Mutter, Mutter, Kind

Yuki und ich sind nun schon einige Jahre liiert. Als verheiratet gelten wir nur in Deutschland und den USA. In Japan ignoriert man außerhalb der Familie unsere Beziehung, was zumindest mir schon immer herzlich egal gewesen ist. Ansatzweise störend war es, als wir Aiko im Waisenhaus fanden. Aber obwohl sie lediglich meine Adoptivtochter ist, spielt das für Yuki keine Rolle.

Mütter

Zwei Mütter zu haben mag merkwürdig für manche Kinder sein. Aiko, die ihren Vater nie kannte und nur bei ihrer verstorbenen Mutter aufgewachsen ist, hat kein Problem damit. Allerdings waren wir lange Tante Yuki und Tante Yumi, das Wort Mama blieb für ihre tote Mutter reserviert. Vor einigen Wochen hat sich das geändert und sie hat (zaghaft) Mama Yuki und Mama Yumi zu uns gesagt. Danach musste Yuki dringend nach einem Taschentuch suchen. Keine Ahnung was die immer hat.

„Bist du sicher, dass du ein Mensch bist?“, will Yuki später wissen. „Oder habe ich einen Frosch als Frau?“ Ihre Anspielung zielt auf die Redewendung „Froschblut in den Adern haben“ ab, was so viel bedeutet wie „keine Gefühle zu zeigen.“ Natürlich ist das blanker Unsinn, bekanntlich bin ich (k)ein emotionales Nervenbündel. Yukis (frecher) Kommentar zum Titelbild: „Passt!“ 

Väter

Cousin Ken ist eine Art Ersatzvater für Aiko. Vielleicht auch nur ein großer Spielkamerad. Aber die Kleine liebt ihn, also spielt das keine Rolle. Vor meinem Vater hat sie Respekt, aber wagt trotzdem charmant gewählte Widerworte. Das macht sie gut und Papa schmunzelt. Von der Uniform meines Polizisten-Onkels ist sie stets fasziniert. So sehr, dass sie später auch Verbrecher jagen will. Männer gibt es in ihrem Leben also mehr als genug.

Yukis Vater, hat sie den Mann mit den vielen Autos genannt. Schließlich „zwingt“ er uns (nicht!) ständig neue zu testen. Aktuell haben wir einen Nissan GT-R vor der Tür. Leider hat sich Nissan für einen Hybrid entschieden, der Nachfolger des aktuellen Modells wird also kein Wasserstoffauto sein. Den Testwagen dürfen wir also (vorerst) behalten. Auf zum Tokyo Drift!

Gewinner

Die Verlegung der deutschen Tuning-Firma nach Schweden hat Arbeitsplätze gerettet, was uns zu „Gewinnern“ der Corona-Krise macht. Yukis Blick ist sehenswert. „Soll ich packen, wann geht es los?“, will sie wissen. Prompt klatscht Aiko in die Hände und ruft „Reise, Reise, ja!“ Typisch! Dabei gelte doch eigentlich ich als Reisetante.

Zugegeben hat Schweden einen gewissen Reiz. Die Menschen sind freundlich und doch wieder anders, als ich es von Deutschland kenne. Wer sich nun die Frage stellt, wie Aiko in Schweden zur Schule gehen soll, den kann ich beruhigen. Aiko wird von uns zu Hause unterrichtet. Trotzdem hat sie Kontakt zu Nachbarkindern.

Kinder

Einige Kinder fanden es seltsam, dass Aiko nicht zur Schule geht. Einem Jungen, der sie dafür hänselte, hat sie eine Ohrfeige verpasst. „Typisch deine Tochter!“, hat Yuki gesagt und ein Schmunzeln unterdrückt. Nicht erwartet hätten wir, dass die beiden nun dicke Freunde sind. Der Kleine steht fast täglich vor unserer Tür. Aber Aiko ist kein prügelndes Monster. Sie wehrt sich nur wann immer sie kann.

Aikos Talent für Karate ist wirklich sensationell. Mein Vater ist begeistert von ihr und würde sie gern Tag und Nacht unterrichten. Natürlich ist das nur Spaß, aber aktuell bringt er ihr außer Karate auch schon erste Kanji bei. Ohnehin wechseln wir uns in der Familie beim Unterricht ab, Aikos Leistungen sind trotzdem gut. Zu Beginn war es schwierig sie aufmerksam zu halten, aber niemand kann gegen eine freundliche Ansprache von Sensei Mayumi bestehen.

Sensei

Keine Männer zu unterrichten, hat nur zum Teil etwas mit Abneigung zu tun. Für mich ist wichtiger, dass Frau sich verteidigen kann. Die Ausnahme ist Cousin Ken, den ich (nicht!) regelmäßig verprügele. Unsere (Show!)Zweikämpfe sehen so realistisch aus, dass wir damit Unerfahrene täuschen können. Selbst Yuki zuckt manchmal noch zusammen, wenn wir uns mit „bösen Blicken“ gegenüber stehen.

„Onkel Ken macht Spaß“, war Aikos Kommentar, als sie uns zusehen durfte. Lustig wurde es, als sie mitmachen wollte und Ken lachend zu Boden ging. Ihre Siegespose hätte Rocky Balboa stolz gemacht.

Olympia

Mein Vater hatte mich vor einigen Monaten gefragt, ob ich bei den nationalen Karate-Ausscheidungen mitmachen möchte. Papa liebt solche Scherze. „Nee, Väterchen“, habe ich mit todernstem Gesichtsausdruck gesagt, „das wäre unfair den anderen Mädels gegenüber.“ Humor ist, wenn zwei Japaner lachen.

Als Teenager habe ich Sportkarate kurz getestet und außer meinem ersten Kampf alle anderen gewonnen. Wobei in meinen Augen die Disqualifikation keine Niederlage war. Was kann ich dafür, wenn meine Gegnerin so empfindlich ist. Im Gegensatz zu ihr, hatte ich klassisches Karate und Aikijujutsu gelernt und auch genutzt.

Geister

Sportkarate trägt viel zur Verbreitung von Karate bei, hat aber mit der Grundidee herzlich wenig zu tun. Klassisches Karate kennt nun mal keinen Erstangriff. Salopp ausgedrückt geht dort der „Geist“  verloren. Schlecht ist Sportkarate auf keinen Fall! Wer wirklich möchte, kann und wird es lernen.

Meine Geister, besser gesagt meine beiden Elfen, rufen nun nach mir. Bekanntlich darf man solche entzückenden Wesen auf keinen Fall warten lassen, sonst wird ihre „Rache“ ganz fürchterlich sein. Außerdem muss ich meine neue Rolle als Mama Yumi genießen, das könnt ihr doch bestimmt verstehen.

 

 

33 Kommentare zu “Mutter, Mutter, Kind

      • Thai- und Kickboxen sind bzw. waren für „Sportfreunde“ bisher wesentlich interessanter, weil dynamischer. Das hat sich verändert, ich habe mir die Qualifikation der Frauen angesehen. Bei einigen Mädels ist der Stil sofort sichtbar, sie haben die Gegnerin zu Boden gebracht und den Punkt bekommen. Andere standen dann wieder eher hilflos vor / bei ihrer Kontrahentin.

        Ich an deiner Stelle würde mir, wenn möglich, die Karateka trotzdem ansehen. Es gibt dort einige wirklich gute Sportler. Die „innen“ schenke ich mir. Gerüchten zufolge sollen auch durchaus talentierte Männer teilnehmen. 😉

        Gefällt 2 Personen

  1. Die Menschen dürfen sich eben auch an zwei Mütter oder zwei Väter gewöhnen 😉
    Schön, dass sich Aiko so wohl bei euch fühlt und jede als ihre Mama ansieht. (bezeichnet)

    Mit Kampfsport (verschiedene Techniken zur Selbstverteidigung) habe ich vor zwei Wochen begonnen. So sperrig wie ich mich teilweise fühle, hat es viele Vorteile bereits kleinen Mädchen hierzu die Möglichkeit zu geben.

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  2. Mit Freude und breitem Lächeln habe ich deine Erzähungen von eurem Familienleben gelesen! Zwei Mamas für ein Kind, dass seine Mutter früh verloren hat – das nenne ich einen großen Gewinn. Und was für Mamas! Ich glaub, Aiko hätte es gar nicht besser treffen können.

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    • Wie hieß diese deutsche Serie noch? Eine glückliche Familie? 😉

      Die deutsche / europäische Selbstverständlichkeit zwei Mütter zu haben, ist in Japan noch weit entfernt. Unsere Beziehung wird von den meisten einfach ignoriert. Was durchaus seine Vorteile hat.

      In Aikos Augen war diese unglaubliche Verlorenheit zu sehen. Die Erzieherinnen waren bei aller Fürsorge damit überfordert. Wir haben die Kleine so angenommen wie sie ist. Wild, frech und doch ein kleiner (B)Engel. Karate tut ihr gut, sie kann ihre Energie dort wunderbar einbringen. Was sie noch verinnerlichen muss, nicht immer gleich zu hauen, wenn sie geärgert wird. Dem Jungen hat es nicht geschadet. Es war auch keine feste Ohrfeige, eher ein „Klaps.“ Vielleicht sollte ich mir schon jetzt Gedanken um die Heirat der beiden machen? Kann ja sein … 😉

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  3. Schön. Danke. Viel Freude und Glück in Schweden.

    In Deutschland ist Schulbesuch obligatorisch, eingeführt von Adolf, und Homeschooling ist nicht gestattet. Ich lernte dies gestern bei einem Artikel über CoV-Impfung von Kindern. Die heutigen Schulgesetze sind ein Erbe des Nationalsozialismus. Passt zur heutigen Zeit, in der Meinungsbildung von oben dirigiert wird. Falls wir und nicht wehren, wird es zum Normal.

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  4. Es freut mich zu hören, dass ihr als Familie nun noch mehr zusammen gewachsen seid! 😁
    Die skandinavischen Länder haben auf mich auch eine starke Anziehungskraft. Bisher war ich aber nur in Norwegen. Diese unberührte Natur ist schon etwas wahnsinnig Tolles!
    Da es von meinen Arbeitszeiten her besser passt, mache ich nun neben Wing Chun, Qi Gong und Sanda doch Shaolin Kung Fu (anstatt Tai Chi). Mir war nie bewusst, dass ich ein recht beweglicher Mensch bin. 😅 Ich liebe das strenge Training beim Mönch!
    Super, dass eure Tochter sich so gut im Karate weiterentwickelt! Wie läuft dein Training?

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