Eine Japanerin in Schweden

Winter in Schweden sind ein Erlebnis der besonderen Art. Ohne Sonnenbrille und warme Kleidung, ist ein Aufenthalt im Freien kaum empfehlenswert. Die hat uns Wolf mitgebracht. Yuki Mutter hat dafür unseren Kleiderschrank in Deutschland geplündert.

Der lange Flug von Los Angeles und der Zwischenstopp in Holland sind vergessen, als uns Schwedens Natur willkommen heißt. Unberührt, aber gefährlich für normale TouristInnen. Eisdriften, das mag im ersten Moment spaßig klingen und eigentlich ist es das auch.

Wikinger suchen wir in Schweden vergeblich. Die laufen nur noch in Filmen umher oder in den Sagen der Menschen. Die Kälte springt mich wie ein Tiger an und raubt mir kurz den Atem. Minus 24 Grad sind kein Pappenstiel. Mit Wind sind es noch 10 Grad mehr.

Wolf ist happy uns zu sehen und hätte uns am liebsten umarmt. Aber er kennt mich und weiß, dass Abstand besser für ihn ist. „Ihr seid  meine Lebensretter“, lässt er uns wissen und strahlt über das ganze Gesicht. Nur zwei Ingenieure haben es halb gesund nach Schweden geschafft. Der Rest ist noch immer außer Gefecht.

Das Monster

Entsprechend kurz wird unser Aufenthalt sein. Und bei den Autos sind wir auch limitiert. Ein eisblauer Golf lächelt mich an. Geduckt auf vier Winterreifen steht er da. Wolf grinst, als er meinen Blick bemerkt. „Ja“, sagt er, „das ist unser Schätzchen.“

Der Golf R hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Per Zug und Fähre nach Norden und dann sind die Jungs in den Winter gefahren. „Drei Männer, drei Autos“, erklärt uns Wolf und verpflichtet mich zum Stillschweigen über die beiden anderen Modelle. Ich darf nur schreiben, dass es zwei Audi mit mächtig dicken Motoren sind.

Wolf hat in einer Nachtschicht Hand angelegt und letzte Feinheiten am Golf eingestellt. Vor mir steht ein knapp 500 PS starkes Monster, das vor Kraft nur so strotzt. Beeindruckend ist anders, ich bin mehr gewohnt. Kann nun der Spaß beginnen?

Der Elchtest

Aber zum Spaß sind wir eigentlich nicht nach Schweden geflogen. Dieser Golf hat einen Elchtest zu bestehen. Die Tuningschmiede hat die Leistung des Wagens derart massiv erhöht, dass keine Schraube original geblieben ist. Sensoren melden die Daten des Wagens, die Wolf mit Argusaugen überwacht. Hält der Motor die Belastung aus?

Warum Schweden, warum diese Tests in beißender Kälte, die Mensch und Material an die Grenze der Belastbarkeit bringen? Die Antwort steht schon in der Frage, es geht um die Haltbarkeit der Komponenten. Was unter extremen Bedingungen funktioniert, wird auch im normalen Alltag gut aussehen.

Aber warum Yuki und ich als Fahrerinnen, wären andere nicht billiger gewesen? Die Antwort darauf gibt es später. Und sie wirft erneut Pläne um. Wir steigen ein und nach dem Funkcheck erwacht der Motor zum Leben. Er faucht und röchelt heiser, Allradantrieb schiebt den Golf nach vorn. Nur andere drehen durch.

Ich gewöhne mich schnell an den eisigen Untergrund. Vor und hinter mir stehen Wagen quer, TouristInnen, die keine Ahnung von Driftmanövern haben. Auch ich bin weit davon entfernt, die Ideallinie zu finden, das ist unmöglich auf diesem Terrain.

Aber ich schlage mich gut und werde schneller, was Elfchen sehr leise werden lässt. Angst haben nur die anderen, wir sind mit Buddhas Segen unterwegs. Und wenn der nicht helfen will, wird es andere Götter geben. JapanerInnen sind in der Auswahl nie verlegen.

In der Summe quer

Wie fahren sich 500 Allrad PS auf eisigem Untergrund? Anders, als im normalen Straßenverkehr. Man (Frau) muss selbst erleben, wovon ich hier spreche. Geradeaus war gestern. Ich fahre in der Summe quer.

Der Golf tänzelt, schiebt wahlweise über die Vorderräder und bricht überraschend nach hinten aus. „Lastverteilung mangelhaft“, gebe ich an Wolf weiter, der hörbar schnauft und vermutlich nickt.

Ich denke an Deutschland. Düsseldorf ist plötzlich nicht mehr fern. Aber nach dem Karneval fliegen wir zuerst wieder in die USA. Dieses Jahr passt es, dieses Jahr geht’s zum Dinah Shore.  Falls keine weitere Kurskorrekturen kommen, wird es im Mai zurück nach Europa gehen. Die Reisetanten grüßen den Rest der Welt.

Frau(en) am Steuer

Vorsichtiger, aber mit genug Selbstbewusstsein ausgestattet, übernimmt Yuki schließlich das Steuer. Lästerzungen behaupten ohnehin, dass sie die Chefin im Elfenheim sei. Aber das wüsste ich, wir sind ein (gutes) Team. Grüße an eine gewisse Kampfsportlerin an dieser Stelle, die hat das richtig erkannt.

Der Benzinverbrauch des Wagens kann nur als abenteuerlich bezeichnet werden. Fast 20 Liter rauschen durch den Turbomotor. Das liegt mit an der Temperatur, dem höheren Rollwiderstand der Winterreifen und Sitz- und Lenkradheizung. Natürlich auch am Motor selbst, der viel mehr Leistung als in der Serie hat.

Nach einer Stunde  machen wir Pause und wärmen uns bei Tee und guter Laune auf. Wolf wiegt den Kopf, der Motor läuft nicht wirklich rund. Er bespricht sich mit seinen Ingenieuren und ich notiere erste Punkte des Artikels. Die erneute Zeitumstellung macht uns zu schaffen, wirklich fit zu sein ist anders.

Technik, die begeistert

Schon jetzt ist klar, dass wir kein normales Wochenende haben können. Zwar fahren wir nur halbe Tage, aber auch danach ist noch Arbeit angesagt. Und beim reinen fahren wird es dieses Jahr kaum bleiben, das stand schon vor der Reise fest.

Zwar sind wir keine MechanikerInnen, aber ich passe nur, wenn ein Motor lediglich aus Einzelteilen besteht. Das dürfen dann die richtigen Schrauber machen. Wir werden beim Abgleich der Daten assistieren. Verbunden mit Wolfs Bitte „Macht bloß nichts kaputt!“ Was der nur immer hat, mein Gasfuß ist bekanntlich sanft. Und am Laptop bin ich Spitze.

Yuki dreht Runde um Runde auf dem Eis. Eine Japanerin in Schweden, Elfenpower pur! Ein alter BMW dreht sich vor uns übers Eis. Plötzlich bleibt der Wagen stehen. Zwei blonde Frauen steigen aus, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen.

Die Elfen

Wir stoppen und schon kommen Helfer gelaufen. „Der Wagen ist kaputt“, höre ich auf Englisch. Alva und Ylva sind Zwillingsschwestern und wollten schon immer driften lernen.

Alva, die Elfe und Ylva, die Wölfin, treffen wir später im Hotel. Die Mädels sind 21 und super lieb. „Wir kennen Deutschland“, erzählt uns Ylva, die eindeutig die Chefin ist.

Wir erfahren, dass ihr Vater das Abenteuer bezahlt. Interessiert hören sie zu, als ich von Los Angeles erzählen. Dass wir ein Paar sind stört die beiden nicht. Alva gesteht uns, dass auch sie schon etwas mit Frauen hatte. Und ihre Schwester lacht.

„Wir nehmen das nicht so genau“, sagt sie. Schnell wird klar, dass die beiden mehr als nur flirten wollen. Aber unser Abenteuer heißt Treue, das mache ich den beiden lächelnd klar. Trotzdem bleibt die Stimmung gut und wir sprechen über Schweden.

Natürlich kommen auch Asylanten als Thema vor und Ylvas Gesicht verfinstert sich. „Wir haben zu viele davon“, sagt sie. „Ich habe keine Vorurteile, aber ich will nichts mit Afrikanern anfangen!“ Klare Worte, die auf taube Ohren stoßen. Die Zahl der Vergewaltigungen wächst dramatisch.

Was in Deutschland Köln war, gab es auch in Schweden. Polizei und Regierung versuchten das damals zu vertuschen. Entsprechend heftig hat die Öffentlichkeit reagiert. Als ich davon erzähle Kurse für Frauen zu geben, werden die beiden Mädels richtig wach.

Wir sprechen eine gute halbe Stunde über Selbstverteidigung. Als die beiden auf ihr Zimmer gehen ist klar, dass auch sie die Abwehr von Attacken lernen wollen. Ich habe zu Wendo oder Krav Maga geraten. Das ist einfach und sehr effektiv. Und gute TrainerInnen werden auch den mentalen Aspekt lehren.

The „New Deal“

Am nächsten Morgen geht die Fahrt im Golf weiter. Wolf hat geschraubt, jetzt ist der Wagen fit. Weniger fit sind die Ingenieure. Einer liegt wieder mit Fieber im Bett. Wolfs sorgenvolle Miene, hat noch einen anderen Grund. Die Absatzzahlen sind stark eingebrochen, Deutschland spart beim Turbobums.

Zum Glück für die Firma gibt es den Japan Deal. Trotzdem sieht die Zukunft alles andere als rosig aus. „Wir brauchen neue Märkte“, lässt Wolf mich wissen. „Und ein anderes Konzept.“

Trotz Müdigkeit bin ich sofort hellwach. Als wir vor Jahren mit den Autotests begannen, habe ich mich bewusst gegen eine Mitarbeit beim Management ausgesprochen. Aber soll ich die Familie wirklich hängen lassen?

„Papa hat nie etwas erwähnt“, sagt Yuki, „wie schlimm ist es?“ Wolf schweigt sich aus, was selbst mir Sorgen macht, aber seinen Anruf erklärt. Kurzfristig Fahrer zu finden war auch finanziell unmöglich.

„Hilfst du?“, will Yuki zurück im Auto wissen. „Das wird dann auch ein Elchtest“, erwidere ich und denke schon weiter. Strategien zu entwickeln war schon immer mein Ding. Geld spielte dabei stets die Nebenrolle.

„Wie bringen wir das deinem Papa schonend bei?“, denke ich laut nach. „Lass mich machen“, sagt Elfchen und gibt mir einen Kuss. „Mit Männern kann ich besser als du.“ Ich muss lachen. Das ist Humor, den ich mag. Wie gut, wenn Frau eine Elfe hat.

 

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22 Kommentare zu “Eine Japanerin in Schweden

  1. Cosmopolitan(s) ist wohl jener Begriff, der am ehesten auf euch zutrifft.

    Wenn Du der (gleichnamige) Cocktail wärst, welche Zutat würde dann Dich am besten beschreiben? Ich glaube, ich kann mir diese Frage sparen …😜

    Und noch eins: es heißt FA-SCHING 😉

  2. Bei Tests mit einem Audi Quattro Diesel habe ich mal die Verbrauchsanzeige bei 40 Litern fest gepinnt, aber das war im Sommer, bei griffigem Untergrund und ich musste das Fahrzeug nicht schonen 😉 Machr Spaß ein paar Runden mit dir zu drehen 🙂

  3. Wow, minus 24 Grad. Wie hält man das aus? So eine Kälte habe ich noch nie erlebt. Dafür sieht es dort aber sicher, wie im Winterwunderland aus, oder? Hier im Rheinland haben wir momentan bis zu 11 Grad. Hoffentlich haben wir an Karneval gutes Wetter. 🙂
    Natürlich wünsche ich dir, Yuki, Yukis Vater, Wolf usw. viel Kreativität bei der Suche nach einem neuen Konzept. Auf dass es bald wieder besser läuft! Es war schön, mal wieder eine Anekdote übers Driften von dir zu lesen.

    • Diese enorme Kälte hält man aus, indem man entweder im Hotel oder einem Auto mit Heizung sitzt. Oder glaubst du wir sind viel zu Fuß gegangen? 😉

      Wir sind seit heute Morgen in Düsseldorf. Für uns ist der Test beendet. Jetzt mische ich Deutschland wieder auf.

      Ich werde mir die Firma vornehmen, wenn ich darf und ein Konzept erstellen. Auch, wenn es mich den Z als Einsparung kostet. Opfer muss im Notfall jeder bringen.

      • Mit Inuit-Ausrüstung wären vielleicht auch Sparziergänge in so einer Kälte möglich (dachte ich).
        Deutschland freut sich sicherlich darüber, wieder etwas aufgemischt zu werden. 😉
        Manchmal muss man für etwas Größeres etwas anderes opfern. Aber wer weiß, vielleicht fährst du ja bald 2 Zs. 😀 Yuki ist sicher froh, dass ihr helfen werdet.

      • Jetzt komme ich mir wieder wie ein Schüler vor, der die Hausaufgaben nicht gemacht hat. 😂 Danke für den Link! Ich bin mal gespannt, welche spannenden Texte mir noch so entgangen sind.

      • Zum Beispiel „Die Kritik der reinen Vernunft?“ 😀 Aber ob die spannend ist? Eher sperriges Terrain, wie vieles von den alten Philosophen.

        Wendo oder Wen-Do ist übrigens eine richtig gute Alternative für Frauen, die nicht gleich Krav Maga lernen wollen.

      • Wendo habe ich mir jetzt mal bei YouTube angeschaut. Im Vergleich zu Krav Maga sieht es recht friedfertig aus. Aber wichtig ist ja eigentlich auch nur, dass Frauen lernen sich irgendwie zu wehren und zu behaupten (besser als Passivität).

      • Krav Maga wird überwiegend militärisch genutzt und auch die zivile Variante bleibt recht hart.

        Wenn ich von Selbstverteidigung schreibe, wird das von vielen falsch verstanden. Frauen sehen darin sofort eine prügelnde Japanerin, die blutrünstig Männer massakriert. Schon allein diese Assoziation macht mir Sorgen. Natürlich lehre ich Techniken zur Abwehr. Aber ein Kurs beginnt mit Psychologie, wie vermeide ich als Frau gefährliche Situationen, wie deeskaliere ich etc.

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