Mörderisch

Die Nacht war jung. Susan war noch jünger. Aber Gewalt ist alterlos, sie hat schon immer existiert. Susans Jugend zerbrach in dieser Nacht. Niemand half dem Mädchen, als die Männer sie ins Auto zerrten und in einer abgelegenen Hütte vergewaltigten.

Niemand sah ihre Qual, die Männer lachten nur. Als sie fertig waren verschluckte die Dunkelheit ihre Gestalten. Zurück blieb ein wimmerndes Bündel Mensch, dessen Seele zerbrochen war. Ein Waldarbeiter fand die völlig verstörte Susan, als sie halb nackt zur Straße taumelte. Polizei und Notarzt kümmerten sich um sie.

Edward, ihr Bruder, besuchte sie täglich im Pflegeheim. Aber niemand beantwortete seine Fragen. Susan nicht und die ratlose Polizei noch weniger. Und nach einigen Monaten legten sie den Fall zu den Akten.

„Es tut mir leid“, sagte der zuständige Officer. „Wir haben getan, was wir für ihre Schwester tun konnten. Aber wer immer die Täter waren, die sind längst untergetaucht. Die DNA-Analyse hat keine Treffer gebracht. Die Männer sind uns unbekannt.“

Zehn Jahre war das nun her. Jahre, die Spuren hinterlassen hatten. Edward war Alkoholiker geworden. Der Schnaps half ihm, die leeren Augen seiner kleinen Schwester zu ertragen. Als es passierte, war Susan sechzehn Jahre alt geworden. Und das war sie immer noch.

Heute hatte Edward Geburtstag, er war jetzt Dreißig. Er hatte gefeiert und mehrere Runden spendiert. Betrunken schwankte er von der Bar nach Hause. Der Besitzer hatte ihn an die Luft gesetzt.

„Komm zurück, wenn du wieder Geld hast“, klang es in seinen Ohren. Dann schickte ihn ein Tritt in die Kälte der Nacht. Edward würgte, Übelkeit ließ ihn zittern. Immer wieder übergab er sich.

Er musste eingeschlafen sein, Ein Blick auf die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht. Edward lag in seinen eigenen Magensäften. „Fuck!“, fluchte er und rappelte sich auf, aber seine Beine zitterten. Er hielt sich an einem rostigen Tor fest, der Eingang zu einem schon lange verlassenen Haus.

„Das Marston Anwesen!“, zuckte es durch sein vernebeltes Hirn. „Dort spukt es doch, ich muss hier weg!“ Aber ein innerer Zwang trieb ihn in auf das Haus zu. Edward spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Die fensterlosen Scheiben wirkten wie leere Augenhöhlen, die offene Tür erinnerte an einen zahnlosen Mund.

Der Legende nach, hatte hier einst die Familie Marston gelebt. 1924 hatte Tony Marston seine Ehefrau und deren Geliebten umgebracht, als er sie in flagranti erwischte. Danach, so hieß es, habe sich Marston im Treppenhaus erhängt. Das Haus erbte Tony Marston jr., der Sohn des toten Paares. Der Junge war damals erst Vierzehn und angeblich nicht zu Hause.

Das plötzliche Licht und die angenehme Stimme des Fremden, ließ Edward an seinen Sinnen zweifeln. „Kommen Sie nur, Mr. Dillon. Warten Sie ich helfe Ihnen. So, jetzt wird es gehen.“ Eine kalter Hauch drängte Edward tiefer ins Haus, in dem nun antiquiert wirkende Möbel standen.

Ein Mann unbestimmten Alters stand vor ihm. Seine Augen machten Edward Angst. Er begann zu zittern, aber der Fremde hob beschwichtigend die Hände. „Haben Sie keine Angst, Ihnen zumindest wird heute kein Leid geschehen.“

Die Worte fraßen sich wie Säure in Edwards Kopf und trugen kaum dazu bei, ihn zu beruhigen. „Mein Name ist Marston, Tony Marston. Junior. Sie haben vielleicht schon von der Tragödie in diesem Haus gehört.“

Als Edward nickte ging Tony einen Schritt auf ihn zu. Die Kälte des Todes bohrte sich in Edwards Körper und ließ sein Herz erstarren. „Wie ich es mir dachte“, murmelte Tony. „Eine weitere Seele, die Rache sucht.“ Er lachte, aber in Edwards Ohren klang es mehr wie Donnergrollen.

„Ich habe Neuigkeiten, Mr. Dillon“, fuhr Tony fort, „bei mir sind sie an der richtigen Adresse.“ „Was …, was wollen Sie von mir?“, stammelte Edward. „Wer sind Sie überhaupt? Sie können unmöglich Tony Marston sein, der wäre heute Hundert!“

„Was sind Sie, sollte die Frage sein“, erwiderte Tony. „Ich bin kein Gespenst, aber auch kein Mensch. Wissen Sie, damals als Dad meine Mom erschoss, hat es mich auch erwischt. Also meinen Körper! Aber kann ein Dämon sterben? So bezeichnet man mich landläufig. Und ich und niemand sonst, war Moms Secret Lover.“

Er kicherte und Edwards Magem krampfte sich erneut zusammen. „Marston war nicht mein Dad, das war … NEIN, das ist eine andere Geschichte. Vielleicht fragen Sie sich, wie ich das mit dem Tod verschleierte. Das, ich muss mich wirklich dafür loben, war ein klasse Gag!

Menschen sind leicht zu beeinflussen und sehen nur, was sie sehen wollen. In diesem Fall sollen. Unter günstigen Umständen kann ich Gedanken kontrollieren.“ Er schwieg und sah Edward nachdenklich an. „Ja und lesen. Und ihre sind wirklich interessant!“

Die Kälte war noch intensiver geworden, Edward konnte seinen eigenen Atem sehen. Und dann verschwand seine Angst und er begriff seine Chance. „Warum bin ich hier?“, wollte er wissen. „Sie haben das gemacht, oder?“

„Ich habe lange auf jemand wie Sie gewartet“, erwiderte Tony. „Auf jemand, der, wie Sie, völlig verzweifelt ist und Rache sucht. Hören Sie mir gut zu, ich weiß, wer die Vergewaltiger Ihrer Schwester sind!“

Edward schloss kurz die Augen. Aber der Spuk blieb. Was er sah und fühlte war Realität. „Hilf mir und ich helfe dir!“, hörte Edward. „Gemeinsam könnten wir, nun ja, Bösewichte jagen?“ Tony lachte und Edward begriff, dass sein Gegenüber nur die halbe Wahrheit sagte. Aber es war egal. „Bösewichte, ja?“, fragte er. „Kaufe ich! Und was jetzt?“

„Jetzt“, sagte Tony und schlüpfte in Edwards Körper, „jetzt mein Freund geht es richtig los!“ Und er hielt Wort. In den nächsten Wochen veränderte sich Edwards Leben drastisch. Mit Hilfe seines neuen Freundes, der überraschend passiv blieb und nur als Stimme in seinem Kopf zu hören war, gestaltete er sein Leben völlig um.

Geschäfte gingen stets zu seinen Gunsten aus. Edward fand das anfänglich komisch. Aber er gewöhnte sich schnell an die ängstlichen Blicke seiner Geschäftspartner, wenn sie zitternd die Verträge unterschrieben. Was immer es auch war, das Tony mit ihnen machte, wirkte und war Edward egal.

In einer heißen Sommernacht stellten sie vier Männer, die, so zumindest ließ ihn Tony wissen, Susan auf dem Gewissen hatten. Einer davon war sein Cousin Tom. Edward zog eine Pistole, aber das Quartett lachte nur. Sie lachten immer noch, als er sie mit Susans Schicksal konfrontierte. „Ja, die Bitch hatte Feuer im Hintern“,  sagte Tom.

Edward schoss und erwischte drei der Männer, bevor ihn eine Kugel ins Bein auf die Knie fallen ließ. „Du blöder Idiot!“, schrie Tom. „Was soll das denn? Wegen der Schlampe machst du so ein Theater? Du hast sie doch auch schon gefickt! Wir alle haben, aber an dem Abend zickte sie rum. Na, da hatten wir dann anders Spaß!“

Die Erinnerung  brach wie eine Flutwelle über Edward. Er sah Susan, die sich nackt auf ihrem Kinderbett räkelte. Susan, die ihn lockte, Susan die ihm gehörte! Edward schrie und wollte die Waffe auf Tom richten, aber seine Finger versagten. Das Lachen in seinem Kopf erklärte warum.

Die Schüsse zerfetzten Edwards Brust. Röchelnd ging er zu Boden. „Du bringst niemand mehr um“, sagte Tom und spuckte auf den Sterbenden. Er steckte die Pistole weg und zündete sich eine Zigarette an. „Völlig richtig“, sagte Tony und stand langsam auf. „Aber ich schon.“

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13 Kommentare zu “Mörderisch

  1. Passend zum Thema, die meisten sexuellen Missbrauchsfälle finden innerhalb der Familie statt. Traurig, aber leider wahr! Das war auch gestern ein Thema bei den Tagesthemen.

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