The Girls of Tai-Chi

Düsseldorf im Sommer vor einigen Jahren, mein jüngeres Ich ist auf Studienreise durch die Dojos der Stadt. Ich übe Kung Fu und das macht mir großen Spaß. Instinktiv setze ich neue Dinge um und erschaffe die Grundlagen meines Stils. Dann treffe ich auf Sifu Betty Wu, eine chninesische Tai-Chi-Meisterin. Die Frau ist wunderbar!

Tai-Chi gilt als weicher Stil, als inneres Kung Fu. Es dient der Gesundheit, der Balance von Körper und Geist. Sifu Wu kommt aus Taiwan, hat aber auch schon in Hongkong gelebt. Sie ist 40 Jahre jung. Alt sehen nur andere aus, die diese Frau nicht ernst nehmen wollen.

Tai-Chi-Chuan gibt es in verschiedenen Formen und es kann auch schnell angewendet werden. Zur Selbstverteidigung, zum Kampf. Auch das wird mich die Meisterin lehren. Ihre beste Schülerin ist stets mit dabei. Ihr Name ist Lia und Sifu Wus Nichte.

Ich habe wenig Mühe, die Bewegungen zu lernen. Meine Form des Karate kennt auch den weichen Stil. Und doch bin ich überrascht, als mir die Meisterin Dinge zeigt, die ich sofort verinnerlicht habe. Mein Papa schmunzelt, als ich ihm davon erzähle. „Auch andere Meister können gut lehren“, sagt er rätselhaft. „Und Tai-Chi ist durchaus gut.“

Mein unruhiger Geist rebelliert, als Tai-Chi dann doch nicht schneller wird. Mir fehlt jene Dynamik, die mich schon immer ausgezeichnet hat. Sifu Wu weiß um meine Klasse. Aber Girls of Tai-Chi kämpfen nicht, sagt sie mir Und genau das ändert sich an einem besonderen Tag.
Lia spricht nur Englisch und Kantonesisch. Aber wir verstehen uns trotzdem sehr gut. Sie ist so alt wie ich, aber fast noch zierlicher. Dass ich auf Frauen stehe stört sie wenig.

Ich nehme Lia in eine Lesben-Bar mit, was sie äußerst witzig findet. Sie ist sehr westlich aufgeschlossen, hat aber keinen Blick für Frauen. Kein Problem für mich, eine kleine Geliebte ist stets zur Hand. So auch an diesem Abend.
Ich tanze eng umschlungen und bin kurz von meiner Begleiterin abgelenkt. Eine angetrunkene Lesbe reagiert aggressiv, als sie von Lia abgewiesen wird.
Freundlich, wie Lia später erzählt.

Ein Handgemenge an unserem Tisch, ich bin mit einem Schritt am Platz. Aber ich bin nur Zeugin, wie Lia ihre Kunst anwendet. Der Begriff „auflaufen lassen“ bekommt bei ihr einen neuen Sinn. Fassunglos sitzt das angetrunkene Mädel am Boden und reibt sich den hübschen Po. Nur noch ein Häufchen Elend, dem ich einige nette Worte stecke. Dann befördere ich sie höchstpersönlich aus dem Club.
Lia ist der Vorfall unangenehm. „Ich mag eigentlich nicht kämpfen“, sagt sie. Aber sie hat es perfekt getan.
Tai-Chi ist mehr als nur Gesundheitssport.

Der Abend wird doch noch lustig und wir haben eine Menge Spaß. Lia ist fröhlich und gewinnt zwei weitere Schülerinnen für ihre Tante.
„Als meine Eltern starben, hat mich Tante Betty aufgenommen“, erzählt mir Lia. „Und seit ich Fünf bin trainiere ich Tai-Chi.“
„Hast du keinen Freund?“, will ich prompt wissen? Die Jungs stehen doch bestimmt Schlange bei dir.“
Lias Lachen verzaubert mich. Sie ist ein Engel, das ist klar.
„Ich bin nicht so eine Art Mädchen“, sagt sie leise. „Männer wollen mich nicht.“
Nur kurz bin ich verwirrt. Mein Gaydar hat sich nie geirrt und Lia ist absolut hetero.
Was mag ihr Geheimnis sein?

Die wochen vergehen, Lia und ich unternehmen viel. Als der Herbst kommt muss sie gehen.
„Tante Betty hat ein Angebot aus England“, sagt sie mir. „Sie wird in London unterrichten.“
„London?“, sage ich und runzele die Stirn. „Die reden da immer so komisch.“
„Du bist immer so direkt, Mayumi“, erwidert Lia und lacht. „Aber die netteste Japanerin, die ich kenne.“
Sie zögert kurz und gibt sich einen Ruck.
„Was ich dir nun erzähle wissen nur wenige Menschen“, fährt sie fort. „Aber ich vertraue dir.“
Sie schaut mich tapfer an und gibt sich einen Ruck. „Ich … ich bin keine richtige Frau“, sagt sie leise. „Ich kann keine Kinder bekommen.“
Die Wahrheit tut oft weh.

Regungslos verdaue ich die Neuigkeit. Ist Lia etwa intersexuell? Was da vor mir steht, ist eindeutig Frau. Weder Stimme, Gesicht, Kehlkopf, Hände, oder Füße sind anders. Alles ist fraulich klein. Und doch kommt es noch schlimmer.
„Ich habe keine Eierstöcke“, fährt Lia fort. Und mein Busen wuchs erst durch Hormone, die ich seit einigen Jahren nehmen muss.“
Lias Stimme zittert leicht, als sie mir alles gesteht. Aber ich verurteile nicht. Und doch will ich etwas wissen.
Neugier, die ich meine.

„Fühlst du dich denn von Männern angezogen?“, frage ich.
„Lia schüttelt leicht den Kopf, sie wirkt verlegen. „Ich mag gern Freunde haben“, erwidert sie. „Sex hatte ich noch nie. Weder Frauen noch Männer ziehen mich an. Und doch kann ich lieben. Aber auf meine eigene Art.“
Was Lia mir sagen will: sie ist asexuell. Und das ist keine Seltenheit. Lia weiß, was Liebe ist. Vielleicht kann sie den richtigen Menschen küssen. Aber sie wird niemals Sex haben, was schwer zu begreifen ist.

Lia hat mein Mitgefühl, ihr Schicksal hat mich tief berührt. Sie sieht es locker, Mitleid ist bei ihr fehl am Platz. Bevor sie geht erfüllt sie mir noch einen letzten Wunsch. Ein sportlicher Wettkampf unter Mädchen. Und Sifu Betty hat die Augen verdreht.

Auch als Siegertyp bin ich niemals überheblich. Meine scheinbare Arroganz ist meist nur Ironie. Ich weiß, was Lia kann. Und doch bin ich von mir überzeugt. Aber zum  ersten Mal in meinem Leben treffe ich auf einen Menschen, der mir zumindest ebenbürtig ist. Egal was ich versuche, Lia weicht mir lächelnd aus. Doch ihre Konter laufen auch ins Leere. Der Kampf, der keiner ist, endet unentschieden. Meisterinnen unter sich.
Sifu Betty nimmt uns beide in den Arm. Ein Lob, das ich genieße.

Lia lebt noch immer in England. Über die Jahre halten wir sporadisch Kontakt. Vor einigen Tagen dann die Nachricht, dass sie Düsseldorf besucht. Und Sifu Betty ist auch dabei. Das Wiedersehen ist herzlich. Die Zeit hat kaum Spuren bei den beiden hinterlassen. Aber Lia hat noch eine Überraschung bereit, die selbst mir die Sprache verschlägt. Zwei kleine Mädchen, die sie liebvoll Mama nennen. Ihre eigenen „Girls of Tai-Chi.“

Lea und Mia sind Zwillinge, die früh ihre Eltern verloren haben. Lia hat die beiden adoptiert, wenn auch nicht allein.
„Ich habe geheiratet“, verrät sie mir lachend. „Er heißt Peter und ist ein schwuler Mann. Und mein allerbester Freund. Naürlich ist die Ehe nur Schein. Aber die Mädchen mögen ihn. Ich habe die beiden in einem Heim gefunden, als wir in Liverpool einen Auftritt hatten. Der Rest war Formsache.“
Mehr verrate ich euch nicht.

„Lehrst du sie?“, will ich wissen und mein Herz scheint zu hüpfen, als mir die Kinder ihre Fähigkeiten zeigen. In Yukis Augen schimmern Tränen und spontan greift sie nach meiner Hand. Frauen sind komisch! Und Elfen sowieso. Was die nur immer haben! Ich bin völlig cool.
„Wir bekommen auch unsere „Karate-Kids“, sage ich überzeugt. „Und wenn ich dafür auswandern muss.“

 

Advertisements

14 Kommentare zu “The Girls of Tai-Chi

  1. Was füreine herrliche Geschichte! Ich hab damals in Peking Tai Chi gelernt. MIt gefällt die weiche Form der Bewegungen. Wenn man wirklich die Bewegungen verinnerlicht hat, dann kommt man automatisch in eine Mediation mit wogenden Bewwegungen. Leider habe ich hier keine passende Gruppe gefunden und so manches verlernt. Dass ich in Peking Tai Chi in Winterstiefeln und mit mehrlagiger Bekleidung bei Minus 15 Grad im Freien geübt habe, glaubt mir sowieso kaum einer. Hier muss es die passende Tai Chi-Kleidung sein usw.
    Ach, am besten gefällt mir die Geschichte von deiner Freundin Lia und ihren Kindern. Du und Yuki werdet sicherlich auch ganz wunderbare Kinder haben. Ich bin schon gespannt.
    Alles Gute!
    Ulrike

    • Tai-Chi ist dem Wing Chun nicht mal so unähnlich. Ich habe vieles wieder erkannt. Tai-Chi schnell angewandt ist sehr effektiv! Sifu Betty und Lia können beides richtig gut. Mit denen sollte man sich nicht verkrachen 😀
      Das mit unseren Kindern ist leider ein größeres Problem, als bisher angenommen. Aber darüber mag ich nicht detailliert sprechen. Das verstehst du bestimmt. Den Plan gibt es aber weiter. Und Holland ist nicht weit entfernt. Wir werden sehen 😉 Danke fürs lesen und die Wünsche.
      Liebe Grüße auch an dich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s