Entschuldigung, dass ich Deutsche(r) bin!

Schon mehrfach, habe ich über die deutsche Identitätskrise geschrieben, wie ich sie sehe und wie man ihr begegnen kann. Heute möchte ich erneut einen Teilaspekt aufgreifen, der mir in den letzten Jahren immer wieder aufgefallen ist.

Es handelt sich um die Abschwächung der eigenen Meinung, die aus einem guten Argument nur noch ein laues Lüftchen macht. Das folgende Beispiel hat einen realen Hintergrund. Ich habe es in dieser Form vor einigen Jahren auf der Demonstration für den umstrittenen Bildungsplan in Stuttgart erlebt.

„Ich finde es total falsch, dass Lesben und Schwule heiraten und Kinder haben dürfen, aber das ist jetzt nicht irgendwie als Angriff auf Sie gemeint!“, hat mir eine ältere Dame gesagt und mir verlegen ins Gesicht gelächelt.

Unabhängig davon, dass ich diese Meinung daneben finde, hat sie jedes Recht sie zu vertreten. Witzig in diesem Zusammenhang fand ich lediglich den letzten Teil, in dem sie sich quasi bei mir dafür entschuldigt.

Daran erinnert worden bin ich durch ein Gespräch mit einer Afroamerikanerin, die genau dieses Phänomen mehrfach beobachtet hat. Tyna hat zwei Jahre in München gelebt und war dort auch in Sachen Liebe unterwegs.

„Das klingt jetzt bestimmt wie ein Klischee“, lässt sie mich wissen, „aber ich liebe nun mal blonde Frauen!“ Sie strahlt über das ganze Gesicht bei diesen Worten und zeigt mir Bilder von ihrer Freundin.

Erika ist aus München und arbeitet dort als Hotelmanagerin. Aber die Beziehung kriselt, daher ist Tyna in die USA zurückgekehrt. „Ich habe diese ständigen Entschuldigungen nicht mehr ertragen“, erzählt Tyna weiter. „Wenn du eine Meinung hast, dann vertritt sie doch!“

„Um was ging es konkret?“, hake ich nach und werde von der Antwort überrascht. „Um die Hautfarbe, um Schwarze generell und wie sie sich zum Teil benehmen. Und glaub mir eins, ich bin keine Freundin davon!“

Tynas Augen schießen Blitze, sie hat sich in Rage geredet und kritisiert scharf das Verhalten dunkelhäutiger, amerikanischer Jugendlicher und Gangmitglieder, die ein falsches Bild auf alle werfen.

„Aber wenn Erika darüber sprach, hat sie sich immer dafür bei mir entschuldigt! Baby, habe ich zu ihr gesagt, mit mir kannst du offen sprechen!“ Sie schaut mich an. „Du hast doch lange in Deutschland gelebt, ist dir dieses Verhalten auch schon aufgefallen?“, will sie wissen?

Ich muss kaum überlegen und nicke fast sofort. Unzählige Beispiele fallen mir dazu ein und auch der Grund, warum sich Deutsche fast immer entschuldigen. Das ist oft weniger der Höflichkeit geschuldet, als vielmehr der Angst als Rassist zu gelten oder eine politisch unkorrekte Meinung zu vertreten.

Ich erkläre Tyna etwas zur deutschen Geschichte und dem eingehämmerten Schuldbewusstsein der Deutschen. „Die haben also Angst sie selbst zu sein?“, fragt sie nach und schüttelt die Rasta-Mähne. „Aber du würdest mir die Wahrheit sagen?“

„Darauf kannst du wetten, Süße“, sage ich. „Und jetzt schwing‘ deinen schwarzen Hintern ans Telefon und ruf deine Freundin an. Und wenn du mir morgen nicht erzählst, dass ihr wieder zusammen seid, dann verhaue ich ihn dir!“

Tynas schallendes Lachen hat ansteckend  gewirkt. „Sorry“, hat sie aus Spaß gesagt“, das ist mir jetzt so rausgerutscht.“

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21 Kommentare zu “Entschuldigung, dass ich Deutsche(r) bin!

  1. Nandalya

    Ohne den Hauptinhalt klein machen zu wollen, ist für mich persönlich Kern dieses deines Artikels der eine Satz:

    „Ich erkläre Tyna etwas zur deutschen Geschichte und dem eingehämmerten Schuldbewusstsein der Deutschen.“

    Ich bin dankbar für jeden, der die umfassende Bedeutung der systematischen Abrichtung der Deutschen seit 45 erkennt und benennt.
    99% der Deutschen, die ich darauf anspreche, wissen es nicht. Sie meinen, frei zu denken und zu handeln. Empört sagen sie: „Das war ich nicht (Krieg und HC sind gemeint). Damit habe ich nichts zu tun. Das beeinflusst mich nicht.“

    Die Programme im Menschen funktionieren am perfektesten, von denen der Betreffende nichts weiss. Traurig schaue ich zu, was die Deutschen mit sich machen lassen.

    Und die Ausnahmen? Tja, da wurde eine sich selber regulierende Maschine angeschmissen. Die Macher nennen sie „Perpetuum Mobile“. Die Menschen untereinander sollen sich zur Sau machen, und es funzt bestens. Beste Leute wie Möllemann, Haverbeck, Mahler, Clauss, Ulfkotte, sie werden verherzstillstandet, verunfallt, verknastet oder verpsychiatrisiert, von deutschen Ingenieuren, von deutschen Juristen, von deutschen Psychologen.

    • Die von dir angesprochenen „Programme“ funktionieren auch, wenn der Betroffene davon weiß. Manipulation wird über Emotionen gesteuert, gegen die es keine Filter gibt.

      • „Manipulation wird über Emotionen gesteuert, gegen die es keine Filter gibt.“
        Das ist nur bedingt brauchbar.
        Der Mensch ist nicht per se Sklave seiner Emotionen, sonst wäre er nicht da wo er jetzt ist.
        Er kann über Denken und Taten sehr wohl seine Emotionen bearbeiten.
        Die Psychologie hat neben der Manipulation über Emotionen, die natürlich auch dazu verwendet wird den Menschen an seine Emotionen zu fesseln, auch die operante Konditionierung zur Verfügung.
        Die menschliche Seele und Psyche ist am besten aus mehreren Richtungen zu bearbeiten – selten nur zum Wohle derselben.
        Es ist der ewige Prozeß im Streben möglichst jede Seele zu beherrschen.

      • Entschuldige bitte, ich wollte nicht über Feinheiten Disput führen, es war nur eine klitzekleine Bemerkung zum Filter.
        Die entschuldigte Meinung ist immerhin eine Meinung, die gesagt wurde.
        Die Entschuldigung weißt darauf hin, daß die Dame gediegen zu denken weiß und dem Gegenüber die Aufgabe mit auf den Weg gibt dies würdig zu verarbeiten, sowohl für das eigene geistige Wachstum verwertend als auch als Appell an die individuelle Kraft, so vorhanden, an der Lügenfront zu arbeiten. Streetworker in Sachen menschlicher Goodness.
        Der Deutsche, so er reiferen Alters ist, vermag noch zu denken und die Entschuldigung ist der Klugheit geschuldet, denn im Gesinnungsterror ist Vorsicht nicht per se falsch; die Jüngeren leben in einer kreierten Wirklichkeit, die individuenübergreifend wirksam ist und dazu geführt hat, daß eine Meinungsäußerung dergestalt kaum das Licht der Welt erblickt und damit eine Entschuldigung überflüssig ist.
        Desweiteren ist es eine Aufforderung das nicht nur als wunderlich zu bewerten, diese Sonderbarkeit ist ja etwas, was jederzeit und überall zur Anwendung kommen kann. Jetzt ist es eine „deutsche Krankheit“ – morgen kann es auch woanders sein.
        Somit haben die Deutschen mal wieder eine Vorbildfunktion………………
        Es lebe das Aufwachen!

  2. Was soll ich da noch ergänzen. Es stimmt einfach. Ich mache das auch manchmal. 😅 Und wenn ich zu kritisch über andere Kulturen rede, erinnern mich meine Freunde und Geschwister daran, dass ich doch die political correctness wahren solle. Das ist echt eine Form von gesellschaftlichem Druck. 😉

      • Bei Yi Man, meinen Eltern und meiner Tante sage ich, was ich wirklich denke und empfinde, ohne dafür harsche Kritik zu ernten. Bei meinen Freunden sage ich dann meistens nichts mehr zum Thema, um keinen Streit anzuzetteln, wenn sie mich auf die political correctness hinweisen. Meine Meinung revidiere ich dann aber auch nicht. Wir haben nicht mehr so viel Zeit für Treffen, wie früher. Ich genieße lieber die Zeit mit ihnen. Und mit meinen Geschwistern führe ich auch oft hitzige Debatten. 😅 Ach ja, bei der Arbeit vertrete ich auch gerne meine Meinung. Darum hatte ich mit meiner Chefin auch schon einige Auseinandersetzungen. Gut, dass sie mich trotz alledem gut leiden kann. Und im Kung Fu Verein teilen viele meine Einstellungen, wodurch es nicht zu Auseinandersetzungen kommt. Reicht dir das als Antwort? 😀

      • Wäre ich nun gemein, was ich bekanntlich niemals bin, ich würde dir die Frage stellen, ob du dich vor Kritik scheust. Aber ich kann deine Haltung durchaus verstehen. Bei gewissen Themen aber nicht. Da sollte jeder seine Meinung haben, egal wie unbeliebt man sich damit macht. Leider können die wenigsten Menschen sachlich diskutieren und viele geifern schon nach wenigen Minuten los. Sachlichkeit ist dann Fehlanzeige, was bleibt sind persönliche Angriffe auf niederem Niveau.

        Nimm meinen Blog. Seit ich „politisiere“ habe ich eine Menge meiner alten LeserInnen verprellt, die völlig entsetzt über meine „radikale“ Wandlung sind. Dabei habe ich mich kein Stück verändert, ich war schon immer so. Aber in einem Gedicht übe ich keine Kritik, das mache ich mit einem Artikel.

        Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, ich mag Kritik. Und ich scheue keine Auseinandersetzung. Aber nicht in der Art von „Nach zwei Sätzen habe ich aufgehört den Beitrag zu lesen …“, um dann 20 Zeilen Kritik später bewiesen zu haben, dass man ihn doch gelesen hat. Vor allem ein Satz wie „Sorry, dass ich das jetzt sagen muss, aber …“, verursacht fast schon Krämpfe bei mir.

        Reicht dir das als Antwort auf deine Antwort? 😀

      • Das ist nicht gemein. Ich stelle auch gerne Fragen (ist ja mein Job). Nicht immer scheue ich mich vor Kritik. Wenn mein Sifu mich beispielsweise in meinen „guten“ Momenten verbessert, danke ich ihm dafür. Wenn er mich in meinen unreiferen Augenblicken verbessert, fange ich an, mich zu rechtfertigen. Und wenn mich jemand nur noch anmeckert, schalte ich irgendwann auf Durchzug, was ich aber als gesunden Selbstschutz wahrnehme.
        Angriffe auf niederem Niveau finden nur hin und wieder bei Disputen mit meinen Geschwistern statt, womit wir uns wirklich nicht rühmen können.
        Sobald es um die Themen „Politik“ und „Religion“ geht, kommt es quasi automatisch allgemein zu Debatten. Ich finde es mutig von dir, dass du so offen zu deinen Anschauungen stehst und sie auch verteidigst.
        Und ja, das reicht mir als Antwort auf meine Antwort. 😀

    • political correctness ist für mich nicht wesentlich maßgebend. Das ist ein Luxus, den man sich leisten kann, wenn die Welt in Ordnung ist und alle sich lieb haben.

      Meinung zeigen und vertreten ist das Maß der Stunde.

  3. Ich finde das Verhalten der alten Dame erst mal korrekt. Sie versucht, ihre Meinung von der Person, die vor ihr steht (du), zu trennen und damit die Möglichkeit für eine Diskussion ohne persönliche Anwürfe offenzuhalten.
    Dass wir als Deutsche (und ich nehme mich dabei nicht aus) teilweise dazu neigen, uns für unsere Existenz zu entschuldigen, da muss ich dir zustimmen, das ist leider so. Klar kann das auch bei der alten Dame der Fall gewesen sein, dass sie wusste, dass ihre Einstellung politisch nicht korrekt ist und daher im gleichen Satz zurückgerudert ist. Aber wie gesagt, ich halte auch die andere Möglichkeit für gegeben, dass so ein Satz eine Form von Respekt ist.
    Liebe Grüße
    Christiane

    • Das Beispiel der alten Dame war willkürlich gewählt und sollte nur als Beispiel dienen. Generell entschuldigen sich Deutsche viel zu oft oder schwächen Dinge ab. „Ich bin ja nicht lesbisch, aber unterstütze …“, ist auch ein gern genommener Satz, der oft von Frauen kommt. Oder: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber bin gegen die Flüchtlingspolitik.“

      Sehr oft kommen Entschuldigungen von Frauen, die ja angeblich für Harmonie stehen und keinen Ärger wollen. Aber wenn ich eine Meinung habe, vertrete ich sie auch. Dass muss in keiner Beleidigung münden, aber auch keine Entschuldigung als Anfang haben.

      Was Tyna zu erwähnen vergaß, die AmerikanerInnen sind kaum besser. Das vermutlich am häufigsten benutzte englische Wort ist „sorry.“ Mit einem Unterschied, AmerikanerInnen stehen zu dem was sie sind. Was das ist, darüber kann man sich dann wunderbar streiten. 😉 Und das wäre fast einen weiteren Beitrag wert.

  4. Ich fühle mich in diesem Land, das noch nie so frei war wie es heute ist (so tönt es), in dem Menschen (!) nicht denken was sie nicht denken sollen, und sich, wenn sie etwas Ungehöriges sagen, sich entschuldigen oder die Stimme senken, nicht wohl. Ich lebe hier und machs auch weiter – de Gaulle sagte: „die Deutschen sind arme Schweine, man hat ihnen das Kreuz gebrochen“.
    Das sagte der linksrheinische Begründer der „deutsch-franz. Freundschaft“.
    Wer war maßgeblich daran beteiligt an diesem „Kreuzbruch“?
    Es ist gut solche Freunde zu haben, die mahnen „richtiges Denken“ an und führen uns als Stecken und Stab durch die dunklen Täler der verdrängten Anlagen und Bedürfnnisse.
    Goethe regte an, daß der Deutsche sich zum freien Menschen ausbilden solle.
    Das könnte man, wenn man denn wollte, zu der Realität in eine Beziehung setzen.

    • Nach der „Revolution“ der 68ger, ihrem Durchmarsch in höchste Stellen, war es mit der Freiheit der Meinung nicht mehr sehr weit her. Kreuzlahm kriecht der Deutsche vor Uncle Sam, der aber plötzlich seine Haltung ändert. Wem es noch nicht aufgefallen ist, es braucht wieder „deutsche Soldaten“ auf der Welt, die aber bitte ohne nachzudenken die Grenzen verteidigen. Die Entschuldigung kommt dann von Mutti, wenn sie für Siemens und Daimler Aktien fallen.

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