Liebe, Krieg und Frieden

Mina lächelte, wie sie es immer tat. Eine weitere Lüge, es war ihr egal. Ein großes „Hallo, schön dich zu sehen“, begrüßte die Heimkehrerin.
Seltsam verloren stand sie zwischen all den Menschen. Fremd in der eigenen Heimat. Sie war so weit entfernt. Die Uniform stand Mina gut, sie war Frau Oberleutnant. Ausgebildet an der Waffe und auch als Technikerin. 2 lange Jahre lang war sie im Krieg gewesen und hatte ihr Land tapfer verteidigt. Ihre Ehe war zerbrochen und Einsamkeit Minas Begleiterin.
Scherben eines Lebens.

Posttraumatisches Stresssyndrom war die Diagnose, die ein Truppenarzt nach dem letzten Einsatz machte. Mina hatte als Einzige überlebt, als ihre Patrouille in einen Hinterhalt geriet. Berge von Leichen umgaben sie, als man sie fand. Ein dunkler Todesengel. Nie hatten die Retter solche Augen gesehen. Man brachte sie in die Heimat zurück. Krank geschrieben auf unbestimmte Zeit. Therapien und Gespräche folgten. Aber in ihrem Kopf war Krieg.
Splitter einer Seele.

„Hey Alte, du gibst uns jetzt sofort dein Geld sonst steche ich dich ab!“
Die Worte des blonden Mädchens klangen rau, Unsicherheit lag in ihrem Blick.
Mina sah auf, sie war von drei Frauen umringt. Punks, Junkies. Sie lachte bitter. Keine Gefahr.
„Geht weg“, sagte sie leise. „Geht, solange ihr noch gehen könnt.“
Worte sind oft nicht einfach zu verstehen.

Die Blonde hörte nicht zu und Mina explodierte. Nie hatte man solche Augen gesehen.
Schreie, als die Finger des Mädchens knackend brachen. Ihre Begleiterinnen flohen entsetzt.
Das wimmernde Mädchen rührte an Minas Herz. Auch Todesengel können barmherzig sein.
„Wie heißt du?“, wollte Mina wissen. „Warum machst du das?“
„Saskia“, erwiderte die Blonde leise. „Ich … ich habe Hunger gehabt.“
Die Leere in dir.

Mina brachte Saskia selbst ins Krankenhaus.
„Es hat einen Unfall gegeben“, sagte sie dem Arzt. „Ich übernehme alle Kosten.“
Nach einer Stunde war Saskia versorgt. Zwei glatt gebrochene Finger, die gut verheilen würden.
„Wieso helfen Sie mir?“, wollte Saskia wissen. „Und wer sind Sie überhaupt?“
Mina blieb die Antwort vorerst schuldig. Aber sie nahm Saskia mit zu sich nach Haus. Das Mädchen hatte keine Unterkunft.
Wann wird man Frauen je verstehen.

Saskia hatte Schmerzen, aber die Finger waren geschient. Einige Wochen Gips und alles war gut.
„Ich war wie du“, sagte Mina leise. „Wild, zornig. Das hat mich zur Armee gebracht. Geh nicht meinen Weg. Gewalt macht einsam. Und Krieg ist niemals gut.“
Mina ließ Saskia duschen und gab ihr frische Kleider anzuziehen.
„Die gehörten meiner Frau“, sagte sie, als Saskia fragte. „Aber die wohnt nicht mehr hier. Der Krieg hat uns getrennt.“
Minas Stimme zitterte bei diesen Worten.
Deine Wahrheit, meine Wahrheit.

Saskia war ein einfaches Mädchen, das einfache Bedürfnisse hatte. Kein Schulabschluss. Leben war heute, wen kümmert schon der nächste Tag.
Aber dumm ist anders, dumm war Saskia nicht. Nur einsam mit viel zu großem Hunger auf ein besseres Leben.
„Ich nehme was ich brauche!“, war ihr Motto.
Mina nickte, als sie es ihr gestand.
„Wenn du diesen Weg gehst musst du entweder besser als alle anderen sein, oder viel Glück haben“, sagte Mina. „Aber zum Glück hast du mich getroffen. Ich werde dir nichts tun.“
Wege entstehen, wenn man sie geht.

Vertrauen ist ein Wort, das manche Menschen niemals kennen. Aber von diesem Tag an wuchs es bei Saskia zögerlich.
Sie blieb und wusste selbst nicht warum. Eine Wildkatze im Tigerkäfig.
Die Krallen beider Frauen blieben ohne Folgen füreinander. Im Gegenteil taten sie sich einfach gut. Saskia erkannte Minas Stärke an und suchte ihre Nähe. Zuerst als große Schwester und voller Unschuld im gleichen Bett. Minas Seele heilte ebenso, wie Saskias Finger. Eine Freundschaft der besonderen Art entstand.
Männer hatten Saskia nie sehr viel gegeben. Drei, vier Stöße und sie war wieder allein.
Aber Minas Wärme blieb.

„Ich war mit einer wunderbaren Frau zusammen“, erzählte Mina eines Tages. „Sie hat sich getrennt, als sie die Einsamkeit befiel. Viele tausend Meilen haben die Liebe zerstört.“
„Du bist also eine Lesbe“, stellte Saskia fest. „Finde ich okay, ist doch nichts dabei.“
Mina lächelte umd strich Saskia einige Haare aus dem Gesicht.
„Bist du dir sicher?“, fragte sie. „Dein Leben ist so schon hart genug … Und wie du weißt bin ich halb verrückt.“
Für Saskia schien ihr altes Leben nun zu enden. Liebesglück im Sommer. Möge er niemals vergehen.

Mit dem Herbst kehrte die Trauer in Minas Seele zurück.
Saskia wich keine Minute von ihrer Seite. Sie kümmerte sich, wie nie ein Mensch zuvor.
Liebe geht oft seltsame Wege. Und manche führen auf die Schule zurück.
Mina brachte ihre Freundin selbst. Danach verschwand sie aus ihrem Leben.
Der Krieg fordert immer seinen Preis.

Mina kämpfte. Gegen sich und die Dämonen ihrer Seele. Und Saskia wieder mit Algebra und Geometrie. Zeit und Entfernung ließen die Liebe fast verblassen. Am Abschlusstag stand Saskia allein. Mit starrem Blick nahm sie die Urkunde in Empfang. Niemand sollte die Trauer ihrer Seele sehen. Ein Schatten, eine hochgewachsene Gestalt. Eine Frau in Uniform bahnte sich einen Weg durch die Menge.
„Oberleutnant Mina Stolte zur Stelle“, sagte sie leise. „Herzlichen Glückwunsch, meine Süße.“
Im Fluss der Tränen.

Mina lächelte, wie sie es immer tat. Und es war keine Lüge mehr. Ein großes „Hallo, schön Sie zu sehen“, begrüßte die Geheilte bei der Truppe.
Die Uniform stand ihr gut, sie war Frau Oberleutnant. Ausgebildet an der Waffe und auch Technikerin in Uniform. 1 Jahr lang war sie im Seelenkrieg gewesen und hatte sich tapfer gegen die Dämonen verteidigt.
„Das ist meine Frau“, stellte sie Saskia vor. „Wir haben gestern geheiratet. Und ich bin nicht mehr im Krieg. Nie wieder.“
„Das stimmt so aber nicht“, flüsterte ihr Saskia frech ins Ohr. „Ich lasse mich gern von dir gefangen nehmen.“
Und das hat Mina auch gemacht.

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26 Kommentare zu “Liebe, Krieg und Frieden

  1. Eine wirklich schöne, gute Geschichte. Zwei Verletzte, die sich gegenseitig heilen. Und ein Beispiel dafür, dass bei Vertrauen, Kraft und Liebe das Geschlecht keine Rolle spielt.

    • Dankeschön! Ich schreibe meist über (zwei) Frauen. Das ist einfacher bei den Gefühlen. Ich hoffe bald wieder einen Text von dir zu lesen. Egal ob „blutig“ oder nicht.

      • Weißt du, ich hatte das befürchtet. So was von „zu schön, um wahr zu sein“. Aber da du dich als „Chronistin“ bezeichnet hast, dachte ich, okay, geschönt, aber im Kern wahr. Schade.

      • Ich habe mich vor einer Weile mit einer Frau unterhalten, die im Auslandseinsatz der Bundeswehr war. Sie ist Stabärztin und hat einige Erfahrungen geteilt. Auch über seelischen Stress, den die Soldatinnen und Soldaten haben. Sie darf keine Namen nennen, hat mir / uns aber sehr eindringlich geschildert, was PTSD bewirken kann und wie diese Menschen leiden. Krieg, den mag ich nicht. Aber mit Gewalt kenne ich mich aus. Also richte ich „gebrochene“ Finger und Seelen in diesem Text.

      • PTSD ist ein Thema, das, so viel weiß ich, hier weitgehend totgeschwiegen wird. Ja, es gibt ab und an Dokus im Fernsehen. Aber eigentlich verbinden wir als große Öffentlichkeit mit „Krieg“ nichts, was uns aktuell betrifft, und das ist falsch.
        Ich mochte deine Geschichte, aber das weißt du ja.

      • Soldaten, Krieg, „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“, ist ein besonderes Thema in diesem Land. Ich mag keinen Krieg, aber ich sehe die Notwendigkeit für Soldaten. Soldaten, die aber dann auch fair behandelt werden müssen. In jeder Form! Den Mörder in Uniform gibt es so nicht. Auch wenn Gerichte diesen Satz zulassen. Im Krieg gibt es nur Opfer. Auf allen Seiten.

      • Um diesen Satz ist viel gestritten worden, ich weiß. Und ja, wenn Soldaten im Auftrag unseres Landes unterwegs sind, dann verdienen sie Fairness und Respekt, der Meinung bin ich auch, was immer ich zum Thema Krieg/Militär denken mag.

    • Vielen Dank. Aber diese beiden Frauen leben nur in meinem Kopf. Das ist eine Kurzgeschichte. 😉 Wenn ich über mir bekannte Personen schreibe, ordne ich Texte unter „Persönliches“ ein. Und Happy Endings mag ich auch. Das Gruselkabinett der Frau Dr. Landar kommt dann später. 😀

      • Ich mag deine Kurzgeschichten. Ich finde deine Kurzgeschichten haben einen ganz besonderen Stil, einen dir eigenen Duktus. Du hebst dich, von vielerlei anderen, was es auf dem Markt gibt, ab.

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