Tanten, wie wir

Familie ist wichtig. Mir bedeutet sie viel. Der Besuch meiner Cousine, hat Elfchen und mich zu Tanten auf Zeit gemacht. Wir passen für einen Tag auf ihre Töchter auf. Die Mädchen haben damit kein Problem, sie kennen Yuki und mich. Während Akiko unsere CD-Sammlung erkundet, will Sayuri schmusen.

Kurz darauf schallen japanische Klänge durchs Zimmer und Akiko tanzt lachend auf uns zu. „Zuhause macht sie das auch immer“, verrät mir Sayuri mit verschwörerischem Blick. „Und weißt du noch was, Tante Yumi? Ich tanze immer mit!“ Prompt springt sie von meinem Schoß und sucht die Nähe ihrer Onee-chan (große Schwester).

Bei Kindern tritt jede Logik in den Hintergrund. Da sind auch wir verspielt. Elfchens freches Lachen, als ich mit Akiko spiele, schreit nach einem noch frecheren Kommentar. Prompt wirft sie ein Sofakissen von dem ich mich absichtlich treffen lasse. Die Mädchen lachen, alle haben Spaß.

Wir albern herum und bieten den Kleinen die perfekte Show. Yuki kreischt, als ich ihre Füße kitzle. Vor den Mädchen halten wir uns mit Schimpfworten zurück, die wir sonst hemmungelos benutzen. Elfchen ist auch darin Meisterin. Und nur sie darf solche Worte zu mir sagen. Lachend meist und als gespielte Versöhnung gibts Küsse.

Die für uns ungewohnte Rolle entpuppt sich schnell als Vollzeitjob. Passt ihr mal auf zwei kleine Mädchen auf! Tante Yumi hier, Tante Yuki da, muss mal, hab‘ Hunger, mir ist schlecht. Klar, wenn man nur Süßigkeiten naschen will. Aber Mittagessen gibt es später.

Als wir im SUV zum Supermarkt fahren, schaut mich Akiko kritisch an. „Du Tante“, sagt sie plötzlich. „Warum fahren hier alle falsch?“ In Japan herrscht seit jeher Linksverkehr. Kein Problem, wenn man länger zu Gast in Japan ist. Aber die Umgewöhnung dauert. Und beide Mädchen sind verwirrt.

„Weißt du“, erwidere ich, „du benutzt doch auch meist deine linke Hand. Und die Menschen in Deutschland machen das mit ihren Autos.“ Akiko nickt, das hat sie verstanden. „Trotzdem komisch“, murmelt sie und drückt sich ihr Näschen an der Scheibe platt. „Wo fahren wir hin, was ist das?“

Es geht in den Supermarkt, dann in den Asia-Shop. Mittagessen gibt’s bei meinen Schwiegereltern. Yukis Mama kann kaum ihren Blick von den Mädchen nehmen. Frauen sind schon komisch. Ich weiß genau, wie die ticken! Auch Cousin Ken ist mit von der Partie und freut sich uns zu sehen.

Als es gegen Abend ins Training geht, werden die Mädchen richtig munter. Vor allem Akiko, die einfach süß im Karate-Gi aussieht. Sayuri steht schüchtern am Mattenrand, als ihre große Schwester übt. Aber sie macht jede Bewegung mit. Auch sie hat Talent. Ich bin überrascht, als sie sich zögernd neben Akiko stellt. „Darf ich, Tante Yumi?“, fragt sie lieb und verzaubert alle Herzen.

Wieder zu Hause baden wir die Mädchen und liefern uns  eine Wasserschlacht. „Land unter, ihr Wasserratten“, ruft Ken und wirft sich vor Lachen weg. „Ihr zwei seid wirklich reif für die Mutterrolle“, erklärt er und flüchtet aus dem Bad. Die Ankunft meiner Cousine rettet ihn vor Ungemach. „Schwesterchen“, ruft er, die wollen mich hauen!“

Wir sitzen noch lange zusammen, die Kinder schlafen friedlich auf der Couch. Familie ist wichtig. Mir bedeutet sie viel. Gemeinsam werden wir den Plan verfolgen, um in Japan ein Kind zu adoptieren. Das geht auch als Single, als Ehepaar zählen wir in Japan nicht. Dann werden aus den ollen Tanten tolle Mütter. Ihr werdet es schon sehen.

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46 Kommentare zu “Tanten, wie wir

  1. Wie schön! Ich kann mir Euch richtig gut als Mütter vorstellen! Bin schon ganz gespannt. Eins hab ich nicht ganz verstanden: Was hat der Rechtsverkehr in Deutschland mit der linken Hand zu tun?

    • Akiko ist Linkshänderin. Links, ist für sie also gelebte Normalität. Es macht nun kaum Sinn einem Kind zu erklären, warum es die Unterschiede beim Verkehr gibt und woher die stammen. Aber den Unterschied zwischen links und rechts, hat sie verstanden.

  2. Ich drücke Euch ganz fest die Daumen! Es gibt so viele Wasienkinder, die sich nach einem liebevollen Zuhause sehnen. Hoffenltlich hat eines Glück und darf zu Euch – oder zwei oder drei? 😉

    • Wir haben mit der Erneuerung unserer japanischen Pässe und dem (Zweit)Wohnsitz bei meiner Tante, die Weichen gestellt. Wie die Behörden im Einzelfall entscheiden, werden wir sehen. Wir ersparen uns mit einer Adoption gesundheitliche Probleme bei Yuki, die das auch ganz locker sieht. Es sind noch eine Menge Dinge zu klären, da wir in Japan nicht als Ehepaar gelten. Wir könnten also – nach japanischem Recht – nur jede für sich ein Kind adoptieren.

      • Läuft Adoption denn in Japan generell einfacher, als in BRD? Und wenn ja, warum? Ich könnte mir vorstellen, dass da auch die Mentalität eine Rolle spielt. Oder?

      • Einfacher? Anders denke ich. Du unterscheidest zwei Arten der Adoption: Das Kind behält die Bindung zu seiner biologischen Familie. Inklusive Erbrecht und sozialen Privilegien. Bei uns eher schlecht, wir leben in Deutschland. Wir suchen eher eine Vollwaise. Aber kein Baby mehr. So niedlich die sind, wir müssten unser Leben völlig umkrempeln. Was finanziell schlecht wäre für das Kind. Mit Liebe allein gibt’s nix zu essen. 3 – 6 Jahre ist auch ein schönes Alter. Und dann bringt mein Papa den Kindern Karate bei. Hat er schon angekündigt und auf seine Art gelacht.
        Und was meinst du mit Mentalität?

      • Na, ich meinte, hm, also bei uns in BRD muss ja jede Kleinigkeit gesetzlich geregelt sein. Das hat Vorteile, führt aber leider auch manchmal zu sinn- oder herzlosen Regeln, zB, dass Ihr nicht als Paar adoptieren könnt. Auch hetero-Paare haben es hierzulande sehr schwer, zu adoptieren.
        In Japan – so stelle ich es mir zumindest vor – liegt der Schwerpunkt eher auf der Gesellschaft der Menschen an sich, mehr „Kollektiv“ statt Individuum. Da könnte ich mir gut vorstellen, dass die Priorität eher auf „Waisenkind bekommt Familie“, als auf der Aufstellung und Überprüfung von 50.000 Sachen liegt. Nicht, dass die schludrig wären, sondern eher, hm, dass es statt 50.000 Sachen nur 10.000 gibt oder so. Äh, versteht einer, was ich meine? 😀

      • Japaner stellen ihr eigenes Wohl stets in den Dienst der Allgemeinheit, in den Dienst Japans. Du erinnerst dich vielleicht an meinen Artikel darüber. Ich mag deine Sicht der Dinge, aber auch in Japan gibt es Bürokratie. Aber auch (m)einen Onkel, der ein hoher Beamter ist. Meine Familie hat einen guten Ruf. Auch, wenn wir im „Ausland“ leben. Ich sehe der Adoption gelassen entgegen. Alles wird sich finden. Den Rest werden wir erledigen. 🙂

    • Dankeschön! Wir werden vermutlich nächstes Jahr gezielt auf die Suche gehen. Und dann auch länger in Japan leben. Bis dahin haben wir mit meinen Nichten (eigentlich Großcousinen) Spaß 🙂 In Asien sind sowieso alle „Familie.“

  3. Tanten sind auch wichtig, muss ich als Tante doch mal einwerfen 😛 Aber ihr werdet bestimmt auch gute Mütter. Und Akiko und Sayuri sicher tolle Cousinen 😉 Wenn ihr in Japan adoptiert, werdet ihr dann auch für eine Weile dorthin ziehen (müssen)? Also nicht nur einen eingetragenen Wohnsitz dort haben, sondern euch tatsächlich länger dort aufhalten?

    • Ja. Wir wollen dem Kind keinen Kulturschock verpassen. Wobei Kinder recht schnell heimisch werden. Und Japan ist, trotz seiner LGBT-Merkwürdigkeiten, noch immer mein Heimatland.

  4. Awwr, die beiden Kleinen klingen ja goldig. 🙂 Dann ganz viel Erfolg beim Bezwingen der japanischen Bürokratie! Auf dass eure Familie bald noch ein paar Mitglieder mehr zählt. ^~^

  5. Ihr scheint tolle Tanten zu sein, die ihren Nichten etwas bieten, wenn sie zu Besuch sind. 😃 Ich will auch Tante werden. Yi Mans ein Jahr ältere Schwester will glücklicherweise bald Mutter werden. Asiatische Kleinkinder sind so niedlich! 🙂 Yi Lan meinte schon, dass sie die Kids dann immer bei mir parken wird, wenn sie dann mal eine Pause braucht. Im Gegenzug darf ich ihnen dann auch Zöpfe machen. 😂

    • In unserer Familie hat Budo Tradition. Fast alle machen etwas. Und Akiko hat das schon in Japan getan. Ja, ich lehre gern. Auch, weil ich dadurch selbst etwas lerne.

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