Coming Out, was dann?

Düsseldorf, vor einigen Jahren. Yvonne ist süße 21. Zwar jung, aber nicht naiv. Sie ist neu in unserer Runde. Unsicher und introvertiert. Yvonne studiert Sport in Köln. Und Sport sieht man ihr deutlich an. Sie ist ein Kraftpaket und legt im Judo selbst ihren großen Bruder flach.

Yvonne ist lesbisch, das war sie immer schon. „Schon als ich ganz jung war, habe ich nur Mädchen angestarrt“, erzählt sie leise. Yvonne spricht überraschend sanft. Ihre Stimme passt kaum zu ihrer Figur. Burschikoser Auftritt, kurze Haare. Fast die Klischee-Lesbe bei der die Sensibilität regiert.

„Ich wusste immer, dass ich anders bin“, lässt sie uns wissen. „Egal wo ich war, Männer waren stets nur gute Freunde. Kumpel, mit denen ich Spaß haben konnte. Aber in Mädchen war ich immer verliebt.“ Sie zögert kurz und schüttelt dann den Kopf. „Verliebt in Anführungsstrichen“, sagt sie dann. „Als Kind weißt du nichts davon.“

„Mit 15 habe ich mit Martina geknutscht. Wir waren immer zusammen und irgendwann ist es passiert. Aber 15 Jahre alte Mädchen küssen sich nicht! Zumindest nach Meinung unserer Eltern …“ Yvonne schluckt, ihre Augen füllen sich mit Tränen. „Mein Vater hat mich grün und blau geschlagen.“

Spontan greife ich nach Yvonnes Hand, die viel größer ist als meine. Aber ihr Ego ist noch klein und verletzlich. So, wie der ganze Mensch. „Erzähl weiter, wenn du magst“, ermuntere ich sie. „Hier bist du sicher. Hier gibt es keinen Schläger.“

„Thomas, mein Bruder hat mich gerettet“, sagt sie und die Tränen fließen. „Er ist 7 Jahre älter und hat damals schon viele Jahre geboxt. Als er nach Hause kam und sah was passierte, hat er meinen Vater vor die Tür gesetzt, die Polizei gerufen und sich um mich gekümmert. Ohne ihn wäre ich tot.“

„Warum hat dein Vater dich geschlagen?“, will ich wissen. „Wegen diesem einen Kuss?“
Yvonne schüttelt den Kopf. „Ich … ich habe ihm gesagt, dass ich Martina liebe und niemals einen Mann. Das werde er mir austreiben, hat er immer wieder geschrien. Die körperlichen Schmerzen waren eine Sache, schlimmer waren die der Seele. Was empfinden Kinder, wenn sie der geliebte Vater derart schlägt?“

Yvonnes ganzer Körper zittert, sie trinkt einen Schluck. Die Erinnerung ist wieder frisch. „Ich habe das alles damals nicht verstanden. Warum alles so kam. Woher weiß ein Kind, was lesbisch ist? Warum muss es falsch sein eine andere Frau zu lieben?“ „Ist es nicht, Süße“, erwidere ich. „Lesbisch zu sein, ist keine Wahl. Wir werden so geboren. Und das ist gut.“

Yvonne nickt. Zögernd zuerst, dann vehement.
„Ja!“, sagt sie mit fester Stimme. „Lesbisch zu sein ist gut. Das sah auch mein Bruder so, der schon immer mein Beschützer war. Er hat unserem Vater angedroht ihm jeden Finger einzeln zu brechen, wenn er noch einmal die Hand gegen mich hebt. Mein Vater zog aus. Ich habe ihn nie wiedergesehen.“
Schicksale, die das Leben schreibt.

Während meine Mädels vor Entsetzen schweigen, habe ich leise gelacht. Nicht wegen der Gewalt. Aber in Thomas erkenne ich einen Geistesbruder. Einige Tage später lerne ich ihn kennen. Er kommt mit seinem Mann. Die beiden sind lieb. Thomas ein Riese mit goldenem Herz. „Aber Judo kann Yvonne besser“, sagt er stolz. „Ich wollte, dass sie es lernt, um sich zu wehren.“

Ich beginne zu verstehen, was den Vater angetrieben haben mag. Aber Gewalt gegen Frauen, ist keine Option für Mann. Schon damals weiß ich welches große Glück ich habe, mit toleranten Eltern gesegnet zu sein. Yvonnes Geschichte hat mich berührt. Und doch zeigt sie mir, wie mutig sie bereits als Mädchen gewesen ist.

Ebenso mutig erweist sich Martina, die immer zu ihrer Freundin hält. Auch sie lerne ich kennen, die Frauen sind seit Jahren ein Liebespaar. Heimlich bisher, damit Martinas Eltern nichts erfahren. Als sie endlich ihr Schweigen bricht und laut „Ich liebe dich, Yvonne“, sagt, geschieht das auf der Geburtstagsfeier ihrer Mutter. Deren Tränen fließen. Danach ist alles klar.

„Coming Out, was dann?“, ist die Frage, die sich viele Homosexuelle stellen. DIE Antwort darauf gibt es noch nicht. Aber vielleicht eine wachsende Akzeptanz. Das zumindest wünsche ich mir.

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12 Kommentare zu “Coming Out, was dann?

  1. Ich bin wieder berűhrt vun deinem Schreiben. Ja sogar ein paar Tränen in den Augen. Ich hatte Glück und keine solche Erfahrungen. Danke wieder mal für diesen Text

    • Bewusst zeige ich die oft negativen Erfahrungen von Menschen, im Umgang miteinander. Um aufzuklären. Angst, Hilflosigkeit und Unkenntnis sind niemals gute Lehrmeister. Zum Glück. Und zum Glück erleben nicht alle Menschen körperliche Gewalt, wenn sie ihr Coming Out haben. Aber ihre Seele leidet doch oft mit.

      • Ja das ist,ganz richtig, Diskriminierung und Gewalt liegen ja auch immer unterschiedlich. Die ist oft in nicht so offensichtlichen zu finden. LG

  2. Eine heftige Geschichte! 😦 Höchstwahrscheinlich war das nicht das erste Mal, dass der Vater seiner Tochter gegenüber gewalttätig wurde. Auch wenn er verzweifelt war, weil auch sein Sohn schwul ist, ist das keine Entschuldigung für das, was er getan hat.
    Ein guter, schwuler Freund von Yi Man hat auch keinen Kontakt mehr zu seinem Vater. Als der Vater erfuhr, dass sein Sohn schwul ist, hat er ihm mitgeteilt, dass das für ihn schlimmer sei als wenn er tot wäre. Sein Bruder teilt die Meinung seines Vaters. Nur die Mutter steht hinter ihrem Sohn. Das in der heutigen Zeit ist wirklich ein Armutszeugnis. 😞 Natürlich war Yi Mans Freund auch schon in Therapie.

    • Es gibt leider immer noch solche Fälle, die wir kaum begreifen können. Und auch kaum wollen. Umso erstaunlicher, dass so viele Menschen diese Fakten noch immer ignorieren.

      • Ja. Und davon gibt es eine ganze Menge. Schau, als ich den Blog erstellte war meine Intention ihn für Frauen zu schreiben, gegen Homophobie etc. Nur gibt es leider schon zu viele Webseiten zum Thema LGBT und nur eine Minderheit liest diesen Blog. Der Rest sind Heterosexuelle, die mit allerlei Klischess und Vorurteilen, aber auch jovialem Chauvinismus ausgestattet sind. Einige wenige Schwestern haben mich in den letzten Jahren unterstützt. Aber es sind zu wenige, um die Phalanx aus Unkenntnis zu durchbrechen.

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