Das zornige Mädchen

Eine Zeitreise bringt mich ins Jahr 1987 zurück. Dem Jahr, als Düsseldorf meine neue Heimat wird. Ein kleines, blasses Mädchen, verloren in der Zeit. Alles ist fremd und doch aufregend und neu. Mit großen Augen gehe ich meist schweigend durch die Welt. Niemand sieht meine Einsamkeit, die Maske sitzt perfekt.

Angst ist ein Gefühl, das ich nicht kenne. Selbstbewusst erkunde ich Düsseldorf. Ich bin anders, das wissen meine Eltern bereits. Unruhig, still zu sitzen fällt mir schwer. Sport rettet mich, als der Zorn in mir erwacht. Jeden Tag übe ich im Keller-Dojo meines Vaters Karate und Aikido. Budo und Zen als Ventil. Andere nehmen Drogen.

Meine Eltern sagen, dass ich nicht viel, aber sehr bestimmend geredet habe. „Ich will“ und „Nein“, gehören zu meinen Lieblingsworten. Meine Mutter ist entsetzt, mein Papa schmunzelt. Er findet das vermutlich komisch. Eher die Ausnahme bei Japanern.

Wenn ich japanische Filme sehe und Japan besuche fallen mir oft die Kinder auf. Diszipliniert, reglementiert, höflich und angepasst. Nur Außenseiter werden Yakuza. All das konnte ich nur in Maßen sein. Und einen Dieb habe ich als Teenager verprügelt. Die Polizei hat sich bedankt.

Die Energie in mir wird immer stärker. Sie treibt mich stets voran. Ein kleiner Star in der Gemeinde. Hübsch, lächelnd und etwas verrückt. Jungs meide ich instinktiv. Sie sind laut, dumm und ungehobelt. Mädchen mag ich lieber. Sie riechen auch viel besser. Und das ist noch immer so.

Wenn ich heute darüber nachdenke sind das erste Hinweise gewesen. Aber welches kleine Mädchen spielt eigentlich mit Jungs? Einige mag es geben. Auch bei Lesben. Die haben nämlich durchaus Brüder, die sie lieben. Ich habe keinen. Ich habe nur … Ken!

Cousin Ken lerne ich bewusst erst ein Jahr später in Japan kennen. Er ist quasi die männliche Ausgabe von mir. Ähnlichkeiten inklusive. Meine Erinnerungen sind verschwommen, aber manche Bilder sonnenklar. Japan im Sommer 1988. Ein lachender Junge mit dem ich ein Herz und eine Seele bin.

Tante Kazumi ist anders als meine Mutter. Energischer, sehr selbstbewusst. Und doch ganz Japanerin. Aber der Onkel hört auf sie. Öffentlich würde sie ihn aber nie brüskieren.
„Dass Ken auf Jungs steht, habe ich schon lange gewusst“, hat sie mir einmal erzählt. „Für seinen Vater war es schwer zu akzeptieren. Aber wir haben ihn dann überzeugt.“ Kens Coming Out kam erst nach meinem. Er hat sich lange nicht getraut.

Die deutsche Sprache lerne ich sehr schnell. 1989 tritt Natalie in mein Leben. Wie bei Yuki und mir ist es Liebe auf den ersten Blick. Aber anders. Die beste Freundin wird immer ein Teil des Lebens sein. Und auch wenn Natalie vor einigen Jahren starb bleibt sie mein Engel. Und Yuki meine Elfe. Alles klar?

Wie hart das Leben ist, habe ich mit 7 Jahren erfahren, als mich ein dummer Jungenstreich zu Boden schickt. Der Instinkt übernimmt, die Raubkatze erwacht. Keine Tränen, aber ein hohes Knie. Die Rache ist mein, der Junge fiel. Von diesem Tag an, hat mich Mann respektiert. Und wenn nicht ließ ich ihn leiden. Aber angefangen habe ich nie. Aber wie meine Freundin Karin einst sagte: „Du bist der Grund.“ Sucht jemand Streit?

Die Wildheit in mir gibt es immer noch. Niemand sollte mein Lächeln falsch verstehen. Aber ich kann meine Energie lenken und nutzen. Zum Wohl anderer, als Regenbogenkriegerin.

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14 Kommentare zu “Das zornige Mädchen

  1. In vielem finde ich mich hier wieder.
    Mein Vater starb als ich noch klein war. Dadurch kam alles durcheinander und ich ging immer stiller durch die Zeiten.
    Ruhe fand ich immer bei meinen Großeltern.
    Dort wohnten nur Jungs. Also bin ich mit Jungs unterwegs gewesen.
    Wir haben Höhlen gebaut und jedes Kraut geraucht, wenn sie mich los werden wollten, schickten sie mich im Winter auf’s dünne Eis. Natürlich brach ich ein, war nass und musste heim.
    Wilde Zeiten…;-)

    • Ich soll in schon in Japan „wild“ gewesen sein. Vermutlich wäre ich auch dort anders gewesen. Aber in Deutschland war und ist es einfacher. Vielleicht kommt es falsch an, aber bei mir kam nichts durcheinander. Klar, der Kulturschock muss groß gewesen sein. Aber Kinder werden schnell heimisch.
      Mit Ken habe ich in den Sommern alles mögliche unternommen und tausend verrückte Dinge gemacht. Verhauen habe ich ihn auch und der Doofie hat nur gelacht 😀

  2. Ich war immer wild und lief auch schon mal gerne weg. Und ich spielte gerne und oft mit Jungs. Dann kam ich ab der 5. in eine Mädchenklasse für zwei Jahre, hatte nahezu keinen Kontakt zu Jungs und benötigte anschließend zwei, drei Jahre, um wieder normal mit ihnen umzugehen. Und im übrigen kenne ich viele Mädels (von damals, aber auch Schülerinnen), die beste Freunde haben. Ich glaube, du hast da einfach nur eine andere Wahrnehmung. 🙂

    • Laufen Menschen nicht weg, wenn sie etwas fürchten und unzufrieden sind?

      Ja, die Absichten von Jungs habe ich bestimmt falsch wahrgenommen. „Schlitzauge“ ist doch nur ein Kosewort und der Stoß in den Rücken männliche Zärtlichkeit. Wie konnte ich das nur übersehen! 🙂

      • Hm, das mit dem Kosewort … das weiß man bei den Jungs leider nie so genau. 🙂 Wir haben früher Mädchen-fangen-die-Jungs und umgekehrt gespielt. Dabei haben wir uns gestoßen und gebalzt und ich war dann teils auch die Brillenschlange. Das habe ich nie persönlich genommen. Aber wie das jeweils individuell war, das weiß nur der Junge selbst. (Und selbst das wahrscheinlich nicht mal…)

      • Wenn du hinterrücks zu Boden gestoßen wirst muss es schon eine heftige Liebe sein. Ich habs persönlich genommen. Seine gebrochene Nase auch 🙂

  3. Wut schützt einen vor Ohnmacht und hat demnach auch immer einen Grund. Der Grund geht mich natürlich überhaupt nichts an.
    Also, ich bin lesbisch und habe in der Grundschulzeit nur mit Jungen gespielt, die nicht meine Brüder waren. Und auch schon im Kindergarten hatte ich einen männlichen besten Freund. 😉
    Ich finde Menschen immer interessant, die der Norm nicht entsprechen.

    • Ich war nie wütend. Zorn ist etwas anderes. Wenn überhaupt zu umschreiben mit kalter Wut, die mich auch heute noch überkommt. Aber nie ohne Grund.

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