Lichter der Großstadt – Teil 3: Tai Chi

In den USA zu leben ist einfacher, als viele glauben. Zwar ist alles größer und die Erde bebt, aber wir gewöhnen uns schnell daran. Auch die Zeitumstellung haben wir mittlerweile verkraftet. Und unser Englisch passt auch ins Bild. Niemand erwartet, dass wir perfekt sprechen. Aber wir machen das ganz gut.

Die Frage wo wir leben werden, hat Ally gelöst. Mir ihr und Heather abzuhängen macht Spaß. Daher entscheiden wir uns für Santa Barbara und pendeln nur ab und zu nach L.A. Auch die Trainingsfrage ist kein wirkliches Problem. Im Januar geht es los.

Der Flirt

Die Silvester Party wird kleiner, als letztes Jahr. „Wir haben ein Dutzend Mädels eingeladen“, erklärt mir Ally. „Vermutlich wird nur die Hälfte kommen.“ Kurz schaue ich ins Netz, die Nachrichten aus Deutschland wecken erneut meinen Zorn. Köln reloaded? Zumindest ist die Polizei vorbereitet.

Unvorbereitet trifft mich der Flirtversuch einer Frau, die mehr als nur Smalltalk will. Sie gibt mir deutlich zu verstehen, was sie nun erwartet. Und das ist kein harmloser Kuss. Die Situation amüsiert mich, ich bin gegen solche Offerten gefeit. Schon so manches Mädel, ist an meinem ausgestreckten Arm verhungert.

Und da gibt es noch Elfchen, die urplötzlich richtig eifersüchtig wird und der Süßen einige Takte steckt. Wer Yuki einmal zornig sah, der wird das kaum vergessen. Nur ich kann böser gucken. Zwar besteht keine Gefahr, dass wir uns betrügen, aber „Ich musste das jetzt tun!“, hat Yuki gesagt und meine Hand genommen. „Du bist meine Frau!“

Es sind diese kleinen Momente, die unsere Liebe noch tiefer machen. Ein Seitensprung? Wozu? Als Teenager und Twen, war ich weniger wählerisch. Ich habe gezielt (aus)gesucht und ziemlich schnell vergessen. Ohne erhobenen Zeigefinger muss ich ganz klar sagen, Dreier funktionieren nicht.

Dein Karate, mein Karate

Wir gönnen uns nach der Party einen Tag Pause und suchen dann ein Dojo auf. Sensei Wade ist Amerikaner, schon Ende Fünfzig und spricht etwas Deutsch. „War ich in die Stadt Kaiserslautern stationiert.“ Er lacht, als er sich bei den Worten fast die Zunge bricht. „That was a long, long time ago!“

Seine Schüler sind vorwiegend Teenager und schon nach zwei Tagen helfe ich beim Training aus. Wade unterrichtet Shotokan-Karate, ist aber sehr an meinem Stil interessiert. Begeistert nickt er, als ich die Unterschiede zeige. Die Teens sind Feuer und Flamme, dass sie eine „echte Japanerin“ trainiert. Haben wir neue Freunde gewonnen?

Schnell wird klar, dass Sensei Wade kein guter Trainer ist. Ihm fehlt der spirituelle Hintergrund. Alles was er zeigt basiert auf Kraft, womit er bei mir keinen Blumentopf gewinnt. Er kümmert sich meist nur um seinen Neffen Steven, der ein besonderes Kaliber ist.

Steven hat schon mehrere Pokale gewonnen und trainiert für die US-Meisterschaft. Aber vorher gilt es die Qualifikation zu meistern. Ein Turnier steht bevor, zu dem wir eingeladen sind. Wir werden Zeuge recht mäßiger Kämpfe. Selbst Steven ist weit von wirklicher Klasse entfernt.

Ein Chinese weckt mein Interesse. Der junge Mann zeigt keine Schwächen. „Tai Chi“, sage ich und Yuki schaut überrascht. „Das wird spaßig werden“, füge ich hinzu. Feng, so der Name des Kämpfers, dominiert seine Gegner locker. Während sich Steven seinen Weg ins Finale prügelt, weicht Feng nur aus, um dann blitzschnelle Treffer zu setzen.

And the winner is …!

Es kommt wie es kommen muss, Steven steht Feng im Finale gegenüber. Ich ahne das Desaster und behalte recht. Steven ist zu unbeherrscht und hat zu viele Lücken in der Deckung, die Feng eiskalt nutzt. Ich nicke anerkennend als er ernst macht und sein ganzes Können zeigt.

Steven hat nie eine Chance und verliert den Kampf. Ein Raunen geht durch die Halle, als er Fengs ausgestreckte Hand zur Seite schlägt. Als schlechter Verlierer erweist sich auch Wade, der Protest gegen die Wertung einlegt. Angeblich wegen Regelverstoß.

Die Jury berät, man schaut sich das Video an und entscheidet gegen Steven. „And the winner is still …!“, höre ich. „Zu Recht“, sage ich, als Steven auf dem Weg nach Hause immer weiter lamentiert. „Du hast verloren, nimm es als Lektion für dich an.“

Über sein „Fuck you Bitch!“, habe ich gelacht und „Loser“ zu ihm gesagt. Das Wort trifft härter, als (m)ein Kick, den er klugerweise vermeidet. Wütend schlägt er die Tür seines Wagens zu.

Wade ist der Vorfall unangenehm, aber meine Entscheidung steht bereits fest. Wir werden nicht mehr zu seinem Training kommen. „Aus der Niederlage zu lernen macht wahre Sieger aus,“ gebe ich beiden noch mit. „Feng war um mehrere Klassen besser.“

Tai Chi

Ich erzähle Ally später wie schlecht sich Wade und Steven verhielten. „Ich kenne Feng“, sagt sie. „Er hat seit letztem Jahr ein kleines Dojo in der Stadt. Wir waren dort, aber es gab zu viele Männer. Wie ich hörte sind die meisten schon wieder weg.“

„Ach?“, sage ich, „hat euch der Virus gepackt?“ Die beiden lachen und bejahen meine Frage. „Wir wollten euch damit überraschen.“ Am nächsten Tag zeigt sie mir Fengs kleines Reich. Es sind noch keine Schüler da, er selbst kniet in einer Ecke. Als er uns sieht legt er den Schraubenzieher weg. „Eine Steckdose ist kaputt“, erklärt er. „Was kann ich für euch tun?“

Um einer Legende vorzubeugen, er hat uns nicht sofort als Japanerinnen erkannt. Aber als potenzielle Schülerinnen. „Chen Stil?“, frage ich als Antwort und er schaut überrascht. „Ja“, sagt er, „du kennst Tai Chi?“ Ich nicke. „Ich habe es vor Jahren gelernt.“

Fengs Lachen macht einem fast ehrfürchtigen Gesichtsausdruck Platz, als ich davon erzähle. „Sifu Wu ist eine Legende!“, sagt er. „Na, ob sie das auch so sieht?“, frage ich schmunzelnd und Feng lacht schon wieder. „Vermutlich nicht“, sagt er. „Sie soll sehr bescheiden sein.“

Feng ist in Taiwan geboren, lebt aber seit vielen Jahren in den USA. Er hat kaum Akzent und beherrscht auch das „R“ und „L“ meisterhaft. Ich übrigens auch, aber das habt ihr bestimmt gewusst.

„Karate!“, sagt Feng, als ich von meinem Hintergrund erzähle. „Warum kommt ihr dann zu mir?“ Er wirkt nachdenklich, als ich Steven und Wade erwähne und dass ich den Kampf gesehen habe.

„Ich bin Steven schon auf einem anderen Turnier begegnet“, höre ich. „Schon damals war er ein schlechter Verlierer. „Er schlägt ohne Verstand“, sage ich. „Deine Konter waren gut.“

Asian Nation

Feng hat Informatik studiert. Tai Chi war bisher nur ein Hobby. „Ich finde einfach keinen Job in dem ich es länger als einige Wochen aushalte“, verrät er uns. „Also habe ich all mein Geld in diesen Club investiert. Das Haus (ein ehemaliger Laden) habe ich gekauft, es ist aber leider alt und vieles reparaturbedürftig.

Wir fachsimpeln eine Weile, bis seine SchülerInnen kommen. Feng lädt uns auf ein kostenloses Training ein. Was er zeigt ist wirklich gut und wir machen tapfer mit. Ich freue mich nach all der Zeit wieder Tai Chi zu üben. Auch wenn die Unterschiede zu Karate heftig sind.

Lustig wird es, als Feng lockeres Sparring mit seinen SchülerInnen macht. Sie sind alle ohne jede Praxis, nur Yuki und ich haben einen Kampfkunst Hintergrund. „Wehe du haust mich wieder!“, sagt sie aus Spaß, was ich mit einem Lächeln quittiere, das ich angeblich der Sphinx abgeschaut haben soll.

„Wollen wir?“, fragt Feng nach einer Weile und schaut mich an. „Aber bitte sei nachsichtig mit einem alten Mann!“ Der Witz, er ist mit 27 sogar noch etwas jünger als ich. Im Training habe ich oft mit Mann zu tun (gehabt). Kraft gegen Geschwindigkeit.

Kung Fu (Wushu) mit Karate in einen Ring zu stellen, wird niemals funktionieren. Was in einem Ring gezeigt wird, läuft meist auf Kickboxen hinaus. Und zwar von beiden Seiten. Ein guter Kung Fu „Kämpfer“ wird einen mittelmäßigen Karateka schlagen. Umgekehrt trifft das ebenfalls zu.

Fengs Stärke ist der Infight. Aber den kann ich genau so gut. (M)Ein Fehler wäre es, sich genau darauf einzulassen. Außerdem machen wir nur Spaß. Aber als er meinen Arm greift und mich zu Boden werfen will kontere ich mit einem (fast) klassischen O-Goshi (Hüftwurf).

Ich kontrolliere danach noch seinen Arm und Feng gibt lachend auf. „Aikijujutsu“, erkläre ich, als er danach fragt. In Japan gibt es die (Un)Sitte, dass man Gäste bei Spielshows gewinnen lässt. Ob ich das in diesem Leben noch lerne?

Zwei wirkliche Meister neutralisieren sich meist. Gegen Fengs „schiebende Hände“ benutze ich Wing Chun. Gefolgt von einem Tritt´aus nächster Nähe zum Kopf. Natürlich will ich niemand verletzen, also habe ich abgestoppt. Feng nickt anerkennend. „Das hätte Steven machen sollen!“, sagt er. „Ich habe das schon gesehen. Woher stammt der Kick genau?“

Ich erzähle von Cousin Ken, der Kyokushin Karate trainiert und dass ich das im Sommer ebenfalls oft mache. „Oh, das ist ein harter Stil“, stimmt mir Feng zu. „Die gewinnen regelmäßig die Turniere.“ „Jeder ist zu schlagen“, erwidere ich. „Ich kann dir zeigen wie.“

Gezeigt hat sich, dass es Verständnis über Ländergrenzen geben kann. In den nächsten Tagen üben wir Tai Chi und lernen auch chinesischen Schwertkampf kennen. Im Austausch versteht sich, ich zeige Feng japanisches Kenjutsu.

Feng freut sich über vier neue neue Schülerinnen, die, zu seinem Leidwesen, alle lesbisch sind. Aber das hat er nur im Spaß gesagt und (gespielten) Ärger mit seiner Freundin bekommen, um die es unter anderem es in der übernächsten Folge geht. Es bleibt spannend, wird aber erst einmal „Automobil.“ Detroit Motorshow, wir kommen!

Noch ein Hinweis, um Missverständnissen vorzubeugen, die „Lichter der Großstadt“ Beiträge sind nie aktuell und bilden Ereignisse aus der näheren Vergangenheit ab. In Detroit waren wir zum Beispiel letzte Woche.

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28 Kommentare zu “Lichter der Großstadt – Teil 3: Tai Chi

  1. Liebe Mayumi, dein Bericht liest sich wie ein Filmskript und ständig laufen Szenen in meinem Kopf ab mit gefeilten Dialogen. „Karate Woman“ kämpft sich durch die USA und verteilt Lektionen von zart bis hart. (Bitte entschuldige, es geht gerade mit mir durch). Meine besten Grüße an dich und Yuki und bleibt weise!

  2. Ich finde es cool, dass ihr jetzt bei Feng trainiert! Den Chen Stil habe ich sogar schon einmal gesehen (immerhin 😉). Bei Fengs Wettkämpfen wäre ich echt gerne dabei gewesen.
    PS: Ein bisschen Eifersucht (wenn man/frau es nicht übertreibt) ist meiner Meinung nach ein gutes Zeichen. 😀

    • Was die Welt heute über „Tai Chi“ weiß, ist quasi die Extraktion einzelner Elemente in Techniken zur Gesunderhaltung. Viele wissen nicht einmal mehr, was Tai Chi wirklich ist.

      Ich bin natürlich überhaupt nicht eifersüchtig! Warum auch? Elfchen liegt angekettet zu meinen Füßen und schmachtet mich an. 😀 😀 😀

      • Das ist zumindest in Europa so. Ich bezweifle, dass das auch so in China ist.
        Und wenn du Yuki von der Kette losmachst, geht sie auf jeden (außer dich) los. Ich musste gerade an
        „Unleashed“ denken. 😂

      • Was kennst du für merkwürdige Filme. 😀 Yuki zornig, habe ich ganz selten erlebt. Auf einem Volksfest vor einigen Jahren, war sie vor mir bei einer Frau, deren Partner sie mehrfach ins Gesicht geschlagen hat. Er hatte dann „Schmerzen“, Yuki hat ihn gekonnt daran gehindert, die Hand erneut zu haben. Ich war richtig stolz auf sie! Sie ist friedlich, ich bin das Biest! 😀

        Das Interesse an Kampfkunst ist auch in China erst wieder seit einer Weile in einer breiteren Öffentlichkeit vorhanden. Die Chinesen besinnen sich auf ihre Kultur. Die Kommunisten hatten viel kaputt gemacht in dieser Hinsicht. Der Witz dabei, die sogenannten „Eastern“, also die Kung Fu Filme aus Hongkong und natürlich Bruce Lee, haben die alten Künste am Leben gehalten und wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt. Die ersten beiden Ip Man Filme, die ein riesiger, kommerzieller Erfolg in China waren, haben einen Boom ausgelöst. Leider auch für einige Wing Chun Geschäftemacher.

      • Das ist eigentlich ein ganz guter Film mit Jet Li. 😉
        Gut, dass Yuki sich auch körperlich wehren kann. Yi Man kann sich nur verbal sehr gut behaupten. 😅
        Als ich in China war (2013), haben die meisten jungen Chinesen eher westliche Sportarten betrieben, wie Basketball etc. Mit Yi Mans Vater war ich aber morgens im Park. Er macht Tai Chi. Im Park habe ich seine Meisterin sowie seine Mitschüler und Mitschülerinnen kennen gelernt. Es waren alles Personen ab 40 (vielleicht sogar eher ab 50) aufwärts. Sie waren davon total begeistert, dass ich mich als junger Mensch für Tai Chi interessiere. Natürlich habe ich ihnen dann auch die Chum Kiu und die Biu Tze vorgeführt. Und danach wurden noch eifrig Fotos mit mir geschossen. Blondschöpfe fallen da ja ziemlich auf. 😀
        Ich kann mir gut vorstellen, dass sich seit den Ip Man Filmen wieder mehr junge Menschen für Kung Fu begeistern. Gut so! 👍

      • Nicht „Kung Fu“, das ist lediglich die im Westen falsche benutzte Form und bedeutet gut in etwas zu sein, bzw. etwas gemeistert zu haben. Wushu – Kriegskunst trifft es eher. Witzig, dass Chinesen sogar Karate trainieren. Warum? Es ist einfacher zu lernen, als die zum Teil sehr komplizierten und antiquiert wirkenden chinesichen Künste. In China hat man daher Sanda „erfunden“, die chinesische Kickbox Variante.

      • Den Begriff „Kung Fu“ hat Bruce Lee in den 70ern im Westen etabliert. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen „Wushu“ zu sagen. In den 90ern, in denen ich mit meinem Training begonnen habe, hat der Begriffsdiskurs aber auch noch keinen interessiert. 😉 „Sifu“ ist beispielsweise ein Begriff der nicht nur in kampfkünstlerischen Zusammenhängen genutzt wird. Ein sehr guter Schuster wird in China beispielsweise auch als „Sifu“ bezeichnet.
        „Sanda“ wäre für mich persönlich nichts. Ich stehe ja auf die inneren Kampfkünste (wie du weißt), bei denen es ums Verbessern des Gefühls geht. 😀 Natürlich ist mir klar, dass ich wie Feng ein „Nahkämpfer“ bin.

      • Das japanische Wort „Sensei“ hat auch eine andere Bedeutung, als lediglich einen Karate Lehrer zu benennen. Es ist die übliche Anrede für Doktor, Professor, Arzt, (Schul)Lehrer.

        Ich glaube die feinere Unterscheidung der Kampfkünste in innerer und äußerer Stil ist noch recht jung. Historisch gab es in China nur kurzer und langer Stil. Die Unterschiede dürften klar sein. Es ist übrigens kein Problem, außer zeitlich, Tai Chi oder „Karate“ parallel zu lernen. Die meisten Wing Chun Sifu haben das gemacht. Selbst Hawkins Cheung hat den 3. Dan in Goju-Ryu-Karate.

      • Es macht echt Spass mit dir zu fachsimpeln! 🙂
        Ich bin da eher leicht gestrickt. Eine Kampfkunst reicht mir, aber in der möchte ich dafür richtig gut werden. 😀

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