Die Neidgesellschaft

Neid, so heißt es, sei eine Mischung aus Minderwertigkeitsgefühlen, Feindseligkeit und Ärger. In einem Interview bin ich über das Wort gestolpert. Und das im buchstäblichen Sinn. Neid, so sagt der Prominente, habe Deutschland vergiftet. Aber ist Neid nur regional begrenzt?

Wer sich mit anderen vergleicht, wird stets das eigene Manko finden. Man ist zu dick, zu dünn, zu wenig tolerant und diese Schnepfe von nebenan, hat schon wieder einen anderen Freund! Aber wo ist das Problem? Den Satz „Ich bin was ich bin und das ist alles was ich bin“, sollte sich jeder verinnerlichen. Ich habe, ihr auch?

Neider finden sich oft bei unzufriedenen Menschen, die vielleicht in einer (Lebens)Krise stecken. „Neidisch“ richtet sich der Blick der dreifachen Mutter auf die kinderlose Managerin, die noch immer eine schlanke Taille hat und einen Sportwagen fährt. Sie weiß nicht, dass diese keine Kinder bekommen kann.

„Neidisch“ blickt der Buchhalter auf seinen beruflich erfolgreicheren Kollegen. Er, der mit Frau und Tochter in einem Reihenhaus lebt, will auch in die Chefetage. Aber sein Reihenhaus ist bezahlt, der Kollege bezahlt den besseren Job mit nun schon zwei Herzinfarkten.

Weder besagte Mutter noch der angesprochene Buchhalter erkennen, wie erfolgreich sie in ihrem Leben sind. Vielleicht wäre die Managerin mit drei Kindern überfordert und die Frau des Buchhalters würde die Scheidung verlangen, wenn er zwölf Stunden und länger bei Besprechungen sitzt.

Neid kann durchaus negative Auswirkungen auf das Gefühlsleben und die Beziehungen zu Mitmenschen haben. Das kann von verbalen Attacken bis zur Gewaltanwendung gehen. Man hat vielleicht selbst nur ein altes Auto, also schlägt man den Wagen des Nachbarn heimlich kaputt.

Oft baden neidische Menschen in Selbstmitleid. „Wie ungerecht, dass der / die alles hat!“, heißt es schnell. „Ich habe nichts!“ Dass der Neider zu faul war, um die Universität zu besuchen, hat er bereits vergessen. Wer andere beneidet macht deren Glück zum eigenen Unglück. Jeder Mensch ist einzigartig, er muss es nur erkennen.

Die Mutter könnte nun also die Managerin für ihren Erfolg bewundern. So wie diese es heimlich macht, wenn sie deren Kinder sieht. Und der Buchhalter könnte einfach aufrichtig sein und den Führungsstil des erfolgreicheren Kollegen bewundern, der ihm ein guter Vorgesetzter ist.

Ich schaue zurück auf meine Jugend und wie ich aufgewachsen bin. Mir fehlte es an nichts, aber hohe Ansprüche hatten immer nur die anderen. Klein-Mayumi waren Bücher, Karate, saubere Jeans und Sweatshirts lange genug. Und mein erstes Auto war gebraucht.

Ich habe nie neidische Gefühle entwickelt. Einerseits bin ich so (auf sanfte Art) erzogen worden, andererseits ist das meine Natur. Trotzdem habe ich Erfahrung mit Neid und Missgunst gemacht. Was einerseits an meinem sozialen Status und andererseits an meinem Aussehen lag.

Meine Eltern haben bereits kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland ein Haus gekauft, was damals ein hohes finanzielles Risiko war. Finanziert haben sie es mit harter Arbeit. Mehr muss niemand wissen. Aber es hat Neid ausgelöst, das haben sie mir später erzählt.

Ich bin etwa 10 Jahre alt, als „Arroganza Neureich“ mich verbal attackiert. Eigentlich heißt sie Saskia und ich habe HIER schon über sie geschrieben. Saskia mustert mich herablassend und plustert sich vor mir auf.

„Deine Eltern können dir wohl kein anständiges Kleid kaufen“, sagt sie, „oder warum trägst du sonst immer diese alten Hosen?“ Ihr Gefolge lacht und verstummt prompt, als mein Konter kommt. „Bis du neidisch?“, frage ich und schaue sie mitleidig an. „Bei dem Hintern würden dir Hosen auch kaum passen.“

Wortlos rauscht sie davon. Dabei habe ich bewusst übertrieben, bei Saskia stimmte alles. Von einer Freundin weiß ich, dass sie neidisch auf meine dunklen Haare ist. Sie hat „nur“ blonde Locken. Frauen waren oft neidisch auf mein Aussehen. Ich bin nun mal das komplette Gegenteil einer blonden Deutschen.

Dafür kann ich nichts, das sind die Gene meiner Eltern. Oder besser meiner Mutter, deren Kopie ich sozusagen bin. Weniger vom Charakter, der ist deutlich feuriger bei mir. Aber war ich wirklich niemals neidisch?

Ansatzweise unzufrieden, wobei ich das immer mit Humor gesehen habe, war ich auf meine geringe Körpergröße, die sich in einen gewissen Neid, aber stets spaßig formuliert, auf größere Mädchen bei Ballsportspielen definierte.

Im Basketball und Volleyball war ich niemals gut, dafür habe ich umso besser Handball gespielt. Ich sah meine Körpergröße nie als Manko und habe sie durch Schnelligkeit kompensiert. Den Ball konnte ich gut durch die Beine der Torfrau werfen. Meist war die zu langsam für mich.

Neid kann sich im positiven Sinn, als Ehrgeiz definieren. „Die“ hat eine gute Note? Das kann „ich“ besser! Im Sportkarate lediglich neidisch auf die „Meisterin“ zu sein bringt wenig. Ich habe sie mir angeschaut, den Stil analysiert und sie beim nächsten Turnier geschlagen.

Das brachte nun mir das typische Verhalten von „Neidern“ ein, besonders von anderen Frauen. Auf meinen beruflichen Erfolg sind die weniger gut zu sprechen. Deren kleines Ego bekam scheinbar Oberwasser, wenn ich eine Weile „arbeitslos“ war.

„Hättest du mal den Job bei (…) angenommen“, hieß es dann süffisant, um später über den 370 Z, meinen Urlaub und was auch immer zu lästern. Ich habe immer nur gelacht und gesagt: „Mitleid bekommt man gratis, aber Neid muss man sich verdienen.“

„Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung.“ – Wilhelm Busch

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31 Kommentare zu “Die Neidgesellschaft

  1. Gut geschrieben und sehr wahr. Ich habe eine extrem neidische Mutter, die aller Welt ihren Erfolg missgönnt. Das ist schon sehr schwer mit anzusehen. Wie du sagst, es ist das Gefühl, vom Leben selbst nichts geschenkt zu bekommen, während anderen ihr Glück zufiele. Der Hinweis, dass sie nicht hinter die Kulissen schauen kann und nicht weiß, ob es denen wirklich so gut geht, verfängt bei ihr nicht. Ich glaube, das hat auch was damit zu tun, dass man mit diesem Gefühl Verantwortung abschieben kann. Man selbst hätte, würde und könnte ja auch, aber das böse, böse Schicksal hat einem eben nichts vergönnt. Somit kann man auf seinem Hintern sitzen bleiben und muss sich nicht fragen, was man selbst hätte tun können.
    Neid verhindert den Ansporn, den anderen zu übertrumpfen. Er versucht viel mehr, den anderen herabzuwürdigen, damit man sich am Ende selbst besser fühlen kann. Auf diesem Prinzip basieren 90% des Privatfernsehens.

  2. Neid ist spannendes Thema. Neid wird ja häufig in der Reihe der sogenannten großen Gefühle wie Habgier, Eifersucht und Schuld genannt. Da ist jedenfalls immer ziemlich viel an anderen Gefühlen drin, insbesondere Wut, Angst, Traurigkeit.
    Allerdings in katholischen Gegenden begegnete mir dieses Gefühl seltener, ich glaube es ist ein protestantisches Gefühl. Ich kann mich aber auch irren.

  3. „Wenn du kritisiert wirst, dann musst du irgend etwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.“ Und ja, dieses Zitat von Bruce Lee habe ich dir sicher schon einmal zugeschickt. 😉
    Hier in Deutschland ist dein Aussehen besonders und in Asien werden Menschen, wie ich angeglotzt. Es fällt halt auf, wenn man in der Masse auffällt. 😀

      • Das ist auch ein gutes Zitat! Dein letzter Satz hat mich jetzt zum Lachen gebracht. Danke dafür! Die letzten Tage hatte ich nicht viel zu lachen, denn meine Zwillingsschwester hatte einen Autounfall und lag auf der Intensivstation. Jetzt geht es aber Gott sei Dank wieder bergauf.

      • Seit Sonntag habe ich sie jeden Tag besucht. Zum Lachen bringen darf ich sie nicht. Ihre Wirbelsäule ist gebrochen. Wenn sie lacht, hat sie Schmerzen.

  4. Ich weiß nicht genau wo der Neid herkommt, aber deine Vermutungen klingen plausibel. Vielleicht wird man mit Neid in den Genen geboren, warum sollte man sonst als Erwachsener noch neidisch sein? Neidische Menschen erkennen oft nicht den eigenen Reichtum, sondern sie suchen immer jemanden der ihrer Meinung nach nichts von dem verdient hat was er besitzt. Meistens geht es um Geld, aber selbst Talent ruft Neid hervor. Mir geht es wie Arabella. Ich kenne Neid nicht, sondern bewundere Künstler die besser sind als ich und wenn jemand mehr Geld hat, ist es mir einfach egal. Eher empfinde ich Mitleid oder bin traurig, wenn jemand mit Vermögen nichts aus seinem Leben machen kann.Geld verdirbt auch nicht den Charakter wie vielleicht viele denken, es ist nur wie ein Vergrößerungsglas unseres Selbst. Ich finde es einfach schön, dass du eine fabelhaft aussehende kleine Kampfelfe bist, egal wo du dich mal wieder rumtreibst. Beste Grüße an euch beide!

    • Yuki ist die Elfe, ich bin ein Engelchen. 😉

      Kleine Kinder kennen keinen Neid. Wenn, so wird er ihnen von Erwachsenen eingeimpft, die ein Opfer der eigenen Unzufriedenheit oder gezielter Werbung sind. Werbung hatte komischerweise kaum einen Effekt auf mich. Wenn überhaupt, so fand ich die Slogans gut!

      Meinen Eltern ist Neid fremd. Aber sie haben, wie viele JapanerInnen auch, hart für den Erfolg unserer Familie gearbeitet. Nie rücksichtslos oder aus Habgier! Mein Vater ist ein zwar geschickter, aber sehr fairer Verhandlungspartner.

      Im Gegensatz zu deutschen Kindern, war ich ein zierliches Mädchen. Mein Vater sagt, dass ich Fragen gestellt habe wie „Warum ist die / der größer, kann schneller laufen und …“ Um keinen Neid bei mir aufkommen zu lassen, hat er mir folgendes erklärt. „xyz ist zwar größer, aber du bist viel beweglicher (Auf die Kampfkunst bezogen). Wenn jemand schneller laufen kann, ist er vielleicht früher erschöpft. Du läufst viel ausdauernder und kommst daher ins Ziel.“ Ich soll genickt haben und alles war gut.

      Als kleines Mädchen muss ich für viele deutsche Kinder wie ein Alien gewirkt haben. Baseballkappe, Jeans oder Cargohosen, Sportschuhe und Sweatshirts, waren – und sind es immer noch – mein Ding. Ich kann mich daran erinnern, oder glaube es zumindest, dass ich mit meiner Mutter im Kaufhaus war und sie mir ein Kleidchen kaufen wollte. Folgenden Dialog soll es zwischen meinen 8 Jahre jungen Ich und ihr gegeben haben:

      Mama: „Magst du dieses hübsche Kleidchen probieren, Yumi? Das steht dir bestimmt gut.“

      Mayumi: „Warum?“ (Man beachte, dass ich den letzten Satz geschickt ignoriere)

      Mama: „Magst du denn nicht so hübsch aussehen wie xyz?“ (Versuchte Manipulation!)

      Mayumi: „xyz ist aber nicht hübsch, sie hat ein Pflaster am Knie.“ Ich deute auf eine Cargohose. „Kann ich die bitte haben?“ (Das angesprochene Mädel ist beim Spielen hingefallen und hat sich beide Knie aufgeschlagen. Für mein jüngeres Ich war das getragene Kleidchen daran schuld.)

      Mama: (Versucht es mit einem Trick) „Tante Makiko und Onkel Jiro kommen doch zu Besuch, da willst du doch bestimmt hübsch aussehen und keine alten Hosen tragen.“

      Mayumi: „Was ist falsch an meiner Hose?“ (!)

      An weitere Details kann (will?) sich meine Mutter nicht mehr erinnern. Aber sie schmunzelt immer leicht, wenn sie davon erzählt Ich leugne jedes Wort, das sind alles nur Unterstellungen! 😛 Wie sie mich überredet hat? Es gab zu dem Kleidchen noch zwei Cargohosen als Zugabe. Und auf die waren meine Freundinnen „neidisch.“ 😀

  5. Neid sehe ich nur als negatives Gefühl. Anerkennung?, nee das kann sich anders äußern. Neid ist destruktiv, drückt nur die eigene Unzufriedenheit aus, Unfähigkeit im weitesten Sinn. Stärke drückt sich in Anerkennung aus, Leistung anerkennen spornt an, Neid eher nicht. Will ich überhaupt das, was der Andere hat, mit allen Konsequenzen? Nicht nur das Geld, das Auto…sondern auch den 12h Arbeitstag? Etwas Gelassenheit tut da gut. Selbst das „Jeans Problem“ ist ja eine Neiddiskusion, Neid darauf andere Entscheidungen zu treffen als der Rest. Sich nicht von Gruppenzwängen treiben zu lassen. So ist es auch mit der Bezeichnung „Schlampe“ wenn es nicht auf die Sauberkeit bezogen ist.
    Wer Stolz auf Neider ist, ist eigentlich ein armer Wicht. Denn Neider gehören ja nun nicht zur Spitze der Menschheit.

    • Neid nur negativ darzustellen trifft es meiner Meinung nach nicht völlig. Kritisch betrachtet wirft Neid eine produktive Frage auf: Warum ist der / die erfolgreicher, mache ich genug aus meinem Leben? Wird diese Frage gestellt, kann man den positiven Effekt von Neid kaum leugnen. Aber die wenigsten sind Psychologen und daher einfach „nur“ neidisch auf was und wen auch immer.

  6. Neid ist, wie auch, z.B. die Gier, eine segensreiche Einrichtung.
    Er befeuert, gibt Lebenssinn, ist auf eine stille Art sozial akzeptiert und wird somit auch zur Ausrichtung, also Manipulation, des Individuums in der Masse verwendet.
    Das niedere Ich liebt diese daraus entstehenden vergnüglich-instinktbedieneden Emotionen.
    Daraus kann, wenn die Erkenntnisbereitschaft vorhanden ist, ein Prozeß entstehen – das führte dann zur Erkenntnis, das Neid etwas Segensreiches sein kann…………….

    • Korrekt! Danke, dass du das ansprichst. Du beschreibst, was ich in einem anderen Kommentar bereits ausgeführt habe. Was aber der Masse fehlt ist eben jene Fähigkeit, negative Energien positiv zu nutzen. Also bleiben sie „neidisch.“

      • Das Problem ist die materialistische Prägung, die allseits verfügt wird.
        Auf dieser Ebene läßt es sich knapp überm Tier leben, denn wir belieben dieses zu schlachten . Gelegentlich, wenn der Abstand geringer wird schlachten wir auch untereinander.
        Auch hier hat Neid einen guten Effekt, um die niedere Natur des Menschen zu befeuern und zu benutzen. Wer negative Energien positiv benutzen möchte hat vor diesem Willensprozeß die Hürde der Erkenntnis zu überwinden. Um diese Hürde wird gerungen zwischen Selbstermächtigung und Manipulation/Konditionierung um den Menschen möglichst nahe beim Tier zu halten – beim Glockenton läuft der Sabber……………………….

      • Wie einfach Menschen wieder zu Tieren werden, haben uns die Kriege überdeutlich gezeigt. Nur mit Neid hatten die wenig zu tun. Mit dem Materialismus schon, den „man“ geschickt nutzte, um beim niederen Volk Begehrlichkeiten zu wecken.

  7. Ich habe ein interessantes Zitat zum Thema Neid aus einer gefühlsbeschreibenden-philosophischen Perspektive: “

    „Der Neidische leidet unter der fehlgehenden eigenen Bewunderung. Die Anerkennung, die das Ich, dem konstitutiven fremden Blick folgend, auf sich selbst richtet, wird durch die Bewunderung, die auf den anderen fällt, gestört. Dem Neidischen ist der Verweis auf das, was der Neider selbst besitzt, kein Trost. Jede eigene Vollkommenheit wird nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern tritt hinter dem Spiegel des Bewunderten zurück.“

    In meiner Interpretation sagt das Zitat das, was du im Text beschreibst: Der Beneidete ist für den Neider immer nur ein Spiegel seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Interessanter Blogbeitrag! BG, Salonniere

  8. NEID !? … kenne ich nicht … wurde mir nie beigebracht … brauche ich aber wohl auch nicht … also … bis jetzt … ging´s jedenfalls ohne …

    muss aber wohl modern sein …

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