Der Mann, der kein Karate konnte

Lügner und Betrüger hat es schon immer auf der Welt gegeben. Wenn Menschen einen Vorteil wittern, schlagen sie hemmungslos zu. Sinnbildlich versteht sich. Einige auch mit brutaler Gewalt. Aber um Gewalt geht es in diesem Artikel nicht. Auch, wenn sie Teil unseres Lebens ist.

Im Karate gibt es Gürtel, die den Leistungsstand repräsentieren. Schwarz trägt nur der Meister, der bis zum 5. Dan selbst Schüler ist. Schwarz trägt auch ein neuer Schüler, der seit 10 Jahren Meister ist. Sagt er und legt eine Urkunde aus Malaysia vor, die niemand entziffern kann. Gleichzeitig aber auch ein Attest vom Arzt. Bandscheibe kaputt, das tut weh!

Angeblich ist der Mann in Hongkong geboren. Aber Kantonesisch spricht er nicht. Er ist Brite mit deutschem Pass und deutscher Mutter. „James heiße ich“, sagt er locker, „aber ihr könnt mich gern Jimmy nennen. So wie mein großes Vorbild, Jimmy Wang Yu.“

Die wenigsten meiner LeserInnen dürften diesen Namen kennen. Aber Wang Yu, war wirklich einst „Der Mann aus Hongkong.“ Er war auch „Der einarmige Schwerkämpfer“ und hat eine Menge Martial Arts-Filme gedreht. Alle auf seine eigene Art. Ich habe niemals einen schlechteren Martial Artist gesehen. Der Mann konnte nichts, das aber richtig gut.

Wang Yu’s Stärke war sein Charisma. Aber wer ihn ungelenk durch alte Filme hopsen sieht, wird meist laut lachen. Wang Yu konnte weder Karate, noch irgend eine Form des Kung Fu. Nur sein Schwertkampf war passabel. Offenbar hat er darin einst Unterricht gehabt. Der Rest war Straßenkampf und einstudierte Schläge.

Der Sensei akzeptiert Jimmy, aber der steht meist im Hintergrund. So gut wie nie nimmt er richtig am Unterricht teil, spart aber nicht mit klugen Sprüchen. Ich bin damals 19 Jahre alt. Es war meine wilde Zeit. Und doch war ich bereits gut darin Betrüger zu entlarven. Wie Jimmy, der nur ein Schauspieler ist.

Meine Chance kommt nach einigen Wochen, als ich den Sensei wegen Verspätung vertreten darf. Wie immer sitzt Jimmy im hintersten Winkel und feuert die anderen Schüler an. Als ich ihn bitte mir zu assistieren, wird er unruhig und will plötzlich gehen. „Ich habe noch einen Termin“, murmelt er. Was nach 20 Uhr am Abend kaum vorstellbar ist.

„Ich brauche doch nur 5 Minuten“, sage ich lächelnd. „Du würdest mir mit deiner großen Erfahrung sehr helfen.“ Jimmy wird bleich, Schweiß tritt auf seine Stirn. Ich habe ihn und er weiß das ganz genau. „Wenn du uns die Sesan-Kata zeigen könntest, ich werde dann dazu etwas erklären.“

„Ja, aber meine Bandscheibe“, protestiert Jimmy schwach. „Ich weiß nicht, ob mein armes Kreuz hält.“ Ungerührt blicke ich den erbärmlichen Lügner an. Dann trete ich blitzschnell zu. Jimmy macht keinen Versuch auszuweichen, er hat den Kick nicht kommen sehen. Keinem Meister wäre das passiert. Das wars mein Junge, du bist blamiert.

Jimmy sitzt verdattert auf dem Hosenboden und meine Schüler sind fassungslos. Unruhe macht sicht breit. Wütende Rufe, der Zorn regiert. „Zieh diesen Gürtel sofort aus“, sage ich bestimmt. „Du bist nur ein Lügenmeister.“ Unser Sensei rettet die Situation und erspart dem Entlarvten weitere Schmerzen. Körperlich. Sein kleines Ego leidet schwer.

Mit knappen Worten informiere ich den Sensei und er nickt. „Meine Schuld“, sagt er zerknirscht. „Ich habe so etwas schon geahnt und wollte es nur nicht sehen. Aber du leitest heute das Training. Entscheide du.“ Ich nicke und gehe drohend auf Jimmy zu. „Warum“, will ich wissen, „was soll dieses Theater?“

Jimmy geht auf die Knie und verbeugt sich immer wieder. Er stottert, versucht sich zu erklären. Unwirsch nehme ich den Gürtel aus seiner Hand. „Ich … ich habe Karate immer geliebt“, flüstert der Lügner. „Ich wollte doch nur so so sein wie Wang Yu!“ „Ein Mann, der kein Karate konnte“, erwidere ich kalt. „Bravo, das hast du geschafft.“

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13 Kommentare zu “Der Mann, der kein Karate konnte

  1. Konnte er NIE Karate oder hat er es mal gemacht und musste dann aufhören? Und mit welcher Begründung hat er Euch beim Training zugeschaut? Sich einen Meistertitel anzumaßen ist … Also, auf die Idee käm ich gar nicht!

    • Er hatte angeblich eine kaputte Bandscheibe und ein Attest vorgezeigt. Aber er wollte dem Karate nahe sein, sagte er. Und du kannst auch lehren und lernen, wenn du lediglich Zuschauer bist. Was ich von ihm sah, war lausiges Karate. Einige Schritte und Schläge, mehr hat er uns nie gezeigt. Der Sensei war zu gutgläubig. Ich bin das nie. Leider gibt es diese Betrüger. Ich kenne mehrere Fälle, die aber vor allem in den USA geschehen sind. In Japan macht das niemand.

  2. Irgendwie ist das auch eine traurige Geschichte. Der Mann stand sich selbst im Weg; wenn er von Anfang an zugegeben hätte, dass er kein Karate kann, hätte er schließlich noch etwas lernen können. Sicher wäre er nicht auf das Niveau eines echten Karate-Meisters gekommen, besonders, wenn er Rückenprobleme hat, aber auf das, was er erreicht hätte, hätte er wenigstens zu Recht stolz sein können.

    Es muss ja nicht jeder ein Meister sein. Aber besser ein echter Schüler als ein falscher Meister.

    • Der Vergleich mit einem Schauspieler, bzw. Wang Yu, kommt nicht von ungefähr. Viele Martial Arts DarstellerInnen, haben erst für die entsprechenden Filme gelernt. Vermutlich wollte er einfach dazu gehören und Teil der „Familie“ sein. Ja, das wäre er auch als Schüler gewesen. Wir machen keinen Unterschied, ob WeltmeisterIn, oder AnfängerIn.

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