Lichter der Großstadt – Teil 9: Sehnsucht

Der penetrante Summton des Handys beendet die Nacht. Während sich Yuki demonstrativ die Decke über das hübsche Köpfchen zieht, schaue ich wer der Anrufer ist. Meine Mutter, das muss wichtig sein!

Die Neuigkeiten sind wenig überraschend. Meine Eltern werden Deutschland auf unbestimmte Zeit verlassen. Der Grund heißt olympisches Karate, mein Vater hat auf Probe als Trainer zugesagt. Wer mehr darüber wissen möchte, der klickt bitte HIER. 

Meine Mutter hat Bedenken. 30 Jahre Deutschland wiegen schwer. Können meine Eltern wieder in Japan heimisch werden? Für Yuki und mich bedeutet das ein Haus (auf Zeit) zu haben, wenn wir wieder in Deutschland sind.

Elfchen wirkt nachdenklich, als ich ihr davon erzähle. Wollen wir wirklich wieder zurück? Mein Vater hätte mich gern an seiner Seite gewusst, um die Jugendlichen zu unterrichten. Das hatte ich bisher, bei aller Liebe für ihn, Japan und Karate, abgelehnt. Aber seit einiger Zeit, ist die Sehnsucht nach Japan in mir erwacht.

Wir frühstücken, der CD-Spieler verbreitet japanische Klänge. „An was denkst du?“, fragt Yuki und stupst mich an. Dann lacht sie, als ich ihre Zehen kitzele. „Ich habe einen Blick ins Morgen gewagt“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Was machen wir, wo werden wir sein?“

„Wo willst du sein?“, hakt Yuki nach und übernimmt spontan die Führungsrolle. Wir tauschen gern die Charaktere. Aus Spaß haben wir das schon mit den Namen gemacht. Wer uns nur flüchtig kennt, wird uns sowieso für Schwestern halten.

Für Yuki ist es schwieriger zu dominieren, während ich problemlos die scheue Japanerin spielen kann. Zumindest so lange bis ich vor Lachen platze. Aber heute will ich Mäuschen sein.

Wir albern herum und mixen die Sprachen. Aber wie redet man bei uns? Immer so, wie wir denken. In Deutschland überwiegend deutsch und in Japan japanisch, mit eingeschobenen deutschen Worten. Nur auf Englisch verzichten wir.

„Die Frage sollte lauten, wo wir sein wollen“, greife ich das Thema wieder auf. „Was hältst du davon für immer in den USA zu bleiben?“ Yuki versucht die Stirn in Falten zu legen, was natürlich kläglich scheitert. Elfen haben eine glatte Haut.

Los Angeles, die große LGBT-Community, hat Vorteile zu bieten. Zwar zittert die Erde, aber wir sind vor Homophobie und Terror sicher. Dafür gibt es hier mehr Gewalt, die durchaus erschreckend ist.

Weniger für mich, ich kann mich wehren. Aber werden (adoptierte) Kinder hier sicher sein? Warum die USA, werden sich nun einige fragen, ist Deutschland nicht der bessere Platz?

Diese Frage hätte ich noch vor einigen Jahren mit einem dicken JA beantwortet. Zur Zeit ist Deutschland kein sicherer Ort. Multikulti ist ebenso gescheitert, wie Frau Merkels Flüchtlingspolitik. Ich habe keine Lust mehr auf ständige Kämpfe, die ich mit wem auch immer führen soll.

Kinder sollten in einem Umfeld aufwachsen, das nicht von Hass und Gewalt zerfressen ist. Lieber lebe ich im noch immer weitgehend homophoben Japan, als „Angst“ vor offenen Grenzen, Terror und schleichender Islamisierung zu haben.

Es war Yukis Idee längere Zeit in Los Angeles zu verbringen. Sie hat den Virus der Sonne geleckt. Und mir geht es kaum anders, das Leben hat viele Vorteile hier. Aber in Japan könnte ich (Jugendliche) unterrichten.

Elfchen schaut mich an und ist plötzlich ganz still. Wir brauchen keine Worte, um die andere zu verstehen. „Ich gehe packen“, sagt sie leise. Und in Gedanken flüstert die Inari mir „Gute Reise“ zu.

 

 

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48 Kommentare zu “Lichter der Großstadt – Teil 9: Sehnsucht

  1. Von dem Spiel, die Charaktere zu tauschen, habe ich noch nie gehört. Klingt sehr interessant. Ich könnte mir vorstellen, das es eine ziemlich hohe Problemlösungskompetenz verschafft. Stark. Gefällt mir gut, der Gedanke.

    • Vor einigen Jahren gab es das Filmprojekt „Man for a day“, bei dem sich Frauen als Männer verkleideten. Das hat nichts mit Cross Dressing zu tun. Die Frauen mussten sich wie Männer benehmen, bewegen, gehen und auch so sprechen. Das führte zu lustigen Szenen. Der Film ist recht bekannt und SPON hat unter anderem darüber berichtet.

      Tauschen zwei Frauen die Rollen ist das scheinbar einfach(er). Yuki macht es Spaß „das Biest“ zu sein. 😉

  2. Leben könnt ihr wohl überall dort, wo ihr einander habt, aber auch wenn ich euch nicht wirklich verliere (ihr seid virtuell ja immer da), warum fühlt es sich dann so an? Geht, wo immer euch das Herz hinlenkt, meine besten Wünsche werden euch stets begleiten.

  3. Ich habe mal ein paar direkte Verständnisfragen an dich.
    Reist du mit deinen Eltern um die Welt ? Warum nicht mit deiner Frau ?
    Wie imigrierst du in Länder mit einem deutschen und/oder japanischen Pass ? Welche Green Card hast du ? Oder welches Visum ?
    Wovon lebst du ?

  4. Grüßt Hongkong von mir! Ich liebe diese Stadt! 🙂 Nächstes Jahr fliege ich dort auch endlich mal wieder hin.
    PS: Menschen verstehen sich sogar trotz des Austauschs von Worten manchmal falsch. Ihr seid vielleicht doch Aliens (was ich von Yi Man und mir nicht behaupten kann). 😉

    • Das wäre doch fast der Titel eines Films: „Die Frau aus Honkgong.“ Starring: … 😛

      Wir sind mittlerweile in Japan (Fukuoka) Dort reden die Leute auch „komisch.“ Stichwort Dialekt. Die arme Yuki muss immer schmunzeln, aber sie versteht ihn doch.

      • Die erste persönliche Frage seit einem Dreivierteljahr: Wirst du deinen Vater für die olympischen Spiele unterstützen? Falls ja, fände ich das natürlich total cool, was dir schon vorher klar gewesen sein wird. Wenn dir die Frage zu persönlich ist, dann beantworte sie einfach nicht. 😉
        Wie auch immer, ich wünsche euch beiden eine tolle Zeit in Japan! 🙂

      • Olympisches Karate hat so überhaupt nichts mit Kampfkunst zu tun. Aber es ist nun mal eine Ehre Japan zu vertreten. Auch wenn es lediglich auf lokaler Ebene ist und um die Förderung des Nachwuchses geht. Beides braucht Japan. Und wehe du fragst jetzt, wann wir Kinder kriegen! 😛

        Wir bleiben vermutlich nur eine Woche in Fukuoka. Aber ich musste da einfach hin! Und jetzt müssen wir ins Bett, wir sind total geschafft.

        Bis bald 🙂

      • Und, wann kriegt ihr Kinder!?! 😂 Ehrlich gesagt, war für mich persönlich jetzt spannender zu erfahren, ob du die japanischen „Kids“ trainieren wirst.
        Ich wünsche euch eine schöne Zeit in Fukuoka! Wenn die Japaner bei den olympischen Spielen alle umhauen oder umtreten war es höchstwahrscheinlich der Verdienst deines Vaters! 😀

      • Wir bekommen Kinder, wenn ich 1. Bundeskanzlerin bin und 2. du endlich Karate lernst. 😛 😀

        Ich versuche mal einige Bilder von Fukuoka zu machen, bzw. frage Ken, ob er welche für mich hat.

        Trainer der Olympia Mannschaft wird mein Vater kaum werden wollen. Wie ich mag er weniger den Wettkampf selbst, als vielmehr die traditionelle Kunst. Und das könnte schon ein Kriterium für seinen Ausstieg sein.

      • Wahrscheinlich arbeitest du schon im Geheimen daran, Kanzlerin zu werden. 😉
        Als Kind wollte ich durch die Karate Kid Filme ja eigentlich Karate lernen. Meine Mutter konnte die Kampfkünste aber nicht auseinanderhalten und hat mich zu unserem Nachbarn zum Wing Chun Training geschickt. Ich glaube aber nicht an Zufälle…
        Auch wenn viele Techniken bei den Karatewettkämpfen nicht angewendet werden dürfen, freue ich mich schon sehr aufgrund dieser auf die olympischen Spiele in Japan. Gutes Karate sieht auch total ästhetisch aus (und ist effektiv)! Dank YouTube konnte ich mir ja auch dies bezüglich schon ein näheres Bild machen.
        Über schöne Bilder von Fukuoka würde ich mich natürlich freuen! 🙂

      • Ich habe die Befürchtung, dass Karate bei den kommenden Spielen nicht den Stellenwert bekommt, den es verdient. Soll heißen die Berichterstattung darüber könnte mager ausfallen. Es ist nun mal Fakt, dass Sportkarate weniger attraktiv für Zuschauer ist. Taekwondo kann das besser. Auch wenn es nicht besser ist.

        Extra für dich, habe ich einige Bilder in den neuen Beitrag eingefügt. 😛 Aber geplant war das sowieso. Wir lesen uns dann Mitte Juni wieder, dann sind wir zurück in L.A.

        PS: Wann fängst du mit Karate an? 😀 😀 😀

      • Die Taekwondo-Wettkämpfe bei Olympia sind aber auch nicht der optische Bringer. Über Karate freue ich mich da schon mehr! 😉
        Vielen Dank für die Bilder! 🙂
        Bis Mitte Juni!

        PS: Ich weiß noch nicht, wann ich mit Karate anfange. 😅

      • Die Koreaner meinen nur, dass sie „Karate“ können. Die machen uns immer alles nach und nennen es dann noch anders. 😀

      • Und die Chinesen glauben wiederum, dass ihnen die Japaner alles nachmachen würden. 😉 Für mich sind Taekwondo und Karate jedoch nicht identisch, aber hier bist du die Spezialistin.

      • Taekwondo, das früher Tang Soo Do hieß, bedeutet auf koreanisch nichts anderes, als „Weg der China Hand,“ bzw. wurde auch Kong Soo Do, „Weg der leeren Hand“ genannt. Beides bedeutet mit japanischen Schriftzeichen „Karate.“ Die Gründer des Taekwondo, haben unter anderem Shotokan-Karate trainiert. Andere Elemente stammen aus dem chinesichen Wushu und der alten koreanischen Kunst Taekgyeon.

        Karate stammt vom „Weißen Kranich“ Stil ab, In den Okinawa Stilen sieht man die Ähnlichkeiten noch. Die Japaner haben dann alle für sie überflüssigen Bewegungen quasi extrahiert. Shotokan, ist das klassische Beispiel dafür. Mein Stil, hat noch wesentliche Elemente des Ursprungs.

        Die Japaner haben viel von den Chinesen übernommen und deren Schrift, wie auch kulturelle Einflüsse verfeinert. Viele Japaner halten Chinesen für unzivilisiert, um es vorsichtig auszudrücken. Vielleicht gehe ich in einem anderen Beitrag noch näher darauf ein.

      • Ich komme darauf, weil sich manche Appelle von dir (an mich) wiederholen. Auf jeden Fall ziehst du gerne Leute auf. 😉
        Deine Frage war außerdem wieder sehr gut gestellt.

      • In beiderlei Hinsicht nicht, nein. Im Vergleich zu dir, sehe ich ja auch sicherlich so aus, wie Goliath. Aber du weißt ja, David gewinnt. 😉

      • Okay, stell dir diese Legende einfach noch einmal mit zwei attraktiven jungen Frauen vor. 😂 Ich bin mir sicher, dass es dir dann wieder einfallen wird.

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