Patriotismus, ein deutsches Problem

Deutschland 2006, die Fußball WM im eigenen Land mutiert zum sogenannten Sommermärchen. Deutsche Fahnen wohin das Auge blickt. Eine ganze Nation im Freudentaumel. Auch wenn später Italien Weltmeister wird. Plötzlich sind die Deutschen wieder Patrioten, auch wenn es lediglich dem Fußball geschuldet ist.

Wir sind wieder wer!

Zwei Stimmen sollen stellvertretend für all die positiven Kommentare stehen, die in Deutschland und der ganzen Welt für positive Schlagzeilen sorgten.

Angela Merkel: „Ich bin sicher: Dieser Sommer 2006 wird uns noch lange im Gedächtnis und in den Herzen bleiben. Wir werden uns an schöne Stunden erinnern, an große Spiele und an Menschen aus der ganzen Welt, die wir als Freunde gewonnen haben. Möge die Stimmung, mit der wir uns als Deutsche der Welt präsentiert haben, weit über diesen Sommer hinausreichen!“

Horst Köhler: „Nicht zu vergessen all jene, ohne deren unermüdliches Engagement im WM-Stab und den Projekten des Gastgeberkonzeptes der Bundesregierung sowie im Organisationskomitee des DFB eine Großveranstaltung wie die WM nicht möglich gewesen wäre. Ich finde gut, dass ich nicht mehr der einzige bin mit einer Flagge am Auto.“

Aber kaum sind die Flaggen eingerollt, kaum hat sich die Euphorie gelegt, kehrt wieder der (politische) Alltag in Deutschland ein. Nur verschämt schaut man noch auf die Fahne und duckt sich wieder vor dem Rest der Welt.

Nationalismus vs Patriotismus Teil 1

Die Antifaschisten nehmen Fahrt auf und linke Ideologie breitet sich weiter aus. Es gründen sich „Netzwerke gegen Rechts“ und Webseiten gegen Nazis werden erstellt. Das ist gut, auch ich unterstütze den Kampf gegen Idioten. Warum allerdings eine vermummte Masse „Deutschland verrecke!“ schreit, wird mir ein Rätsel bleiben.

Deutschland 2008, Professor Hans Vorländer, der Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden lehrt, schreibt (s)einen Artikel „Was unterscheidet Nationalismus von Patriotismus?“ Er erklärt darin sehr gut, was jeder Deutsche wissen sollte, aber oft nicht wahrhaben will.

Ich möchte den letzten Abschnitt des Artikels zitieren, der beachtenswert ist:

„Deutschland kann kein unbefangenes, ungebrochenes Verhältnis des Stolzes zu seiner Geschichte haben. Das unterscheidet Deutschland von anderen demokratischen Staaten und erklärt, warum die Deutschen weniger stolz auf ihre historischen und politischen Errungenschaften sind als die Angehörigen anderer Nationen. Und doch gäbe es Grund, etwas selbstbewusster und stolzer auf die Leistungen der letzten Jahrzehnte zu blicken: auf die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, auf den Aufbau einer freiheitlichen Ordnung, auf einen hohen Lebensstandard, Wohlstand und soziale Absicherung, auf eine kulturelle Infrastruktur, die ihresgleichen sucht. Und auf die friedliche Revolution von 1989/90 in der DDR und die Vereinigung beider deutscher Staaten. Ohne die Mobilisierung großer humaner und finanzieller Ressourcen und ohne das Gefühl der Verbundenheit und das nachhaltige Moment der Solidarität wäre das Zusammenwachsen Deutschlands nicht möglich gewesen. Gründe für einen ‚entspannten‘ Patriotismus also gibt es.“

Nationalismus vs Patriotismus Teil 2

Das Sprachverständnis vieler Menschen, wird leider viel zu oft durch die Medien in die Irre geführt. Ich möchte das am Beispiel „Rechte“ im Sinn politischer Gesinnung und den Wörtern „Rechtsextremist“, „Rechtsradikal“, sowie „Rechtspopulist“ aufzeigen.

Auch hier zeigt sich der Kardinalfehler deutscher Diskussionskultur. Rechte, wozu ich auch die CDU/CSU zähle, sind in erster Linie demokratische Parteien, die im Fall der NPD, allerdings verfassungsfeindliche Ziele hat, aber zu unbedeutend ist, um verboten zu werden.

Ihr nun die Parteienfinanzierung zu entziehen ist ein längst überfälliger Schritt. Warum hat man das nicht schon vor Jahrzehnten gemacht? Aber vielleicht liege ich damit falsch, denn dieser kleine Haufen ist kein Problem. Ein Land wie Deutschland sollte auch mit diesen Wirrköpfen können.

Auch Rechtsradikale sind anders, als das Wort vermuten lässt, keine Gewalttäter. Per Definition stehen sie lediglich rechts der Mitte des politischen Spektrums, bleiben allerdings im Rahmen der Gesetze. Der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht Rechtsradikalismus in der Regel nicht feindlich gegenüber.

Rechtsextremisten haben eine andere Qualität. Dabei handelt es sich um etwa 10.000 Gewaltbereite, die es bundesweit gibt. Eine Zahl, die sich fast 1:1 mit den gewaltbereiten Linken deckt. Der Fokus liegt aber fast nur auf „Rechts“, wenn irgendwo etwas passiert. Von linken Gewalttaten spricht man nur verschämt.

Die Presse setzt nun das Empörungs- und Meinungsmanagement dazu ein, um der Öffentlichkeit die Gefährlichkeit der durch Sprachvermischung gebrandmarkten Rechtsradikalen und Rechtspopulisten deutlich zu machen. Alles was also rechts der CDU/CSU ist, wird zu „Rechtsextremistisch“ und ist damit böse.

Nationalismus vs Patriotismus Teil 3

Die bewusste Stigmatisierung von Parteien, der bewusste und falsch eingesetzte Gebrauch von Worten, aber auch die geistige Trägheit vieler Menschen, das alles trägt zum falschen Verständnis und der dadurch resultierenden Abgrenzung von der eigenen Geschichte und ihre daraus resultierende Nichtverarbeitung mit bei.

Daher wird es immer Menschen geben, die mit glühendem Eifer und Anti-Nazi-Parolen, in die wörtliche Bresche springen und vehement gegen jedes ihrer Meinung nach falsche „Deutschtum“ sind. Stichwort „Antifa.“ Und diese Truppe wird zum Teil vom Staat gelenkt.

Diesen Menschen empfehle ich einen Aufenthalt in Japan oder den USA. Dort werden sie vielleicht ansatzweise lernen, was gesunder Patriotismus ist und geheilt wiederkehren. Falls nicht, so wäre ein permanenter Aufenthalt außerhalb Deutschlands vielleicht die bessere Wahl. Für sie, für uns alle.

Aber eine Demokratie lebt vom Diskurs. Nun diskutiere ich für mein Leben gern. Dabei zeige ich gern vorherrschende Defizite auf.  Ich sehe Dinge sehr oft anders. Gesunder Patriotismus ist ein Gewinn für alle. „Nazi-Parolen“ und Nationalismus dagegen nicht.

Zwischen Schuld und Zorn

In einigen Kommentaren zu meinem Artikel „Deutschlands verleugnete Identität“, wird ein Teil des Problems deutlich, das viele Deutsche mit der eigenen Geschichte haben. Ich habe keins und ich erkläre gern (noch einmal) warum.

Nehmen wir das Beispiel Auschwitz, ein Vernichtungslager für Juden. Als Teenager war ich mit der Schule dort und habe mich genau umgesehen. Aber statt Schuld oder Betroffenheit zu empfinden, habe ich die Fäuste geballt und Zorn auf die feigen Mörder gefühlt. So denke ich.

Nun könnte man sagen „Aber du bist Japanerin!“, was natürlich richtig ist. Auch im alten Japan hat man Menschen umgebracht, was mich zu keiner Schuldigen macht. Jede Nation hat dunkle Kapitel. Und hat nicht der Cro-Magnon-Mensch den Neandertaler quasi, wenn auch nicht im wörtlichen Sinn, ausgerottet? So viel zum Thema Völkermord.

Nachtragend zu sein und Hass auf alle AmerikanerInnen zu empfinden, deren Vorfahren für Hiroshima und Nagasaki sorgten, hat so wenig Sinn, wie die Glorifizierung von Massakern der japanischen Armee. Beides war falsch. Was mich trotzdem weiterhin stolz darauf macht Japanerin zu sein.

Diese Einstellung, diesen Stolz lasse ich mir von niemand nehmen. Wer nun mit den Finger auf mich zeigen möchte, lenkt meist nur von eigenen Defiziten ab und benutzt andere als Ventil.

Die Scham

Die Vergangenheit im Fokus zu haben, aber aufrecht nach vorn zu schauen, wäre ein erster Schritt zur Verarbeitung eines Traumas, das noch immer durch viele Köpfe spukt. Ich halte mich für gesund.

Wie wäre es statt Scham eben jene Wut auf Mörder und Regime zu empfinden, die wirklich schuldig sind. Wäre es nicht besser Schulter an Schulter mit damaligen Gegnern in Stadien zu sitzen und sich über den Sieg der Nationalmannschaft zu freuen?

Angela Merkel hat das früher gut gemacht. Ich mochte die Frau, als erste deutsche Kanzlerin. Auch ihr Interesse an Sport, ihre Präsenz, ihre nahezu kindlich zur Schau gestellte Freude. Aber eine Politikerin zum anfassen ist sie schon lange nicht mehr.

Links und Rechts

Nüchtern betrachtet gibt es keine wirklichen Linken in Deutschland. Die linke Pseudopolitik der GRÜNEN, LINKEN und der SPD, hat schon lange eine andere Qualität. Sie verschleiern damit ihre eigentlichen Ziele, die jeder selbst nachlesen kann. Oder wählt ihr in Unkenntnis des Parteiprogramms?

Auch Rechte sucht man fast vergebens. Die Bierzeltmentalität der NPD ist ein Witz. Und wenn die AfD sich nun als patriotisch präsentiert und Menschen vom rechten Rand der Mitte fischt, so ist auch das so lange legitim, wie sie sich an Grundgesetz und demokratische Regeln hält.

Die NSU war ein Produkt des Verfassungsschutzes. Aus dem Ruder gelaufen? Vielleicht. Aber wer sich mit der Vergangenheit mancher Behörden beschäftigt, wird vielleicht hellhörig werden. Oder ist es unbekannt, woraus das BKA entstanden ist? Inklusive der Beamten, die schon für die Nazis tätig waren.

Zur Zeit gibt es kaum echte Marxisten und noch weniger jenen linken Geist, der 1933 durch Deutschland wehte. Nur einen Hang zum linken Rand, der geschickt gesteuert worden ist, um den Neoliberalismus zu verschleiern. Aber das hat auch wieder niemand bemerkt.

Pro Deutschland und Patriotismus

Der Kardinalfehler vieler, ist die Assoziation des Wortes Patriotismus mit dem Nazi-Regime und deren Parolen. Die Nazis waren Schwachköpfe. Punkt. Aber nach mehr als 70 Jahren Schuldgefühl sollte dieses einem gesunden Selbstbewusstsein weichen.

Niemand erwartet, dass wir „Deutschland über alles!“ brüllen und die Springerstiefel schnüren. Aber wenn ich mit dem Gewinn eines beliebigen Weltmeistertitels meine Freunde aus (Land der Wahl einsetzen) auf spaßige Weise ärgern kann, so mache ich das gern.

Und ja ich freue mich und bin stolz auf Goldmedaillen, die „meine JapanerInnen“ und „meine Deutschen“ gewinnen. Und wenn es dann doch die HolländerInnen oder PolInnen sind, habe ich kein Problem damit, wenn sie patriotisch sind und ihre Flagge schwenken. Ich schwenke dann meine (beiden) gleich mit.

Allen LeserInnen, die mehr über Patriotismus lesen möchten, lege ich diesen Artikel ans Herz, den ich im Sommer 2016 schrieb. In „Fußball, Fahnen, Patriotismus“, wird noch mehr erklärt. Danke fürs lesen.

 

 

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43 Kommentare zu “Patriotismus, ein deutsches Problem

  1. Soweit ich weiß, wurde vor Kurzem herausgefunden, dass sich Menschen vor etwa 40000 Jahren doch mit Neandertalern gekreuzt haben.
    Vielen Dank für die Definitionen zu den unterschiedlichen rechten Strömungen. Das war für mich auch noch einmal erhellend. 🙂

    • Es gab zum Teil diese Vermischung, das ist korrekt. Was aber in der Summe nichts an der Aussage ändert. Wobei man durchaus bei einigen noch die Nähe zum Neandertaler zu finden scheint. 😉

      Ich hatte versehentlich in einem anderen Kommentar, die Worte selbst verwechselt. Auch ich bin nicht gegen Beeinflussungen gefeit. Zumindest kenne ich die Unterschiede, was bei vielen nicht der Fall ist.

      Es wird zu „Rechten“ noch einen gesonderten Beitrag geben. Aber vermutlich erst nächste Woche.

      • Mein Vater ist schon immer davon ausgegangen, dass es Kreuzungen gab. Er meint, dass man das an den Schädelformen von manchen Menschen erkennen könnte. Wie auch immer, nicht nur Neandertalerabkömmlinge benehmen sich primitiv.

      • Das mit den Schädelformen ist Aberglaube und einem gewissen Wunschdenken geschuldet. Aber ein immer wieder gern genommener Gag.

        Aber bei Ausgrabungen will man angeblich herausgefunden haben, dass Menschen in grauer Vorzeit kein einheitliches Aussehen hatten. Anders als heute, soll es extreme Unterschiede in der Physiognomie gegeben haben.

      • Du weißt ja, dass mein Vater Arzt ist. Eigentlich wäre er gerne Archäologe geworden. Ich glaube schon, dass er das mit der Schädelform ernst gemeint hat. 😅
        Das hört sich interessant an, mit den unterschiedlichen Physiognomien.

      • Ich hatte es mal erwähnt. Da du dir scheinbar sonst immer alles merkst, bin ich davon ausgegangen, dass du das noch weißt. Das erleichtert mich jetzt. Doch ein Mensch…(und kein überbegabtes Alien oder so). 😉

  2. Liebe Mayumi, du BIST Deutsche, auch wenn Seele und Herz ebenfalls an Japan und seiner Kultur hängen. Danke für die Aufklärung von links und rechts, etwas, das ich ebenfalls von Journalisten erwarte, aber nie bekomme, denn zu verlockend ist wohl das Spiel mit diesen Begriffen zwecks der Quote.

    Deutschland hat sich übrigens nie mit der Aufarbeitung der Greueltaten der Nazizeit beschäftig, sondern immer alles totgeschwiegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, es gibt Denkmäler, Gesten, markige Reden gegen Rassismus, Bundespräsidentenanprachen usw, aber das ist alles nur Politik, denn Aufarbeitung heißt nicht nur Geld an andere Staaten zu zahlen, den mittlerweile abgedrehten politischen Köpfen in Israel die Stange zu halten oder hier und da eine Protestnote über die TV Kanäle auszustrahlen, sondern immer und vor allem Taten folgen zu lassen. Deutschland beschäftigte nicht nur gediehnte Altnazis nach 45, sondern es verweigerte systematisch die Aufklärung aller Verbrechen aus dieser Zeit. Daraus entstand in den späten 60er Jahren die Studentenbewegung, welche die Doppelmoral ihrer Eltern nicht mehr aushielt.

    Der Deutsche wäre gerne patriotisch und Stolz auf seine Heimat, aber nie halbherzig, sondern immer mit dem Ansatz sich 100 Prozent auf diesen Grund verlassen zu können. Das gilt für die Politik genauso wie für Sportstars. Wenn schon unsere Eliten nichts tun, um dieses Gefühl der Bevölkerung zu geben, bleibt jedem von uns nur der individuelle Stolz auf Familie oder eigene Leistung, Patriotismus ist aber ein Gemeinschaftsgefühl und Deutschland ist schon lange keine Gemeinschaft mehr, denn wir wurden und werden seit den 70er Jahren konsequent auseinander getrieben. Dies wird auch unseren diesjährigen Wahlkampf prägen.

    Ich bin glücklich Deutscher zu sein, weil ich hier geboren bin, aber ich mache das weder von Sportereignissen, noch anderen Dingen abhängig die man mit Geld kaufen kann. Damit übernehme ich keine Generalschuld von Menschen die nur mit der Geldbörse denken, aber es macht mich misstrauisch, wenn allzu plakativ ein Nationalstolz eingefordert oder probagiert wird. Natürlich bin ich stolz auf unsere Dichter und Denker vergangener Zeiten, aber wieviel ist davon heute noch übrig und welchen Stellenwert haben heute noch solche Menschen? Nur den Wert der Quote oder des Geldes, deshalb tummel sich doch so viele im Netz, schreiben und denken mit Herzblut, sehen nie auf das Geld, den Erfolg, erdulden fast alles um ihrer Kunst willen.

    Wenn der Wert unserer Gesellschaft nicht mehr in Geld gemessen wird, in Herkunft, Glaube, Kultur, Aussehen oder Erfolg, dann bin ich Stolz ein Deutscher zu sein. Bis dahin habe ich zwei kritische Augen auf mich und uns alle.

    • Ob die 68iger Bewegung wirklich nur dem Protest gegen die Doppelmoral geschuldet war, ist ein spannendes Thema. Vielleicht könnte man es so ausdrücken, dass die Unzufriedenheit, der rebellische Geist von „Jugendlichen“ benutzt und forciert worden ist. Wer das machte und warum? Das klärt sich in einem der nächsten Artikel. Ich vermute du weißt es schon. Falls nicht, einfach an eine Auswechslung im Sport denken. Das kommt der Wahrheit sehr nahe.

      Aber ich möchte nicht vorgreifen, es wird noch mehrere Artikel geben, die sich mit den Medien und der (Welt)Politik befassen, daher einfach nur ein herzliches Dankeschön für deinen Kommentar.

  3. Du Glückliche, die du beim Gedenken an Auschwitz und den Holocaust keine Scham sondern Wut (besser: Zorn) empfindest. Ich empfinde zuerst Scham, denn, es ist eine Schuld, die auch ich hätte begehen können. Ich weiß leider nicht, wenn die Stunde der (Gewissens-)Entscheidung da ist und die eigene Existenz bedroht erscheint, auf welche Seite ich mich stellen würde. Ein Lippenbekenntis vor der Zeit ist zu wohlfeil.

    • Tausche Auschwitz mit Nanking. Dort waren japanische Soldaten die Kriegsverbrecher. Auch das macht mich zornig auf die Mörder. Du kennst mich (virtuell) seit Jahren und dürftest eine Ahnung davon haben, wie sehr ich gegen jede Form von Ungerechtigkeit bin.

      In einem Artikel aus dem Jahr 1946, den ich im Archiv der ZEIT gefunden habe, wird auch über „Schuld“ referiert. Ein Zitat aus dem letzten Abschnitt: „Nach außen mag Russels Feststellung* wichtig sein. Für uns ist viel bedeutsamer, daß aus seinen Worten eine andere Schuld riesengroß vor uns aufsteht, eine Schuld, an der wirklich jeder Deutsche teilhat, der 1933 zu den Erwachsenen zählte, ganz gleich, welcher Partei und welcher Richtung er angehörte, ob er in Deutschland blieb oder ins Ausland emigrierte und sich von unserem Land lossagte, eine Schuld, die heute das einzige einigende Band für alle Deutschen in der Welt ist, ja eine Fessel, von der sich keiner lösen kann: die Schuld, daß wir unsere Freiheit nicht genug verteidigt haben, daß wir zu einer Zeit, als dies noch möglich war, nicht alles darangesetzt haben, sie zu bewahren.“

      * Gemeint die die kollektive Schuld des deutschen Volkes.

      Weiter: „Wir können die Toten aus ihren Gräbern nicht auferwecken, aber wir sollten – alle Deutschen in der Welt – die Pflicht fühlen, für diese Jugend, die durch unsere Schuld unglücklich geworden ist, alles zu. tun, was in unseren Kräften steht. Ein Volk, das seine Freiheit verspielt hat und so entsetzlich dafür hat büßen müssen wie das deutsche, ist gerade dadurch besonders berufen, in Zukunft die Freiheit höher zu achten als alle andern irdischen Güter. Dieses Feuer in den Herzen unserer Jugend zu wecken ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um unsere Schuld an ihnen ein weniges wieder gutzumachen. Es wird die Freiheit heute in manchen Teilen der Welt bedrängt, um so getreuer wollen wir ihr dienen, ihr Panier sichtbar vor aller Welt aufpflanzen und verteidigen für unsere Jugend und mit unserer Jugend, die die Zukunft Deutschlands ist.“

      Als ich das gelesen hatte und auch auf der Basis allen Wissens, das ich mir über Jahre und Jahre angelesen habe, ist mir ein Gedanke gekommen. Ahnst du welcher das ist?

      Aber in dem Artikel ging es um Patriotismus. Die „Schuldfrage“ haben andere für die Deutschen geklärt. Und das machen sie immer noch.

      • Vielen Dank für die Zitate! Ich befürchte, Geschichte wiederholt sich: Wieder wird die Freiheit nach und nach beschnitten und wenn sie eines Tages weg ist beginnt das wehklagen und lamentieren …

      • Gern. Ja, es mutet schon seltsam an, dass wir seit der RAF eine schleichende Verschärfung von Gesetzen zur Kontrolle und Überwachung der BürgerInnen erleben. Aber auch das wird geschickt verschleiert und dient schließlich nur der Sicherheit. Die Frage ist, wer sich vor wem sicher fühlen will.

  4. Deine Worte in des Deutschen Ohr. Wie so oft triffst Du den (wunden) Punkt.

    Die Deutschen sind ein seltsames Völkchen. Es werden Barrikaden errichtet, um Faschingsumzüge zu schützen, und niemand scheint sich daran zu stören. Deutsche Normalität.

    Ich unterscheide nicht zwischen linken und rechten Regierungen sondern unterteile nur in ‚gute‘ oder ’schlechte‘. Als Wähler habe ich noch immer die Möglichkeit, nach 4 oder 5 Jahren meine Meinung zu ändern. Über die Jahrzehnte wird sich vermutlich sowieso die Mitte, quasi als Durchschnitt der erbrachten Regierungsleistungen, herauskristallisieren.

    Auch wenn Linksextremisten (oft verharmlosend als ‚Autonome‘ bezeichnet) nur noch eine Randerscheinung darstellen, die linke Bewegung nimmt die Bürger nach wie vor in Geiselhaft, sobald irgendeine (meist eher mickrige) Rechtsbewegung entsteht, die früher oder später verpufft. Diese können sich zwar auf die Schulter klopfen, sofern der Erfolg über deren Vernichtung eintritt, aber zu welchem Preis? Zum Preis unmündiger Bürger, denen 70 Jahre altes Schuldbedürfnis eingetrichtert wird? Nach wie vor? Nach wie vor.

    Die Deutschen sind ein seltsames Völkchen.

    Als junger Österreicher waren mir die Piefkie’s immer suspekt, was wahrscheinlich auch auf einen Minderwertigkeitskomplex unverarbeiteter Geschichte zurückzuführen war. Ich habe im Laufe der Jahrzehnte aber sehr, sehr oft sehr gute Erfahrungen mit den Deutschen gemacht, und sie sind mir wahrscheinlich sympathischer als sie sich selbst finden. Das betrifft auch Teile der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und das will was heißen.

    Die Deutschen sind ein seltsames Völkchen.

    Wie lange noch?

    • Ja, die Deutschen sind ein seltsames Völkchen, da stimme ich dir vorbehaltlos zu. Ich finde diese Kabbeleien zwischen Deutschen, Holländern, Österreichern und Schweizern eher witzig. Ernst genommen habe ich das noch nie. Für mich ist das wie diese angebliche Feindschaft zwischen Düsseldorf und Köln.

      Auch bei dir bedanke ich mich herzlich für den Kommentar. Ich würde gern auf einige Punkte eingehen, aber das nähme einen kommenden Artikel vorweg. Daher nur kurz: wir gehen bei „Linken“ und der eingetrichterten Schuld relativ konform. Über das „warum“ sprechen wir dann noch.

  5. Ein begeistertes Wuff-Wuff von
    Köter Oli
    (wer aktuelle Bezüge herstellen möchte, möge sich hierin und hiermit bestärkt fühlen)

    • Mit mehr Zeit, erst verspätet (m)eine Antwort. Ich kenne den Vorfall. Für mich ist das klarer Rassismus. Umgekehrt hätte man einen Deutschen geschlachtet, davon bin ich überzeugt. Jede Nation darf patriotisch sein, wir dürfen z. B. Franzosen oder Polen oder Russen nicht als (Wort der eigenen Wahl einsetzen) bezeichnen. Warum sollten wir auch? Dem deutschen Volk wird mit der Aussage dieses Staatsanwalts einmal mehr das Recht auf Identität verweigert. Nur wenn es einer Kanzlerin passt dürfen wir wieder „Deutsche“ sein.

      • Danke für die Rückmeldung.

        Entscheidungen „unserer“ Justiz in diesem Bereich muten zuweilen schon noch seltsam an. Vermutlich müssen sich die, die halt schon länger hier sind und hie und da einer Mannschaft (die auch mal anders hieß) zujubeln dürfen, einfach noch mehr umstellen.
        Geben wir es doch zu: Ein bisserl mehr Nihilismus, Relativismus, Aufgeben nicht nur für „Randgruppen“ mühsam erkämpfter Werte, Übernahme und Akzeptanz schicker Kopfbekleidungen, etwas anders gelagerter Nuptialitäts- und Nutztiertötungsgewohnheiten etc., etc., pp., das bekommen wir doch auch noch hin, oder…?

        Etwas OT, aber nur etwas, da passend zu anderen Deiner Beiträge der letzten Wochen und Monate:
        http://vera-lengsfeld.de/2017/03/02/das-migrationsproblem-ueber-die-unvereinbarkeit-von-sozialstaat-und-masseneinwanderung/#more-1008

        Siehe dann bei Interesse auch noch ihren Beitrag zur Kampfsportausbildung als integrative Maßnahme.

        LG
        Oli
        P.S.: Japantag 2017 ist leider nicht, bin da mal weg…vielleicht gibt’s ja 2018 noch mal einen…

      • Danke für den Link und deinen Kommentar. In noch kommenden Beiträgen wird meine Sicht, oder nennen wir sie eine mögliche Sicht, der Dinge noch deutlicher werden.

        Auch zur demografische Krise, in diesem Fall Japans, habe ich einen Beitrag vorbereitet, der aber ebenso für Deutschland gilt.

        In zwei Wochen geht es dann zurück in die USA. Ein letztes Wort zum Thema Kampfsportausbildung als integrative Maßnahme. Auf den ersten Blick positiv, Sport fördert das miteinander. Aber das kann auch Tennis und / oder Fußball sein.

      • Ich kenne die Zahl bereits. Trotzdem danke für den Link. Aber es wird wie fast immer die falsche Frage gestellt. Nicht warum sie Deutschland verlassen sollte im Fokus stehen. Die Frage sollte vielmehr lauten: Auf wessen Kosten, haben sie es zum Millionär geschafft.

  6. Liebe Nandalya,

    ich muss gestehen, ich mag viele deiner Berichte. Wenn es ins Politische geht, empfinde ich deinen Blick erfrischend anders. Mich stören aber deine diffusen, nebulösen Andeutungen:

    – Warum wird dir Antifa zum Teil vom Staat gelenkt.

    – Warum gibt es keine wirklichen Linken in Deutschland.

    – Welche Ziele verschleiern die GRÜNEN, LINKEN und die SPD.

    – Warum war die NSU ein Produkt des Verfassungsschutzes. Bei der Berichterstattung hinsichtlich des in München laufenden Prozesses habe ich diesbezüglich nichts mitbekommen.

    – Was heißt das, es gäbe einen geschickt gesteuerten Hang zum linken Rand zur Verschleierung des Neoliberalismuses.

    Für mich hat das so etwas verschwörungshaftes, als ob überall böse, mächtige Strippenzieher handeln und japanische Kampfkunst und japanische Autos (und natürlich deine Frau Yuki) das einzige sind, an dem man sich noch festhalten kann.

    Ich sehe diese Verschwörungen aber nicht.

    Herzlichst
    Waldstern

    • Lieber Waldstern,

      wir „kennen“ uns schon eine Weile, ich mag deine Kommentare und bin dir stets dankbar, wenn du mich z. B. auf einen Fehler hinweist. Stichwort „Gewalttaten der Linken und Rechten.“

      Aber hast du diese Formulierung wirklich nötig?

      Zitat: „Für mich hat das so etwas verschwörungshaftes, als ob überall böse, mächtige Strippenzieher handeln und japanische Kampfkunst und japanische Autos (und natürlich deine Frau Yuki) das einzige sind, an dem man sich noch festhalten kann.“

      Das ist klar unsachlich, das geht zu weit und ist genau die fehlende deutsche Diskussionskultur, die ich schon mehrfach bemängelt habe.

      Kennst du meine Artikel zur Antifa, über die Medien (Staatsfunk), den Neoliberalismus und über die schweigenden Lämmer? Viele deiner Fragen werden dort beantwortet. Der Rest wird in noch folgenden Beiträgen behandelt werden. Auch der gern genommene Vorwurf der „Verschwörungstheorie.“

      Davon abgesehen vermisse ich den Bezug deiner Fragen zur Kernaussage des Berichts.

      • Sorry, den Bezug zur Kernaussage habe ich stillschweigend unterstellt; ich stimme dir völlig uneingeschränkt zu, dass Deutschland ein Patriotismus Problem hat.

      • Danke.

        Zu deinen Fragen habe ich schon bzw. werde ich noch Beiträge schreiben. Sollte ein Punkt offenbleiben, bitte ich um einen kurzen Hinweis.

        Vielleicht kurz zur NSU, die ich immer nur nebenbei erwähne. Meiner Meinung nach kann man die NSU, im Gegensatz zu offiziellen Gutachten und höchstrichterlichen Meinungen, als ein aus dem Ruder gelaufenes Projekt des Verfassungsschutzes sehen. An den Morden oder der Gesinnung der Täter ändert das vermutlich nichts. Das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun sondern ist lediglich (m)einer kritischeren Sicht auf die Welt geschuldet.

  7. Ich kenne diese Theorie, der Krimiautor Schorlau hat sie in seinem Roman „Schützende Hand“ nach intensiven Recherchen schriftstellerisch umgesetzt.

    • Staatliche Stellen machen sehr oft den Kardinalfehler, die Öffentlichkeit als unmündig anzusehen und ihnen daher Informationen nur häppchenweise zu präsentieren. Daraus entstehen dann schnell wilde Spekulationen. Es bleiben Fragen offen, die niemand beantworten will. Die Presse setzt dem noch einen drauf, um es salopp auszudrücken. Je nach Verlag oder Richtung, wird auch dort gezielt Stimmung gemacht und eine Sensation die keine ist verkauft. Auch darüber werde ich noch etwas schreiben.

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