noch gestern gesagt, dass sie Abstand braucht. Einfach eine Auszeit, um den Kopf klar zu bekommen.“ Zustimmendes Gemurmel folgte ihren Worten. Auch Emily nickte. Sie wusste, Kim hatte recht.

„Ich hätte ihr die Beziehung ausreden müssen“, sagte Emily leise. „Oder vielleicht besser ihm!“ Kim schüttelte die rote Wuschelmähne. „Du hast es doch versucht, wir alle haben das! Du weißt doch selbst, was für ein Dickkopf Vero sein konnte. Vero …“

Kims Tränen flossen und alle Frauen weinten mit. Nur Emily nicht. Sie saß einfach nur da und lächelte. Ihre Freundin nahm vorsichtig ihre Hand. Sie kannte dieses Lächeln gut. „Mach keine Dummheiten!“, bettelte sie. „Das bringt Vero nicht zurück.“

Veronika, von allen Vero genannt, war Emilys älteste und beste Freundin. Die beiden waren zusammen aufgewachsen und hatten alles geteilt. Nur nicht die Liebe, Emily liebte Frauen. Vero hatte immer nur gelacht, wenn Emily sie aus Spaß mit anderen Mädels verkuppeln wollte.

Vero mochte nur Männer und war unsterblich in Kevin verliebt. Gemeinsam bezogen sie schon früh eine Wohnung. Aber Kevins Eifersucht, sein krankhafter Zwang Menschen zu kontrollieren, hatte viel Unglück über die Beziehung gebracht. Und doch blieb Vero ihm treu, er war die Liebe ihres Lebens.

Emily hatte sie fast angefleht Kevin zu verlassen. Aber Worte sind machtlos, wenn Liebe den Verstand übernimmt. Es gab oft Streit. In letzter Zeit noch mehr. Und gestern war Vero in die Nacht geflohen. Durch den Schleier der Tränen sah sie den Wagen nicht. Ein Schlag, ein stummer Schrei und wieder hatte das Schicksal einen Engel umgebracht.

„Wo ist er?“, fragte Emily mit kalter Stimme. „Er wird bereuen, dass er geboren worden ist!“ Wahnsinn tobte durch die Nacht, der brennende Wunsch nach Rache. „Kommt ihr?“, fragte sie zu Kim und ihrer Freundin gewandt. „Lasst uns spielen gehen.“ Ohne sich umzudrehen marschierte sie zu ihrem Wagen.

Kim, Vero und Emily waren als Trio legendär. Beste Freundinnen seit Kindertagen. Und bei diesen Drei war keine zu viel. Auf dem Weg zu Veros Wohnung sprach niemand. Die Frauen wussten, dass niemand Emily stoppen konnte.

Emily klingelte. Ein Unbekannter öffnete, Emily hatte ihn noch nie gesehen. „Geh mir aus dem Weg“, sagte sie und trat dem Mann brutal zwischen die Beine, als der einen Moment zu lange zögerte. Noch während er ächzend zu Boden ging, war Emily mit einem schnellen Schritt in der Wohnung.

„Kevin!“, rief sie. „Zeig dich du Held!“ Zwei Männer versperrten ihr den Weg und die Mädels machten Front. „Verschwindet ihr Affen“, sage Emily. „Oder ihr könnt im Krankenhaus Runden drehen.“ Der Schlagstock pfiff durch die Luft. Die Männer wichen zurück, die Drohung wirkte.

Emilys Zorn kannte keine Grenzen, die Schleusen des Hasses öffneten sich. Emily war dazu in der Lage, die Flut aus Emotionen in die richtige Bahn zu lenken. Aber sie würden Kevin überrollen, das stand fest.

Ein Gespenst schwebte auf Emily zu. Sie erkannte Kevin, um dessen Augen dunkle Ränder lagen. Er wankte, die beiden Männer mussten ihn stützen. Als er Emilys Gesichtsausdruck sah, begann er zu zittern. „Ich …, es tut mir so leid!“, stammelte er. „Vero …, ich habe sie doch geliebt!“

Emily musterte die traurige Gestalt, dieses armselige Zerrbild eines Menschen. „Liebe? Du?“ Sie spuckte ihm ins Gesicht. „Du hast sie auf dem Gewissen! Deine Eifersucht, dein krankes Ego! Dafür zahlst du hier und jetzt!“ Einer der Männer griff nach ihr und wollte sie zur Seite drängen. Der Schlagstock traf und knackend brach sein Unterarm.

Emily kickte den Schreienden zu Boden. „Ruf wer die Polizei, die ist ja nicht normal!“, hörte sie und war mit einem Schritt bei dem Sprecher. „Normal?“, fauchte sie und riss das Knie nach oben. „Nein, normal ist wirklich anders. „Der da, hat meine beste Freundin umgebracht!“

Kevin nutzte den Moment und lief los. Hinter ihm schrien Menschen. Und ein Rachedämon folgte ihm. Auf der Straße holte Emily Kevin ein. „Time to play“, sagte sie. Kevin sah die Tritte nicht kommen, sie explodierten an Unterleib und Kinn. Wie vom Blitz gefällt ging er zu Boden und krümmte sich vor Schmerz.

Emily lächelte, ein gezielter Schlag zur Kehle und alles wäre aus. Ein plötzlicher Windstoß trieb ihr Sand in die Augen. Sie blinzelte und glaubte für einen Moment ihre tote Freundin zu sehen. Die Erscheinung weinte und Emily ließ Kevin los. Sie wischte sich übers Gesicht. „Vero?“, murmelte sie. Aber niemand antwortete, das Bild war fort.

„Bi … bitte“, schluchzte Kevin, „lass mich doch. Ich habe …“ „Halt den Mund!“, fauchte Emily und brach ihm mit einem gezielten Schlag die Nase. Mitleidlos sah sie zu, wie das Blut zu Boden floss. „Geh mir aus dem Augen du Stück Dreck“, sagte sie. „Aber wage es zur Beerdigung zu kommen und du bist tot!“

Emilys Freundin zitterte am ganzen Leib und war doch mächtig stolz auf sie. Emily war es nicht. Aber Rache ist manchmal der einzige Weg. Kevin blieb der Beerdigung fern. Er lag mit einem Nervenzusammenbruch im Krankenhaus. Sagte er. Die Wahrheit hat viele Gesichter.

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Affentheater

Ein überheblicher Mensch und ein alter Affe begegneten sich im Zoo. Der eine stand vor, der andere hinter dem Gitter. Eine Zeitlang redete keiner der beiden, schließlich ergriff der Mensch das Wort. „Sag Affe“, begann er, „wie lange bist du schon im Zoo?“

„Mein ganzes Leben lang“, erwiderte der Affe wahrheitsgemäß. „Und du?“ Der Mensch wusste darauf keine Antwort und ging seiner Wege. Aber die Bemerkung des Affen ärgerte ihn schon. Also kam er am nächsten Tag wieder und stellte sich vor den Affenkäfig.

„Sag Affe, wärst du nicht lieber in Freiheit, so wie ich? Hier draußen ist es toll!“ „Was ist so toll dort wo du bist“, wollte der Affe nun wissen. „Magst du mir das erklären?“ „Na hier gibt es ganz viele andere Menschen“, sagte der Mensch. „Und wir sind alle Freunde!“

Der Affe schaut nach links und dann nach rechts. Und wirklich sah er viele Menschen, die aber keine Notiz von dem ungleichen Duo nahmen. „Wenn das alles deine Freunde sind“, sagte er, „warum redest du dann mit mir?“

Wieder wusste der Mensch darauf keine Antwort und ließ den Affen einfach stehen. Aber auf dem Weg nach Hause überlegte er sich, wie er den Affen für seine Unverschämtheiten bestrafen könne. Dann kam ihm eine Idee.

Am nächsten Tag ging er wieder in den Zoo und rief nach dem Affen. Der nahm aber keine Notiz von ihm und aß lieber eine Banane. Das passte dem Mensch nicht und er klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit des Affen zu erhalten. „Mach Kunststücke!“, rief er immer wieder, aber der Affe dachte nicht daran und fragte nur „Warum?“

„Na weil du ein Affe bist und ich ein Mensch!“, sagte der Mensch und lachte. „Also was ist nun?“ Der Affe überlegte kurz und nickte dann. „Ein Kunststück kann ich, das zeige ich dir gern. Er griff nach einem Zweig, den er dem Mensch durch das Gitter des Käfigs reichte.“

„Was soll ich damit?“, fragte der Mensch und griff nach dem Zweig. Aber der Affe lächelte nur und schwieg. Da wurde der Mensch böse und beschimpfte den Affen übelst. „Du dummer Affe!“, rief er, „wie kannst du es wagen mir nicht zu antworten?“

Der Affe streckte die Hand aus. „Gib mir meinen Zweig wieder“, sagte er, „ich muss mich damit am Rücken kratzen.“ Völlig perplex gehorchte der Mensch und reichte dem Affen den Zweig durchs Gitter. Der Affe kratzte sich ausgiebig mit dem Zweig und warf ihn dann achtlos auf den Boden.

Dem Mensch wurde böse. „Willst du mich ärgern, du dummer Affe? Weißt du nicht wer ich bin? Dein Futter wird von meinen Steuern bezahlt!“ „Ich weiß schon wer du bist“, erwiderte der Affe und aß eine weitere Banane. Mehr wollte er dazu nicht sagen, so sehr der Mensch ihn auch drängte.

Wütend ging der nach Hause und fragte sich den ganzen Tag und die Nacht, was der Affe ihm sagen wollte. Er war klug genug um zu verstehen, dass Drohungen und laute Worte bei dem Affen nichts fruchteten. Also kaufte er eine Kiste Bananen und ging wieder in den Zoo.

„Hallo Affe!“, rief er, „ich habe dir etwas mitgebracht! Du bekommst die Bananen wenn du mir sagst, was du gestern gemeint hast. Abgemacht?“ Nun mochte der Affe genau diese Sorte Bananen sehr und stimmte zu. Er wollte die Bananen aber vor seiner Antwort haben. Der Mensch zögerte, gab sie ihm aber letztendlich.

Der Affe schaute auf die Bananen und dann auf den Mensch. Ursprünglich hatte er diesem eine schroffe Antwort geben wollen, aber die Bananen hatten ihn etwas milder gestimmt. „Du hast mich gefragt, ob ich nicht lieber in Freiheit leben würde. Aber was ist Freiheit wirklich?

Ich sitze sicher in diesem Käfig, bekomme immer genug zu essen und habe die Freiheit sogar Menschen dazu zu bringen, dass sie mit mir reden und Kunststücke für mich machen. Wer, so frage ich mich, ist nun von uns beiden wirklich der Affe?“ Dann nahm er seine Bananen und ließ den Menschen stehen.

„Lustiger noch, als sich die Affen im Zoo anzugucken, ist es, die freilaufenden Menschen zu betrachten.“ – Kodo Sawaki

Mörderisch

Die Nacht war jung. Susan war noch jünger. Aber Gewalt ist alterlos, sie hat schon immer existiert. Susans Jugend zerbrach in dieser Nacht. Niemand half dem Mädchen, als die Männer sie ins Auto zerrten und in einer abgelegenen Hütte vergewaltigten.

Niemand sah ihre Qual, die Männer lachten nur. Als sie fertig waren verschluckte die Dunkelheit ihre Gestalten. Zurück blieb ein wimmerndes Bündel Mensch, dessen Seele zerbrochen war. Ein Waldarbeiter fand die völlig verstörte Susan, als sie halb nackt zur Straße taumelte. Polizei und Notarzt kümmerten sich um sie.

Edward, ihr Bruder, besuchte sie täglich im Pflegeheim. Aber niemand beantwortete seine Fragen. Susan nicht und die ratlose Polizei noch weniger. Und nach einigen Monaten legten sie den Fall zu den Akten.

„Es tut mir leid“, sagte der zuständige Officer. „Wir haben getan, was wir für ihre Schwester tun konnten. Aber wer immer die Täter waren, die sind längst untergetaucht. Die DNA-Analyse hat keine Treffer gebracht. Die Männer sind uns unbekannt.“

Zehn Jahre war das nun her. Jahre, die Spuren hinterlassen hatten. Edward war Alkoholiker geworden. Der Schnaps half ihm, die leeren Augen seiner kleinen Schwester zu ertragen. Als es passierte, war Susan sechzehn Jahre alt geworden. Und das war sie immer noch.

Heute hatte Edward Geburtstag, er war jetzt Dreißig. Er hatte gefeiert und mehrere Runden spendiert. Betrunken schwankte er von der Bar nach Hause. Der Besitzer hatte ihn an die Luft gesetzt.

„Komm zurück, wenn du wieder Geld hast“, klang es in seinen Ohren. Dann schickte ihn ein Tritt in die Kälte der Nacht. Edward würgte, Übelkeit ließ ihn zittern. Immer wieder übergab er sich.

Er musste eingeschlafen sein, Ein Blick auf die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht. Edward lag in seinen eigenen Magensäften. „Fuck!“, fluchte er und rappelte sich auf, aber seine Beine zitterten. Er hielt sich an einem rostigen Tor fest, der Eingang zu einem schon lange verlassenen Haus.

„Das Marston Anwesen!“, zuckte es durch sein vernebeltes Hirn. „Dort spukt es doch, ich muss hier weg!“ Aber ein innerer Zwang trieb ihn in auf das Haus zu. Edward spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Die fensterlosen Scheiben wirkten wie leere Augenhöhlen, die offene Tür erinnerte an einen zahnlosen Mund.

Der Legende nach, hatte hier einst die Familie Marston gelebt. 1924 hatte Tony Marston seine Ehefrau und deren Geliebten umgebracht, als er sie in flagranti erwischte. Danach, so hieß es, habe sich Marston im Treppenhaus erhängt. Das Haus erbte Tony Marston jr., der Sohn des toten Paares. Der Junge war damals erst Vierzehn und angeblich nicht zu Hause.

Das plötzliche Licht und die angenehme Stimme des Fremden, ließ Edward an seinen Sinnen zweifeln. „Kommen Sie nur, Mr. Dillon. Warten Sie ich helfe Ihnen. So, jetzt wird es gehen.“ Eine kalter Hauch drängte Edward tiefer ins Haus, in dem nun antiquiert wirkende Möbel standen.

Ein Mann unbestimmten Alters stand vor ihm. Seine Augen machten Edward Angst. Er begann zu zittern, aber der Fremde hob beschwichtigend die Hände. „Haben Sie keine Angst, Ihnen zumindest wird heute kein Leid geschehen.“

Die Worte fraßen sich wie Säure in Edwards Kopf und trugen kaum dazu bei, ihn zu beruhigen. „Mein Name ist Marston, Tony Marston. Junior. Sie haben vielleicht schon von der Tragödie in diesem Haus gehört.“

Als Edward nickte ging Tony einen Schritt auf ihn zu. Die Kälte des Todes bohrte sich in Edwards Körper und ließ sein Herz erstarren. „Wie ich es mir dachte“, murmelte Tony. „Eine weitere Seele, die Rache sucht.“ Er lachte, aber in Edwards Ohren klang es mehr wie Donnergrollen.

„Ich habe Neuigkeiten, Mr. Dillon“, fuhr Tony fort, „bei mir sind sie an der richtigen Adresse.“ „Was …, was wollen Sie von mir?“, stammelte Edward. „Wer sind Sie überhaupt? Sie können unmöglich Tony Marston sein, der wäre heute Hundert!“

„Was sind Sie, sollte die Frage sein“, erwiderte Tony. „Ich bin kein Gespenst, aber auch kein Mensch. Wissen Sie, damals als Dad meine Mom erschoss, hat es mich auch erwischt. Also meinen Körper! Aber kann ein Dämon sterben? So bezeichnet man mich landläufig. Und ich und niemand sonst, war Moms Secret Lover.“

Er kicherte und Edwards Magem krampfte sich erneut zusammen. „Marston war nicht mein Dad, das war … NEIN, das ist eine andere Geschichte. Vielleicht fragen Sie sich, wie ich das mit dem Tod verschleierte. Das, ich muss mich wirklich dafür loben, war ein klasse Gag!

Menschen sind leicht zu beeinflussen und sehen nur, was sie sehen wollen. In diesem Fall sollen. Unter günstigen Umständen kann ich Gedanken kontrollieren.“ Er schwieg und sah Edward nachdenklich an. „Ja und lesen. Und ihre sind wirklich interessant!“

Die Kälte war noch intensiver geworden, Edward konnte seinen eigenen Atem sehen. Und dann verschwand seine Angst und er begriff seine Chance. „Warum bin ich hier?“, wollte er wissen. „Sie haben das gemacht, oder?“

„Ich habe lange auf jemand wie Sie gewartet“, erwiderte Tony. „Auf jemand, der, wie Sie, völlig verzweifelt ist und Rache sucht. Hören Sie mir gut zu, ich weiß, wer die Vergewaltiger Ihrer Schwester sind!“

Edward schloss kurz die Augen. Aber der Spuk blieb. Was er sah und fühlte war Realität. „Hilf mir und ich helfe dir!“, hörte Edward. „Gemeinsam könnten wir, nun ja, Bösewichte jagen?“ Tony lachte und Edward begriff, dass sein Gegenüber nur die halbe Wahrheit sagte. Aber es war egal. „Bösewichte, ja?“, fragte er. „Kaufe ich! Und was jetzt?“

„Jetzt“, sagte Tony und schlüpfte in Edwards Körper, „jetzt mein Freund geht es richtig los!“ Und er hielt Wort. In den nächsten Wochen veränderte sich Edwards Leben drastisch. Mit Hilfe seines neuen Freundes, der überraschend passiv blieb und nur als Stimme in seinem Kopf zu hören war, gestaltete er sein Leben völlig um.

Geschäfte gingen stets zu seinen Gunsten aus. Edward fand das anfänglich komisch. Aber er gewöhnte sich schnell an die ängstlichen Blicke seiner Geschäftspartner, wenn sie zitternd die Verträge unterschrieben. Was immer es auch war, das Tony mit ihnen machte, wirkte und war Edward egal.

In einer heißen Sommernacht stellten sie vier Männer, die, so zumindest ließ ihn Tony wissen, Susan auf dem Gewissen hatten. Einer davon war sein Cousin Tom. Edward zog eine Pistole, aber das Quartett lachte nur. Sie lachten immer noch, als er sie mit Susans Schicksal konfrontierte. „Ja, die Bitch hatte Feuer im Hintern“,  sagte Tom.

Edward schoss und erwischte drei der Männer, bevor ihn eine Kugel ins Bein auf die Knie fallen ließ. „Du blöder Idiot!“, schrie Tom. „Was soll das denn? Wegen der Schlampe machst du so ein Theater? Du hast sie doch auch schon gefickt! Wir alle haben, aber an dem Abend zickte sie rum. Na, da hatten wir dann anders Spaß!“

Die Erinnerung  brach wie eine Flutwelle über Edward. Er sah Susan, die sich nackt auf ihrem Kinderbett räkelte. Susan, die ihn lockte, Susan die ihm gehörte! Edward schrie und wollte die Waffe auf Tom richten, aber seine Finger versagten. Das Lachen in seinem Kopf erklärte warum.

Die Schüsse zerfetzten Edwards Brust. Röchelnd ging er zu Boden. „Du bringst niemand mehr um“, sagte Tom und spuckte auf den Sterbenden. Er steckte die Pistole weg und zündete sich eine Zigarette an. „Völlig richtig“, sagte Tony und stand langsam auf. „Aber ich schon.“

Der Held

Jack war aufgeregt, als er an diesem Morgen nach Braxton fuhr. Immerhin würde er den größten Helden des letzten Krieges treffen. Er, Jack, der kleine Reporter und nicht Paul oder John, die vor Neid fast platzten.

Bill, der Chefredakteur hatte Jack am Vortag ins Büro gebeten und ihm die Offerte gemacht. „Ich will, dass du da hin fährst und dir alles, aber auch wirklich alles anhörst, was dieser Mann zu sagen hat“, gab er ihm mit auf den Weg. „Wir haben nur diese eine Chance. Es hat jetzt Monate gedauert, um diesen Termin zu bekommen.“

„Warum ich?“, fragte Jack und hätte sich selbst dafür ohrfeigen können. „Weil du, mein Junge, die Unschuld dafür hast. Diese abgewrackten Typen, die sich Reporter nennen und heimlich saufen oder Schmiergeld von der Mafia nehmen, die will ich auf keinen Fall bei Colonel Sharp sehen. Aber wenn du keine Lust hast kannst du gleich nach Hause gehen.“

Jack schluckte, als er begriff was Bill meinte. „Ich mache es ja! Keine Angst, ich bekomme das hin!“ „Das rate ich dir auch!“, knurrte Bill und schlug heimlich drei Kreuze. Endlich hatte wer zugestimmt. Colonel Ben Sharp war nämlich alles andere als einfach. Manche behaupteten, er sei ein Ekelpaket.

Egal was Paul und John nun sagten, sie hatten den Job vorher abgelehnt. Aus gutem Grund, der Colonel hatte Paul vor einem Jahr die Nase gebrochen, als er ihn am Flughafen interviewen wollte. Auch Jack wusste das und er hatte Angst. Aber nicht genug, um Nein zu sagen.

The Shootist

Ben Sharp war 42 Jahre alt und seit genau 22 Jahren Soldat. Er war bei der Infanterie gewesen und später bei einer Scharfschützenkompanie. Erst als normaler Soldat. Durch seine Leistungen kam schnell seine erste Beförderung. Leistung hieß in diesem Fall Feinde zu töten. Und Ben Sharp war darin richtig gut.

Niemand kannte die genaue Zahl der Toten, die auf sein Konto gingen. Aber es waren mehr als hundert. Entsprechend gefürchtet war dieser Mann, der angeblich kein Gewissen hatte. Jenes Wrack, das Jack an diesem Morgen die Tür öffnete, sah wenig gewissenlos aus. Einen Helden hatte Jack sich anders vorgestellt.

„Sie müssen Jack sein“, begrüßte ihn der Colonel. „Kommen Sie nur rein und erschrecken Sie nicht, wenn sie irgendwelche Stimmen hören. Das sind nur die Gespenster der Vergangenheit.“ Er lachte bitter und Jack bekam eine erste Idee, dass dies kein normales Interview war. Worauf hatte er sich eingelassen?

Colonel Sharps Haus war alt aber sauber und sehr spartanisch eingerichtet. Im Wohnzimmer gab es nur einen Sessel, der zwischen Tisch und Wandschrank stand. „Ich habe nie Gäste“, erklärte der Colonel, als er Jacks Blick bemerkte. „Also wozu Möbel kaufen? Die verstauben nur und werden von Motten zerfressen. Gehen wir in die Küche, dort gibt es zwei Stühle.“

Bei Tee und Gebäck stellte Jack die ersten Fragen, aber die Antworten fielen sehr einsilbig aus. Plötzlich stand Ben Sharp ruckartig auf und sein Stuhl fiel um. „So wird das nichts, junger Mann“, erklärte er. „Wir machen das anders. Ich erzähle Ihnen meine Geschichte und Sie schreiben einfach mit. Wenn Sie Fragen haben, dann fragen sie auch!“

Anfang

„Soldat zu werden war immer mein Traum“, begann Ben Sharp. „Ich bin mit Waffen augewachsen. Mein Vater und Großvater waren auch beim Militär.“ Er deutete auf zwei verblasste Bilder an der Wand. „Genereal Dwight B. Sharp, mein Großvater und General Trevor B. Sharp, mein Vater.

Das „B“ steht dabei immer für Benjamin. Ich habe mit der Tradition gebrochen. Mein erster Name lautet nämlich Hank. Aber ich wollte kein H. B. Sharp sein und Ben hat man mich immer schon gerufen. Auch wenn ich kaum wie Ben der Bär aussehe.

Meinen ersten Menschen habe ich mit 22 getötet“, fuhr der Colonel fort. „Das war bei diesem Terrorakt in New York. Ich war damals zur Nationalgarde abkommandiert. Wir sind rein, ich habe diesen Kerl mit Sturmgewehr gesehen und ohne zu zögern geschossen.“

Jack machte sich Notizen, das Gespräch selbst zeichnete er mit dem Handy auf. „Das war doch bestimmt ein einschneidendes Erlebnis, Sir“, sagte er. „Wie haben Sie sich danach gefühlt?“ Dunkle Augen musterten Jack. Augen, in denen der Wahnsinn brannte.

„Ich habe mir die Seele aus dem Leib gekotzt“, stellte der Colonel klar. „Danach war ich eine Woche krank. Sie haben mir Medikamente und einen Orden gegeben. Und plötzlich war ich Sergeant.“ Er holte tief Luft. „Danach war alles anders. Die Drogen haben gewirkt und mich ruhig gestellt. Ein Jahr später kam Buffalo.“

Der Vorfall in Buffalo galt lange als blutigster Tag des Landes. Zwei Dutzend Terroristen, hatten eine Schule gestürmt und mehrere Dutzend Kinder abgeschlachtet. Bei dem folgenden Feuergefecht, mit Spezialkräften der Polizei, kamen fünf der Täter um, aber auch acht Polizisten. Danach wurde Jacks Truppe angefordert und sein Stern ging auf.

A Star is born

„Ich habe mir von einem Polizisten ein Gewehr mit Zielfernrohr geliehen, das ich an diesem Tag meisterhaft benutzte“, fuhr der Colonel fort. „Nachdem ich die Hälfte von den Kerlen erledigt hatte, gaben die anderen auf. An diesem Tag wurde ich zum Held.“

Jack war verwirrt. Irgendetwas passte nicht zusammen. Wo war der strahlende Held seiner Kindheit, den die Medien immer wieder präsentierten? Dieser Mann war nur ein Gespenst, das den Menschen Sharp schon lange auf dem Gewissen hatte.

„So ging es weiter, Jahr für Jahr“, fuhr der Colonel fort. „Eines Tages war ich Lieutenant. Und als ich das entführte Schiff aus den Klauen der Piraten rettete, haben sie mich zum Captain gemacht. Dann kam der Krieg. Der hat mich umgebracht.“

„Aber Sir“, unterbrach ihn Jack, „Sie können doch stolz auf sich  und ihre Leistungen sein! Ohne Sie hätte dieses Land nicht überlebt!“ „Ist das so, glauben Sie das wirklich?“ Colonel Sharp verließ kurz die Küche und kam mit einer Armeepistole wieder, die er vor dem erschrockenen Jack auf dem Tisch platzierte.

„So sieht der Tod aus“, sagte er. „Schau ihn dir gut an! Mit dieser Waffe habe ich sieben Menschen erschossen. Mit dem Gewehr 110. All diese Gespenster hausen hier.“

Plötzlich packte er Jack am Kragen und schüttelte ihn durch. „Und jetzt sag noch einmal, dass ich stolz darauf sein könnte und ich blase dir den Schädel weg!“

Gespenster

Jack verstand keinen Ton, aber als der Colonel weiter erzählte, brach nach und nach seine Welt zusammen. „Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren auf Beruhigungsmitteln“, stellte der Colonel klar. „Ohne die, hätte ich was ich tat niemals geschafft. Aber der Held ist Geschichte, sie brauchen ihn nicht mehr.“

Er hielt Jack die Hand vors Gesicht. „Schau genau hin, siehst du es? Sie zittert! Ich zittere! Ich kann nicht mehr. Und ohne Tabletten kommen wieder die Gespenster. Willst du sie sehen?“

„Sir, ich …“, stotterte Jack, dem es immer unbehaglicher wurde. Was hatte der Mann für ein Problem? Wieso war er nicht stolz auf sich? Da musste man doch irgendetwas machen! „Du kapierst es nicht“, murmelte der Colonel. „Keiner will oder kann mich verstehen. Weißt du überhaupt wie das da draußen ist? Hast du jemals Menschen sterben sehen?“

Als Jack den Kopf schüttelte nahm Colonel Sharp die Pistole und schoss ihm eine Kugel ins Bein. Danach versorgte er den vor Schmerzen stöhnenden Reporter und gab ihm ein Dosis Morphium. „Jetzt weißt du, wie sich der Tod anfühlt“, sagte der Colonel. „Das was du durchmachst, habe ich jeden Tag!

Glaubst du es ist cool Menschen zu töten? Glaubst du, das sei irgend so ein Ballerspiel?“ Er leerte das Magazin, die Schüsse rissen Löcher in den Boden. Jack schrie vor Angst, aber langsam begann er zu begreifen. Durch den Morphiumnebel dämmerte in ihm die Erkenntnis, dass Krieg Scheiße war und nicht heldenhaft bunt.

„Schreie und Schmerzen, das hatte ich über Jahre“, sagte Colonel Sharp. Im Kino gibt es tolle Musik, wenn die Helden den Feind besiegen. Die einzige Musik für mich waren Schüsse und Granaten. Das, mein Junge, das ist die Realität!“

Der Preis

Jack erzählte niemand, woher die Verletzung wirklich kam. Als der Colonel den Notarzt rief, log Jack für ihn. Er habe den Colonel um die Waffe gebeten und sich selbst verletzt.

Bei dieser Aussage blieb er auch, als man den Colonel ein Jahr später in die geschlossene Psychiatrie einlieferte, wo er einige Monate später starb. Überdosis hieß es. Er habe sie sich illegal beschafft.

Jack schrieb nie diesen Artikel. Stattdessen aber ein Buch, das ein Zeugnis gegen Krieg und Terror war. Dafür bekam er einen Preis. Er hat ihn nie abgeholt.

Die Herausforderung

Hideko Matsuyama lächelte, als sie das Dojo betrat. Eingeladen hatte sie der Ju-Jutsu Verband von Deutschland, um eine Rede zu halten. Und so nebenbei sollte es auch Werbung für ihren neuen Film sein, den die Japanerin vor wenigen Wochen abgedreht hatte.

Der wahre Grund waren ihre umfassenden Kenntnisse des japanischen Budo. Seit Kindertagen, hatte sie mit ihrem Bruder trainiert. „Gosuke ist immer mein Vorbild gewesen“, erzählte sie. „Ohne ihn hätte ich niemals damit angefangen.“

Und wirklich war Gosuke Matsuyama kein Unbekannter in der Kampfsport Welt. Mehrere Jahre lang, hatte er die japanischen Karate Meisterschaften gewonnen und sich einen Ruf als Drehbuchautor aufgebaut. Und was lag näher, als auch für seine Schwester zu schreiben.

Hidekos Ruf als Kämpferin, war noch besser als ihr unbestrittenes Filmtalent. Während ihr Bruder bei den Männern dominierte, schlug sie alle guten Frauen dieser Welt. Als ein großer Filmkonzern dann nach Schauspielerinnen mit Kampfsport Erfahrung suchte, war Hidekos Zeit gekommen.

Sie brauchte kein Double und Stuntmänner die mir ihr drehten, taten sich oft selbst sehr leid. Zu der Rede war Hideko in einem traditionellen Karate-Gi gekommen, der Schwarze Gürtel wirkte bereits seltsam verblasst. „Den hat schon mein Vater getragen“, sagte sie und lächelte wieder. „Eigentlich habe ich zwei davon.“

„Ich halte Karate für völlig antiquiert“, meldete sich eine junge Frau zu Wort. Funkelnde Augen musterten die Japanerin, die den Blick sanft erwiderte. „Was ihr da zeigt, hat noch nie wirklich funktioniert. Ein Bodenkampf ist gleich viel ehrlicher.“

Natürlich verstand Hideko kein einziges Wort, aber ihr Blick blieb so sanft wie ihr Lächeln, als man es ihr übersetzte. „Was stört Sie?“, ließ sie fragen, „könnten Sie mir das bitte genau erklären, Frau …?“

„Susanne Langer, Deutsche Meisterin und Europameisterin im Ju-Jutsu“, war die Antwort. Aber ihr blauer Blick hielt dem von Hidekos dunklen Augen nicht sehr lange stand. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie zum nächsten verbalen Rundumschlag ausholte.

„Es gibt doch so gut wie keinen Nahkampf im Karate“, sagte Susanne. „Das ist doch hilfloses Kittelreißen, was ihr da zeigt. Am Boden habt ihr null Chancen. Oder trauen Sie sich etwa zu eine Judoka zu schlagen?“

Hidekos Lächeln wurde noch breiter. Schon oft war sie Menschen wie Susanne begegnet, die wenig vom wahren Geist des Karate begriffen hatten. „Karate dient der Selbstverteidigung und wird niemals für einen Angriff genutzt“, erwiderte sie daher sanft und schaute sich ihr Gegenüber nun genauer an.

Schwarzer Gürtel, massive Statur. Im Hintergrund standen Pokale und ein Bild von Susanne hing an der Wand. Hideko begriff, dass Susanne hier die Meisterschülerin sein musste. Was wenig beeindruckend war. In ihrem Haus in Japan häuften sich die Pokale auch.

„Aber ihr habt doch auch Weltmeisterschaften!“, echauffierte sich Susanne. „Und was ich da gesehen habe, ist einfach lächerlich. Da passiert nie etwas! Die hüpfen auf der Stelle und schreien sich nur an. Das kann meine kleine Nichte besser.“

„Sie sprechen von Sportkarate“, erklärte Hideko. „Und ja, im Gegensatz zum koreanischen Taekwon-Do, ist das für Zuschauer oft wenig attraktiv. Was einer der Gründe ist, um Karate noch nicht olympisch zu machen. Aber im Taekwon-Do wird meist nur gekickt. Im Karate bringt oft ein Schlag den Sieg.“

„Das ist doch völliger Käse!“, erwiderte Susanne. „Sobald ein Karateka in meiner Nähe bist, habe ich den am Boden. Und was macht derjenige dann?“ „Ihnen ins Bein beißen“, erwiderte Hideko und hatte die Lacher auf ihrer Seite. „Entschuldigung, aber ich als Karateka würde kaum nach Ju-Jutsu Regeln kämpfen.“

Susannes Mundwinkel zuckten, mit dieser Antwort hatte sie kaum gerechnet. Aber sie hatte noch weitere Argumente. Sie holte ihr Handy und zeigte Hideko einen kurzen Film. Dort stolperten ältere Schwarzgurte umher. Die beleibten Herren waren alle außer Form. Vermutlich trugen sie den Gürtel seit Kindertagen.

„Das ist Taekwon-Do“, sagte Hideko und zeigte auf die Jacke mit V-Ausschnitt. „Vielleicht haben die Männer körperliche Probleme, die hohe Tritte verhindern. Ich kenne einen sehr erfahrenen Trainer, der einen schrecklichen Verkehrsunfall hatte und nun nach seiner Genesung wieder unterrichtet.

Jeder seiner Schüler könnte ihn im Kumite besiegen. Aber das macht natürlich keiner, warum auch? Er ist mein Vater und Sensei und kann noch immer die normalen Techniken zeigen. Und das macht er wirklich gut.“

Vehement schüttelt die Blonde den Kopf. „Typen wie die gibt es viele“, erklärte sie. „Jeder Ju-Jutsu Kämpfer in diesem Alter, wird die locker schlagen. So wie ich Sie problemlos auf die Matte schicken kann. Ist nicht böse gemeint, aber Sie hätten keine Chance gegen mich.“

Die entstehende Unruhe im Publikum sprach Bände. Die Offiziellen bemühten sich um eine Deeskalation, aber die Anwesenden witterten eine kleine Sensation. Hideko blieb auch weiterhin gelassen. Sie schickte einen ihrer Begleiter nach draußen, der mit zwei stumpfen Übungskatana zu ihr eilte.

„Meine Vorfahren waren Samurai aus dem Clan der Takeda“, sagte Hideko und bedeutete ihrem Assistenten sich ihr gegenüber zu stellen. „Vielleicht darf ich  Ihnen zeigen, was Kenjutsu und Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist.“

Susanne rang um ihre Fassung, als die beiden Japaner mit den Katana aufeinander trafen. Ihre Augen konnten die Hiebe kaum erkennen. Plötzlich ließ Hideko ihre Waffe absichtlich fallen und ihr Begleiter lief schreiend auf sie zu. Hidekos blitzartiger Konter ließ ihn hilflos am Boden zurück.

„Altmodischer Quatsch“, murmelte Susanne, „und völlig nutzlos heutzutage. Sie holte tief Luft, als sie der Teufel ritt. „Ich fordere Sie ganz offiziell heraus, Frau Matsuyama! Hier und jetzt ein echter Kampf! Dann werden wir ja sehen, wer und was besser ist.“

„Stop!“, unterbrach ihr Trainer nun. „Frau Matsuyama ist Gast hier und …“ „Ich akzeptiere“, ließ Hideko übersetzen. Sie lächelte schon wieder und verbeugte sich. „Entschuldigung, wie unhöflich von mir Sie nicht ausreden zu lassen.“

„Was ist dieses Daitō-ryū Aiki-jūjutsu überhaupt?“, fragte Susanne in die Runde und ernetete nur Schulterzucken. „Die harte Urform von Aikido“, sagte ein älterer Ju-Jutsu Offizieller. „Und Sie haben sich und uns soeben einen Bärendienst erwiesen!“

„Blödsinn“, grummelte Susanne, „Aikido ist Show und taugt nur als Bewegungstherapie. Und natürlich werden wir ohne diese Schwerter kämpfen. Die Nummer will ich sehen, wie die mich im Bodenkampf schlagen kann!“

„Es wird zu keinem Bodenkampf kommen“, hörte Susanne und sah wieder den älteren Herrn neben sich. „Karl-Josef Wagenbauer“, stellte er sich vor. „Ich habe Ewigkeiten in Japan gelebt und weiß, was diese Menschen können. „Und Sie, Susanne, haben keine Chance.

Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist kein Wettkampfsport! Die Samurai haben das auf dem Schlachtfeld benutzt, wenn sie die Waffe verloren hatten. Das ist kein weiches Aikido, da geht es richtig hart zur Sache. Ein Schlag, ein Tritt, vielleicht ein Haltegriff und der Gegner war am Ende tot.“

Susanne ließ sich nicht beirren. Sie war deutlich größer und schwerer, als ihre Kontrahentin und völlig von ihrer eigenen Technik überzeugt. Und sie hatte einen Plan, der genau in dem Moment scheiterte, als ihr Hideko zum ersten Mal brutal die Hand verbog.

Schreiend ging Susanne zu Boden. Solche Schmerzen hatte sie noch nie gehabt. Die nur angedeutete Handkante zu ihrem Hals, das wusste sie, hätten im Ernstfall und zur Zeit der Samurai den Tod gebracht.

Völlig konsterniert kam Susanne wieder auf die Beine. Die Hand schmerzte höllisch, aber funktionierte noch. „Vermutlich Bänderdehnung“, sagte ein Sanitäter, der sich um sie kümmerte. „Ende, der Tag ist gelaufen.“ „Mach mir einen Verband!“, zischte Susanne. „So einfach gebe ich nicht auf.“

In Runde 2 lief es scheinbar besser und sie konnte Hideko mit einem Hüftwurf zu Boden werfen. Nur um sich selbst ausgekontert und in einem schmerzhaften Armhebel zu finden. Ein Ruck noch und der Ellbogen würde brechen. „Verdammt!“, fluchte Susanne und klopfte ab. Wie hatte die Japanerin das nur gemacht?

„Das war Absicht!“, fauchte sie böse. „Sie … Sie kämpfen unfair!“ „Sie kämpfen“, ließ Hideko erwidern und verbeugte sich schon wieder. „Ich wehre mich bisher nur. Aber vielleicht möchten Sie aufhören?“

In Susannes Augen blitzte die Wut. Aber Wut hat noch nie zum Sieg geführt. Ihr schneller Kick erstarb in einem knallharten Tritt gegen die Innenseite ihres Oberschenkels, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Den Tritt in ihren Bauch, der sie zu Boden schickte, bemerkte sie kaum noch.

„Entschuldigung“, sagte Hideko und verbeugte sich, „wollen wir jetzt bitte aufhören? Das ist zu gefährlich für Frau Langer. Ich möchte sie auf keinen Fall ernstlich verletzen. Darf ich ihr bitte helfen?“

Unter dem Beifall des Publikums half Hideko einer noch immer weinenden Susanne auf die Beine und brachte das Häufchen Elend in die Umkleidekabine. Dort zog Susanne ihre Hose aus. „Eis, rasch!“, rief die Japanerin, als sie den riesigen blauen Fleck sah.

Sie scheuchte den Sanitäter weg und versorgte Susanne selbst, die sich sichtlich geborgen fühlte. „Don’t you worry“, sagte Hideko plötzlich in akzentfreiem Englisch. „Everything will be fine. Can we be friends maybe?“

Hideko Matsuyama lächelte, als sie einige Monate später das Haus betrat. Eingeladen hatte sie Susanne Langer, die neue Weltmeisterin im Ju-Jutsu. Aber nicht, um eine Rede zu halten. Es ging mehr um den Austausch von Küssen. Aber geredet haben die beiden danach immer noch.

Das Fake

Grinsend schaltete Stefan seinen PC an. Wer ihm wohl heute wieder auf den Leim gegangen war? Der Student wusste, was er machte und wie er Frauen manipulieren konnte. Durch Zufall war er auf das Dating Portal für Lesben gestoßen. Eigentlich hatte er einen Seitensprung gesucht. Seine türkische Freundin durfte nicht mit ihm ins Bett.

Aber Yasemins Eltern hatten Kohle und sie war total in ihn verliebt. Also spielte er weiter den zukünftigen Schwiegersohn und nahm sie nach Strich und Faden aus. „Ist ja geil!“, murmelte er, als er die Vorschaubilder der Frauen sah. Ob er eine davon rumkriegen konnte? Die 35 Euro pro Monat waren gut angelegt. Und schon am nächsten Tag schaltete ihn der Admin frei.

Er nannte sich Leyla und stellte ein Bild von Yasemin in sein Profil. Zu dumm, dass er sie bisher nur bekleidet kannte. Aber die Türkin hatte schon eine krasse Figur. Letztes Jahr im Freibad, hatte er mehr davon gesehen. Aber mehr als küssen war nicht drin. Zumindest Bilder im Bikini sollte er noch haben. Die waren Voraussetzung für den erotischen Teil von L-Finder.

Zwei Frauen meldeten sich bereits am nächsten Tag. Aber eine suchte nur nach einer Bettgespielin für ihren Ehemann. Die andere war schon über Fünfzig. Also ging Stefan selbst auf die Suche und was er schon bald zu sehen bekam, ließ seine Hose deutlich enger werden. Schwer atmend starrte er auf die oft nur leicht bekleideten Frauen. Einige waren sogar völlig nackt.

Plötzlich klappte ein Chatfenster auf und eine PantherinXy schrieb ihn an. Bisexuell sei sie, schrieb die Katze und zeigte ihm ein heißes Bild. Nun war Stefan alles andere als doof und die Blonde auf dem US Flitzer sah wenig lesbisch aus. „Blöde Fakes“, murmelte er und klickte die Pantherin weg. Aber eine Brünette mit tollen Augen, hatte es ihm angetan.

Anja hieß sie und war schon 43. Auch sie hatte ein erotisches Bild, das sie oben ohne zeigte. Wenig erotisch fand Stefan ihre unrasierten Achseln und dass sie einen Telefoncheck wollte. Eine Woche, zwei Sabines, eine Doris und eine Tanja später, hatte er dann doch Erfolg. Eine Japanerin meldete sich. Momoka hieß sie, war Studentin und lebte in Düsseldorf.

Ein wenig störte Stefan, dass sie den Schwarzen Gürtel in Karate hatte. Aber er war völlig von sich überzeugt. „Lesben brauchen nur einen richtigen Mann“, hatte ein Freund gesagt. „Ich habe schon zig von denen wieder umgedreht. Kein Ding sag ich dir!“ Also begann die falsche Yasemin mit Momoka zu flirten. Und das machte Stefan richtig gut.

Kurze zwei Tage trieb er das Spiel, dann wollte Momoka mehr. Immerhin trennten Dortmund und Düsseldorf relativ gesehen nur wenige Kilometer. Gut fand Stefan, dass sie auf keinem Telefoncheck bestand. Das hätte ihn in arge Verlegenheit gebracht. Treffen wollte man sich auf neutralem Boden. Der Kölner Hauptbahnhof war dafür wie gemacht.

Grinsend schaltete Stefan seinen PC aus. Er hatte sich richtig chic gemacht. Kondom, Viagra, Intimrasur, das Mädel würde sich wundern! Stefan wartete eine ganze Stunde, aber die einzige Asiatin auf dem Bahnhof, war eine schon ältere Wurstverkäuferin. „Shit!“, fluchte er zum wiederholten Mal und wäre fast gegen einen Japaner gerannt.

Mit einem gemurmelten „Sorry“, wollte Stefan weitergehen, aber der Japaner hielt ihn fest. „Ich hatte mir dich anders vorgestellt“, sagte er und schaute auf ein Blatt Papier, das Yasemins Bild zeigte. Stefans Magen verkrampfte sich und das Blut schoss ihm ins Gesicht. Dunkle Augen bohrten sich in seine Seele. Dann ließ der Japaner ihn los.

Sein Lächeln war so kalt, wie ein frostiger Tag im tiefsten Winter. Als er die Hand zur Kehle hob und mit den Zeigefinger ein Messer andeutete, lief Stefan los. „Nur weg hier“, dachte er, „der Kerl bringt mich sonst um!“ Auf dem Weg nach Hause gingen tausend Gedanken durch seinen Kopf. Wer war der Mann und woher kannte er Yasemin?

Die Antwort stand vor seiner Tür, eine völlig aufgebrachte Yasemin. „Du bist so ein mieser Kerl!“, beschimpfte sie ihn und verpasste Stefan eine schallende Ohrfeige. Er spürte den Schmerz kaum, das Erdbeben in seinem Kopf rüttelte ihn noch immer durch. „Was, aber wieso …“, stammelte Stefan, der sich keinen Reim auf die Sache machen konnte.

„Momoka und Masao sind Freunde von mir“, sagte Yasemin und Tränen liefen über ihr Gesicht. „Sie hat mich erkannt und sofort angerufen, als du mit ihr zu flirten begannst. Masao ist ihr großer Bruder und passt auf seine Schwester auf. Und um mich kümmert er sich ab sofort auch.“ Mit diesen Worten ging sie zur Haustür und drehte sich dann noch einmal um.

„ich habe ihm verraten wo du wohnst“, sagte sie. „Viel Spaß noch, er wird gleich bei dir sein.“ Stefan fehlten die Worte, seine Welt lag in Trümmern. Wie in Trance schloss er seine Wohnung auf und rannte zu seinem PC. Er kündigte sofort seine L-Finder Mitgliedschaft und löschte das Leyla Profil. Eine mehr als dumme Tat, denn nur fünf Minuten später klingelte es an seiner Tür …

Killerehre

Mikke atmete tief durch. Es war getan und es war gut. Der Tote, hatte keine Bedeutung mehr. Nur ein lebloser Körper, eine Hülle. Mikke ging in die Hocke und sah in die gebrochenen Augen. Tote hatten ihre eigene Faszination.

„Ich brauche einen Beweis“, hatte die Stimme am Telefon gesagt. „Bringen Sie ein Souvenir mit. Dann gibt es das restliche Geld.“ Mikke steckte die Pistole ins Holster und zog ein Messer aus der Tasche. Er überlegte kurz und schnitt dem Toten den Ringfinger ab.

Zwei Tage früher …

„Ja, ja, besorgs mir!“, verlangte der Blonde, als Mikke ihn hart von hinten stieß. Er war die Art Callboy, den Mikke mochte. Keine Fragen und immer ein guter Fick. Das summende Handy nervte, aber Mikke kam noch zum Schuss.
„Fuck!“, fluchte er und drückte eine Taste. „Mikke  hier, was gibts?“
„Musst du schon gehen?“, wollte der Blonde wissen und entsorgte Mikkes Kondom. Er lachte, als er das viele Sperma sah. „Du musst es echt nötig …“
Mit einem Schritt war Mikke neben ihm und stoppte das Geplapper mit einem gezielten Schlag. Der Anruf war zu wichtig.
Wenn das Schweigen regiert.

Wer auch immer Mikke unter dieser Nummer anrief, wollte spezielle Dienste in Anspruch nehmen. Mord meist, das war Mikkes Spezialität. Seit zwanzig Jahren war er der Beste in seinem Fach. Viele Leichen gab es auf seinem langen Weg.
„Ich habe einen Auftrag für Sie“, sagte die Männerstimme. Etwas heiser, das musste ein ehemaliger Boxer sein.
Mikke konnte Menschen perfekt analysieren. Ein Talent, das einzigartig war.
„Sie müssten einen Mann für mich erledigen, sind Sie interessiert?“
Fragen, die das Leben stellt.

Der Callboy kauerte verstört auf dem Boden. Tränen liefen über sein Gesicht. Aber er schwieg, er kannte Mikke. Der würde gut für den Schlag bezahlen. Das tat er immer so. Aber an diesem Tag waren zwei Kugeln der einzige Lohn. „Sorry Süßer, aber du weißt einfach zu viel.“
Ohne Regung verließ Mikke den Toten. Niemand hatte ihn kommen sehen.
„Ich will, dass sie Lars Overbeck für mich töten“, hatte die heisere Stimme gesagt. „Lars Overbeck, den Chef der Norge Pharma GmbH.“
Schon der Gedanke war Selbstmord auf Raten. Aber Mikke lachte nur.
Der Tod kommt stets auf leisen Sohlen.

Lars „Lasse“ Overbeck, war kein angenehmer Mensch. Seine Karriere war auf Leichen erbaut. Schlächter hatten böse Zungen, den ehemaligen Armeearzt genannt. Durch eine reiche Heirat war er zu Geld und Macht gekommen. Dann hatte er seinen Schwiegervater beerbt. Tierversuche und umstrittene Medikamente gegen Aids, hatten Lasse Overbeck zum Multimilliardär gemacht. Der Mann war reicher, als Bill Gates.
Verdirbt Geld auch den Charakter?

„Wer sind Sie?“, hatte Mikke den Anrufer gefragt. „Sie kennen meine Regeln. Ihr Geheimnis ist sicher bei mir.
„Ich bin Ole Svensson“, kam die Antwort sofort. „Sie wissen wer ich bin.“
Mikke pfiff leise durch die Zähne. Ja, den Namen kannte er gut. Ole war genau 10 Jahre der Weltmeister im Mittelgewicht gewesen. Nie hatte Mikke jemand härter schlagen sehen. Bis eine positive Dopingprobe seine Karriere zerstörte.
„Lasse hat mich über die Klinge springen lassen“, erzählte der Boxer leise. „Ich war in seine Frau verliebt … wir haben uns geliebt! Aber mein Halbbruder duldet keine Konkurrenten!“
Deine Wahrheit, meine Wahrheit.

„Ist Loisa nicht bei einem Autounfall …?“
„Quatsch, Unfall!“, unterbrach Ole Mikkes Frage. „Er hat sie umgebracht! Und unser Kind, Loisa war im vierten Monat von mir schwanger.“
Mikke nickte. Die Gründe waren ihm egal. Was zählte war ein gutes Motiv. Und Oles klang für ihn okay.
„Ich mache es“, sagte er. „50.000 Dollar sofort und weitere 50.000 …“
„Wenn ich einen Beweis habe“, unterbrach Ole wieder. „Bringen Sie ein Souvenir mit. Dann gibt es das restliche Geld.“
Trau, schau wem!

Mikke traf Ole in dessen Haus. Den Plastikbeutel mit dem Finger hatte er dabei.
Ole, mittlerweile Anfang Vierzig, sah stark gealtert aus. Keine Spur mehr von dem durchtrainierten Boxer früherer Tage. Dieser Mann war nur noch fett.
„Danke“, sagte er und musterte den Finger. „Wie haben Sie es getan?“
„So“, sagte Mikke und schoss Ole zwei Kugeln in den Kopf.
Geld regiert die Welt.

Mikke atmete tief durch. Es war getan und es war gut. Der Tote, hatte keine Bedeutung mehr. Nur ein lebloser Körper, eine Hülle. Mikke ging in die Hocke und sah in die gebrochenen Augen. Tote hatten ihre eigene Faszination.
So auch der tote Callboy, dessen Finger in der Tüte war. Mit dem Ring von Lasse, der stets besser zahlte.
Killerehre. Was will Mann mehr?

Zum Teufel mit dem Himmel

Es gibt Tage an denen alles gelingt. Mein Kopf ist voller Ideen, die ich sofort verwirklichen muss. Ein neues Buch soll es werden, um die Euronen im Fluss zu halten. Beim Titel hadere ich noch. Aber wie klingt „Die Rückkehr der Superschnitte.“

Prompt wird mein Scheibfluss unterbrochen, mein Handy summt penetrant. „Ey hömma du Frau Dr. Landar“, säuselt mir eine bekannte Stimme ins japanische Ohr. „Teufelchen hier, ich hätte da mal ein Problem.“ Wer sich erinnern mag, Herrn Teufel habe ich schon persönlich getroffen und mit ihm den Himmel besucht.

Da oben war es durchaus lustig und der Teufel ein kleiner Star. Von wegen Stress und Streit! Als himmlischer Verwalter ist er der Chef für alle Ewigkeit. Aber heute klingt er betrübt. „Die haben mir meine Playstation abgenommen!“, erklärt er mir. Die, das sind die Erzengel, die immer alles regeln.

„Mensch Alder“, versuche ich ihn zu beruhigen, „nimm ihnen als Revanche den Heiligenschein weg!“ „Ey spinnste?“, faucht Teufelchen los. „Du kannst mich doch nicht menschlich machen! Hilfste mir jetzt, oder was? Du kannst doch Karate, das habe ich auf deinem Blog gelesen.“

„Soll ich die Engel etwa verprügeln?“, hake ich sofort nach. „Aber nein“, wehrt Teufelchen schnell ab. „Vielleicht so ein bisschen, das fände ich ganz toll. Die kann man aber besser mit Argumenten überzeugen. Und in der Kunst hast du doch mindestens den 10. Dan.“

„Ich habe keine Zeit“, wehre ich ab. „Mein neues Buch ist längst schon überfällig. „Och Frau Landar,“ bettelt er. „Wenn du mir hilfst zeige ich dir auch den streng geheimen Lesbenhimmel. Und ich mag ja viele Fehler haben, aber ein Versprechen habe ich noch nie gebrochen.“

Seufzend mache ich mich auf den Weg in den Heizungskeller. Klar, den Blick in den Lesbenhimmel lasse ich mir nicht entgehen. Teufelchen wartet unten schon auf mich. Sein Schmollmund spricht Bände. „Ist ja gut“, beruhige ich den Kleinen. Dann lass uns mal nach oben gehen.“

Die Reise ist ziemlich übersinnlich. Das muss man dem Teufel lassen, schnell zu sein, das hat er drauf. Mir fällt etwas ein, wie ich ihn aufmuntern kann. „Kennst du die neue TV-Serie „Lucifer?“ frage ich. Und schon geht in seinem Gesicht die Sonne auf.

„Also Frau Landar das sach ich dir, der Darsteller hat’s echt drauf!“, schwärmt Teufelchen. „Super gekleidet ist der immer. Nur wenn er sich verwandelt ist das doof. So sieht kein Teufel aus. Aber dieser coole britische Akzent. Splendid, as I would say!“

„Ist die Serie wenigstens halbwegs realistisch?“, will ich wissen. „Alles Käse Marke Hollywood“, wehrt Teufelchen ab. „Als ob ich wem irgendwelche Gefallen täte. Er lacht verschmitzt bei diesen Worten. „Aber wir sind da, lass uns später weiter reden.“

Im Bernsteinzimmer wartet schon das Erzengel Kabinett. Alles  würdige Gestalten, die keine Miene verziehen.“Ach nee“, sage ich und schaue mich um. „Hier ist das Teil also abgeblieben.“ Teufelchen grinst. „Ja“, sagt er. „Ich habe das Zimmer damals in Sicherheit gebracht.“

„Frau Landar“, höre ich eine sonore Stimme. Ein Engel steht auf und stellt sich mir als Gabriel vor. Zuständig für Wirtschaft und Finanzen. Ich stutze kurz. Ob der auf der Erde Verwandte hat? „Was können wir für Sie tun?“, fragt er mich. Und mein Auftritt im Himmel beginnt.

„Dem Kleinen sein Spielzeug wieder geben“, antworte ich. „Warum habt ihr das konfisziert?“ „Himmmelsregel 13, Absatz 7“, erwidert Gabriel und schaut ganz streng. „Spiele während der Dienstzeit sind ausgeschlossen.“

Ich schaue mir den Erzengel genauer an. Er sieht wirklich fast so aus, wie auf diversen Bildern. Nur die Flügel fehlen. Oder sind die einfach unsichtbar? Allerdings ist er weniger modisch gekleidet, als sein irdisches Pendant. Aber im Himmel ticken die Uhren immer anders.

„Kann es sein, dass ihr ein Problem mit Teufelchen habt?“, will ich wissen. „Immerhin hat ihn euer Chef zum Stellvertreter ernannt. Wie ich mittlerweile weiß, hat er noch nie etwas Böses getan. Und ihr schaut doch auch nur tatenlos zu, wenn auf der Erde Kriege herrschen.“

„Darum geht es nicht“, sagt ein anderer Engel. „Michael“, flüstert mir Teufelchen zu, „der Oberkrieger.“ „Der da macht schon immer was er will. Auf Regeln hat er stets gepfiffen. Wir dürfen richten, was er an Schabernack anstellt. Und sind wir doch mal ehrlich, ein Spiel mit dem Namen „Zum Teufel mit dem Himmel“ muss es doch nun wirklich nicht sein!“

Mit japanischer Disziplin verkneife ich mir ein Lachen. „Worum bitte geht es in dem Spiel?“, will ich wissen und ahne die Antwort schon. „Darum Engel zu schießen“, sagt Michael und schaut Teufelchen böse an. „Das ist so was wie Moorhuhn. Nur viel höllischer.“

„Das hast du mir aber verschwiegen“, sage ich zu meinem Begleiter. „Kein Wunder, dass die sauer auf dich sind. „Vor allem ist der Hersteller interessant“, höre ich Gabriel erzählen. „Es ist die Hells Bells GmbH & Co. KG, die Teufelchen selbst gegründet hat. In Panama versteht sich! Und nun raten Sie, wer der Chef dort ist!“

Fragend schau ich den Engel an, der sichtlich erbost zu sein scheint. „Das Schlitzohr hat seinen besten Kumpel Beelzebub eingesetzt. Den Sie gut kennen, wie mir zu Ohren gekommen ist. Nun muss ich doch kurz grinsen, als ich an das entsprechende Telefongespräch denke.

Aber zuerst muss ich mich um meinen Begleiter kümmern, der Anstalten macht im Boden zu versinken. Prompt packe ich ihn am Ohr. „Aua, das tut weh!“, jammert er. Von wegen Superpower, Teufelchen ist auch nur ein großes Kind. „Okay, ich gebe es zu“, sagt er, „ich habe das verbrochen. Aber nur, weil die Spießer hier oben so langweilig sind!“

Plötzlich grinst er triumphierend. „Außerdem sind die total neidisch, dass ich schon Level 666 erreicht habe und sie noch nicht mal bei Level 100 sind.“ „Weil er geschummelt hat“, ergänzt Michael. „Er benutzt einen höllischen Hack.“

„Hinzu kommt noch ein anderes Problem“, sagt Gabriel. „Als himmlischer Finanzminister muss ich die Rechnungen bezahlen. Und es geht nun mal nicht an, dass wir uns nun noch um seine Schulden kümmern. Der Himmel finanziert die Hölle, wo kämen wir da hin?“

Streng schaue ich Teufelchen ins höllische Lausbubengesicht. „Hast du dazu was zu sagen?“, will ich wissen. Verlegen tritt er auf der Stelle und seufzt dann abgrundtief. „Also meine Firma, die ist leider schon pleite. Ob du mich da mal beraten kannst?“

Teufel und Engel schauen mich an. „Ihr Schlitzohren!“, sage ich, als ich die Wahrheit ahne. „Ihr wollt, dass ich euch die Bücher mache!“ „Das wäre lieb“, höre ich im Chor. „Über die Belohnung haben wir ja schon gesprochen“, fügt Teufelchen hinzu. „Und wenn du magst gibt es als Bonus noch etwas Biestigkeit.“

„Lucifer auf DVD wäre mir lieber“, erwidere ich. „Und kannst du schon was zu den neuen Sherlock Folgen sagen?“ Teufelchen grinst frech und nickt. „Wir haben einen Deal, Frau Landar“, sagt er und will mir die Hand darauf geben.

„Nee“, erwidere ich und lache. „Ich habe je nun wirklich keine Angst, aber mit dir schließe ich lieber keinen Pakt. Du kannst das gern mit Buddha regeln, wenn du dich traust. Nur haben seine Worte etwas mehr Gewicht.“

 ENDE

Wen die Vorgeschichte interessiert darf sich gern darüber informieren, wie ich damals auf Herrn Teufel traf. Und mit Petrus habe ich auch schon telefoniert.

Zur Hölle mit mir – Interview mit Herrn Teufel

Warum Gott (nicht!) gegen die Homo-Ehe ist

Der Schlangenbiss

Der Schüler eines großen Samurai ging nach dem Training nach Hause. Es war schon spät und der Junge müde. Also beschloss er, die Abkürzung durch den Wald zu gehen. Seine kleine Laterne spendete nur wenig Licht. Bevor er sich versah trat er auf eine Schlange, die ihn prompt biss.

Voller Panik lief der Schüler zu seinem Meister zurück. „Hilf mir, Sensei“, rief er schon von draußen, „eine Schlange hat mich im Wald gebissen!“ Der Samurai sah sich die Wunde an, die zwar schmerzhaft, aber harmlos war. Keine Spur von Gift.

Er behandelte seinen Schüler und gab ihm Medizin. Sofort fühlte der Junge sich besser. Aber die Angst blieb. „Sensei“, bat er, „kannst du mich nicht nach Hause bringen? Ich habe Angst, dass mich die Schlange wieder beißt.“

Der Samurai ging in die Küche und kochte Tee, den er in aller Seelenruhe trank. Als die Tasse leer war sah er seinen Schüler lange an. „Es gibt immer mehrere Wege, die uns ans Ziel führen“, sagte er. Ist es weise in der Finsternis durch den Wald zu gehen?“

Der Schüler schämte sich, als er die Worte hörte und ging den längeren Weg nach Hause. Dort gab es Fackeln und in vielen Häusern brannte noch Licht. Freudestrahlend kam er am nächsten Tag zum Training. „Danke, Sensei“, sagte er und verbeugte sich. „Du hast mein Leben gerettet.“

Aber nach dem Training kam seine Angst zurück und als die anderen Schüler gegangen waren, bat er den Samurai erneut um Rat. „Sensei“, sagte er, „was mache ich, wenn ich noch einmal einer Schlange begegne und die vielleicht giftig ist?“

„Wenn du ihr nicht aus dem Weg gehen kannst“, erwiderte der Samurai, „schlägst du ihr ohne zu zögern den Kopf ab. Aber entscheiden musst du, was besser für dich ist.“

Die Füchsin und das Mädchen – Ein Wintermärchen

Wenn die Nacht am dunkelsten ist, können seltsame Dinge geschehen. Kasumi wusste das. Ihre Großmutter hatte ihr von den Geistern erzählt und wie sie Menschen foppen. Aber das Mädchen kannte keine Angst. Im Gegenteil hoffte sie immer darauf Geister zu sehen. Und eines Tages hat sich dieser Wunsch erfüllt.

In einer bitterkalten Nacht vor einigen Jahren, hatte es zaghaft an ihr Fenster geklopft. Und auch ein achtjähriges Mädchen wusste, wie unwahrscheinlich das war. Lag ihr Zimmer doch direkt unter dem Dach. Im erstem Reflex zog Kasumi die Bettdecke über den Kopf. Aber das Klopfen wiederholte sich. Fordernder wie es schien. Dann hörte Kasumi die Stimme. Was sie sagte konnte das Mädchen nicht verstehen. Die Neugier siegte und auf Zehenspitzen huschte Kasumi durchs Zimmer.

Eine winzige Füchsin saß auf der Fensterbank, die großen Augen schauten Kasumi flehend an.
„Hilf mir“, flüsterte die Kitsune, „sie jagen mich und wollen mir ein Leid antun!“
Ohne nachzudenken öffnete Kasumi das Fenster und die Füchsin schlüpfte ins warme Zimmer.
Das Tier war viel kleiner als alle Füchse, die Kasumi bisher gesehen hatte. Schneeweiß mit einem ungewöhnlichen Schweif. Fast sah er so aus, als ob es mehrere wären.

„Wer bist du?“, wollte Kasumi wissen. „Und wieso kannst du sprechen?“
„Du sprichst doch auch“, erwiderte die Kitsune keck und sprang mit einem Satz auf Kasumis Arm.
„Bist du eine Yokai?“, wollte Kasumi wissen, als die Füchsin sie mit ihrem Köpfchen kitzelte.
„Aber nein“, erwiderte die Kitsune fast beleidigt. „Yokai sind dumme Geister. Ich bin so viel mehr als das.“
„Frech bist du“, stellte Kasumi fest und lachte. „Aber das macht nichts, das bin ich oft auch.“

Ein plötzlicher Windstoß rüttelte am Fenster und erschrocken wich Kasumi zurück.
„Geh vom Fenster weg“, bat die Kitsune. „Der wind darf nicht ins Zimmer. Wenn er kommt holen sie mich fort.“
Kasumi war kein ängstliches Kind, aber die Worte lösten eine Gänsehaut bei ihr aus.
Was war dort draußen außer Eis und Schnee?
Kasumi fröstelte und lief zum Bett zurück.

Mit der Füchsin auf dem Arm schlüpfte das Mädchen unter die warme Decke. Daran, dass die Kitsune böse sein könnte, verschwendete sie keinen Gedanken.
„Danke für die Hilfe“, flüsterte die Füchsin. „Ich werde mich dafür bedanken. Eines Tages, wenn die Dunkelheit dich befällt.“
„Ach schon gut“, wehrte Kasumi verlegen ab. „Ich helfe gern und du bis doch auch so klein.“
Die Füchsin lachte leise und schmiegte sich noch enger in Kasumis Arm.
„Ja, klein sind wir beide. Aber Größe muss kein Vorteil sein. Auch wir Kleinen können Großes vollbringen. Warte nur, du wirst schon sehen.“

„Magst du mir erzählen wer du bist?“, fragte Kasumi. „Ich heiße übrigens Kasumi und bin schon acht Jahre alt!“
„Ich weiß sehr genau wer du bist“, sagte die Kitsune. „Ich kenne dich schon seit deiner Geburt. Und ich bin auch viel älter als du. Ich kannte schon deine Großmutter als Kind.“
Nun war Kasumi doch erstaunt. Älter als Großmutter sollte diese kleine Füchsin sein? Das war kaum zu glauben. Und doch wusste das Mädchen, dass die Kitsune die Wahrheit sprach.
„Dann bist du doch eine Yokai!“, stellte Kasumi fest. „Großmutter sagt immer, Yokai leben viel länger als wir. Wie alt bist du denn?“
„Ich habe das Licht der ersten Sterne erglühen sehen“, erwiderte die Füchsin rätselhaft. „Meine Augen haben geweint, als die Himmel brannten und sie sahen auch die Dunkelheit ewiger Nacht. So alt bin ich und noch viel älter. Hast du das etwa nicht gewusst?“

Sie stupste Kasumi mit ihrer feuchten Nase an und leckte ihr über den Arm.
„Das kitzelt!“, quiekte Kasumi. „Aber ich mag dich, du machst mir Spaß.“
„Spaß sollst du haben, kleine Lebensretterin“, sagte die Füchsin und kitzelte Kasumi erneut. „Und jetzt lass uns schlafen, es ist schon spät.“
„Na gut“, sagte das Mädchen und fühlte, wie ihr die Gedanken entglitten.
Der Schlaf bleibt immer Sieger.

Als Kasumi am nächsten Morgen erwachte, war die Füchsin fort. Verwirrt rieb sich das Mädchen die Augen. Hatte sie alles nur geträumt?
Kasumi lief zum Fenster, das fest verschlossen war. Draußen auf der Fensterbank konnte sie die Pfotenabdrücke der Kitsune sehen. Unmöglich eigentlich. Aber wahr.
Beim Frühstück überlegte sie kurz, ob sie ihren Eltern von der Füchsin erzählen sollte. Aber ihr Vater glaubte nicht an Geister. Und selbst Religion war ihm suspekt. Er war Wissenschafler, Geologe. Ein nüchtern denkender, aber herzensguter Mensch, der Kasumi jeden Wunsch erfüllte. Geld hilft, wenn man genug hat.
Kasumis Mutter war enpfänglicher für die Geschichten, die das Mädchen immer erfand.
„Du bist meine kleine Schriftstellerin“, sagte sie immer, wenn ihr Kasumi neue Zeilen zeigte.

Kasumis Großmutter lebte nur einige Straßen weiter. Und da Wochenende war, lief das Mädchen flugs dorthin. Natürlich dick vermummt gegen Kälte und Wind. Und mit den mahnenden Worten ihrer Mutter versehen, die immer viel zu viel Angst um ihre Tochter hatte.
„Oma, Oma!“, rief Kasumi schon an der Tür. „Du glaubst nicht, was heute Nacht geschehen ist!“
Mit der Macht eines Wasserfalls sprudelten die Worte aus ihr heraus und überschwemmten die Ohren der alten Frau.
„Eine Kitsune sagst du Kind? Eine Kitsune mit komischem Schwanz …? Kann es denn sein? Ist sie wirklich zurück?“
Verblüfft sah Kasumi ihre Großmutter an. „Du kennst sie?“, wollte sie wissen. „Du hast sie also auch gesehen? Aber wie ist das möglich? Bitte, bitte, erzähl mir davon!“
Die Wahrheit liegt in alten Geschichten.

Die Großmutter nahm Kasumis Hand und setzte sich mit ihr an den Kamin.
„Vor langer Zeit habe ich einer kleinen weißen Füchsin das Leben gerettet“, erzählte sie. „Ich muss damals so alt gewesen sein wie du. Die Kitsune war in eine Falle gelaufen und sehr schwer verletzt. Ich glaubte sie würde eine Pfote verlieren. Aber als ich sie befreite, heilte diese über Nacht. Wir haben lange in meinem Zimmer geredet. Das gleiche Zimmer, das nun du bewohnst. Ja, die Füchsin konnte sprechen. Und sie hat meinen Namen gewusst. Du weißt doch, dass ich wie du Kasumi heiße.“
„Wer ist sie?“, fragte Kasumi mit wild klopfendem Herz. „Und wieso ist sie so alt? Und wovor hat sie so große Angst?“
Die Großmutter schmunzelte. „Nicht immer ist alles, wie es scheint. Aber wer sie wirklich ist, weiß ich bis heute nicht.“
Legenden haben viele Namen.

In der kommenden Nacht klopfte es erneut an Kasumis Fenster. Wieder schlüpfte die Füchsin ins warme Mädchenbett. Und so ging es Nacht für Nacht.
Mehr als zwanzig Jahre zogen ins Land, Kasumi war längst eine junge Frau. Die Füchsin war eines Tages fortgeblieben. Was blieb war die Erinnerung, ein Schatten in der Nacht. Mensch und Fuchs hatten lange und oft geredet und die Kitsune hatte ihrer Retterin viel beigebracht. Dinge, die Menschen sonst nicht wissen. Dinge zwischen Morgen und Mitternacht.

In einer bitterkalten Winternacht ging Kasumi allein nach Haus. Die Straßen waren tief verschneit, es gab nur wenig Verkehr.
Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit, aber das Licht berührte kaum ihr bleiches Gesicht.
Kasumi erschrak, als ihre Augen sie musterten. Kälter noch als Eis, stechend der Blick. Auch, wenn sie die Frau nie zuvor gesehen hatte, so erkannte sie doch die Gefahr. Was hier vor ihr stand, war kein Mensch. Schon griff grausame Kälte nach ihr.
Wenn der Tod vorüber geht.

Pfeilschnell jagte ein Schatten durch die Nacht. Kleine Pfoten berührten kaum den Schnee.
„Fang mich auf!“, rief die Kitsune mit heller Stimme. „Fang mich kleine Kasumi, diesmal rette ich dich!“
Instinktiv breitete Kasumi ihre Arme aus. So, wie sie es als Mädchen immer tat.
Die Frau wich zurück, als sie die Kitsune sah. Die rieb ihren Kopf kurz an Kasumis Arm. Dann sprang sie auf die Fremde zu.
Wenn Göttinnen kämpfen.

Was geschehen war hat Kasumi nie erfahren. Nur, dass eine Frau sie ins Krankenhaus brachte. Stark unterkühlt und mit einem Schock.
„Die Frau war wunderschön“, erzählte eine Schwester. „Sie trug einen langen weißen Mantel. Fast hat sie mich an die Yuki-onna erinnert, deren Bild ich als Mädchen sah.“
Kasumi lächelte bei diesen Worten. Sie hat es sehr viel besser gewusst.

ENDE