Affentheater

Ein überheblicher Mensch und ein alter Affe begegneten sich im Zoo. Der eine stand vor, der andere hinter dem Gitter. Eine Zeitlang redete keiner der beiden, schließlich ergriff der Mensch das Wort. „Sag Affe“, begann er, „wie lange bist du schon im Zoo?“

„Mein ganzes Leben lang“, erwiderte der Affe wahrheitsgemäß. „Und du?“ Der Mensch wusste darauf keine Antwort und ging seiner Wege. Aber die Bemerkung des Affen ärgerte ihn schon. Also kam er am nächsten Tag wieder und stellte sich vor den Affenkäfig.

„Sag Affe, wärst du nicht lieber in Freiheit, so wie ich? Hier draußen ist es toll!“ „Was ist so toll dort wo du bist“, wollte der Affe nun wissen. „Magst du mir das erklären?“ „Na hier gibt es ganz viele andere Menschen“, sagte der Mensch. „Und wir sind alle Freunde!“

Der Affe schaut nach links und dann nach rechts. Und wirklich sah er viele Menschen, die aber keine Notiz von dem ungleichen Duo nahmen. „Wenn das alles deine Freunde sind“, sagte er, „warum redest du dann mit mir?“

Wieder wusste der Mensch darauf keine Antwort und ließ den Affen einfach stehen. Aber auf dem Weg nach Hause überlegte er sich, wie er den Affen für seine Unverschämtheiten bestrafen könne. Dann kam ihm eine Idee.

Am nächsten Tag ging er wieder in den Zoo und rief nach dem Affen. Der nahm aber keine Notiz von ihm und aß lieber eine Banane. Das passte dem Mensch nicht und er klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit des Affen zu erhalten. „Mach Kunststücke!“, rief er immer wieder, aber der Affe dachte nicht daran und fragte nur „Warum?“

„Na weil du ein Affe bist und ich ein Mensch!“, sagte der Mensch und lachte. „Also was ist nun?“ Der Affe überlegte kurz und nickte dann. „Ein Kunststück kann ich, das zeige ich dir gern. Er griff nach einem Zweig, den er dem Mensch durch das Gitter des Käfigs reichte.“

„Was soll ich damit?“, fragte der Mensch und griff nach dem Zweig. Aber der Affe lächelte nur und schwieg. Da wurde der Mensch böse und beschimpfte den Affen übelst. „Du dummer Affe!“, rief er, „wie kannst du es wagen mir nicht zu antworten?“

Der Affe streckte die Hand aus. „Gib mir meinen Zweig wieder“, sagte er, „ich muss mich damit am Rücken kratzen.“ Völlig perplex gehorchte der Mensch und reichte dem Affen den Zweig durchs Gitter. Der Affe kratzte sich ausgiebig mit dem Zweig und warf ihn dann achtlos auf den Boden.

Dem Mensch wurde böse. „Willst du mich ärgern, du dummer Affe? Weißt du nicht wer ich bin? Dein Futter wird von meinen Steuern bezahlt!“ „Ich weiß schon wer du bist“, erwiderte der Affe und aß eine weitere Banane. Mehr wollte er dazu nicht sagen, so sehr der Mensch ihn auch drängte.

Wütend ging der nach Hause und fragte sich den ganzen Tag und die Nacht, was der Affe ihm sagen wollte. Er war klug genug um zu verstehen, dass Drohungen und laute Worte bei dem Affen nichts fruchteten. Also kaufte er eine Kiste Bananen und ging wieder in den Zoo.

„Hallo Affe!“, rief er, „ich habe dir etwas mitgebracht! Du bekommst die Bananen wenn du mir sagst, was du gestern gemeint hast. Abgemacht?“ Nun mochte der Affe genau diese Sorte Bananen sehr und stimmte zu. Er wollte die Bananen aber vor seiner Antwort haben. Der Mensch zögerte, gab sie ihm aber letztendlich.

Der Affe schaute auf die Bananen und dann auf den Mensch. Ursprünglich hatte er diesem eine schroffe Antwort geben wollen, aber die Bananen hatten ihn etwas milder gestimmt. „Du hast mich gefragt, ob ich nicht lieber in Freiheit leben würde. Aber was ist Freiheit wirklich?

Ich sitze sicher in diesem Käfig, bekomme immer genug zu essen und habe die Freiheit sogar Menschen dazu zu bringen, dass sie mit mir reden und Kunststücke für mich machen. Wer, so frage ich mich, ist nun von uns beiden wirklich der Affe?“ Dann nahm er seine Bananen und ließ den Menschen stehen.

„Lustiger noch, als sich die Affen im Zoo anzugucken, ist es, die freilaufenden Menschen zu betrachten.“ – Kodo Sawaki

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32 Kommentare zu “Affentheater

  1. Die Geschichte gefällt mir! 🙂 Trotzdem bin ich froh, dass ich nicht in einem so kleinen Käfig leben muss, wie der Affe (räumlich gesehen). Dennoch gibt es in jedem Leben eines Menschen auch gewisse gesellschaftliche Käfige, keine Frage…

      • So nach dem Motto von Nelson Mandela (die Freiheit beginnt im Kopf)??? Für mich wäre eine Gefängniszelle trotzdem nichts, auch wenn ich Futter etc. kriegen würde.

      • Wie würdest du denn die Poente deuten?
        Sei zufrieden mit dem, was du hast…oder so etwas?
        Offensichtlich ist ja, dass der Mensch sich vorm Affen zum Affen gemacht hat, aber das steht da ja bereits. 😅Demnach ist der Affe dem Menschen in der Parabel überlegen, da er den Spieß immer umdreht.

      • Ist Freiheit das klar ausgerichtete Ziel tun zu können was wir wollen? So sehen es moderne Menschen in ihrer Überheblichkeit. Und sie liegen falsch. Der Affe ist freier.

      • Das meinte ich mit den gesellschaftlichen Einschränkungen der Freiheit. Wenn ein Mensch einen anderen Menschen tötet, landet er normalerweise im Knast. Wenn beispielsweise ein Löwe den Rudelanführer eines anderen Rudels reißt, wird er der neue Anführer. Aber auch die Freiheit von Tieren kann eingeschränkt sein. Es gibt beispielsweise Tiere, die nur im Rudel überleben können.

      • Mich interessiert dabei mehr, wie a. der Jäger die Beute reißt und b. wie es dieser vielleicht gelingt ihm zu entkommen. Gewalt selbst berührt mich eher wenig. Das ist in Asien so. Dort wird meist nur der Unterschied gemacht, ob sie sinnvoll oder sinnlos ist.

      • Viele Beutetiere schlagen bei ihrer Flucht jedenfalls Haken, was ich für recht effektiv halte. 😉
        Einmal hatten Yi Man und ich mit einer Löwin in einer Doku Mitleid, die ihr Junges vor einem Nilpferd beschützen wollte. Das Nilpferd hat ihr dann den Kiefer rausgerissen, wodurch die Löwin noch nicht einmal mehr trinken konnte und elendig verendet ist. Die Natur kann sehr grausam sein! Wir haben dann etwas anderes geguckt.

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