Das Interview

Interviews mit Freunden zu führen, hat immer einen besonderen Reiz. Noch interessanter, wenn die eigene Frau die Fragen stellt. Und nicht nur Yuki hat mich in der Mangel. Meine beste Freundin Karin ist auch mit von der Partie. Hier nun, was sie dem Biest an Fragen stellten. Um nicht alle privaten Dinge zu verraten, haben wir einige Details ausgeklammert oder nur oberflächlich angesprochen. Ich bitte um Verständnis dafür.

Yuki und Karin: Ob Deutschland reif für einen Wirbelsturm wie Mayumi war kann niemand sagen. Aus der Heimat Japan und dem Freundeskreis gerissen, war sie es zumindest nicht. „Ich habe keine bewussten Erinnerungen an die ersten Tage in Deutschland“, verrät sie. „Nur vage Bilder und ein Gefühl der Verlorenheit. Was machst du, wenn du als kleines Mädchen in einem dir völlig fremden Land, so komischen Menschen gegenüber stehst?“ Sie zwinkert bei diesen Worten und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Und dieses Gesicht ist so japanisch, wie aus einem Bilderbuch. Edel, aristokratisch und wunderschön.

Humor ist, neben Disziplin und einem unbeugsamen Willen, Mayumis Markenzeichen. Aber hinter dieser Albernheit steckt oft auch eiskaltes Kalkül. Mit ihrem unvergleichlichen Charme gewinnt sie schnell neue Freundinnen in dem für sie fremden Land. Jungs gehören keine dazu. „Die fand ich schon immer komisch“, sagt sie leise. „Es gibt nur wenige Männer, die einen Platz in meinem Herzen haben.“ Zu diesen Männern gehören ihr Cousin Ken und ihr Vater. Ein Vater, der auch ihr Trainer ist. Und ein ziemlich weiser Mann.

„Meine Eltern haben sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut“, erzählt sie. „Mein Vater hat schon in Japan Immobilien verkauft, vermittelt, oder vermietet. Von seinen Eltern hat er mehrere Objekte geerbt. Sie haben uns den Start in eine neue Existenz erleichtert.“ Mayumis eher vage Formulierung kann die Tatsache kaum verbergen, dass ihre Eltern vermögend sind. „Geld hat mir nie viel bedeutet“, wehrt Mayumi ab. „Ich hatte nie große Ansprüche. „Jeans, oder Cargohosen, weite Pullover und Baseballkappen, das war lange mein Stil. Ich brauchte keine goldene Uhr, oder Diamanten als Schmuck. Und Make-Up trugen immer nur die anderen. Ich habe lieber Karate trainiert.“

Bei diesen Worten lächelt sie verschmitzt. Kein Wunder, hat sie doch den 3. Dan im Karate und ist selbst Karate-Lehrerin. „Ich weiß, dass mein Leben eine Kontroverse ist“, sagt sie auf Ausbildung, Sport und Privatleben angesprochen. „Ich war schon als Kind sehr kreativ und habe Haiku und kleine Geschichten geschrieben. Wer mich verträumt Musik hörend in meinem Zimmer sitzen sah, konnte kaum glauben, dass ich von einem Moment auf den nächsten einfach explodiere. Der Grund waren meist Hänseleien von Jungs oder offen vorgetragene Gewalt gegen andere Kinder. Ungerechtigkeit jeglicher Art ist mir ein Gräuel. Aber ich trat auch für Jungs ein, wenn sie Hilfe brauchten.“

Mayumi spricht dabei einen Vorfall an, den sie selbst „Wer die Nachtigall stört“ betitelt hat. Sie selbst sieht sich als Regenbogen-Kriegerin, ganz in der Tradition der alten Samurai. Stolz erzählt sie von ihren Vorfahren und spricht auch Iga an und die mit ihrer Familie verwandten Ninja. „Schwertkunst und Aikijujutsu haben seit Jahrhunderten ihren Platz bei uns. Aber erst mein Großvater, den ich leider nie kennenlernte, hat auch das Goju-Ryu Karate quasi dazu addiert.“ Sie lacht und kickt spielerisch nach unseren Köpfen. Ganz Kind und doch eine hellwache Kriegerin. Aber diesen Unterschied können nur die beiden Interviewerinnen sehen.

Auf BWL und Logik angesprochen winkt sie nur ab. „Ich kann jeden Humor unterdrücken und mich in eine emotionslose Denk- und Kampfmaschine verwandeln“, sagt sie locker. Und wer sie erlebt hat weiß, dass das nicht gelogen ist. Egal ob hochkomplizierte Strategien, oder eine gefährliche Situation, mit ihr an der Seite wird diese jeder überstehen. „BWL war und ist Sicherheit für mich“, erzählt sie weiter. „Disziplin und Formeln mit Kreativität gemischt, haben mich zur Frau Dr. gemacht. Aber nach 3 Jahren als Assistentin war der Spaß vorbei. Ich bin innerlich gestorben, die Vorgaben waren einfach viel zu eng.“

Ihre Selbstständigkeit 2014 schien die logische Konsequenz gewesen zu sein. Und doch ist auch das nur ein weiterer Schritt. „Als Unternehmensberaterin musst du oft Dinge tun, die sich gegen Menschen richten. Du vernichtest Existenzen. Und genau das mache ich nicht!“ Mayumis Augen scheinen zu glühen, als sie diese Worte spricht. Dunkle, kalte Schwärze, die Angst machen kann. Zumindest aber Respekt. Und leider zeigen den viele Menschen nicht, wenn sie eine nur 1,62 Meter große Japanerin vor sich sehen. „Es sind nicht nur Männer, die sich für überlegen halten“, fährt sie fort. „Auch wenn ich mittlerweile Deutsche bin, haben mich manche Menschen wegen meines Aussehens nie akzeptiert. Manchmal kam ich mir wie ein Tier mit zwei Köpfen vor, wenn sie mich angestarrt haben. Im Gegensatz zu den meisten Frauen, hat mich das aber nicht gestört. Starrt mich wer an, starre ich zurück. Und zwinge den Blick zu Boden. Das klappt immer.“ Was wir bestätigen können.

Anders zu sein, hat sich bei Mayumi auch in Sachen Liebe ausgedrückt. „Ich bin nun mal lesbisch“, sagt sie. „Männer haben mich noch nie interessiert. Mein erster Kuss war mit einer Frau. Das ist selbst für Mädels eher selten. Viele Lesben stehen nicht zu sich. Aber woher weiß ein junges Mädchen, dass es auf andere Mädchen steht?“ Sie zwinkert Karin verschwörerisch zu und meint dann „Sag du doch auch mal was dazu.“ Da dies aber nicht mein (Karin) Interview ist, wird nur auf den entsprechen Artikel verwiesen, den jeder selbst nachlesen kann.Und zwar HIER.

„Ich habe mich nie absichtlich geprügelt“, erwidert sie auf die entsprechende Frage. „Mit 7 Jahren hat mich dieser fette Typ einfach umgestoßen und ich bin hart zu Boden gefallen. Außer im Dojo hatte ich bis dahin noch nie Karate, oder Aikido angewandt. Meine Reaktion war instinktiv und dann ging er zu Boden.“ Nachzulesen ist das HIER, wenn es wer lesen mag. „Leider war das nicht der einzige Vorfall. Vielleicht hat mich dieser dumme Streich auch verändert. Oder aber die Wildheit in mir geweckt, die schon vorher in mir war. Zorn, Wut brauchten ein Ventil. Karate hat mich vor Schlimmerem bewahrt.“

Ihre Familie bedeutet Mayumi alles. „Familie ist wichtig!“, sagt sie einmal mehr. Aber als Teenager hat sie nur kurz gezögert und ihre Eltern dann mit dem Coming Out als Lesbe geschockt. „Warum sollte ich das auch verbergen?“, fragt sie. „Wem hätte das helfen sollen? Klar waren sie anfangs nicht begeistert. Aber sie haben es schon lange geahnt. Wenn auch nicht in Worte gefasst. In Japan ignoriert man Homosexualität bei Frauen einfach. Sie ist dort nicht gern gesehen. Wir haben dann lange und oft geredet. Meine Mama hat viel geweint. Klar, sie gab sich die Schuld an etwas, wofür es keine Schuldfrage gibt. Lesbisch wirst du geboren. Du wirst das nicht mal eben so.“

Mayumi engagiert sich seit Jahren für die Rechte lesbischer Frauen. Nicht auf der ganz großen Bühne. Aber auch Kleinvieh macht Mist. Und es gibt genügend Fälle, zwischen Stuttgart und Düsseldorf, bei denen sie Hand angelegt hat. Inklusive Tritten in den Hintern. Zumindest bildlich gesprochen. Worte können die besseren Waffen sein. Dieses selbstbewusste Auftreten gepaart mit Aggressivität, haben ihr den Ruf als Biest eingebracht. Oder Akademikerin mit Samurai-Genen, wie einer ihrer Blog-Leser schrieb.

Auf ihre Pläne und den weiteren Lebensweg angesprochen überlegt Mayumi kurz. „Eine eigene Karate-Schule, die doppelte Staatsbürgerschaft (Japan + Deutschland), 2 Kinder (Mädchen!) und eine tolle Frau an meiner Seite.“ Sie zieht bei diesen Worten Yuki in ihre Arme, die lächelnd nun Karin das weitere Interview überlässt. Was kein Problem ist. Ich kenne die beiden Turteltauben schon lange genug. „Ach ja, eins noch“, fügt Mayumi hinzu. „Ein Buch mit meinen gesammelten Werken (Gedichte) werde ich noch schreiben. Und wenn ich viel Lust habe einen Kriminalroman. Oder Horror …“ An dieser Stelle hält ihr Yuki den Mund zu und sagt energisch „Liebesroman bitte!“ Und Karin Sommer unterschreibt.

Das Interview führten besagte Karin und Mayumis Ehefrau Yuki.

Advertisements

20 Kommentare zu “Das Interview

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s