Der nette Herr Nakamoto

Herr Nakamoto lächelte und strich Yvonne über den Kopf. Dann streckte er seinen hageren Körper und holte ihren Ball vom Dach des Gartenhauses. „Dankeschön, Onkel Satoshi!“, rief Yvonne begeistert und kickte wieder los. Prompt landete der Ball in einer Regentonne und Herr Nakamoto holte ihn auch dort heraus. Die Kinder liebten ihn. Satoshi Nakamoto war immer freundlich und hatte ein großes Herz für sie. Egal ob Süßigkeiten oder Worte, er war der nette Onkel von nebenan.

Herr Nakamoto war Buchhalter gewesen und 1980 nach Deutschland gekommen. Damals war er ein junger Mann, aber eine Frau hatte er niemals gefunden. Es gab Menschen die sagten er sei schwul. Aber das war eine Lüge. 2014 war er in Pension gegangen. Er war jetzt 65 und hielt sich noch für jung. „Das Leben“, sagte er, „das Leben fängt doch jetzt erst richtig an.“ Von diesem Tag an sah man ihn in seinem kleinen Garten, den er liebevoll pflegte.

Herr Nakamoto war Perfektionist. Das fing schon bei der Morgenroutine an. Alles an seinem Tag war wohl durchdacht. Akribisch geplant, so musste es sein. Auch, wenn seine Haare nun grau waren, Herr Nakamoto sah wirklich viel jünger aus. Und er trieb Sport. Oft sah man ihn laufen, außer Atem war er nie.

Es gab Menschen die sagten, Herr Nakamoto sei ein Pädophiler. Aber auch das war falsch. Er liebte einfach Kinder. Sie waren seine Welt. Selbst nach vielen Jahren grüßten ihn jene Erwachsenen freundlich, die er schon aus dem Kindergarten kannte. Herr Nakamoto war ein liebenswerter Mann.

Als die Bremsen quietschten, der Lieferwagen hielt und große Hände Yvonne ins Auto zerrten, da kam er zu spät. „Entschuldigung“, sagte er später immer wieder und verbeugte sich tief. „Entschuldigung Sie bitte, es war mein Fehler. Das kommt nie wieder vor.“

Aber niemand machte ihm einen Vorwurf. Im Gegenteil war die Polizei hellauf begeistert, als er den Wagen im Detail beschrieb und sogar das Kennzeichen wusste. Das leider gestohlen war. Wie der Wagen auch. Yvonnes Eltern waren völlig verzweifelt. „Warum nur?“, fragte ihre Mutter. „Warum mein kleines Mädchen?“

Aber auf manche Fragen gibt es keine Antwort, die ausgesprochen werden sollte. Herr Nakamoto wusste das. Aber niemand wusste, wer er wirklich war. Niemand kannte sein Geheimnis. Noch am gleichen Tag machte er sich auf die Suche nach Yvonne. Ein älterer Herr mit großer Brille, die fast wie ein Anachronismus wirkte.

Paul Huber war eine Ratte. Ein Dieb, Betrüger, Heiratsschwindler. Aber er verpiff auch Menschen für Geld. Oder unter Schmerzen. Und die hatte Paul zur Zeit. Herr Nakamoto hatte auf ihn gewartet und ihm ein Ohr abgeschnitten. Niemand hörte die Schreie der Ratte, in dieser Gegend hielt man sich bedeckt.

„Ich weiß, dass du für Mädchenhändler arbeitest“, sagte Herr Nakamoto. Er lächelte mit Augen schwarz wie Kohle. „Ich frage nur ein einziges Mal. Für jede Lüge schneide ich dir etwas ab. Die Nase vielleicht, oder einen Finger. Wirst du mit mir reden?“

Pauls Schmerzen raubten ihm fast den Verstand. Aber sein Instinkt sagte ihm besser nicht zu lügen. Die Russen würden ihn umbringen, das war klar. Aber das ging schnell und vielleicht konnte er vorher fliehen. Aber Herr Nakamoto war ein anderes Kaliber. Mit dem Japaner hatte noch jeder geredet. Das war Paul bekannt.

„Was wollen Sie wissen?“, keuchte er. „Fragen Sie, ich muss zu einem Arzt!“ Herr Nakamoto zeigte Paul ein Foto von Yvonne. Er hatte es selbst vor einem Jahr gemacht. Damals, als er den Clown spielte. Damals, als alle Kinder Torten nach ihm werfen durften. Herr Nakamoto hatte es so gewollt.

Paul sah zu Boden. Er wusste, wer das Mädchen war. Und auch wo sie war und wer sie hatte. Es ging um viel Geld und eine Adoption nach Asien. Wiedersehen würde Yvonne Deutschland nie. Vielleicht hätte Herr Nakamoto Paul am Leben gelassen. Aber Verbrechen an Kindern verzieh er nie. Er war kein Engel, aber er hatte ein Herz, das für Kinder schlug.

Fast beiläufig schnitt Herr Nakamoto Paul die Kehle durch, als er alle Informationen hatte. Röchelnd starb die Ratte. Die Polizei ging später von einem Raubüberfall aus. Das kommt auch bei Kriminellen vor. Herr Nakamoto stieg in seinen kleinen Wagen, den er schon viele Jahre fuhr. Zwei Stunden später erreichte er sein Ziel, ein Bauernhof bei Gießen. Dort war der Japaner dann nicht sehr nett.

Herr Nakamoto lächelte und strich Yvonne über den Kopf. Das Mädchen weinte und hatte die Arme um ihren Retter geschlungen. „Ich möchte, dass du die Augen schließt“, sagte Herr Nakamoto leise. „Versprichst du mir das?“ Yvonne nickte und schluchzte, dann hob er sie fast spielerisch hoch. Ohne die Leichen der Entführer zu beachten ging er zum Auto zurück. Yvonne sah nichts.

Der Polizei würde er später erzählen, er habe zufällig einen der Täter in der Stadt gesehen, sei ihm gefolgt und als die Männer das Haus verließen, habe er die kleine Yvonne befreit. „Das musste ich doch tun, die Entführung war doch meine Schuld!“ Danach verbeugter er sich lächelnd.

Herr Nakamoto lebt noch immer in seiner Stadt und jeder mag den netten Mann. Vor allem die Kinder, die er niemals hatte.

30 Kommentare zu “Der nette Herr Nakamoto

  1. Also, ich versuche nun seit 56 Jahren mein Richtig/Falsch-Verständnis aufzubauen. Hier komme ich doch sehr ins Schwanken. Mein Sohn ist Japanologe – das hilft mir aber auch nicht weiter.
    Trotzdem ein wunderbarer Text. … aktiviert auch die hintersten Gehirnzellen wieder.
    Hab`s sehr gerne gelesen.
    Hm …???
    Sehr nachdenklich …
    Liebe Grüße,
    Michael

    Gefällt 1 Person

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