Sind so kleine Hände

Doro ist neu an der Schule. Die junge Lehrerin unterrichtet Sport und Mathe. Eine ungewöhnliche Kombination für eine ungewöhnliche Frau. Beim Sport fällt ihr ein blasses Mädchen auf. Seltsam verkrümmt steht sie meist da. Sie läuft, als habe sie Schmerzen. Dabei trainiert sie tapfer mit. Talent hat sie, das ist keine Frage. Ihre Mutter bringt und holt sie stets ab. Eine kleine Frau, die bessere Zeiten sah. Ein schüchternes Nicken, dann schweben sie davon. Wie sich ihre Schritte gleichen.

Saskia heißt die Kleine und sie ist wirklich superlieb. Mit ihrem großen Herz für Kinder kümmert sich Doro etwas mehr um sie. Als sie Saskia am Stufenbarren hilft zuckt sie zurück. Die Augen füllen sich mit Tränen. Die Saat des Verdachts erwacht in Doro. Kind, was ist passiert?

Im Umkleideraum schaut Doro genauer hin. Die Arme des Mädchens sind grün und blau geschlagen. Ihren Rücken zieren Striemen. Als sie den Blick ihrer Lehrerin bemerkt verbirgt sie schnell die böse Tat.

Sind so kleine Hände, winz`ge Finger dran
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann

Doro konfrontiert die Mutter, auf die ihr eigene und sehr direkte Art. Aber die weicht aus und Doro fällt eine Narbe am Auge auf. Die ist nicht alt und auch die Frau noch jung. „Werden Saskia und sie misshandelt?“, fragt Doro wieder. „Sie können es mir sagen, ich kann helfen!“ Aber die Frau schüttelt den Kopf. „Bitte, ich kann nicht darüber reden!“, flüstert sie. Fluchtartig verlässt sie den Raum.

Am nächsten Tag fehlt Saskia beim Unterricht. In Doro schrillen die Alarmsignale. Aber es liegt eine Entschuldigung vor, die für die ganze Woche gilt. Erkältung steht dort geschrieben. Krank im Sommer bei 30 Grad. Doro wartet nicht, sie ahnt was geschehen ist. Sie besorgt sich die Adresse und fährt einfach los. Kalter Zorn ist ihre Motivation und der Wunsch zu helfen.

Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh`n
Darf man nie drauf treten, könn`sie sonst nicht geh`n

Eine verschüchterte Saskia öffnet. Das Gesicht schillert in allen Farben. Hinter ihr steht ihre Mutter, deren Augen dick geschwollen sind. Langsam atmet Doro aus, ihre kleinen Fäuste sind geballt. „Hat das ihr Mann getan?“, will sie von Saskias Mutter wissen. Die Frau nickt und Saskia bricht in Tränen aus. „Papa ist immer so gemein!“

Sind so schöne Münder, sprechen alles aus
Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus

Fast 2 Stunden spricht Doro mit den beiden, die Zeit vergeht wie im Flug. „Sie müssen hier raus“, sagt Doro immer wieder. „Vertrauen Sie mir doch bitte, Frau Schmitt. Sie trifft keine Schuld, Sie haben nichts falsch gemacht. Gehen Sie, bevor es noch viel schlimmer wird.“

Sind so klare Augen, die noch alles seh`n
Darf man nie verbinden, könn`n sie nichts versteh`n

Doro weiß wovon sie spricht, sie hat einst ähnliches erlebt. Auch sie hat damals Hilfe von einer ganz besonderen Frau bekommen. Doro überlegt kurz. Das Frauenhaus ist eine Option, aber sie kennt eine bessere Adresse. Sie ist privat und blebt es auch. Die Hilfe ist dort effektiver.

Doro überzeugt Saskias Mutter ihr zu folgen. Und auch die Kleine nickt. Hoffnung, die zu Vertrauen wird. Im Weg steht nur der Ehemann. „Wer sind Sie?“, dröhnt seine dunkle Stimme. Wirre Haare, Schweißgeruch. Ein Klischee in tumper Gestalt. „Was willst du hier, häh?“, blafft er Doro an. „Was hast du mit meiner Frau zu tun?“

„Ich bin Saskias Lehrerin“, erwidert Doro und kann sich nur mühsam beherrschen. „Ich nehme sie und ihre Mutter mit. Sollten Sie versuchen uns aufzuhalten, werde ich die Polizei …“ „Bist du bekloppt du Kuh?“, schreit Saskias Vater. „Niemand verlässt dieses Haus, ist das klar? Saskia, hol mir ein Bier! Sofort!“

Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub

Doros Gefühle erstarren zu Eis, als ihr Fuß nach vorn zuckt. Ein Kick, der die Hölle auf Erden bringt. Ächzend geht der Kerl zu Boden. Er übergibt sich und winselt jämmerlich. „Du schlägst deine Frau nie wieder!“, sagt Doro und holt ihr Handy aus der Tasche. „Michi, ich bins. Ja, alles gut bei mir. Aber hör mal, ich habe da ein Problem …“ Michi, das ist die ehemalige Schwester Michaela und nun Doros Ehefrau.

Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei
Darf man niemals quälen, geh`n kaputt dabei

Es war Liebe auf den ersten Blick, die Michaela damals für Doro fühlte. Eine Liebe, die sie den Orden verlassen ließ, dem sie erst weniger Jahre angehörte. Und auch Doro traf es wie ein Blitz, als Schwester Michaela ihren Freund zu Boden warf. Wer hätte auch eine Judo-Meisterin in Nonnentracht vermutet. Heute leitet Michaela ein privates Frauenhaus, das Platz für Prügelopfer bietet.

Ist so`n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht

Die Frauen fahren in die Nacht, Saskia und ihre Mutter haben Angst. Nur das Nötigste ist gepackt, Doro wollte nichts riskieren. Angst vor der Polizei? Der Schläger wird sie kaum informieren. So dumm ist selbst der nicht. Aber bei Doro steht sie auf dem Plan.

Grade klare Menschen, wär`n ein schönes Ziel
Leute ohne Rückgrat, hab`n wir schon zuviel (*)

Michaelas Gesicht versteinert, als sie den Zustand von Mutter und Tochter sieht. Sie nimmt die beiden herzlich auf. Hier wird Frauen kein Leid geschehen. Mit Doros Hilfe traut sich Saskias Mutter dann zur Polizei. Und zum Jugendamt. Ein ärztliches Attest bringt das Ende für den prügelnden Ehemann. Noch am gleichen Tag wird er verhaftet. Das Urteil des Gerichts ist so klar, wie die die Scheidung richtig ist.

(*) Lyrics Bettina Wegener

Diese Geschichte basiert auf Tatsachen, lediglich die Namen sind geändert. Passiert ist sie in Düsseldorf vor einigen Jahren, als ich Doros Trainerin war. Leider gibt es nicht überall eine Doro, oder mich.

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24 Kommentare zu “Sind so kleine Hände

  1. Schlimme Geschichte, mit einem Happyend, das sicher eine Seltenheit ist. Sehr berührende Lyrics, kannte ich noch nicht und lassen mich, seit ich heute Vormittag deinen Eintrag gelesen habe, nicht mehr los.
    Viele Grüße!
    Kathi

    • Es gibt zu viele solcher „Geschichten“ und das Leben ist der Autor. Und Happy Ends sind dort die Ausnahme.
      Kennst du das Lied von Bettina Wegner? Wenn nicht: anhören! Die Frau war (ist) großartig.
      Grüße aus dem Elfenheim.

  2. Großartig geschrieben! Bin ganz gerührt. Ich wünschte, es gäbe mehr Frauen wie Dich und Michaela. Manchmal erleben wir Frauen, die vor ihrem gewalttätigen Mann fliehen, auch in der. Bahnhofsmission. Auch das ist ein Ort, wo Frauen Schutz und Hilfe finden, obwohl es meistens nur um die Vermittlung in eine Frauenhaus geht.

  3. Bei sowas packt mich immer die eiskalte Wut.
    Wie kann man sich an Frauen und vor allem an hilflosen Kindern vergreifen?!
    Hinschauen, Mut machen, helfen…
    Gut das es Menschen wie dich (und auch mich) gibt, die keine Angst vor eventuellen Konsequenzen haben.
    Das gibt Hoffnung.
    Bleib so wie du bist. Immer.
    LG
    Tanja

    • Es sind schwache Menschen, die andere misshandeln. Oft krank, Sadisten. Sie müssen gestoppt werden. Und sie werden. Nicht immer, aber immer öfter! Danke und Grüße aus dem Elfenheim! 🙂

  4. Durch meine Erfahrungen als Sozialpädagogin muss ich leider feststellen, dass es in Familien in Deutschland immer noch häufig zu Misshandlungen kommt. Dabei sind wir doch angeblich so kultiviert. Ich muss hier wieder zynisch werden. Die Frauenhäuser sind immer noch voll… 😓

    • Wer Kinder oder Frauen misshandelt, ist bei mir unten durch. Da kenne ich keine Gnade. Leider leben wir noch immer in einer Welt der Patriarchen. Und viele Frauchen ducken sich.

      • Psychologisch und generalisierend betrachtet, gilt wieder die Floskel, dass Frauen ihre Aggressionen gegen sich selbst richten und Männer gegen ihre Umwelt.

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