Mein japanisches Leben – Teil 1: Der Frust des Gaijin

Mit diesem Beitrag will ich eine Reihe beginnen, die unser Leben in Japan zeigt. Dabei wird es nicht ständig nur um unsere Personen gehen. Ich werde auch über alltägliche Dinge schreiben und die Unterschiede zwischen Deutschland und Japan ansprechen. Vielleicht auch über japanische Politik, die aber wenig spannend ist.

„In Japan zu leben hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.“ Dieser Satz ist der Gipfel der Enttäuschung eines jungen Amerikaners, der in Japan heimisch werden wollte und schon nach wenigen Monaten frustriert die Koffer packte. Was war passiert?

Wir haben Brian über meinen Cousin Ken kennengelernt. Wie Ken ist auch Brian Fotograf und hat mehrfach mit ihm gearbeitet. „Ich habe mich schon als Junge für Japan interessiert“, lässt Brian uns wissen, hocherfreut dass wir Englisch sprechen. „Für das Land oder seine Menschen?“, frage ich, „viele Amerikaner sind doch nur an schnellem Sex mit Frauen interessiert.“

Brian zuckt zusammen und wird tatsächlich rot. Während Elfchen schnell die Hand vor den Mund hält um ihr Lachen zu verbergen, feixt Ken völlig ungeniert. Brian gibt sich einen Ruck. „Ich mag Asiatinnen schon“, sagt er, „aber das war nicht mein eigentliches Ziel. Mir gefällt einfach die japanische Kultur. Wir Cowboys haben davon nicht sonderlich viel.“

„Bist du doof?“, will ich wissen, „natürlich haben auch Amerikaner ihre Kultur. Viele stammen doch ursprünglich aus Europa, hast du nie nachgeforscht woher deine Ahnen sind?“ Brian lacht, Ken hatte ihn bereits vor meiner direkten Art gewarnt. „Meine Vorfahren sind aus Dänemark“, erzählt er uns. „Ich war sogar schon dort. Aber ich habe nichts empfunden, es war einfach nur ein fremdes Land.“

„Ich habe 30 Jahre lang in Deutschland gelebt“, erwidere ich. „Aber ich habe Japan immer als meine Heimat angesehen.“ „Aber das kannst du doch so nicht vergleichen!“, empört Brian sich, „ich fühle mich als weißer Amerikaner sogar fremd in meinem eigenen Land.“ „Und woran liegt das?“, will ich wissen und kenne die Antwort schon. „Schwarze und Latinos hassen uns“, sagt er bedrückt, „wir werden zur Minderheit im eigenen Land.“

„Wer lässt denn zu, dass das passiert?“, lege ich den Finger auf eine Wunde, die Brian noch nicht einmal gesehen hat. Begreift er was im Westen vor sich geht? „Wie meinst du das jetzt?“, fragt er verwirrt. „Es passiert einfach.“ „Nein!“, erwidere ich, „ihr Weißen lasst es zu! Ihr lasst euch einreden, wie in Deutschland auch, dass ausschließlich Weiße für das Elend auf der Welt verantwortlich sind und kriecht z. B. vor der Black Lifes matters Kampagne.“

„Ja, aber wir haben doch die Schwarzen erst versklavt“, erklärt uns Brian. „Wir haben sie aus Afrika geholt.“ Yuki hält es nicht mehr aus, sie die normalerweise mir gern die Gesprächsführung überlässt, funkelt den Amerikaner an. „Es waren Afrikaner selbst, die andere Afrikaner versklavten. Und zwar Jahrhunderte vor der Ankunft des ersten Weißen in Afrika. Sklaverei gab es in allen Hochkulturen, weiße Europäer haben sie lediglich fortgesetzt.

Es ist genau diese Legende von der alleinigen Schuld der Weißen, die ihr so willig schluckt. Jedes Leben zählt, hörst du? Natürlich war das falsch Afrikaner zu versklaven! Aber Aussagen, dass allein Weiße an ihrem Elend schuld seien, lenken doch auch vom eigenen Unvermögen ab. Afrika ist ein reiches Land, mit leider oft korrupten Regierungen. Die unterdrücken die Bevölkerung und verkaufen sich aus Geldgier dem Kapitalismus. Der übrigens auch in China existiert, das wirtschaftlich sehr aktiv in Afrika ist.“

„Die Massenmigration aus Afrika sehe ich allerdings als Gefahr“, füge ich hinzu. „Aber für beide Seiten. Daher finde ich es gut, dass Trump sich gegen unkontrollierte Einwanderung stellt. Dieser Traum von einer Umverteilung des Geldes, den Demokraten in den USA und ihre Gegenstücke in Europa träumen, wird niemals funktionieren. Das ist auch so nicht wirklich gewollt. Man will lediglich Angst und Unruhe auf der Welt verbreiten, um die eigentlichen Ziele in Ruhe zu verfolgen.“

Brian ist sichtlich verwirrt. Ich begreife schnell, dass er ein zwar netter Bursche, aber auch ein ziemlich einseitig informierter Einzelgänger ist, dem es schwer fällt Kontakte zu knüpfen. Seine Ausrede, es läge an der Sprache, durchschaue ich sofort. Japaner werden sich große Mühe geben, um die Sprachbarriere zu  überwinden. Daher liegt es allein an ihm.

Als wir ihn einige Tage später wiedersehen, hat er sich umfassend über die Sklaverei informiert. „Wir Amerikaner sind wirklich blöd“, gesteht er zerknirscht. „Uns kann man alles erzählen.“ Er holt tief Luft und gesteht uns dann, dass er sich nun der Alt-Right-Bewegung in den USA angeschlossen habe. Fraglich nur, ob er den Sprung vom Lamm zum Wolf verkraftet. Mir ist es egal.

In der Folgezeit treffen wir ihn immer wieder in Kens Gefolge, aber er sieht zunehmend unglücklicher aus. Das hat weniger etwas mit Politik, als mit Frauen zu tun, wie wir erfahren. „Ich habe mich in eine Japanerin verliebt“, gesteht er uns, „aber sie will einfach nichts von mir wissen. Nie ruft sie an oder meldet sich, immer ist sie irgendwie beschäftigt.“

„Das liegt daran, dass sie es ist und Arbeit und Privatleben trennt. Es heißt nicht kein Interesse zu haben, aber für sie kommst du erst an zweiter oder dritter Stelle. Japanerinnen sind nun mal keine dich anschmachtenden Liebchen.“ Für Brian bleibt diese Haltung unverständlich. Er betrinkt sich in der Folgezeit häufig und bekommt prompt Ärger mit der Polizei. Vor einigen Tagen ist er überstürzt abgereist.

„In Japan zu leben hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.“ Dieser Satz gilt teilweise auch für Yuki und mich. Japan wird niemals Deutschland sein, hier gehen die Uhren anders. Egal wie westlich sich Japaner nach außen geben mögen, sie werden stets einzigartig sein. Und so ist es gut.

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8 Kommentare zu “Mein japanisches Leben – Teil 1: Der Frust des Gaijin

  1. Mmmmmh, zumindest hast du einem Amerikaner die Augen geöffnet, aber das wird nicht reichen … Jedenfalls habe ich jetzt das Gefühl, meine Frau könnte eine verkappte Japanerin sein 😀 Allerbeste Herbstgrüße ins Elfenheim 🙂

    • In den USA werden immer mehr Menschen „wach.“ Natürlich ist auch das gesteuert, natürlich gibt es massive Gegenwehr. Wer aber versteht welche Rolle Obama wirklich spielte, wer sich über die Alt-Right-Bewegung informiert, der bekommt davon eine erste Idee. Auch, warum Trump sich Nationalist nannte. Aber darum geht es in diesem Beitrag nicht.

      Brian war einfach nur ein großer Junge, der einseitig informiert durchs Leben ging.

      Männer werden Frauen nie verstehen. Aber ich berate dich natürlich gern. 😉

  2. Okay, nach deiner Ansicht will „Man will lediglich Angst und Unruhe auf der Welt verbreiten, um die eigentlichen Ziele in Ruhe zu verfolgen.“

    Und was sind sie nun, diese eigentlichen Ziele? Hilfst du freundlicherweise bitte einen beschränkten Leser deiner Beiträge vorsichtig dies zu verstehen.

      • Ich muss zugeben, mit Geopolitik habe ich mich noch nie beschäftigt.

        In der Arbeitgerichtsverhandlung in dem Film Philadelphia mit Tom Hanks, in dem es um eine Entlassung wegen Aids geht, druckt der Arbeitgebervertreter hinsichtlich des Kündigungsgrundes etwas wortreich herum. Der Arbeitnehmervertreter fordert ihn auf, „Erklären Sie mir es! Stellen Sie sich vor, ich sei sechs Jahre alt und sie erklären es einem sechsjährigen Kind!“

        Diese Bitte möchte ich mir hier zu eigen machen.

      • Meta- und Geopolitik sind wichtig, um nationale Entscheidungen zu verstehen.

        „Okay, nach deiner Ansicht will <>“

        Brechen wir es auf Deutschland herunter. Wir haben eine (bewusst herbeigeführte) zutiefst gespaltene Gesellschaft, Linke kämpfen gegen Rechte. Der Staat kann unterdessen z. B. a. den Medienstaatsvertrag und b. den UN-Migrationspakt in aller Ruhe vorbereiten. Hast du von beiden schon gehört? Die meisten meiner deutschen Freundinnen nämlich noch nicht, was auch für ihre Familien / Bekannten gilt. Die leben in Deutschland, ich nicht! Warum also bin ich besser informiert? Vielleicht weil ausländische Medien (etwas) ehrlicher berichten als in Deutschland? Man „teilt und herrscht“ also, das habe ich damit gemeint.

        Mir ist bewusst, dass vor allem Deutsche das nicht glauben wollen. Die bunt glitzernde Scheinwelt aus Einfamilienhaus, zwei Kindern und zwei Autos, der jährliche Urlaub in (Land deiner Wahl), der gut bezahlte Job, die tollen Talkshows mit Trump- und AfD-Bashing, die den Deutschen fast täglich eingehämmerte Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg, all das hat einen Menschentyp geformt, der sich vor der Obrigkeit duckt, nie seine Stimme erhebt und jede vom Mainstream-Journalismus abweichende Meinung als „Rechts bzw. Nazi!“ ansieht.

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