Die Herausforderung

Hideko Matsuyama lächelte, als sie das Dojo betrat. Eingeladen hatte sie der Ju-Jutsu Verband von Deutschland, um eine Rede zu halten. Und so nebenbei sollte es auch Werbung für ihren neuen Film sein, den die Japanerin vor wenigen Wochen abgedreht hatte.

Der wahre Grund waren ihre umfassenden Kenntnisse des japanischen Budo. Seit Kindertagen, hatte sie mit ihrem Bruder trainiert. „Gosuke ist immer mein Vorbild gewesen“, erzählte sie. „Ohne ihn hätte ich niemals damit angefangen.“

Und wirklich war Gosuke Matsuyama kein Unbekannter in der Kampfsport Welt. Mehrere Jahre lang, hatte er die japanischen Karate Meisterschaften gewonnen und sich einen Ruf als Drehbuchautor aufgebaut. Und was lag näher, als auch für seine Schwester zu schreiben.

Hidekos Ruf als Kämpferin, war noch besser als ihr unbestrittenes Filmtalent. Während ihr Bruder bei den Männern dominierte, schlug sie alle guten Frauen dieser Welt. Als ein großer Filmkonzern dann nach Schauspielerinnen mit Kampfsport Erfahrung suchte, war Hidekos Zeit gekommen.

Sie brauchte kein Double und Stuntmänner die mir ihr drehten, taten sich oft selbst sehr leid. Zu der Rede war Hideko in einem traditionellen Karate-Gi gekommen, der Schwarze Gürtel wirkte bereits seltsam verblasst. „Den hat schon mein Vater getragen“, sagte sie und lächelte wieder. „Eigentlich habe ich zwei davon.“

„Ich halte Karate für völlig antiquiert“, meldete sich eine junge Frau zu Wort. Funkelnde Augen musterten die Japanerin, die den Blick sanft erwiderte. „Was ihr da zeigt, hat noch nie wirklich funktioniert. Ein Bodenkampf ist gleich viel ehrlicher.“

Natürlich verstand Hideko kein einziges Wort, aber ihr Blick blieb so sanft wie ihr Lächeln, als man es ihr übersetzte. „Was stört Sie?“, ließ sie fragen, „könnten Sie mir das bitte genau erklären, Frau …?“

„Susanne Langer, Deutsche Meisterin und Europameisterin im Ju-Jutsu“, war die Antwort. Aber ihr blauer Blick hielt dem von Hidekos dunklen Augen nicht sehr lange stand. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie zum nächsten verbalen Rundumschlag ausholte.

„Es gibt doch so gut wie keinen Nahkampf im Karate“, sagte Susanne. „Das ist doch hilfloses Kittelreißen, was ihr da zeigt. Am Boden habt ihr null Chancen. Oder trauen Sie sich etwa zu eine Judoka zu schlagen?“

Hidekos Lächeln wurde noch breiter. Schon oft war sie Menschen wie Susanne begegnet, die wenig vom wahren Geist des Karate begriffen hatten. „Karate dient der Selbstverteidigung und wird niemals für einen Angriff genutzt“, erwiderte sie daher sanft und schaute sich ihr Gegenüber nun genauer an.

Schwarzer Gürtel, massive Statur. Im Hintergrund standen Pokale und ein Bild von Susanne hing an der Wand. Hideko begriff, dass Susanne hier die Meisterschülerin sein musste. Was wenig beeindruckend war. In ihrem Haus in Japan häuften sich die Pokale auch.

„Aber ihr habt doch auch Weltmeisterschaften!“, echauffierte sich Susanne. „Und was ich da gesehen habe, ist einfach lächerlich. Da passiert nie etwas! Die hüpfen auf der Stelle und schreien sich nur an. Das kann meine kleine Nichte besser.“

„Sie sprechen von Sportkarate“, erklärte Hideko. „Und ja, im Gegensatz zum koreanischen Taekwon-Do, ist das für Zuschauer oft wenig attraktiv. Was einer der Gründe ist, um Karate noch nicht olympisch zu machen. Aber im Taekwon-Do wird meist nur gekickt. Im Karate bringt oft ein Schlag den Sieg.“

„Das ist doch völliger Käse!“, erwiderte Susanne. „Sobald ein Karateka in meiner Nähe bist, habe ich den am Boden. Und was macht derjenige dann?“ „Ihnen ins Bein beißen“, erwiderte Hideko und hatte die Lacher auf ihrer Seite. „Entschuldigung, aber ich als Karateka würde kaum nach Ju-Jutsu Regeln kämpfen.“

Susannes Mundwinkel zuckten, mit dieser Antwort hatte sie kaum gerechnet. Aber sie hatte noch weitere Argumente. Sie holte ihr Handy und zeigte Hideko einen kurzen Film. Dort stolperten ältere Schwarzgurte umher. Die beleibten Herren waren alle außer Form. Vermutlich trugen sie den Gürtel seit Kindertagen.

„Das ist Taekwon-Do“, sagte Hideko und zeigte auf die Jacke mit V-Ausschnitt. „Vielleicht haben die Männer körperliche Probleme, die hohe Tritte verhindern. Ich kenne einen sehr erfahrenen Trainer, der einen schrecklichen Verkehrsunfall hatte und nun nach seiner Genesung wieder unterrichtet.

Jeder seiner Schüler könnte ihn im Kumite besiegen. Aber das macht natürlich keiner, warum auch? Er ist mein Vater und Sensei und kann noch immer die normalen Techniken zeigen. Und das macht er wirklich gut.“

Vehement schüttelt die Blonde den Kopf. „Typen wie die gibt es viele“, erklärte sie. „Jeder Ju-Jutsu Kämpfer in diesem Alter, wird die locker schlagen. So wie ich Sie problemlos auf die Matte schicken kann. Ist nicht böse gemeint, aber Sie hätten keine Chance gegen mich.“

Die entstehende Unruhe im Publikum sprach Bände. Die Offiziellen bemühten sich um eine Deeskalation, aber die Anwesenden witterten eine kleine Sensation. Hideko blieb auch weiterhin gelassen. Sie schickte einen ihrer Begleiter nach draußen, der mit zwei stumpfen Übungskatana zu ihr eilte.

„Meine Vorfahren waren Samurai aus dem Clan der Takeda“, sagte Hideko und bedeutete ihrem Assistenten sich ihr gegenüber zu stellen. „Vielleicht darf ich  Ihnen zeigen, was Kenjutsu und Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist.“

Susanne rang um ihre Fassung, als die beiden Japaner mit den Katana aufeinander trafen. Ihre Augen konnten die Hiebe kaum erkennen. Plötzlich ließ Hideko ihre Waffe absichtlich fallen und ihr Begleiter lief schreiend auf sie zu. Hidekos blitzartiger Konter ließ ihn hilflos am Boden zurück.

„Altmodischer Quatsch“, murmelte Susanne, „und völlig nutzlos heutzutage. Sie holte tief Luft, als sie der Teufel ritt. „Ich fordere Sie ganz offiziell heraus, Frau Matsuyama! Hier und jetzt ein echter Kampf! Dann werden wir ja sehen, wer und was besser ist.“

„Stop!“, unterbrach ihr Trainer nun. „Frau Matsuyama ist Gast hier und …“ „Ich akzeptiere“, ließ Hideko übersetzen. Sie lächelte schon wieder und verbeugte sich. „Entschuldigung, wie unhöflich von mir Sie nicht ausreden zu lassen.“

„Was ist dieses Daitō-ryū Aiki-jūjutsu überhaupt?“, fragte Susanne in die Runde und ernetete nur Schulterzucken. „Die harte Urform von Aikido“, sagte ein älterer Ju-Jutsu Offizieller. „Und Sie haben sich und uns soeben einen Bärendienst erwiesen!“

„Blödsinn“, grummelte Susanne, „Aikido ist Show und taugt nur als Bewegungstherapie. Und natürlich werden wir ohne diese Schwerter kämpfen. Die Nummer will ich sehen, wie die mich im Bodenkampf schlagen kann!“

„Es wird zu keinem Bodenkampf kommen“, hörte Susanne und sah wieder den älteren Herrn neben sich. „Karl-Josef Wagenbauer“, stellte er sich vor. „Ich habe Ewigkeiten in Japan gelebt und weiß, was diese Menschen können. „Und Sie, Susanne, haben keine Chance.

Daitō-ryū Aiki-jūjutsu ist kein Wettkampfsport! Die Samurai haben das auf dem Schlachtfeld benutzt, wenn sie die Waffe verloren hatten. Das ist kein weiches Aikido, da geht es richtig hart zur Sache. Ein Schlag, ein Tritt, vielleicht ein Haltegriff und der Gegner war am Ende tot.“

Susanne ließ sich nicht beirren. Sie war deutlich größer und schwerer, als ihre Kontrahentin und völlig von ihrer eigenen Technik überzeugt. Und sie hatte einen Plan, der genau in dem Moment scheiterte, als ihr Hideko zum ersten Mal brutal die Hand verbog.

Schreiend ging Susanne zu Boden. Solche Schmerzen hatte sie noch nie gehabt. Die nur angedeutete Handkante zu ihrem Hals, das wusste sie, hätten im Ernstfall und zur Zeit der Samurai den Tod gebracht.

Völlig konsterniert kam Susanne wieder auf die Beine. Die Hand schmerzte höllisch, aber funktionierte noch. „Vermutlich Bänderdehnung“, sagte ein Sanitäter, der sich um sie kümmerte. „Ende, der Tag ist gelaufen.“ „Mach mir einen Verband!“, zischte Susanne. „So einfach gebe ich nicht auf.“

In Runde 2 lief es scheinbar besser und sie konnte Hideko mit einem Hüftwurf zu Boden werfen. Nur um sich selbst ausgekontert und in einem schmerzhaften Armhebel zu finden. Ein Ruck noch und der Ellbogen würde brechen. „Verdammt!“, fluchte Susanne und klopfte ab. Wie hatte die Japanerin das nur gemacht?

„Das war Absicht!“, fauchte sie böse. „Sie … Sie kämpfen unfair!“ „Sie kämpfen“, ließ Hideko erwidern und verbeugte sich schon wieder. „Ich wehre mich bisher nur. Aber vielleicht möchten Sie aufhören?“

In Susannes Augen blitzte die Wut. Aber Wut hat noch nie zum Sieg geführt. Ihr schneller Kick erstarb in einem knallharten Tritt gegen die Innenseite ihres Oberschenkels, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Den Tritt in ihren Bauch, der sie zu Boden schickte, bemerkte sie kaum noch.

„Entschuldigung“, sagte Hideko und verbeugte sich, „wollen wir jetzt bitte aufhören? Das ist zu gefährlich für Frau Langer. Ich möchte sie auf keinen Fall ernstlich verletzen. Darf ich ihr bitte helfen?“

Unter dem Beifall des Publikums half Hideko einer noch immer weinenden Susanne auf die Beine und brachte das Häufchen Elend in die Umkleidekabine. Dort zog Susanne ihre Hose aus. „Eis, rasch!“, rief die Japanerin, als sie den riesigen blauen Fleck sah.

Sie scheuchte den Sanitäter weg und versorgte Susanne selbst, die sich sichtlich geborgen fühlte. „Don’t you worry“, sagte Hideko plötzlich in akzentfreiem Englisch. „Everything will be fine. Can we be friends maybe?“

Hideko Matsuyama lächelte, als sie einige Monate später das Haus betrat. Eingeladen hatte sie Susanne Langer, die neue Weltmeisterin im Ju-Jutsu. Aber nicht, um eine Rede zu halten. Es ging mehr um den Austausch von Küssen. Aber geredet haben die beiden danach immer noch.

30 Kommentare zu “Die Herausforderung

  1. Die Geschichte finde ich super! Das Ende ist recht überraschend für mich. 😉 Darf ich dich fragen, wo die Parallelen von Hideko und dir liegen? Bist du zum Beispiel auch so ein Pokerface? Hast du vielleicht auch Samurai-Wurzeln etc. pp 🙂 Hatte die Geschichte was mit deiner Herausforderin von damals zu tun? Auf jeden Fall übst du ja die gleichen Kampfsportarten aus, wie Hideko.

    Gefällt 1 Person

    • Der Text hat durchaus einen gewissen authentischen Hintergrund. Auch meine Familie hat Wurzeln bis in die Zeit der Samurai. Hideko ist eine Anspielung auf eine sehr bekannte japanische Schauspielerin gleichen Namens.
      Im Gegensatz zu meiner Hideko bitte ich nie um Entschuldigung. Und Sport ist traditionelles Karate und Aikijujutsu mit Sicherheit nicht. Das habe ich versucht in diesem Text zu erklären. Susanne, wie die meisten Menschen, verstehen diesen Hintergrund kaum.
      Kurz erklärt: „Kickboxen“ ist Sport nach festen Regeln. Traditionelles Budo reine Selbstverteidigung, die im Ernstfall harte Konsequenzen für einen Angreifer haben kann.
      Das Ende ist Yuki geschuldet. Und meiner weichen Seite. Ich mag nun mal ein Happy End. 🙂

      Gefällt 1 Person

      • Wow, du bittest nie um Entschuldigung!?! 😉 Darum nennen dich deine Freunde scheinbar „Majestät“ oder so? Ich entschuldige mich irgendwie viel zu oft. Dein Stil ist also Selbstverteidigung und kein Sport. Das ist ja beim Wing Chun genauso.

        Gefällt 1 Person

      • Gemeint war Hidekos schon fast klischeehaft beschriebene japanische Höflichkeit, ihre ständigen Verbeugungen. Natürlich kann ich mich entschuldigen, wenn ich einen Fehler mache.
        Einige Wing Chunler sollten deine Aussage verinnerlichen und damit aufhören, sich für unschlagbar zu halten und das auch noch für viel Geld an Ahnungslose zu verkaufen.
        So wenig wie klassisches Karate in einem Wettkampf taugt, so wenig effektiv ist die chinesische Variante. Daher hat man in China Sanda und in Japan und im Westen Kickboxen und Sportkarate geschaffen. Dort gibt es Regeln, die dem Schutz der Wettkämpfer dienen.

        Gefällt 1 Person

      • Ohne Wettkampferfahrung und nach rein sportlichen Regeln, wird jeder noch so gute „Kampfkünstler“ im Ring verlieren. Sport und Realität sind immer verschieden. Ich werde dazu noch einen separaten Beitrag bringen. Das Problem ist meist, das im Dojo gelernte umzusetzen. Egal, ob das in einem Wettkampf, oder auf der Straße ist. Die meisten scheitern daran.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s