Karate – Tradition und Moderne

Immer wieder treffe ich auf Menschen, die Karate falsch verstehen. Karate ist für sie nur Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck sind oft Prügeleien. Manche Männer müssen sich nun mal beweisen, wer der bessere Dummkopf ist. Aber was ist nun Karate wirklich und wo genau liegt der Fehler dieser Menschen?

Hauen, prügeln und eine blutige Nase, ist im (Box)Ring zur Mode geworden. Mixed Martial Arts (MMA) und Ultimate Fighting Championship (UFC) bestimmen die Szene. Zwar gibt es Regeln in der UFC, aber Platzwunden und Brüche zu haben, ist offenbar für manche Kämpfer Trend.

Kickboxen und MMA verhöhnt die Grundidee und befriedigt die Gier nach Blut und Sensationen jener Menschen, deren niedere Instinkte durchgebrochen sind. Mit traditionellem Karate hat das wenig zu tun. Davon haben die Plattmacher im Ring keinen Plan.

Die Wurzeln des Karate liegen in China. Nachforschungen wollen den Weißen Kranich Stil als Urform des Karate identifiziert haben. Und zumindest in den Okinawa Stilen finden sich noch Ähnlichkeiten zum chinesischen Wushu, das man im Westen stets und falsch als Kung Fu bezeichnet.

Zwingend unterscheiden und auch verstehen müssen heutige Karate Schüler, den Unterschied zwischen traditionellem und modernem Karate. Das traditionelle Karate ist eine Kampfkunst. Geschaffen zur Selbstverteidigung, war es die Kunst des Überlebens für die damaligen Menschen und eignet sich denkbar schlecht für sportliche Vergleiche.

Das Aussehen der Techniken war dabei zweitranging, die Wirkung war alles. Die schnörkellosen Bewegungen des morderen Karate, haben sich erst nach und nach entwickelt.  Im Ernstfall war ein Angreifer sehr schnell außer Gefecht gesetzt. Was aber niemals das eigentliche Ziel gewesen ist.

Traditionelles Karate war mehr als nur Training und Kampf. Zen-Buddhismus, Meditation und Heilkunde waren Bestandteile, die man heute leider vergessen hat. Im Karate hat man Geist und Körper gestählt. Erst in den USA hat man daraus Kickboxen gemacht. Aber Showkämpfe hat es im alten Karate nie gegeben.

Ziel des traditionelle Karate war es auch, den menschlichen Charakter so zu formen, dass es ihm möglich war ohne Gewalt den Sieg über einen Gegner zu erzielen. Und genau an dieser Stelle setze ich an, um den Denkfehler vieler moderner Karateka aufzuzeigen, die den Fokus nur auf den kämpferischen Aspekt von Karate legen. Und das ist so falsch wie dumm.

Modernes Karate, für das ich stellvertretend das Shtotokan Karate nennen will, ist ein Kampfsport, der nur noch den gleichen Namen wie die klassische Variante trägt. Die Karateka begegnen sich freundschaftlich, der Sieger wird nach festen Regeln ermittelt.

Aber modernes Karate hat mehr als nur Wettkämpfe zu bieten. Es ist zum Breitensport geworden und eignet sich auch als Bewegungstherapie für ältere Menschen. Das eigentliche Problem sind jene Meister, die selbst keine Ahnung von Traditionen haben.

Mein Vater hat einmal gesagt, dem moderne Karate drohe eine Versportlichung durch den Wettkampf. Inklusive bleibender Schäden bei den Trainierenden, die sich durch Fehlbelastung die Gelenke ruinieren. Es fehle auch am nötigen Respekt dem Trainingspartner und dem Sensei gegenüber. Was augenzwinkernd in meine Richtung ging.

Natürlich meinte er damit jene Kickobxer, die keinerlei Bezug zu Traditionen haben. Von den Karate Prinzipien haben die noch nie gehört. Und statt sich in Meditation zu üben, werden lieber die Gegner verkloppt.

Modernes Karate muss nicht schlechter, als sein traditionelles Vorbild sein. Schlechter sind leider nur diverse Meister, die diesen Titel zu Unrecht führen. Die Fähigkeit eines guten Lehrers liegt nicht unbedingt in der Weitergabe von bestimmten Informationen, sondern vielmehr darin, den Geist eines Schülers zu wecken.

Wer sich wirklich für die alten Kampfkünste, oder ihre modernen Sport Varianten interessiert und einen guten Meister findet, wird den Schritt zum Karate nie bereuen. Wer nur prügeln will soll auf die Straße gehen.

Großmäuler, die den Vergleich ihres Kampfsports mit Karate suchen sollten besser nachdenken gehen. Kein reiner Wettkampfsportler kann (im Ernstfall) gegen einen traditionellen Karateka bestehen. Dazu fehlt ihm jede Klasse.

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31 Kommentare zu “Karate – Tradition und Moderne

  1. Sehr schön beschreibst Du hier auch einen grundlegenden Unterschied der Kulturen. Europäer lieben nun mal klare Ansagen und klare Wettkampfentscheidungen. Irgendwo las ich mal einen interessanten Erklärungsversuch eines Ökonomen: Nasser Reisanbau erfordert Kooperation mindestens eines Dorfes, die können sich dann keine offenen Konflikte leisten. Weizen hingegen kann von einem Familienverband angebaut werden. Man muß nicht mit dem Nachbarn kooperieren. Wirklich spannend aber wird es, wenn Traditionen aus dem Kontext gehoben werden und sich in fremdem Umfeld entwickeln.

    • Danke dir!

      Könnte man den Unterschied der Kulturen nicht auch mit dem Glauben erklären? Zen-Buddhisten sind friedlicher, verstehen sich aber zu wehren. Auge um Auge steht aber in den jüdisch-christlichen Schriften.

      • Verzeihung, wenn’s länger wird. Aber Religion, Politik und Kampfkunst sind einfach so geil unendliche Themen. Ich glaube, die Theologie ist unwichtig. Wenn’s gute Religionen sind, kann man aus der reinen Lehre alles und nichts herleiten. Und die Friedfertigkeit kommt daher, daß Ostasiaten einfach zwei oder dreitausend Jahre mehr Erfahrung mit bevölkerungsreichen Zivilisationen haben, merkt man ja schon bei Stau im Straßenverkehr. Die Organisationsform scheint mir aufschlußreicher: Das weströmische Modell mit Gründung einer Kirche als überstaatlicher Organisation, sozusagen eine Parallelverwaltung. Die Kirche stützt das Fürstenhaus, umgekehrt müssen sich Fürsten gegenüber einer unabhängigen Kirche auch mal im Religionskrieg beweisen. Das orientalische Modell kennt den Priester nur als Untertan, den Fürsten immer als Kirchenoberhaupt oder Patron der Religion. Mit orientalisch meine ich hier alles von Athen bis Tokyo. Hier braucht es keinen Religionskrieg, der Fürst bestimmt sowieso, was gepredigt wird. Auch auf die Kriegskünste wirkt das: Sind Staatsmacht und glauben streng getrennt, wird die Kriegskunst Spielball des politischen Wettbewerbs, gnadenlos effizient und innovativ, aber traditionsvergessen. Wenn Tempel und Palast eins sind, muß der Mönch die Prinzen auch die Schwertkunst lehren, und der Fürst ehrt den spirituellen Lehrer, wenn er das Schwert führt. Das wiederum bescherte uns die wunderbaren Übungssysteme, uraltes heiliges Handwerk, Medizin und Erleuchtungsweg in einem. Darum schwer zu begreifen. Denn es gibt nichts zu begreifen, man muss es machen, dann kann man’s. Lesen hilft nicht, diskutieren erst recht nicht. Trotzdem hab ich das Bedürfnis drüber zu reden, aber ich werde den Ton nie treffen. Wer redet, weiß nicht, wer weiß, redet nicht. Aber um auf n Punkt zu kommen: Kann mir nicht vorstellen, daß Ostasiaten nicht auch Wettkampf-Sport entwickelt haben. Chinesen jedenfalls sind doch notorisch Spielsüchtig. Und stecken hinter Thaibox-Arenen und K1 nicht ursprünglich japanische Buchmacher?

      • In China, Japan und Korea gibt es heute viele Ligen, die rein kommerziell aufgebaut sind und puren Kampfsport machen. Was alles von Boxen, Sumo, MMA, Wrestling (Show!), Thai Boxen etc. betrifft. Aber traditionelle Kampfkunst ist etwas anderes.

        Modernes Karate, der Kampfsport, wird 2020 bei Olympia erscheinen. Das ist eine riesige Chance für Karate! Und ich hoffe, dass meine Landsleute nicht nur den modernen Aspekt sondern auch die Tradition vermitteln können.
        Witzig übrigens, dass sich auch viele Chinesen in Karate üben. Und die Koreaner haben es uns auch nur abgeschaut. 😉

      • Ja, ich hörte mal, Karate sei am frühesten und am gründlichsten systematisiert worden. Sportlicher Wettkampf wird da nicht schaden. Ich kämpfe nicht, darf nur mittrainieren. Aber bei aktiven Kämpfern beobachte ich durchweg die klassischen Tugenden der Kampfkünste: Fleiß, Gelehrsamkeit, Sanftmut gegenüber Trainingspartnern und Demut, weil sie genau wissen, dass Sportler für Höchstleistungen nur ein kurzes Zeitfenster haben und am Ende immer nur der Veranstalter gewinnt.

  2. Was MMA etc. angeht, sprichst du mir wirklich aus der Seele. Diese Kämpfe erinnern mich an die Gladiatoren-Kämpfe der Antike. Da hat das Volk auch nach dem Blut der Kämpfer gelächzt, was ich für sehr primitiv halte. Außerdem danke ich dir dafür, dass ich durch deine Texte nun ein ganz anderes Bild vom traditionellen Karate bekommen habe. Ich wusste nicht, dass wie beim Kung Fu, Meditation etc. eine große Rolle spielen. Leider werden mir ja auch nur Techniken beigebracht und nicht mein Geist usw. ausgebildet. 😉

    • Ursprünglich wollte ich eine ganze Serie über die klassischen Kampfkünste schreiben und den Unterschied zur Moderne zeigen. Aber solche Details lesen sich langweilig. Daher verpacke ich die Unterschiede gern in selbst erlebte Geschichten, oder benutze diese als Grundlage für einen fiktiven Text, wie „Die Herausforderung.“
      Wing Chun eignet sich nur begrenzt um tiefer in die Materie Wushu einzusteigen. Das System kratzt nur an der Oberfläche, ist aber in Kombination mit anderen Kampfsportarten gut.
      Kompletter und was du vielleicht suchst, wäre das Wudang Tai Chi. Mich würden die Unterschiede und Ähnlichkeiten mit „meinem Tai Chi“ interessieren. Oder der Unterschied Wudang Schwert vs. Kenjutsu.

      Gibt es in eurem Wing Chun Club Graduierungen, also Schüler- und Meistergrade?

      MMA ist primitiv. Das ist „Bloodsport“ in meinen Augen und völlig an jeder Realität vorbei.

      • Deine selbst erlebten und fiktiven Geschichten sind auf jeden Fall sehr spannend! 🙂 Und ich muss zugeben, dass ich mich auch echt für Tai Chi interessiere, wodurch ich mir so etwas bei YouTube immer anschaue:

        Du scheinst echt emphatisch zu sein. 😉 Und ja, es gibt bei uns Graduierungen, einmal für die Schüler und andererseits auch für die Lehrer.

      • Der Typ in Rot benutzt seine physische Präsenz und kontert den anderen ständig aus. Der hat offenbar Angst und kickt mit Ansage. Klar zeigt der Kanpf einige Dinge, wie die schiebenden Hände, aber kein Wudang Tai Chi Schüler würde auf Meisterschaften gehen.
        Mich amüsieren immer die Kommentare der youtube Zuschauer, die absolut nichts von Kampfkunst und -sport verstehen.

  3. Ich habe Karate nie erlernt aber von meinem Judolehrer habe ich gehört das Karate „offene Hand“ bedeutet und ursprünglich friedlich zu betrachten war. Danke für deinen wirklich interessanten Artikel Nandalya 🙂

  4. Das ist wahrscheinlich ähnlich wie mit Yoga. Das ist auch ein ganzheitliches System, das von Leuten, die in drei Wochenendkursen zu Yogalehrern ausgebildet wurden, als Gymnastik gelehrt wird ….

    • Um eine Lehrberechtigung zu bekommen bedarf es schon eines Schwarzen Gürtels. Und dafür braucht es einige Jahre. Aber wenn dieser Meister keine Ahnung von Traditionen hat und nur den sportlichen Wettkampf sieht, wird der wahre Geist des Karate nie bei seinen Schülern erwachen.

  5. Einen schönen Tag für die über Karate weiß ich auch nicht so viel aber Interessanter Beitrag wünsche dir eine gute Woche lieber Gruß und Umarmung Gislinde

    • Wenn das Dojo mit Pokalen überhäuft ist und der Trainer beim Erstgespräch sofort von Wettkämpfen spricht, ist das ein untrügliches Zeichen für den falschen Weg. Oft kommt in solchen Vereinen die reine Selbstverteidigung viel zu kurz. Der Fokus liegt beim Kumite – Freikampf -, alles andere wird vernachlässigt.

      • Wenn man sich nach dem Erstgespräch gleich umziehen darf, auf ne Matte gestellt wird und man irgendwelche Übungen eintrainieren soll. Zielsicher am Menschen vorbei kann ich da nur immer schreiben.
        Am Anfang ein Gespräch, erstmal schauen was der Mensch im Kopf will und nach ein paar Stunden ohne jede sportliche Einheit ( oder wie auch immer man das nennen möchte ) mal ganz vorsichtig den Schüler verschiedenes ausprobieren lassen unter Daueraufsicht vom Trainer / Trainerin. Wer nach der ersten Stunde gleich mit Muskelkater oder Zerrung nach Haus läuft verliert nach kurzer Zeit das Interesse. Bei uns gibs nach den Übungen auf Wunsch immer Massage Angebote ( was ich inzwischen auch sehr gerne mache im Gegensatz zu früher )
        Was ( SV / Kampfkunst / Sport / Wettkampf ) man am Ende macht, ergiebt sich dann von selbst. Für mich wäre die Kampfkunst wie du Mayumi sie machst, völlig sinnfrei. Ich hab nicht die Beweglichkeit ( zu spät angefangen ) und zweitens eh nicht die Lust immer am Ball zu bleiben. Für mich reicht es aus das ich für mich selbst weiß was ich kann und das eine falsche Hand auf meinem Hintern schnell schmerzhaft für mein Gegenüber wird. Dafür brauch ich kein schwarzen Gürtel…

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