Die Bankrotterklärung der deutschen Diskussionskultur

„Den deutschen Debatten fehlt es generell an Toleranz“, hat der der Historiker Heinrich August Winkler gesagt. Statt sich auf intellektueller Ebene sachlich auszutauschen, wird der Deutsche oft persönlich, wie das folgende Beispiel zeigen soll.

Im Plenarsaal eines fiktiven Landtages, hält ein stark übergewichtiger Mann eine Rede. Er ist von der Opposition, die natürlich an die Regierung will. Die unvorteilhafte Kleidung des Mannes sticht sofort ins Auge. Er hat schüttere Haare, schwitzt sehr stark und die Hornbrille lässt ihn unsympathisch wirken.

Niemand mag ihn, aber gut reden kann er. Seine Thesen passen und er punktet bei den WählerInnen. Medien und Regierung stehen dem zunächst hilflos gegenüber, bis einer eine brillante Idee zu haben scheint. „Wir machen die fette Sau lächerlich!“

Und schon beginnt eine Hetzkampagne, die in offenen und verstecken Angriffen gipfelt. Journalisten machen sich lustig, zerpflücken Versprecher und werten diesen Politiker menschlich ganz bewusst ab. Wo immer er auftaucht gibt es Pfiffe und selbst ein faules Ei findet seinen Weg.

Soweit die Geschichte, die zum Teil auf wahren Begebenheiten beruht und kein gutes Licht auf das angeblich so debattierfreundliche Deutschland wirft. Dabei darf jeder in diesem Land (s)eine Meinung haben und diese auch frei äußern. Sachlich und ohne Polemik versteht sich, was auch für Kritiker gilt.

Und die finden sich immer, wenn zu einem Thema Stellung bezogen wird. So sind Feministinnen meist total entrüstet, wenn Mann ihrer Meinung nach sexistische Sprüche über Frauen macht. Leider reagieren sie oft emotional bei ihrer durchaus berechtigten Kritik, was diese abschwächt oder unglaubwürdig macht.

Die Meinung anderer und damit vielleicht eine Diskussion, ein Thema unglaubwürdig zu machen, ist ein beliebtes Stilmittel von Kritikern selbst. Durch absichtliche Provokationen, wird der Fokus auf Nebensächlichkeiten gesetzt oder (gezielt) am eigentlichen Thema vorbei diskutiert.

Welchen (schlechten) Einfluss Kritiken und Kommentare auf die Qualität eines durchaus sachlich verfassten, aber in der breiten Öffentlichkeit als kritisch angesehen Themas – in diesem Fall Marihuana – nehmen können, haben Kommunikationsforscher der Universität Hohenheim untersucht. [KLICK]

Das zweite Beispiel zeigt den Kommentar zu einem Autotest. Ein Leser argumentierte, dass Sportwagen völlig dekadent und wegen des hohen Benzinverbrauchs nicht mehr zeitgemäß seien. Schon gab es heiße Debatten über Ressourcen und Klimaschutz. Über das neue Auto sprach keiner mehr.

Gern wird auf ein Thema auch mit „Ja, aber …“, geantwortet. Scheinbare Zustimmung, um dann so richtig loszulegen. Worte prasseln wie Geschosse, es regnet buchstäbliche Kanonenkugeln, aber kein sachliches Argument.

Voltaires Aussage „Ich hasse, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass du es sagen darfst“, ist in Deutschland schon lange in Vergessenheit geraten. Hier gilt: „Ich hasse, was du sagst, und ich werde Mittel und Wege finden, dich von künftigen Diskussionen auszuschließen!“

Dieser Satz zeigt dabei klar, die Bankrotterklärung der deutschen Diskussionskultur. Nüchtern betrachtet regiert bei diesem Satz kein Verstand. Oft hat blinde Wut die Kontrolle übernommen, was im Extremfall zu handfesten Auseinandersetzungen führen kann.

Nun sollte man annehmen, dass eine gute Diskussionskultur auch mit der Bildung steigt. Aber leider wird gutes diskutieren an keiner Universität gelehrt. Zwar darf und soll man dort miteinander reden, für Studenten ist es wichtig, (fast) alles zu hinterfragen, nur das „wie“ haben sie nie erlernt.

Wer Argumente benutzt, der sollte auch die Unterschiede kennen. Es gibt zwei Arten davon, die sich unterscheiden. Grundsätzlich können Argumente unterschiedliche Komponenten besitzen, die informationelle oder wertende Komponente.

Eine Information ist entweder richtig oder falsch und sollte stets klar bewiesen werden können. Fakten sprechen immer für sich. In beiden Fällen gilt es auf persönliche Angriffe zu verzichten. Kein Mensch ist weniger wert, wenn er eine andere Meinung vertritt.

Dem gegenüber stehen die wertenden Argumentaspekte, die moralischer, ethischer oder weltanschaulicher Art sein können. Diese Art von Argumenten stellen moralische Positionen oder persönliche Werte dar, die lediglich offen gelegt werden können. Zu beweisen oder widerlegen sind sie nicht.

Gute Diskussionen zeichnen sich durch ein hohes Maß an Sachlichkeit ab. Die Redner vermeiden übertriebene Emotionen. „Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, die Ringelsockenpartei hält die Besteuerung von Karosocken für falsch, da … an dieser Stelle sollten echte Argumente stehen“, kommt besser an, als der Satz „Das ist ja mal wieder typisch für diese abgehalfterte Regierung! Einmal mehr zeigen Sie fachliche Inkompetenz … etc.“

Wesentlich krasser und persönlicher, wird im Internet gestritten. Tiernamen haben dort Hochkonjunktur. Zum Teil hagelt es aber auch subtile Beleidigungen, die auf den ersten Blick kaum zu erkennen sind. Die Intention dahinter ist stets fraglich. Sie reicht von Persönlichkeitsstörungen bis hin zu nie gelernter Diskussionskultur. Dazwischen liegen noch (bezahlte) Kritiker, die kontroverse Themen im Auftrag zerschreiben.

Schaut man zurück in der Geschichte, war das Selbstzerfleischen schon ein germanisches Problem. Statt miteinander gegen gemeinsame Feinde Front zu machen, haben die alten Recken sich gegenseitig umgebracht. Die Römer fanden das gut, das Ergebnis ist bekannt.

Bei Diskussionen ist es wichtig niemals auf Provokationen einzugehen. Wer nur attackieren will, egal ob offen oder versteckt, stellt sich selbst ins Abseits. Und das gibt im Fußball einen Pfiff. Freistoß für die Gegenseite. Und dann fällt vielleicht ein (Eigen)Tor.

Dagegen gibt es im Kampfsport immer mehrere Möglichkeiten einer Reaktion. Den Gegner immer wieder sanft ins Leere laufen zu lassen, ist nur eine davon. Sehr schnell gibt der dann auf. Punkt, Satz und Sieg, wer braucht schon einen Krieg.

„Das ist doch völlig absurd und lächerlich!“, ist der vermutlich meist benutzte, erste Satz bei emotional geführten Debatten, gefolgt von  „Sie haben doch überhaupt keine Ahnung wovon Sie reden!“ Beide Sätze sind stark wertend und lassen die nötige Sachlichkeit vermissen.

Ein Kernphysiker, der bei einer Debatte einen Laien mit den brüsken Worten abstrafte „Halten Sie doch Ihren Mund! Sie haben keine Ahnung davon!“, sollte sein Verhalten zwingend überdenken. Auch ein Laie ist vielleicht Vater von Kindern und macht sich Sorgen um mögliche Strahlenbelastung.

Vielleicht hatte der Mann eine gute Note in Physik oder einfach nur eine blendende Idee, die dem Fachmann entgangen ist. Merke: Persönlich werden, andere mundtot machen ist daneben. Reden wir fair miteinander, das ist wahres Leben.

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43 Kommentare zu “Die Bankrotterklärung der deutschen Diskussionskultur

  1. Im Bundestag ist es eine Art Wettkampf, da normale Abgeordnete nur selten Redezeit erhalten und dann versuchen mit Polemik aufzufallen, aber auch die alteingessenen Politiker fürchten immer um ihre Wahrnehmung (muss anscheinend keine Gute sein) und in den Medien sorgen schon die Gastgeber für eine streitbare Runde die Quote und Diskussion sicher stellt. So werden dann vernüftige Gespräche entweder gar nicht oder zu später Stunde präsentiert und wegen fehlender Zuschauer/ Leser auch gerne schnell wieder eingestellt. Es geht als mehr und mehr um den Unterhaltungswert, da spielen Inhalte kaum noch eine Rolle – leider. Toller Beitrag Mayumi, ich denke ich weiß wie du auf das Thema gekommen bist 😉

    • Schon auf der Universität habe ich oft hitzige Debatten erlebt, die sehr schnell sehr persönlich geworden sind. Studenten sind da kein Stück besser. Emotionen zu haben ist menschlich. Aber ich habe oft den Respekt vor dem Gegenüber vermisst. Wer nur emotionale Argumente hat, wer gezielt beleidigt, wer Unhöflichkeit auf seine Fahne schreibt, ist kein guter Diskussionspartner.

      Was Politiker betrifft bin ich deiner Meinung. Diese halb persönlichen Attacken taugen kaum noch als Comedy.

      • Was im Bundestag passiert ist nur noch eine Demokratie-Show für das „dumm“ zu haltende Volk auf RTL II Niveau.
        Die wirklichen Sachdiskussionen werden in Büros und geheimen Meetings gemacht. Und dort wird auch (parteiübergreifend) entschieden. Dort kommen Argumente und Fakten auf den Tisch, die in der Öffentlichkeit und beim Wähler unvestehendes Augenreiben hervorrufen würden.
        Der letzte Tagesordnungspunkt bei den Geheimbesprechungen z.B. in der Koalitionsrunde im Kanzleramt heißt: „Welche Show ziehen wir zu diesem Thema im Parlament, bei der Bundespressekonferenz und in den Parteizentralen ab.
        Bei diesem Tagesordnungspunkt entsteht für jeden Parteivorsitzenden eine Liste mit ihm nahe stehenden Politikern, die festgelegte Argumente im Parlament und in der Öffentlichkeit zu vertreten haben. Es entsteht darüber hinaus eine zweite Liste von Personen und Organisationen, die diffamiert werden müssen und wer diese Diffamierungen in welchen Fernsehsendungen oder anderen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen zu plazieren hat. Die Vorsitzenden der Parteien haben dann die Aufgabe ihre Listen abzuarbeiten und die entsprechenden Leute zu instruieren.
        So funktioniert Diskussionskultur heute. 😈😠😢

      • Du könntest durchaus recht mit deinen Aussagen haben, wenn man sich die Politshow anschaut. Aber wenn wir das Thema auf die nähere Umgebung ausweiten, Familie, Freundeskreis, wird es kaum besser. Dort wird sofort heftigst gestritten, wenn es harmlose Dinge geht. „Blöde Kuh!“, ist dabei noch harmlos. Ich habe das Glück solche Worte „nur“ von nicht Familienangehörigen gehört zu haben. Oder im Internet. Da sind bekanntlich die meisten stark.

      • Meine Aussagen sind sicherlich etwas überzeichnet aber vom Prinzip her läuft es so. Ich hatte da so einige Schlüsselerlebnisse in meiner beruflichen Zeit.
        Was den privaten Bereich betrifft, da hast du recht. Ich gebe aber zu bedenken, dass die Vorbilder auf der großen Bühne von sehr vielen nachgeahmt werden. Und wenn die Politik auf RTL2 Niveau argumentiert, dann kann es im privaten Bereich auch nicht besser sein.
        Jedes Volk bekommt die Politiker die es verdient, 😈😂 und somit auch die entsprechende Diskussionskultur.

      • Meinst du es würde helfen, den von dir genannten Sender abzuschaffen? Und eine bestimmte Zeitung gleich mit. Also nur so eine Idee.

        Vielleicht sollte ich meine Idee mit dem gegenseitigen Austausch – Japan – Deutschland – weiter verfolgen. Die einen bräuchten mehr, die anderen weniger direkte Worte.

  2. Moin Mayuma,

    nur mal ein Gedanke von mir:

    Kann das auch daran liegen, dass einer der mutmaßlich größeren deutschen Denker, Arthur Schopenhauer, mit seiner eristischen Dialektik, eine Blaupause geliefert hat?

    Das geht mir schon seit Jahren immer mal wieder durch den Kopf.
    Die Schrift von ihm ist auf ihre Weise „genial“, aber m.E. schon aus rein menschlicher Sicht pures Gift…wenn Freundschaften, gute Beziehungen kaputt gehen, nur weil einer recht behalten will und dazu jedes Mittel eingesetzt wird…traurig.

    LG und schönen Tag dir/euch
    Oli

    • Im Fall von Intellektuellen könnte Schopenhauer ein Grund sein. Aber ich glaube ein Kernphysiker hat den nicht unbedingt gelesen. Vielleicht sollte man den Blick auf die Zeit nach 1945 richten, als die Alliierten eine Diskussionskultur in Deutschland verordnet haben und auf die Lehrfilme von Frau. Dr. Ilse Mayer-Kulenkampff. Vielleicht ist es wirklich der „deutsche Geist“, das Wesen der hier lebenden Menschen. Dazu fehlen mir noch mehr Hintergründe. Ein spannendes Thema ist es auf jeden Fall.

      Klar ist, dass Menschen oft eine andere Meinung zu einem Thema haben. Aber der Austausch kann fruchtbar sein. Nehmen wir die Wasserstoff Idee bei Autos. Super Sache! Aber …! Wird bei der Gewinnung von Wasserstoff nicht mehr Energie verbraucht als letztlich eingespart werden soll? Schon erhitzen sich die Gemüter diverser Experten und am Ende reden die nicht mehr miteinander, was vielleicht zum Ende des Projekts führt.

      Jeder Mensch irrt sich, hat eine falsche Meinung. Aber statt ihn zu beschimpfen, wie im Fall des Politikers, hätte man sachliche-inhaltliche Fehler finden sollen. Die fand man dann erst viele Jahre später.

  3. Ich las mal irgendwo, ich glaube es war eine Trainerin für interkulturellen Umgang, die Kurse für Manager anbot, in Deutschland herrsche tatsächlich ein sehr ruppiger Umgangston, was die Dame mit einer ausgeprägten Handwerkskultur erklärte. Demnach wären wir also eigentlich eine Horde Bauarbeiter, die sich auf’m Gerüst den ganzen Tag Unflätigkeiten an den Kopf werfen, um fünf dann gemeinsam noch ein Bier ziehen, mit leerem Blick und entkräftetem Körper und am nächsten Tag geht’s wieder los. Die fehlende Debattenkultur sehe ich tatsächlich auch als Folge der Spezialisierung. Egal ob an der Uni oder im Meeting, jeder referiert zu seinem Spezialthema, von dem die anderen keine Ahnung haben. Die können sich währenddessen heute zum Glück mit SMS ablenken und müssen nicht mehr gelangweilt Interesse heucheln. Da muss halt erst ne Japanerin kommen und den kampfkunstgestälten Finger auf die Wunde legen.

    • Es ist richtig, dass im Ausland andere Regeln beim Umgang miteinander gelten. Das fängt schon bei unseren Nachbarn an. Schon das deutsche und so absolut klingende „Nein“ bei Verhandlungen, wäre das Aus für jede Geschäftsbeziehung mit England oder Japan, um nur zwei Länder zu nennen. Der Japaner wird direkte Worte vermeiden um a. dein und b. sein Gesicht zu wahren. Er wird seine Ablehnung vielleicht mit den Worten „das sei schwierig, darüber müsse nachgedacht werden etc.“ umschreiben. Kapiert das der Deutsche nicht, ist er raus aus dem Geschäft.

      Die Intention hinter ruppigen Pöbeleien, wenn, wie von dir angesprochen, über ein Spezialthema referiert wird, von dem der Kritiker überhaupt keine oder wenig Ahnung hat, ist dann eine Folge von … dem leeren Akku des Mobiltelefons vermutlich. Oder doch von schlechter Kinderstube? Aber es ist keine Entschuldigung. Auch diskutieren kann man lernen.

      • Tja, in Österreich sind die Zustände bezüglich Diskussionskultur und gegenseitigem Respekt ähnlich, aber einfach „Nein“ und sehr unflexibles Verhalten wird als unhöflich und humorlos gesehen. Das hat aber nichts mit tatsächlichem gegenseitigem Respekt zu tun sondern nur mit oberflächlichen Umgangsformen …

      • Ich habe mal einen Film gesehen, in dem sich zwei Österreich auf charmante Art beleidigen. Vermutlich klingt dann eine unsachliche Diskussion gleich etwas besser. Hast du eine Erklärung warum Diskussionen auch bei euch so wenig sachlich sind?

      • Weil die österreichische Kultur harmoniesüchtig ist. Die glatte Oberfläche verbirgt aber viele unterirdische Stürme. Solange es irgendwie geht stimmt man dem Gesprächspartner zu, egal, was man wirklich denkt, wenn es dann gar nicht mehr geht, hat sich so viel Emotion aufgestaut, dass die Sachlichkeit auf der Strecke bleibt …..
        Das ist jetzt natürlich eine grobe Verallgemeinerung. Wir haben zB einen neuen Kanzler, der in puncto Sachlichkeit einen sehr guten Eindruck macht. Der ist aber kein Karrierepolitiker sondern ein Spitzenmanager …..

      • Verstanden. Manager haben gelernt Emotionen zu unterdrücken. Nur der Erfolg zählt und den geht man nüchtern an. Gefeiert wird dann später. Leider hören wir in Deutschland zu wenig von direkten Nachbarn, was ich schade finde. Auch daran krankt Europa. Danke für die Information.

      • Ja, das finde ich auch. Zum Beispiel das Deutschlandbild ist in Europa gelinde gesagt klischeehaft … Was ich zB beim Bloglesen schon alles über euch Nachbarn erfahren habe, ist beträchtlich 🙂

  4. Wenn man bei Diskussionen keine sachlichen Argumente mehr hat, sollte man nicht anfangen persönlich zu werden. Das ist nämlich definitiv kein Zeichen für innere Stärke oder Überlegenheit. Leider halten sich daran noch nicht einmal unsere Politiker im Bundestag.

    • Die sprichwörtliche deutsche Überheblichkeit, der Zwang alles besser zu wissen, stößt oft auf Kritik im Ausland. Auf einer Autobahnraststätte, die von Bundeswehrsoldaten „überrannt“ worden ist, habe ich mehrfach das Wort Inselaffen gehört. Die Soldaten diskutierten über einen Truppenbesuch in England, dem sie Soldaten kritisch gegenüber standen. Der noch junge Offizier, der den Besuch vehement verteidigte, sah schließlich keine andere Möglichkeit mehr, als die Diskussion mit dem scharfen Befehl zu beenden „Meine Herren, es reicht!“

      Das war nun ein eher harmloses Beispiel. Über die emotionalen Hintergründe der Diskussion weiß ich nichts. Vielleicht gab es schlechte Erfahrungen. Alles möglich. Aber die beziehen sich dann lediglich auf eine Minderheit.

      Im Internet wird Diskussionskultur meist klein geschrieben. Das Ausrufezeichen wird gern und oft gebraucht. Und natürlich ein Thema mit Zähnen und Klauen verteidigt, von dem der Kritiker meist selbst wenig Ahnung hat. Was er aber wieder dem Themenersteller unterstellt. Und schon fetzen sie sich. Ach du nicht mehr heile Welt …

      Mir würde z. B. nicht im Traum einfallen dich für deine Arbeit zu kritisieren, wenn du darüber einen Blog erstellst. Mein Halbwissen über Psychologie reicht dazu nicht. Auch wenn ich es für ein spannendes Thema halte. Im Gegenteil kann ich von dir lernen. Behauptest du natürlich, dass alle JapanerInnen klein sind, werde ich mit einem sachlichen Gegenargument kontern. Aber sie sind kleiner als deutsche Frauen. Somit hättest du recht.

      Der größte Fehler bei Diskussionen ist meist der einleitende Satz, bei dem viele Kritiker sofort persönlich werden. Z. B. „Du hast doch überhaupt keine Kinder und hast keine Ahnung wovon du sprichst!“

  5. Gut auf den Punkt gebracht. Mayumi 🙂
    Ich kann es regelmäßig nicht fassen, wie im Wahlkampf miteinander umgegangen und übereinander hergezogen wird. Du sagst es, Respekt ist das, was dabei völlig abhanden kommt. Das stört mich unheimlich.

    • Manchmal frage ich mich, ob dieser Wahlkampf unter allen Menschen und nahezu täglich ausgetragen wird. Keine Ahnung von etwas zu haben, ist keine Schande. Es auf rüpelhafte Weise auf den Tisch zu bringen schon. Jeder Mensch darf seine Meinung haben. Ihn sachlich zu widerlegen ist dann die wahre Kunst. Danke fürs lesen. 🙂

      • Nicht unter allen. Aber ja, ich gebe dir recht, manchmal findet man sich täglich in solchen Kämpfen. Ich mach da nicht mit, versuche es zumindest. Es ist keine Schande, nett zu sein 🙂
        Und: gerne.

      • Ich „kämpfe“ gern. Für meine Sache und Dinge, die mir wichtig sind. Und bei LGBT Themen kann ich durchaus emotionaler werden und allzu konservative Parteiprogramme als muffig betiteln. Die Freiheit nehme ich mir. 😉

      • Kämpfen darfst du. Sollst du, als Kämpferin 🙂 Ich kämpfe auch für Dinge, die mir wichtig sind, aber ich habe meinen Kampfstil, und der ist zwar auch emotional, aber weder laut noch verletzend. Vielleicht dauert es manches Mal länger, um ans Ziel zu kommen, aber ich komme durchaus ans Ziel.

  6. Hallo Mayumi,

    danke für die Rückmeldung.

    Blaupause
    Es gibt zig Bücher am Markt, die diese Blaupause intus haben – nur mal zwei willkürliche Beispiele mit kompletter Titelnennung:
    – Auf alle Fälle recht behalten. Dialektische Rabulistik. Die Kunst der überzeugenden Wortverdreherei
    – Bullfighting: Die härteste Kampf-Rhetorik. So besiegen Sie Ihre Feinde

    Dem Diktum „Wenn ich schon nicht recht haben kann, dann ist es umso wichtiger, recht zu behalten.“ folgend, sind das Bücher, die du in Buchhandlungen sehr wahrscheinlich bei Populärwissenschaft, irgendwo in der Nähe von Fuzzy logic für Dummies o.ä., finden kannst.

    Deutscher Geist
    Als Nativling, der sich damit (und mit sich) über die Jahre immer mal wieder mit verschiedenen Zwischenresultaten befasst hat, möchte ich es mal so versuchen zusammenzufassen:
    „Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer Selbst willen zu tun“ (wird Richard Wagner zugeschrieben).
    In manchen Gebieten ist das harmlos (Jengaspielen macht man halt, und gut ist) kann sich aber durchaus als problematisch erweisen, wenn es um ein Festhalten bspw. an abstrakten Konzepten, Ideen, Vorstellungen geht. Das Tor zum Radikalen steht dann jedenfalls offener.

    Weiter gab/gib es bei „uns“ weiterhin zumindest eine unterschwellige Tendenz, alles am Besten zu wissen (die politische Verortung spielt da keine Rolle)…die Welt soll genesen an was (du weißt schon).
    Das Auftreten von einigen „unserer“ leitenden politischen Führungskräfte (gemäß Amt und Bezeichnung) wie Frau Dr. M. und insbesondere Herrn Dr. S. in Europa würde ich in diese Kategorie einordnen wollen. Dass das nicht überall cool gesehen wird und wurde, ist uns auch klar.

    Ich denke weiter darüber nach, denn du weißt schon:
    Wir Deutschen können einen Gedanken lieben…;-).

    LG
    Oli

    • Über M + S sind wir uns einig. Eine Anekdote nebenbei: Auch ich werde von Freundinnen schon mal als „oberlehrerhaft“ angesehen, wenn ich scheinbar unverrückbar auf einem Punkt bestehe. Bin ich schon zu deutsch geworden? Buddha hilf!

      Diskussionstechniken, wie man recht behält, NLP etc. habe ich mir schon vor Jahren anschauen müssen. Es hilft wenn Frau weiß, wie sie Mann von ihrem Konzept zur Firmenrettung überzeugt. Auch wenn sie dabei mehr Geld, als die Konkurrenz verlangt.

      Ein Gedanke, den ich schon länger habe und der wieder unsere Medien betrifft, die uns bekanntlich alles vorleben. Tragen sie eine Mitschuld an der radikalen deutschen Diskussionskultur? Der Umgang mit neuen Parteien, Politikern, Künstlern, lässt oft zu wünschen übrig. Wie kann es dann Hans Maier-Müller besser machen. Oder von mir aus auch Lieschen Radieschen. Also ich kann … auch ohne Medieneinfluss denken.

      • Hallo nochmals,

        Medien
        Ich möchte die von dir aufgeworfene Frage mit einem JA beantworten. Weitere Ausführungen sind für einen Kommentar auf einen Blogbeitrag umfangsmäßig, denke ich, zu schwierig zu handeln, insofern möchte ich es einstweilen auf ein paar kommentierte Stichwörter begrenzen:

        – Pornographisierung (Hääää? – ja, richtig gelesen): Schriller, häufig aber auch abgründige Zurschaustellungen, um (noch) Wirkung zu erzielen (welche? – vermutlich egal):
        Was ist bspw. so toll daran, wenn ein Menschenkind, das mit 190kg Lebendgewicht ohnehin nicht leicht durch’s Leben gehen muss, zeigt, dass es 4kg Spaghetti Bolognese im Rahmen der 45 Minuten Sendung verdrücken kann…?
        – „Nachrichten“, vorselektiert nach negativem Unterhaltungs- und Schockwert
        – Trivialisierung durch Konstruktion und Propagierung von Beliebigkeit: Alles ist gleich wichtig
        – Intellektuelle Entmündigung – ich mag es, wenn Herr Kleber sagt, „Alles, was Sie wissen müssen“…shiny happy people everywhere…

        Zum Thema Medien empfehle ich gerne die Lektüre „Die Antiquiertheit des Menschen“ Band 1 von Günter Anders, hier: das Essay „Die Welt als Phantom und Matrize“, das er, so meine ich, 1948 verfasst hat, also einige Jahre vor Marshall McLuhans Arbeiten zu Massenmedien.

        Nachsatz
        Ein Nachsatz noch zur Diskussionskultur früherer Jahre in der Politik:
        Man mag den Auseinandersetzungen bspw. eines Herbert Wehner mit einem Franz-Josef Strauß nachtrauern ob ihrer Intensität, vielleicht auch Authentizität.
        Dennoch war/ist das für auch schon das Prinzip Poltergeist gewesen – laut, polemisch und für mich nicht immer genießbar (in Japan würde das vermutlich als fortgesetzte, wechselseitige, grobe Unhöflichkeit gesehen worden sein…).

        Vorläufig endgültig
        Ich denke weiter nach – wenngleich mein Bauch sagt, dass jetzt gut ist, und wir beide warten sollten, bis Mayumi ihren nächsten Blogbeitrag zu
        „Intuitive Entscheidungen aus Sicht einer Zen-Buddhistin“
        fertig gestellt hat ;-).

        LG und beste Wünsche
        Oli

      • „Intuitive Entscheidungen aus Sicht einer Zen-Buddhistin“ klingt nach einem guten Titel. Ich wäre mehr für „Die Logik im Zen-Buddhismus aus weiblicher Sicht.“ Das wäre ein Bestseller. Bestimmt!

        Ich kann jetzt nicht zu jedem Punkt Stellung nehmen, Strauß und Wehner habe ich bewusst nie erlebt. Kleber passt aber ebenso, wie Pornographisierung.
        Grüße aus dem Elfenheim.

  7. schwierig wird es dann, wenn die Gegenfraktion Fakten nicht mehr gelten lässt und persönliche Erfahrung über wissenschaftliche Evidenz stellt. Stichwort Impfgegner und Verschwörungstheorien a la „Flat Earth“.
    In USA gibt es diese extreme Un-Diskussionskultur aber auch schon. Teilweise so heftig, dass sachliche Diskussionen nicht mehr möglich sind, weil das Argument „ich fühle mich durch diese Aussage diskriminiert/beleidigt/getriggert“ gegenüber jeglichem Sachverhalt als gleichwertig gegenüber gestellt wird. So kann man nunmal nicht mehr diskutieren.

    • Persönliche Erfahrungen, die lediglich einen oder wenige Einzelfälle abbilden, als Grundlage oder Entschuldigung für unsachliche Argumente zu nutzen, ist weit verbreitet. Da stimme ich zu. Das habe ich schon selbst erlebt. Ich glaube in den USA sind es vor allem die Minderheiten, die dieses Verhalten zeigen. Nur gibt es dort eben wirklich noch Rassismus.

      Aber mein Fokus liegt auf Deutschland und der hiesigen Unkultur, wenn es um Diskussionen geht über völlig normale Themen geht. Und wehe man hat hier eine andere Meinung, als es die gleichgeschaltete Presse erlaubt. Oder die regierende (Einheits)Partei. Dann wird der rosa Stuhlkreis tätig und die fehlgeleitete Person für immer mundtot gemacht. Einige Beispiele der jüngeren Vergangenheit sollten noch in Erinnerung geblieben sein.

  8. Wo Emotionen und Identifikationen (versteckt) regieren, wird die Logik zum Feind. In Österreich konnte man das beim letzten Wahlkampf gut beobachten; da wurde ein Land gespalten, aber ganz sicher nicht mit sachlichen Argumenten. Tief durchzuatmen, einen Schritt zurückzutreten und die Bereitschaft aufzubringen, im Dialog die Anliegen des anderen wahrzunehmen würden Wunder wirken. 🙂
    Liebe Grüße!

    • Man kann in Foren / Blogs gut sehen, wie Menschen aneinander vorbei schreiben / reden. Statt auf die Meinung einzugehen, wird lieber eine unsachliche Attacke geritten oder die eigene Meinung so vehement aufs Papier gebracht, dass vermutlich die Tasten dabei glühen.

      • Natürlich – es fühlt sich doch tausendmal besser an, seinem Unmut Luft zu machen, es dem/der anderen so richtig zu zeigen und „etwas zu tun“, nicht wahr. Wäre doch schrecklich, falsch zu liegen, das fühlt sich ja grausig… nein, besser nicht daran denken 😉
        Hab einen schönen Montag 🙂

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