Mein deutsches Leben

Vor einigen Tagen las ich den Bericht einer Japanerin, die sich unwillkommen in Deutschland fühlte. Die deutsche Direktheit war für sie ebenso ein Problem, wie die mangelnde Hygiene öffentlicher Toiletten. Das erinnerte mich an den Bericht einer Deutschen, die eine Weile in Japan lebte und deren Bericht nur aus Nörgeleien über Japan bestand. Beide Frauen, das sage ich ganz offen, haben sich offensichtlich kaum mit ihrem Reiseland beschäftigt.

Mit Kinderaugen

Auch meine ersten Monate in Deutschland waren schwierig. Meine Eltern sprachen bereits Deutsch, ich konnte lediglich einige Worte. Zwar fühlte ich mich abseits meiner eigenen Kultur etwas verloren, aber meine Neugier auf alles Neue überwog. Im Unterschied zu den angesprochenen Frauen ist mein Glas stets halb voll. Wurde es leer, habe ich es wieder aufgefüllt.

Ich habe Deutschland angenommen, mir fällt kein anderes Wort dafür ein. Die Mentalität der Menschen mochte anders sein, aber ich war noch ein Kind und habe es kaum besser gewusst. Mit einem Wort: Deutschland hat mich fasziniert. Als ich älter wurde sah ich gern den Schiffen zu oder ging am Rheinufer entlang. In Düsseldorf fallen Japaner kaum auf, aber ich erinnere mich an viele freundliche Gesichter. Das Leben in Deutschland kann so einfach sein.

Der Himmel über Düsseldorf

Die Häuser, die Sprache, auch das Wetter und selbst der Himmel über Düsseldorf, das alles ist anders als in Fukuoka. Und doch ist vieles gleich. In beiden Städten leben freundliche Menschen. Meine Reise durch die Herzen vieler Deutscher stand stets unter einem guten Stern. Sie brachten mir Herzlichkeit entgegen, die ich erwidert habe. Auf meine Weise versteht sich. Innige Umarmungen waren noch nie mein Ding.

Freunde zu finden, den Kontakt mit anderen zu suchen, ist kein Problem für mich. Kinder sind ohnehin neugierig, den Rest hat mein exotisches Aussehen besorgt. Unüblich für Mädchen, habe ich selten Kleider getragen. Zum Glück haben mich meine Eltern nie als Prinzessin gesehen. Die Farbe rosa ist mir bei Kleidung ohnehin zuwider. Trotzdem gab es den einen oder anderen Disput darüber, was ich anzuziehen hatte. Gerüchten zufolge, hat meine Mutter mich dann mit Süßigkeiten bestochen. Darauf angesprochen schmunzelt sie heute noch.

Keine Kompromisse

Deutsch zu lernen, die Sprache perfekt und ohne Akzent zu sprechen, ist die vermutlich größte Leistung meines Kinderlebens. Kompromisslos für meine Freunde einzustehen, mich wo immer nötig durchzusetzen, ist ein weiterer angeblich interessanter Punkt. Ich dagegen halte es für normal, sich schützend vor andere zu stellen.

Deutschland im Sturm zu erobern, war nie mein Plan. Es hat sich einfach so ergeben. Den (Zwinker)Smiley kann sich an dieser Stelle jeder denken. Ohnehin ist mein (japanischer) Humor oft etwas schräg. Japaner haben eine Menge davon, aber das kann nun mal nicht jeder verstehen. Als Kind fand ich es durchaus lustig meinen Freundinnen japanische Schimpfworte beizubringen. Das hätte doch bestimmt jeder andere auch gemacht.

Mein Deutschland

Deutschland zu erleben, selbst Deutsche zu sein, hat mich lange Zeit glücklich gemacht. Dass wir bei der Einbürgerung etwas gemogelt haben, möge man mir bitte verzeihen. Ich hatte stets auch einen japanischen Pass. Mit der Rückgabe der deutschen Staatsbürgerschaft, habe ich ein Zeichen gegen die Politik der Regierung Merkel gesetzt. Aber vielleicht komme ich eines Tages wieder.

Deutschland in einer Zeit nach Corona wieder zu besuchen, wird vermutlich eine Weile schwierig sein. Es sei denn, dass ein wie auch immer geartetes Wunder geschieht und die Verantwortlichen der Krise auf der Anklagebank sitzen. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Öffentlichkeit weiter im Dunkeln tappen wird und der eines Tages erfolgende Durchbruch bei Corona, auf die Maßnahmen und die Impfung geschoben wird. Keine Lüge könnte größer sein.

 

23 Kommentare zu “Mein deutsches Leben

  1. Ein fremdes Land betrete ich generell mit offenem Herzen und ganz ohne Erwartung. Es kommt, wie es kommt – soweit ich es zulasse.
    Als ich vor über einem Jahr in Antalya am Flughafen stand und den Deutschen zuhörte, konnte ich über das Genörgel nur meinen Kopf schütteln. Dabei bin ich selbst Deutsch (Bayrisch-Schlesische Mischung)

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  2. Ein schöner, freundlicher Bericht. Ich habe Deutschland als Kind – oder vielleicht doch eher als Jugendliche? – anders erlebt. Ich hatte meine Mühe, die deutsche Gesellschaft auszuhalten. Aber es gab einzelne wunderbare Menschen dort, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Insofern ist alles, wie es war, Covid hat da für mich nichts geändert, nur meine inneren Vorbehalte noch einmal bestätigt. Mein Problem ist, dass nun die griechische Regierung immer mehr der deutschen ähnelt oder sie sogar übertrifft. Zum Glück kenne ich auch hier wunderbare Menschen. Und so kann ich überleben. Liebe Grüße!

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    • Die von dir angesprochene deutsche Gesellschaft kenne ich ebenfalls. Als Kind habe ich sie vermutlich ausgeblendet oder als normal angesehen. Als Jugendliche und junge Frau, habe ich dann die raue Herzlichkeit des Ruhrgebiets erlebt. Dort war ich oft zu Gast.

      Ich glaube, dass viele Regierungen zur Zeit ähnlich agieren. Dabei reden wir „nur“ von einem Virus. Stell dir den Kriegsfall vor, die Maßnahmen wären weltweit drakonisch. Diesen plötzlichen Schock können viele nicht verdauen.

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  3. Was ist denn DIE deutsche Gesellschaft…?
    Ich wundere mich auch immer, wenn Menschen irgendwo hinfahren in den Urlaub, oder um dort (freiwillig) zu arbeiten – und sich dann darüber beschweren, dass es dort nicht so ist, wie bei ihnen Zuhause. Warum verreist man dann? Letztendlich nimmt von einem Aufenthalt in einer anderen Kultur doch nur dann etwas für sich mit, wenn man dieser Kultur und den dortigen Menschen gegenüber offen, freundlich und neugierig ist, so wie du es als Kind wahrscheinlich ganz automatisch warst.

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    • Deutschland hat mir neben seiner reichen Geschichte eine Menge gegeben. Freundschaften, eine akademische Ausbildung, Arbeit und meine Elfe. Nun ist es Japan, woran ich mich wieder gewöhne. Das macht Spaß und ich mich trotzdem über diverse Gewohnheiten meiner Landsleute lustig. Positiv ist, dass Japaner über ihre eigenen „Fehler“ lachen können.

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