All about Anna

„All about Anna“, ist ein Film, den ich vor einigen Jahren sah. All about Anna, ist aber noch viel mehr. Dabei geht es weniger um den Film, als um eine Frau, deren Name Annalena ist. Ich habe Anna vor fast 15 Jahren auf einem Karate-Turnier getroffen, das sie in ihrer Gewichtsklasse locker gewann. Dabei kann sie überhaupt kein Karate. Aber Krav Maga und das richtig gut.

Anna ist lesbisch, das war sie immer schon. Geboren und aufgewachsen in Berlin, hat sie ihr Weg quer durch Deutschland geführt. Ein Weg, den wenige Frauen gehen. Ein Weg, den ich gut nachvollziehen kann. Anna ist Jüdin und kam schon als junges Mädchen zum Krav Maga. Wie ich lebt sie für ihren Sport, mit dem sie tief verwurzelt ist.

Anna hat meine Kämpfe damals ebenfalls gesehen und war tief beeindruckt.
„Du bist echt gut für so ne Kleene“, hat sie mich gelobt. Und ich habe nur gelacht.
Wir haben uns sofort als Schwestern erkannt, aber es gab niemals mehr als reines Interesse am anderen Mensch. Zu verschieden waren unsere Persönlichkeiten. Während Anna eher grüblerisch und in sich gekehrt durchs Leben geht bin ich Miss Extrovertiert.

Aus dieser kurzen Begegnung, ist eine Freundschaft entstanden, die die Jahre überdauert hat. Anna hat sogar eine Weile in Düsseldorf gelebt und dort als Security gearbeitet. Ich musste immer frech grinsen, wenn sie Männern den Einlass in Clubs verwehrte und uns Mädels nicht.

Vor 5 Jahren traf sie die Liebe ihres Lebens. Eine bisexuelle Frau aus Frankfurt, eine sehr hübsche Lehrerin. Corinna hat die rotesten Haare, die ich jemals gesehen habe auf dieser Welt. Eine Haut, so zart und weiß wie Alabaster. Und im Gegensatz zur burschikosen Anna, ist sie fast zu feminin. Eine Göttin unter Butches.

Corinna hat Anna wieder auf die Uni gebracht. Dort hat sie zu Ende studiert, was sie damals in Berlin begann. Aus der Wildkatze Anna, ist über die Jahre eine wundervolle Frau geworden, die ihre Corinna glühend liebt. Aber es gibt Menschen, die haben wenig Glück im Leben. Und irgendwie gehört Anna mit dazu. Corinna will Kinder, Anna ist noch nicht bereit. Die beiden streiten sich, es kommt zum Eklat. Eine Trennung scheint unvermeidlich. Corinna lernt Gerd kennen und verliebt sich Hals über Kopf. Zumindest wird sie das so Anna sagen. Zwei Monate später ist sie schwanger und Anna am Boden zerstört
Und das Schicksal geht eigene Wege.

Der Anruf erreicht mich gegen 23 Uhr. Ich bin schon im Bett und auch Yuki schläft. Eine leise Stimme flüstert mir Worte ins Ohr, die jede Müdigkeit vergessen machen.
„Ich … kann nicht mehr.“
Mein Gedächtnis für Stimmen war schon immer gut. Und auch Anna erkenne ich prompt.
„Anna, was ist los?“, will ich wissen. „Geht’s dir nicht gut?“
„Pillen“, lallt Anna. „30 Stück … schlafen …“ Dann bricht die Verbindung ab.
Ich rufe zurück, aber Anna meldet sich nicht. Sofort informiere ich die Polizei. Man verspricht mir in Frankfurt anzurufen und dort die Kollegen zu informieren.
„Machen Sie sich keine Sorgen, das kriegen wir schon hin“, höre ich nur.
Aber warum warten?

Ich wecke Yuki und erzähle ihr von Anna. Elfchen nickt und wir ziehen uns an.
Der Z erwacht zum Leben, brüllend, laut und ungestüm. Nach Frankfurt sind es 200 Kilometer und zum Glück ist Nachts wenig Verkehr. Aber wir brauchen trotzdem mehr als eine Stunde. Wie schnell ich war bleibt mein Geheimnis. Aber langsam ist anders. Noch auf der Autobahn informiere ich Corinna.
Eine geschockte Corinna mit Babybauch wartet in Anna Wohnung. Notarzt und Polizei sind ebenfalls vor Ort.
Anna kotzt sich die Seele aus dem Leib, aber es geht ihr schon wieder besser. Bleibende Schäden – Fehlanzeige. Glück im Unglück, alles wird gut.

„Das …, das wollte ich doch alles nicht!“, stammelt Corinna und schaut uns flehend an. „Ich habe sie doch immer noch lieb!“
„Vielleicht hättest du ihr das sagen sollen“, sage ich. „Aber es ist ja offensichtlich, auf wen du wirklich stehst.“
Yuki schüttelt fast unmerklich den Kopf, aber noch bin ich mit Corinna nicht fertig. Einmal in Rage stoppt mich niemand mehr.
„Du kennst sie doch besser und weißt, wie sensibel sie in Wirklichkeit ist. Hat sich der Suizid nicht angedeutet?“
„Sie hat immer wieder angerufen“, murmelt Corinna. „Aber ich habe mich so geschämt! Was soll ich denn machen? Ich wollte doch ein Kind! Und Gerd, der perfekte Spender.“ Tränen sagen oft mehr als Worte. Und davon hat Corinna viel.

Ich muss nicht Mayumi Holmes und Yuki nicht Frau Dr. Watson sein, wir haben Corinnas Botschaft klar verstanden. Aber für die Wahrheit ist es noch zu früh.
Eine bleiche, zitternde Anna liegt in unseren Armen. Auch sie fängt an zu weinen, als sie Corinna sieht.
Der Notarzt hat ihr eine Spritze gegeben. Mit ins Krankenhaus will Anna nicht. Aber sie muss. Wir fahren mit, die Nacht weicht bald dem Morgen.
Auch Corinna ist dabei, der es prompt übel wird. Wir kümmern uns um sie, bis eine Schwester kommt.
Aber hier sind wir vorerst fehl am Platz, die Pflicht ruft uns nach Stuttgart zurück. Diesemal fahre ich gemäßigt. Ich muss nicht immer Erste sein.

Das alles ist vor einigen Monaten geschehen und Anna geht es wieder gut. Wir haben sie vor einigen Tagen besucht. Noch immer ist sie bleich und jetzt ohne ihre langen Haare. Die sind einer Kurzhaarfrisur gewichen. Die Augen sind dunkel geschminkt und blicken kalt. Die Liebe scheint erloschen.
„Corinna hat mich gestern angerufen“, sagt sie leise. „Sie hat sich von diesem Gerd getrennt. Und …“, ihre Stimme bricht ab und sie schluckt. „Sie hat gesagt, dass sie Gerd nur benutzt hat. Aus Wut und als Samenspender. Glaubst du das stimmt?“
„Ja“, erwidere ich. „Das habe ich schon seit einer Weile vermutet. Aber okay war das nicht.“
Wer soll Frauen je verstehen. Gerd ist nämlich schwul.

„Und wie geht’s weiter?“, will ich wissen. „Kommt Corinna zu dir zurück? Und willst du sie überhaupt noch?“
Anna steht auf und tigert wie eine Raubkatze im Käfig durch die Wohnung.
„Damit sie mich wieder verlässt? Ich ertrage das kein zweites Mal!“
Anna bricht erneut in Tränen aus, als ich den Arm um sie lege. Mit ihren 1,76 Meter ist sie fast eine Riesin gegen mich.
Harte Schale, weicher Kern.

„Los, wir fahren hin!“, bestimme ich, als ich das ganze Elend sehe. „Du fährst selbst, im Z haben nicht alle Platz.“
Eine überraschte Corinna öffnet uns die Tür. Auf ihrem Arm kräht fröhlich ein Kind.
„Das ist Annalena“, murmelt sie und schaut Anna dabei fast flehend an. „Magst du sie mal halten?“
Und genau das hat die große Anna dann getan.

Ich weiß nicht, ob es ein Happy End geben wird. Anna ist noch immer tief und schwer verletzt. Aber die kleine Anna hat ihr Herz bereits im Sturm gewonnen.
Die Frauen wollen sich wiedersehen, soviel steht fest. Ob sie es schaffen wird die Zukunft zeigen und wie groß ihr beider Herz wirklich ist.
„Verlässt du mich auch wegen einer blonden Mieze wenn ich schwanger bin?“, will Yuki auf dem Weg nach Hause wissen.
„Nein“, erwidere ich. „Die halten wir uns nur zum putzen. Aber das hast du bestimmt gewusst.“
Der Spruch war „All about Mayumi.“ Mag noch wer was ergänzen, hat jemand Lust?

Advertisements

17 Kommentare zu “All about Anna

  1. Wenn ich Anna wäre, könnte ich nicht mehr vertrauen, denn daran zu glauben, dass Corinna sich beim nächsten Mal, das Probleme auftauchen, nicht wieder so recht egoistisch verhält, ist ja nicht gesagt.

  2. Es ist wirklich wurscht, wen man liebt, die Fehler sind doch immer die gleichen. Schweigen, wenn Reden doch besser wäre und Eigensinn zurücknehmen, wenn die Meinungen verschieden sind. Soviel Verletztheit, soviel Kummer und wofür? Wenn wir Menschenkinder wenigstens daraus lernen würden…
    Liebe Grüße ins Elfenheim, Deine Käthe, fehlerreich.

    • Wenn ich alle (tragischen) Fälle aufliste, wird dies ein depressiver Blog. Positiv: Corinna ging nicht fremd. Aber eine Art Betrug bleibt es trotzdem.
      Sonnige Grüße aus dem Elfenheim und von einem fauchenden Z.

  3. Ich wünsche den beiden das sie sich wieder zusammenraufen, wobei ich die Erfolgsquote auch eher als mau sehe. War bei meiner Ex damals auch nur noch nen halbes Jahr länger bis es endgültig aus war…..

    • Ich habe Annas Augen gesehen und in ihre Seele geblickt. Nur kann ich damit umgehen, die meisten Menschen nicht. Mein Tipp: sie werden „befreundet“ bleiben. Ich habe mich selten geirrt. Dabei mag ich Happy Endings so sehr.

      • schlank, groß, sportlich ….. Happy End.?.?
        Ähmm … -> niemals solange du deine Finger im Spiel hast, ausser ich bekomm ne Garantie welche mich vor dir schützt im Falle des Falles. Ich bin doch nicht Lebensmüde.

      • „Wer schützt mich vor dir …“, fällt mir dazu als Songtext ein. Anna willst du nicht kennenlernen. Diese kalte Schwärze in ihr überlebst du (emotional) nicht.

      • Bloß nicht. Ich kenn hier am Ort genug aktuelle Fälle die auch nicht mehr alle Gedanken im Kopf Ok haben, ums mal so hart zu schreiben. Fall eins lebt unglücklich mit einem Kerl zusammen der doppelt so alt ist wie sie und sie will jetzt Transmann werden. Fall zwei ist Quer ( also weder noch ), hat 6 Psychologentermine pro Woche und lebt mehr oder weniger in einer offenen Betreuung. Fall drei bagger ich seit Wochen an und traut sich nicht mal mit mir in ne Bar zu gehen. Mal schauen was beim nächsten Treffen so kommt…

      • Anna ist so normal, wie du und ich. Nur emotional erkaltet, wenn du verstehst. Das Baby hat sie trotzdem gemocht. Ich habe gestern mit ihr telefoniert. Sie sehen sich, aber der Funke springt nicht mehr wirklich über. Unsere Prognose stimmt. I’ll keep you informed.
        Es mag nüchtern klingen, aber mancher „Fall“ ist verlorene Zeit. Ich würde mich anderweitig umschauen.
        Grüße aus dem Elfenheim.

  4. Das ist leider, wie in den ganzen Lesbenfilmen. Bei Frauen muss es scheinbar immer dramatisch zugehen. Du bist echt eine tolle Freundin! Nicht jeder wäre nachts direkt losgefahren. Ich lese jetzt mal sofort den zweiten Teil und hoffe, dass es gut ausgeht.

    • In den Lesbenfilmen sterben oft die Hauptdarstellerinnen, was mich regelmäßig auf die Palme bringt. Aber diese Verbeugung vor dem goldenen Hetero Götzen muss scheinbar sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s