Die Liebesbotin

„Beim ersten Mal, da tut’s noch weh“, beginnt ein altes Lied, das ich auf youtube hörte. „Da glaubt man noch, dass man es nie verwinden kann.“ Und so stehe ich hier meiner Unschuld beraubt. Oder war es doch nur die Anonymität?

Ein Mädel steht vor mir im Supermarkt, sie mag vielleicht zwanzig sein. „Entschuldigung“, flüstert sie und tritt von einem Fuß auf den anderen, „aber darf ich vielleicht was fragen?“ Yuki ist überraschter als ich, schon lange habe ich damit gerechnet. „Nur zu“, erwidere ich und lächele die Kleine an, die deutlich größer ist als wir.

Sie wird knallrot. Vermutlich rutscht ihr kleines Herz nun in die Magengegend. „Du …, also ihr seid doch diese Bloggerinnen?“, sagt sie leise. „Also Nandalya, oder nicht?“ „Die da bloggt“, meldet sich Yuki bevor ich etwas sagen kann. „Ich darf nur für sie putzen.“

Das Mädchen lacht, das Eis ist gebrochen. „Ihr seid es also wirklich, ich freue mich ja so! Ich bin übrigens die Christiane und lese seit über einem Jahr bei euch mit.“ „Wie hast du uns erkannt?“, will ich wissen und ahne die Antwort schon. „Vermutlich an unseren supercoolen Look.“

Christianes Blick wandert hin und her. „Am Auto“, sagt sie dann. „An diesem roten Wagen. Ich hätte nicht mal gewusst, wer wer ist von euch. Bitte nicht böse sein, aber ihr seht euch ziemlich ähnlich.“

Yuki schenkt ihr ein Elfenlachen, während mein Gaydar längst auf Empfang gegangen ist. Christiane ist lesbisch, das kann ich deutlich spüren. „Ich bin viel hübscher, als die Dicke da“, beginnt Yuki unser altes Spiel. Und größer!“ Auf Zehenspitzen kann jede stehen.

„Ich finde Mayumi aber nicht dick“, sagt Christiane. „Aber ich habe einige Kilo zuviel!“ „Blödsinn, Süße!“, stoppe ich sie sofort. „Frauen sollten nie auf andere hören. Dieser ganze Schlankheitswahn ist sowas von daneben. Iss was du magst, aber treib dabei auch etwas Sport.“

Christiane nickt zögernd und beißt sich auf die Unterlippe. „Ihr spielt das also nur, oder wie?“ Yuki verdreht die Augen, als ich mein Shirt kurz lüfte. Fett? Fehlanzeige. Mein Bauch bleibt ultraflach.

Mit meinem Gespür für Probleme weiß ich bereits, dass Christiane etwas auf dem Herzen hat. Ein Blick auf die Uhr, wir haben Zeit. Aber einkaufen ist ebenfalls wichtig, wir treffen uns danach in einem nahen Cafe. Spontan haben wir Christiane eingeladen, die noch immer von der Rolle ist.

„Ich habe mich nie getraut etwas im Blog bei dir zu schreiben“, gesteht sie mir. „Aber was du schreibst finde ich ganz toll!“ „Alles?“, feixe ich und schon wieder wird sie rot. Yuki knufft mich und sofort bin ich wieder lieb.

„Was bedrückt dich?“, will ich wissen. „Es hat etwas mit Frauen zu tun, wenn ich das richtig sehe.“ Christiane hebt überrascht den Kopf. Sie sind so süß, diese roten Bäckchen. „Du bist wirklich so, wie ich es mir vorgestellt habe“, sagt sie und holt ganz tief Luft. „Ja, ich habe mich in eine andere Frau verliebt!“

Nun ist es gesagt und ängstlich sieht sie sich um. Aber kein homophober Mensch springt in die Bresche, um sie zu blamieren. „Wie lange weißt du es?“, frage ich und schaue auf ihre kurze Fingernägel. Schwarz wie die Nacht, aber himmlisch blaue Augen.

„Immer schon“, sagt Christiane. „Ich fand immer nur Frauen attraktiv. Schauspielerinnen, Sportlerinnen, Promis, sogar meine Lehrerinnen. Männer haben mich noch niemals interessiert.“ Du warst also noch nie mit einem Mann zusammen?“, stellt Yuki klar. Christiane nickt und schüttelt dann den Kopf. „Doch, ich hab mal einen Jungen geküsst.“

„Wie wars?“, frage ich sofort und kenne die Antwort schon wieder. „Eklig, er hat mir seine Zunge in den Hals gesteckt!“ „Frauen küssen besser“, sage ich überzeugt. „Vor allem aber länger, anders. Hast du denn schon eine Frau geküsst?“ Die Sonne geht auf, als Christiane nickt. „Ja!“, sagt sie. „Und ich bin total verliebt!“

„Und wo ist das Problem bei der Sache?“, bohre ich weiter. „Irgendwas bedrückt dich. Also raus damit.“ Christiane trinkt einen Schluck Tee und  fasst allen Mut zusammen. „Ich weiß einfach nicht, was sie von mir denkt! Und ob sie überhaupt …, oder nur spielt. Ach das ist alles so schrecklich kompliziert!“

Die Schleusen öffnen sich, die Tränenflut schießt ihr mit Macht ins hübsche Gesicht. Spontan und synchron greifen wir nach ihren Händen. Christiane zittert, das elementare Chaos tobt in ihr. „Liebe ist eigentlich ganz einfach“, sage ich. „Aber Liebe ist auch mehr als nur ein Wort.“

Christiane erzählt uns von Cornelia und wie sie sich kennenlernten und warum. Was sie gemeinsam machten, wie gut sie sich verstehen. „Wir treffen uns seit fast 2 Monaten alle paar Tage und letzte Woche haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Also ich sie! Es ist einfach so passiert. Und nun weiß ich nicht, ob das okay war und was sie von mir denkt … “

„Auszeit!“, unterbreche ich ihren Redefluss und drücke ihre kleine Hand. „Immer langsam und der Reihe nach. Und noch mal von vorn.“ Christianes Tränen versiegen, sie löst ihre Hände und Yuki reicht ihr ein Papiertaschentuch. Näschen putzen, Köpfchen klären. Und schon geht es weiter im Text.

„Ihr habt euch also in einer LGBT-Bar getroffen“, sage ich. „Das ist ein gutes Zeichen. Aber da gehen auch Heten hin. Erzähl mir mehr von Cornelia, wie sie sich verhält. Beschreib mir was sie macht, wenn ihr etwas unternehmt.“

„Warte, ich habe ein Bild von ihr“, sagt Christiane umd holt ihr Handy aus der Jacke. Ein süßer Tomboylook schaut uns entgegen. Mädel, die ist ja sowas von gay! „Sie nimmt immer meinen Arm, wenn wir spazieren gehen. Und manchmal legt sie den Kopf auf meine Schulter. Aber nur kurz!“

„Und wo ist nun bitte das Problem?“, will ich wissen. „Deutlicher kann sie es kaum zeigen! Oder wartest du auf einen Liebesbeweis? Süße, sie ist eine Frau! Wie du auch! Und vermutlich ebenso schüchtern. Eine muss den ersten Schritt machen, sonst geht ihr aneinander vorbei. Und das kannst du kaum wollen.“

„Ich bin aber nicht so stark, wie du“, erwidert Christiane. „Und ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. In meinem Bauch tanzen Schmetterlinge wenn ich nur an sie denke und mein Kopf ist völlig verwirrt.“ „Was bei Cornelia vermutlich ebenso ist“, wirft Yuki ein. „Mayumi hat recht und ich den ersten Schritt bei ihr gemacht!“

„Ach ja?“, necke ich sie. „Das wüsste ich aber. „Du hast nur meine Hose angeschaut.“ „Quatsch, ich war scharf auf deinen Hintern!“, kommt Elfchens Konter. Wir lachen, Christianes Schmerz scheint verflogen. Und ich spiele Schicksal, das kann ich gut.

Christiane hat erzählt, dass Corinna in der Nähe arbeitet und sie sich später treffen. Der Plan ist so einfach wie genial. In der Liebe sind alle Mittel erlaubt. Hemmungen? Ihr könnt mich mal! Warum zögern, wenn die Liebe auf dem Vormarsch ist. Und ich bin heute ihre Anführerin. Oder immer, ist doch klar.

Als ich nach ihrem Handy greife lächelt sie noch. Als ich die Kurzwahl „Cori“ drücke, ist ist fast panisch und schaut entsetzt. „Bist du Corinna?, frage ich, als sich eine Frauenstimme meldet. „Vielleicht interessiert es dich, Christiane ist mit einer anderen Frau im Cafe Mayer und scheint ziemlich verliebt zu sein. “

Ich sehe blankes Entsetzen in Christianes Gesicht. Selbst Elfchen ist plötzlich still. „Ich wette sie ist in 10 Minuten hier“, sage ich ungerührt. „Falls nicht kannst du sie vergessen.“ Christiane heult, sie kann sich kaum beruhigen.

Elfchens flache Hand trifft meine Stirn. Aber ich aber bin mir sicher. „Nicht weinen“, sage ich zu Christiane und schaue auf die Uhr. „Um diese Zeit sollte wenig Verkehr sein.“ Und wirklich fährt nach 8 Minuten ein kleines Auto vor.

Eine völlig aufgelöste Cornelia stürmt das Cafe. Wild funkeln die Augen, als sie uns sieht. „Was …? Verwirrt bleibt sie stehen, als ich meinen Arm um Elfchen lege. „Sorry, Süße“, sage ich und meine es so. „Hier hast du deine Freundin. Ich habe nur Liebesbotin gespielt.“

„Cori?“, flüstert Christiane und kann es kaum glauben. Prompt fallen sich die beiden um den Hals. „Geht doch“, stelle ich zufrieden fest und bedeute Yuki, dass wir gehen. „Manchmal braucht die Liebe einen kleinen Tritt.“

„Du bist … unmöglich!“, sagt Yuki leise. „Ich dachte wirklich, das geht schief.“ „Du solltest mich besser kennen“, erwidere ich und deute auf die beiden Turteltauben. Feuchte Küsse, ach wie wunderbar.

Zwei Tage später, der gleiche Supermarkt. Auf dem Parkplatz erreicht uns eine Stimme. Christiane kommt mit Corinna angelaufen. Hand in Hand und atemlos. „Ich … also wir“, beginnt sie und strahlt, wie die Sommersonne. Ihre Stimme versagt vor Liebesglück.

„Danke!“, sagt Corinna tapfer an ihrer Stelle. „Ich war völlig geschockt, aber jetzt bin ich superfroh.“ Christiane nickt. „Du bist echt krass“, flüstert sie und schaut kurz zu Boden. „Ich … ich … vielen lieben Dank! Manchmal kann ich wirklich eine Schlaftablette sein.“

Ich zwinkere den beiden zu und steige mit Elfchen in den Z. Grollend erwachen die nun 600 Pferdestärken. „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh“, singe ich leise, „da glaubt man noch, dass man es nie verwinden kann. Und jetzt macht was aus der Sache! Ich bin nicht immer als Liebesbotin da.“

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33 Kommentare zu “Die Liebesbotin

    • Das Mädel war kurz davor 😀
      Mädels sind oft so schüchtern, wenn es um die Liebe geht. Und bei den beiden gab es keine, die den ersten Schritt machte. Der Kuss, der erste Schritt und wieder zwei zurück. Da musste ich handeln und werde es immer wieder tun. Für die Liebe! Immer! 🙂

      • Wobei ich solche Affentänze auch schon in anderen konstellationen erlebt habe. Es gibt ja auch ne Menge Jungs, die schüchtern sind und dem Schema des „jagenden Mannes“ nicht entsprechen. Die leiden dann mitunter doppelt – weil sie sich nicht trauen und weil sie glauben, sich eigentlich trauen zu müssen…

      • Im Grunde kommt es einfach auf die Menschen und ihre Persönlichkeit an, nicht ihr Geschlecht. Das sind nur Kategorien, die wir überstülpen. 😉

      • Ja und nein. Mehr Frauen neigen zu diesem eher passiven Verhalten. Auch bei meinen Mädels beobachte ich diese Schüchternheit. Wobei mir die lieber ist, als der (beobachtete) plumpe Flirt von Mann.

  1. Hallo beasty Nandalya!…und das ist alles so passiert?? Passt auf, dass euch nicht irgendso’n TV-Schnösel für eine neue LiebesbotInnenshow einfängt 😉


  2. Einen schönen Montag wünsche ich dir schöne Geschichte aber die Mädchen sind nicht alle gleich mache sind Schüchtern andere nicht wünsche dir eine glückliche schöne Woche eine Umarmung Gislinde

  3. Hach, ich musste sehr über die Geschichte lachen. Manchmal stehen wir uns wirklich selbst im Weg. (Dich natürlich ausgenommen, das verhindert sicher allein schon deine Sportlichkeit! ;))
    Trotzdem ein bisschen gemein von dir, so ein schüchternes Wesen einfach auf die Eisfläche zu schubsen. 😀

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