Von Großmeistern und Geschäften – Teil 2

Vor mehr als 6 Jahren, am 07. Mai 2014, habe ich den Beitrag „Von Großmeistern und Geschäften“ geschrieben. Darin ging es um Wing Chun, das Verfechter dieser simplen Kampfkunst für das Nonplusultra halten. Immer wieder ist in diversen Foren zu lesen, wie überlegen sie anderen Stilen ist. Auch Videos haben Sifu (Lehrer) darüber gemacht. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Wie sieht heute meine Meinung aus?

Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich einen Blick auf die Zugriffe dieses Beitrags werfen. Er rangiert seit Jahren ganz oben auf meiner Liste. Offensichtlich ist das Interesse an Wing Chun noch immer hoch. Auf keinen Fall ist das ein Fehler, Wing Chun ist ein durchaus brauchbares System zur Selbstverteidigung. Wer aber Wettkämpfe bestreiten möchte, ist dort fehl am Platz. Jede Form von (Sport!)Karate, Thai- oder Kickboxen ist dafür besser geeignet. Auch das koreanische Taekwondo.

Meine Kritik, die ich bereits 2014 gegenüber den beiden Verbänden EWTO und EVTF äußerte, bleibt weiter bestehen. Nachzulesen im 1. Teil. Wer sich für reine Selbstverteidigung interessiert, ist mit Krav Maga, dem israelischen „Kontaktkampf“, auf der wesentlich besseren Seite. Krav Maga ist schnell und einfach zu erlernen. Dazu noch sehr effektiv. Wing Chun, das ich (nur für mich persönlich) für einfach halte, braucht bis zur „Meisterklasse“ viel mehr Zeit. Das gilt auch für Karate. Bis zum 5. Dan gilt man dort als besserer Schüler.

Kritiker, die es immer geben wird und soll, sehen das vielleicht anders. Aber aus einer Fliege wird nun mal kein Elefant. Hinzu kommt noch, dass diese Kritiker den Fokus stets auf die körperliche Auseinandersetzung richten. Was sie vergessen: Das ursprüngliche Karate kennt keinen Erstangriff. Man hat sich damit auf Okinawa verteidigt und den Angreifer „umgebracht.“ Auch heute kämpfen Karateka auf Okinawa kaum auf Turnieren. Ursprüngliches Karate ist für viele eine Lebenseinstellung und Philosophie. Sportkarate hat damit nichts zu tun.

2014 schrieb ich: „Ein System kämpft nicht, wenn man in einer dunklen Gasse angegriffen wird. Das macht einzig und allein der Mensch. Wing Chun wird kein magischer Helfer in der Not sein und auch keinen Notarztwagen rufen.“ Genau das ist der Fehler den viele machen, wenn sie ihren Sport, ihre Kampfkunst, als das Maß aller Dinge sehen.

Noch einmal: Es gibt kein „bestes System!“ Den Beweis dafür kann man ab und an in den Nachrichten sehen, wenn Weltmeister von normalen Menschen auf die Mütze bekommen. Es wird immer jemand geben, der einem anderen in irgendetwas überlegen ist. Das ist auch in Ordnung so. Dazu kann ich gern eine kleine Anekdote erzählen, bei der ich in Deutschland zugegen war.

Vor etwas mehr als 20 Jahren war ich mit meinem Vater in einem Dojo zu Gast. Soweit ich mich erinnere, war das kurz vor dem Ende meiner ohnehin nur kurzen Wettkampfkarriere. Der (deutsche) Sensei hatte den 2. Dan im Shotokan-Karate, unterrichtete aber auch Kickboxen. Einer seiner Schüler war ein aufstrebendes Talent. Sehr beweglich, dynamisch, kurz gesagt ein guter Sportler. Während ich mit einigen Mädels trainierte, mein Vater sich mit dem Sensei unterhielt, gab es zum Abschluss des Trainings das unvermeidliche Kumite (Sparring).

Der Sportler, nennen wir ihn Tom, wurde einem Jungen mit dem (von mir geänderten) Namen Mike zugewiesen, der offenbar ein Neuling war. Ein Braungurt stand also einem Weißgurt gegenüber. Der Ausgang des Sparrings schien klar, war doch Tom ein erfahrener Wettkämpfer, der schon Turniere für sich entschieden hatte. Entsprechend arrogant trat er auf.

Als sein erster Tritt mit einem Konter abgefangen wurde und Mikes Fuß klatschend an seinem Kopf landete, herrschte plötzlich Totenstille Entsetzte oder belustigte Blicke waren zu sehen. Tom murmelte etwas wie „… nicht aufgepasst …“ Er riss sich zusammen, ging in Kampfstellung und kassierte den gleichen Tritt, der blitzschnell über seine Deckung ging. Sein Gesicht rötete sich. Vor Wut und durch die Treffer. Ich wusste in diesem Moment, dass er verloren hatte und tauschte einen Blick mit meinem Vater aus.

Papa und ich verstehen uns in Sachen Karate blind. Das war schon damals so. Toms nächster Angriff ging ins Leere, Mike verpasste ihm zum dritten Mal den gleichen Tritt. Diesmal ging Tom zu Boden. Aber mehr aus Schock, wirklich hart durchgezogen werden solche Treffer nicht. „Ich bin heute nicht so gut drauf“, hörte ich. Dann stand Tom auf und verzog sich in eine Ecke.

Mike blieb ziemlich verlegen zurück. Weder triumphierte er, noch hatte er das gewollt. „Was habe ich denn falsch gemacht?“, fragte er den Trainer, der ihm aufmunternd auf die Schulter schlug. „Alles in Ordnung“, sagte er. „Wie wäre es, wenn du mit jemand anderem weiter trainierst?“ Das hat Tom dann gemacht. Ich habe ihn beobachtet. Er konnte, woher auch immer, nur diesen einen Tritt und hatte nie zuvor etwas mit Karate zu tun. Vielleicht hatte er sich die sogenannten „China Filme“ angeschaut.

Was aus den beiden Kontrahenten wurde weiß ich nicht. Vielleicht war Mike ein unentdecktes Talent, vielleicht auch nur eine Eintagsfliege. Dieser kleine Vorfall zeigt aber, dass ein System niemals überlegen ist. Es ist immer der entsprechende Mensch. Das sollte sich jeder auf die Fahne schreiben, der seinen Sport, seine Kunst, für unschlagbar hält. Unschlagbar gut ist ohnehin nur meine Yuki. Aber einen Gewinner oder einen Verlierer gibt es bei uns nicht. Nur Gemeinsamkeit macht stark.

14 Kommentare zu “Von Großmeistern und Geschäften – Teil 2

  1. Um sich schnell gut verteidigen zu können, ist Krav Maga wahrscheinlich das bessere System. Da ich seit 22 Jahren einige Stunden in der Woche Wing Chun trainiere (momentan mindestens 7,5 h wöchentlich), erlaube ich mir mal eine Stellungnahme. Wing Chun gehört zu den inneren Kampfkünsten und ist demnach eben nur oberflächlich schnell zu erlernen. Wenn man die Meisterschaft in dieser Kampfkunst erreicht hat, ist eine rein körperliche Überlegenheit durch Kraft irrelevant. Mein Si-Fu wird in Hongkong von den Söhnen von Lok Yiu (Lehrling der 1. Schülergeneration von Yip Man) unterrichtet. Da ich dort schon mittrainieren durfte, habe ich schnell verstanden, dass Alter und Kraft bei diesem System keine Rolle spielen. Lok Yius Söhne sind mittlerweile Mitte 60 und machen mich und auch alle anderen SchülerInnen spielerisch platt. Genau das gefällt mir an diesem System. Man wird mit zunehmenden Alter immer besser und baut nicht ab, wie in anderen Kampfkünsten. Da Wing Chun ein Nahkampfsystem ist, wird immer wieder darauf hingewiesen, dass man es besonders gut in beengten Umgebungen nutzen kann (auch engen Straßengassen etc.). Das sehe ich genauso. Zu denken, dass mich das System unbesiegbar macht, ist unangebrachter Hochmut. Wichtig für jede Kampfsituation ist jedoch: „Sei im Hier und Jetzt“. Erwarte nichts (sorgt für falsche Abwehr-Entscheidungen) und sei auf alles gefasst. Starke Emotionen, wie Wut oder Angst werden dich angreifbar machen. Dein Geist muss ruhig bleiben, damit dein lange konditionierter Körper automatisch die richtigen Antworten finden wird.

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    • Sehr gut erklärt! Trotzdem einige Anmerkungen von mir.

      Teilzitat: „… und ist demnach eben nur oberflächlich schnell zu erlernen.“

      Ja und nein. Ja, wer quasi Schnellkurse macht, wird die Techniken nie so perfekt ausführen, wie jemand, der das viele Jahre trainiert. Das wäre ich. Du wärst mir darin also „überlegen“, was mich auf keinen Fall irgendwie ärgern würde. Im Gegenteil. In meinem Fall war es der Blick über den Tellerrand und die Möglichkeit ein System gemeinsam mit Yuki zu lernen. Im Karate tat sie sich damals noch schwer.

      Nein deshalb, da es zur reinen Selbstverteidigung unwichtig ist. Das ist bei allen Kampfkunst- oder -sportarten so. Das Beispiel mit Tom und Mike zeigt auch das klar auf.

      Jede Kampfkunst, auch heutiges Aikido, Karate(-Do) oder modernes „Kung Fu“, ist immer auch eine Geisteshaltung. Wer kloppen will, macht MMA oder Boxen. Aikijujutsu, Okinawa-Te, altes Wushu, waren und sind „tödliche“ Systeme, die an die moderne Zeit angepasst worden sind. Aikijujutsu gibt es immer noch, aber wir bringen dort natürlich niemand um. Okinawa-Te findet sich noch im wesentlich ursprünglicheren Okinawa-Karate. Modernes Wushu ist ein besserer Tanz.

      Zitat: „Wenn man die Meisterschaft in dieser Kampfkunst erreicht hat, ist eine rein körperliche Überlegenheit durch Kraft irrelevant. Mein Si-Fu wird in Hongkong von den Söhnen von Lok Yiu (Lehrling der 1. Schülergeneration von Yip Man) unterrichtet. Da ich dort schon mittrainieren durfte, habe ich schnell verstanden, dass Alter und Kraft bei diesem System keine Rolle spielen. Lok Yius Söhne sind mittlerweile Mitte 60 und machen mich und auch alle anderen SchülerInnen spielerisch platt.“

      Dein Fokus ist immer auf „Kampf“ gerichtet, dass „der“ oder „die“ dich „platt“ machen kann. Das ist westliches Denken und zum Teil auch falsch. Nehmen wir meinen Vater, der auf die Sechzig zugeht. Kann er „jüngere“ platt machen? Geistig ja! In der Ausführung der Techniken, ja. Im Kumite? Begrenzt. Dieser Unsinn, dass ein 150. Dan (Spaß!) unbesiegbar ist, magische Kräfte hat, ist eine bloße Legende. Die absurde Argumentation, ein (Groß)Meister könne jeden schlagen, ist genau das. Im Wing Chun, das im Normalfall kein Sparring kennt, kann der Sifu seine „Überlegenheit“ bei Partnerübungen ausspielen. Jetzt nehmen wir einen Sumo-Ringer, der 250 Kilogramm wiegt und stellen ihn in einem freundschaftlichen Wettkampf gegen einen 65 Jahre alten Wing Chun Sifu. Thema durch.

      Zitat: „Man wird mit zunehmenden Alter immer besser und baut nicht ab, wie in anderen Kampfkünsten.“

      Das ist auch nur zum Teil richtig. Schau dir Ip Man in seinen letzten Jahren an. Der Mann war körperlich am Ende, konnte aber seine Techniken noch immer vermitteln. Auch ein Sensei im Karate kann das mit 70 + Jahren noch. Sie selbst auszuführen, wird aber zunehmend schwieriger.

      Egal ob Wing Chun, Karate, Judo, Silat, Savate, alle sind für sich gesehen gute Systeme. Gut oder schlecht gibt es nicht. Gut oder schlecht sind lediglich jene Verbände, die viel Geld mit der Vermittlung von was auch immer machen wollen.

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  2. Ich verstehe nichts von diesem Sport, von daher kann ich nichts falsch verstehen!
    Meine Lieblings Serie in den 70igern war Kung Fu, daß hat mich immer fasziniert! Da ich aber zu dieser Zeit voll auf meine Leichtathletik Kariere fokussiert war, blieb keine Zeit mehr für eine andere Sportart!
    Ich habe großen Respekt für Menschen, die diese Sportart beherrschen und damit vor allem ihre geistigen Kräfte mit der körperlichen Kraft kompensieren!
    Danke Mayumi, für den interessanten Einblick!
    Liebe Grüße Babsi

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