Absolut Miami – Teil 2: Born in the USA

Die Fahrt nach Coral Gables verläuft ereignislos. Im Radio läuft „Born in the USA.“ Etwas müde, aber glücklich, sitzen wir im klimatisierten SUV. Miami zieht ohne Eindruck zu hinterlassen an uns vorbei. Unsere Augen sind offen, aber wir sind ziemlich ausgelaugt.

Wir werden herzlich aufgenommen. Dakota, die Schwester von Allys Vater, erwartet uns mit ihrer Frau Susan. „Herzlich willkommen“, sagt sie auf Deutsch und lacht, als ich sie dafür lobe. „That’s pretty much all I can say“, erklärt sie mir. „Thank you for having us“, erwidere ich. „Das ist wirklich lieb.“

Dakota muss früher eine bildhübsche Frau gewesen sein. Selbst heute, mit 54 Jahren, ist sie noch attraktiv. „Die blonden Haare sind gefärbt“, verrät sie uns und zwinkert. „Grau steht mir so schlecht.“ Susan lacht und nickt. Die Afro-Amerikanerin ist Friseurin und hat einen wunderbaren Kurzhaarschnitt.

„Wir sind seit mehr als 25 Jahren zusammen“, erzählt sie stolz. „Als ich diese Frau damals sah wusste ich, die oder keine!“ „Voll das Klischee“, stichelt Dakota und gibt ihrer Frau einen Kuss. „Ihr wollt doch alle blonde Frauen.“

Susan, das merken wir schnell, ist für jeden Spaß zu haben. „Rassistin!“, ruft sie und wir müssen alle lachen. „Schwarz zu sein und lesbisch macht dich zum doppelten Außenseiter“, sagt sie. „Die Zeiten waren nicht immer und überall rosig. Ihr lebt als Japanerinnen in Deutschland, wie ist das dort?“

Wir erzählen von Deutschland und Europa, die Unterschiede sind wirklich groß. Vor allem im LGBT-Bereich. Da ist Deutschland um Welten hinter den USA zurück. Ally und Heather schauen sich verliebt an, als wir von unserer Heirat sprechen. „Eingetragene Lebenspartnerschaft“, heißt das nur.

„Ihr könnt doch in den USA heiraten!“, schlägt Dakota vor. „Wir haben das endlich letzes Jahr gemacht, als das Verbot gefallen ist. Jetzt kann diese Süße mein Vermögen erben.“ Susan lacht schon wieder. „Die hat doch keinen Penny“, lästert sie und wird von ihrer Frau gezwickt. Liebe kann so einfach sein.

Dakota verkauft Autos. Ein eher ungewöhnlicher Beruf für Frauen, wie ihr Chef einst sagte. „Ich habe mehr Abschlüsse, als meine männlichen Kollegen“, sagt Dakota. „Die lügen zu viel. Ich verkaufe Autos mit Gefühl und versuche nie Kunden übers Ohr zu hauen. Wer zufrieden ist kommt wieder. Auch zur Inspektion.“

Ich zeige Bilder von meinem 370Z und sofort sind alle total begeistert. Auch von den über 600 PS des Wagens. „Der ist schneller, als der Serien GT-R“, sage ich. Aber das kann ich so gut wie niemals fahren.“ Die umgebauten Audi kommen ebenfalls gut an. „Den RS-6 kenne ich“, sagt Dakota.

Sie hat Ally ihren Dodge SUV geliehen. „Den fahren wir viel zu selten, ich habe einen Firmenwagen.“ Damit ist ein Porsche 911 gemeint, den ich schon bei der Ankunft bewundert habe. Schnelle Frauen braucht das (amerikanische) Land.

Die Zeit vergeht, wir trinken leckeren Tee und erzählen immer weiter. Unser Englisch kommt wie von selbst zurück. Irgendwann schläft Yuki in meinen Armen ein. Dakota springt auf und entschuldigt sich betroffen. „Die Zeitumstellung, um Himmels Willen, warum habt ihr nichts gesagt?“

Ohne eine Widerrede gelten zu lassen, packt sie uns ins Bett. An der Wand hängen Bilder ihrer Töchter. Sie ist die leibliche Mutter, Susan konnte keine Kinder bekommen. „Die drei kommen auch noch zu Besuch“, verrät sie uns. „Und jetzt schlaft ihr Süßen. Wir sehen uns morgen.“

6 Stunden Zeitunterschied sind einfacher zu verkraften, als die 9 Stunden von L.A. Aber die Müdigkeit trifft uns dann doch mit einem dicken Hammer. Wir schlafen im klimatisierten Zimmer. Und die Träume nehmen uns mit.

Am nächsten Tag weichen Ally und Heather keinen Schritt von unserer Seite. Aber sie gehören zu jenen Menschen, die das zu keinem unangenehmen Erlebnis machen. Noch in Deutschland habe ich Kontakt zu einem Karate Dojo in Miami aufgenommen. Geleitet wird es von einem Japaner, den ich Sensei Iwasaki nennen möchte und den wir Montags besuchen.

Sensei Iwasaki hat den 5. Dan und freut sich bekannte Laute zu hören. Seine SchülerInnen sind überwiegend weiße Amerikaner. Ich sehe viele Schwarze Gürtel, aber wenig Talent. Das hier sind fast alles Kickboxer. Richtiges Karate ist ihnen fremd.

Der Sensei scheint meine Gedanken zu lesen. Nach dem Training kommt er zu mir und entschuldigt sich. „Ich musste meinen Stil komplett ändern, wenn ich mit meinem Dojo überleben wollte“, sagt er traurig. „Hier in Amerika geht es immer nur um Kampf und Stärke.“

„Das ist leider auch in Deutschland so“, erzähle ich. „Auch ich unterrichte einen eigenen Stil, der mehr auf Selbstverteidigung ausgerichtet ist.“ Der Sensei zeigt sich interessiert an meinem Aiki-jūjutsu. „Ich lerne noch Brasilian Jiu-Jitsu“, verrät er mir. Ich nicke, auch dieser Sport ist gut.

Für unsere Begleiterinnen war das die allererste Karate Stunde. Immerhin sind sie einigermaßen fit und hatten Spaß. „Aber mir tun die Beine weh!“, stöhnt Heather. „Wollen wir noch an den Beach?“ Aber Allys Handy ruft uns zu ihrer Tante zurück. „Meine Cousinen sind da!“, freut sie sich.

Vor mir sitzen „Drei Engel von Dakota“, alle sehen wie Kopien ihrer Mutter aus. Und keine ist lesbisch. So viel zu homophoben Vorurteilen. Sie haben ihre Freunde mitgebracht, die mich angenehm überraschen. Kein dummer Spruch, kein Gestarre, einfach nur drei nette (große) Jungs.

Wir unterhalten uns prima, alle sind an unserem Leben interessiert. Oberflächlich sind nur die anderen. Diese Menschen haben eine gesunde Neugier bewahrt und das Interesse an fremden Ländern und deren Kultur.

Wie kulturell es weitergeht erfahren Interessierte im nächsten Artikel. Bis dahin sage ich danke fürs lesen.

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9 Kommentare zu “Absolut Miami – Teil 2: Born in the USA

  1. Tolle Leute, tolle Autos und Karate, ja das hört sich nach dem optimalen Urlaub für Euch an. Schön auch mal positive Geschichten zu lesen!
    Liebe Grüße
    Ulrike

  2. Da seid ihr ja bei einer sehr netten Familie untergekommen. 🙂 Ihr scheint euch oft Karateschulen anzugucken. Ich schaue mir auch immer gerne Wing Chun Unterricht in anderen Ländern oder Städten an. Es ist echt interessant zu beobachten, wie unterschiedlich unterrichtet wird.

    • Ja, Allys Familie ist supernett. Der Urlaub war wirklich ein Traum. Wir sind auch im Urlaub immer auf Fitness bedacht. Aber das geht auch ohne Dojo.

      Der Sensei war ganz okay. Aber klassisches Karate mögen offenbar nur noch wenige Menschen lernen. Was schade ist.

      • Klassisches/traditionelles Wing Chun wollen ja scheinbar auch zu wenige lernen, denn ansonsten hätte sich WT nicht so durchgesetzt. Ich mag traditionelles Kampfkunsttraining total, nicht nur Wing Chun! Draufkloppen kann jeder. Das ist keine Kunst.

  3. Einen schönen Samstag wünsche ich dir wieder sehr Spannennt freut mich das der Urlaub schön war für euch.Liebe Grüße und ein gutes Wochenende eine Umarmung Gislinde

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